Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Kaiser Wilhelm II.
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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«eite* JfeOfif Empfindung haben, als könnte dieser ritterliche Kaiser nimmer -altern. - Aber der junge Kaiser ist eine' ungleich größere Nätur äls sein Großvater. Er ist bereits, während Wilhelm 1. doch vornehmlich ein Preuße gewesen, ein echter-Deutscher. Wenn zumeist die Dynastie nur locker zufammenhängt mit. dem Volkstum, so ist Wilhelm II. eine echt deutsche Individualitätwie nur die leuchtendste Gestalt eines germanischen Dichters, wie etwa ein Percy Heißsporn. — Er ist eine große Natur. Und abermals in einem- Widerspruch — zu des Kaisers Vorliebe für decorativen Prunk — ist es die Größe der Schlichtheit, Klarheit, Gesundheit- Verständigkeit. Ist doch des Kaisers Freude am. Decorativen keine eitle, träge, üppige, genusssüchtige Prunksucht, sondern ein tiefernstes und sittliches Gefühl für die streng wahrhaftig aufgefassten Symbole, als welche ja stets einen idealen Sinn haben. Dergestalt mag auch des Kaisers literarischer Geschmack,^ seine Vorliebe, für die idealistische Dichtung nicht aus einem Gefallen an den Tiraden, dem Pathetischen, Schwungvollen zu erklären sein, sondern vorzüglich aus seinem Gefallen an der idealistischen Gesinnung, und seine Abneigung gegen den Naturalismus sich nicht so sehr-ästhetisch - gegen die rohe Kunstform, als gegen den Mangelan diesem Idealismus des Herzens richten. Wenn rm idealistischer Dichter in einem Drama aus der Zeit der Sachsenkämpfe darstelltewie ein Sachse, dessen Mutter ihn dem neuen Glauben gelobt, zugrunde geht an dem Conflicte- Zwischen jenem- Gelübde und seiner inneren Neigung, und ein naturalistischer Kritiker verlangte, dass dieser feine, zarte Conflict noch genugsam motiviert werde durch die abergläubische Furcht vor den Strafen für den Bruch des Gelübdes, so mag man sich des Kaisers Abneigung gegen alle naturalistische Kunst leichtlich erklären können. Er würde auch der scheinbar idealistischen „Versunkenen- Glocke" Gerhard Hauptmanns, in welcher der Naturalismus überwunden ~ sein, soll, keinen Geschmack chgeMyrsLn können> . da . doch darin keine eigentlich idealistische Gesinnung,- wie etwa im Faustsondern eine dumpfe., unritterliche-enchalten ist- Es ist eine tiefe Wahlverwandtschaft,-- die den. idealistischen Kaiser zu dem idealistischen,Dichter- Schiller .(oder zu dessen Epigonen) hinzitzht. .Auf. beitze -trifft. mit. gleicher Schlagkraft das Mort zudass hinter ihnen im wesenlosen Scheine das Gemeine liege, das uns alle bändige. % •?' envüA-' es sich am deutlichsten, wie thöricht Nnd-'-nNverstäNdig man Wilhelm den Zweiten mit Friedrich Wilhelm IV. verglichen hat. Der Unterschied zwischen den beiden Königen ist Nicht größer-und nicht kleiner als der zwischen Schiller und den Romantikern, besonders Hölderlin. Tieck und Felix Mendelssohn lebten noch am Hofe des „Romantikers auf dem Throne"; aber Kaiser Wilhelm ist so wenig romantisch gesinnt, als es etwa Friedrich Schiller wäre. Ihn umgeben keine schwelenden Dünste romantischer Sehnsucht; zu. der phantästischen Ueppigkeit der Romantiker hat.seine Freude am Bunten, Decorativen keine Beziehungen. Bedarf es so noch einer Darlegung, weshalb die Zionisten, die auf die Verwirklichung ihrer großen, idealen «Pehnsuchtshofsnungen bauen in unserer nüchternen Zeck, .ihre.Blicke auf den deutschen Kaiser richten? Sie danken schon' jetzt in Treue dem Kaiser für die wohlwollenden Gesinnungen, die er.ihrem Bestreben dargethan, näd zuseinem Geburtstage wissen sie ihm aus tiefstem Herztzn nichts.Besseres zu wünschen, als dass ihm soviel Li«che) W8. Dänkvärkeit, ) worauf er doch soviel Anspruch ertvorbkn, stets und übewll. zutheil werden möge. Nr. 4 Der ethische Sinn der den Inden.*) Bon Guglielmo Ferrero. (Aus dem Buche „Das junge Europa".) Wer längere Zeit in Deutschland weilt, kann wahrnehmen, dass der jüdische Geist die Deutschen erfüllt, ohne sich jedoch mit dem deutschen Geiste zu einem homogenen Ganzen vereinigt zn haben. Man könnte den jüdischen Geist jenen gewaltigen Flüssen Amerikas vergleichen, die, in den Ocean sich ergießend und die ursprüngliche Richtung und Schnelligkeit beibehaltend, ihren Weg viele Meilen weit noch nehmen, ohne dass sich ihre Wässer mit denen des Meeres vermengten. Dieses Verhältnis des jüdischen Geistes zur deutschen Gesellschaft spiegelt sich wieder in der Stellung, die die großen deutschen Schriftsteller jüdischer Abstammung in ihrem Vaterlande einnehmen. Der jüdische Schriftsteller übt oft einen so großen Eindruck auf die deutsche Gesellschaft, wie ihn häufig auch der größte deutsche Schriftsteller nicht erreichen kann. Dennoch gelingt es ihm nicht, vollen und ungetheilten Beifall zu erringen. Das große Publicum bewundert ihn, fühlt aber, dass etwas in ihm steckt, das fremd und abstoßend wirkt. Heine hat einen unendlichen Einfluss aus Deutschland ausgeübt. Jedermann liest ihn und bewundert die seine und furchtbare Schärfe seines bitteren Spottes, aber beinahe jeder Deutsche fühlt es, dass in den Offenbarungen seiner Muse etwas Abstoßendes lebt. Der eine hält ihn für frivol, der andere für gallig, der dritte nennt ihn unsittlich, der . vierte findet, dass er Deutschland nicht verstanden und unwahr und grausam mit seinem Vaterlande verfahren sei. Seine Gedichte halten sie für ein süßes und schmackhaftes, aber giftiges Gewächs. Heine, hat kein Denkmal und ist officiell nicht als einer der ersten Dichter Deutschlands anerkannt. Der Deutsche bewundert ihn, aber als einen Wildfang, dem man seiner Begabung wegen manchen Streich Nachsehen müsse. Ein zweites Beispiel hierfür ist Max N o r d a u. Wenige Schriftsteller wirkten ans Deutschland in dem Maße, wie der berühmte Verfasser der „Conventionellen Lügen". Wenigen gelang es, ihre Bücher mit soviel Glück zu verkaufen. Wenige wurden soviel gelobt und getadelt. Sein durchdringender und vielseitiger Geist durchzog den germanischen Nebel als ein feuriges Meteor, ein Meteor aber, das wie angebrannter Schwefel einen erstickenden Geruch zurücklässt. In seinen Kritiken finden die Deutschen etwas Abstoßendes und betrachte!! den Verfasser als einen Eindringling, der aus einem fremden Lande stammend, durch gewisse Eigenthümlichkeiten Widerwillen einflößt. Diese Thatsache ist wohl Ursache der merkwürdigen Wanderlust der deutschen Schriftsteller jüdischer Abstammung. Sie lassen in Deutschland ihre Bücher drucken, athmen moralisch die Luft ihres Vaterlandes, wohnen jedoch in einem anderen Lande. Karl Marx geht nach London.. Heine und Nordau lassen sich in Paris nieder. Freiwillig verlassen sie das Land, in dem sie trotz des Bewundert- und Gefeiertwerdens sich doch fremd fühlen. Sie scheinen nur dann als wirkliche Söhne Deutschlands sich zu fühlen, wenn sie von ihrer Mutter, recht weit entfernt sind, weil durch die Entfernung alle Abweichungen des Charakters, die von der Mutter sie unterscheiden, ausgeglichen werden. Dasselbe könnte man von Lassalle sagen Seine Beredtsamkeit, sein Feuergeist, die Romantik seiner abenteuerlichen Lebens erwecken Sympathie, aber sein maßloses Hochmuth, seine Eitelkeit, der beißende Spott seiner Polemik erregen Widerwillen in der Seele des Deutschen. Diese unleugbaren Erscheinungen deuten darauf hin, dass zwischen dem Juden und den arischen Stämmen, unter denen er lebt, ein tiefer, psychologisch begründeter Unterschied bestehen müsse. Der nationale Grundzug des jüdischen Stammes ist der ethische Sinn, der sich in der Kritik der gesellschaftlichen *) Wir reprodueieren diese interessanten Ausführungenohne die Meinung des Autors in allen Stücken zu therlen. Die Redaktion.,