Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
None (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315801--10420-3384383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Redartion and Administration: Wien IX., Türkenstraße 9. Telephon Nr. 6805. M-U Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstratze 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuseripte nicht zurückgesendet. -U Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile IO kr. Einzelne Nummern 18 kr. -m * Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. 6 Kr., ganzjährig 6 fl.---12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland . ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Ur. 4. Wie«, 27. Jänner 1899. 3. Jahrgang. Kaiser Wilhelm II. (Zu seinem Geburtstage.) Von Max Aram. Ueber die ritterliche Gestalt des Kaisers Wilhelm II. dürfte kein spitzfindiger Analytiker schreiben, der bedachtsam und betrachtsam seine Gedanken immer wieder durchdenkt, Widersprüche der Denkresultate ausgleichen muss, indem er den einen Gedanken unterdrückt, und dergestalt van Masche zu Masche das Drathnetz knüpft, mit dem er das Wesen einer Persönlichkeit einfangen möchte, sondern den: müssten mit dem Bergstrome der Begeisterung die Worte und Bilder Hervorbrechen für die Kennzeichnung des Helden. Der deutsche Kaiser ist eine echt poetische Erscheinung, und der Dichter, der ihn etwa als Modell nähme, konnte ihn ohne Affectation mit all dem decorativen Apparat der ritterlichen Poesie umgeben. Von ihm dürfte man nicht sagen, dass er durch seine Zeit gehe, sondern er wandelt durch seine Zeit; er besteigt auch in dem nüchternen, modernen Manövergetriebe nicht ein Pferd, sondern er besteigt sein Ross. Wenn man die überraschenden Resultate einer weitsichtigen nnd doch ungemein thatkräftigen, gleichsam im» provisierenden Politik überblickt, wie etwa die Erwerbung Kiaotschaus, so möchte' man sich am liebsten dem Glauben hingeben, sie wären nicht aus überdachten Plänen hervorgegangen, sondern dem edlen Ritter zugefallen als Geschenk eines desgleichen ritterlich gesinnten Gottes. Und die großen Erfolge seiner inneren Politik sind ganz besonders verknüpft mit diesem ritterlichen Wesen. Man darf da die vielen geraden, rückhaltlosen Worte von äußerster Energie und Strenge, die auf alle Philister in deutschen Landen so aufregend gewirkt, nicht allzu hoch anschlagen; sie sind wohl mehr Aeußerungen einer kraftvollen, selbstbewussten Persönlichkeit in Bezug auf den ganzen Umkreis von Möglichkeiten, die einen Herrscher umgeben; jedoch in Wirklichkeit ist der Kaiser niemals abgewichen von seinem versöhnlichen, gerechten, vornehmen Wesen, das alle Gegensätze friedlich auszugleichen wünschte. Er zerstörte gleichsam alle Parteien und ließ die Bretter ihrer Sondergebäude gleichsam aus dem Leim fallen. Zu den Anhängern des Grasen Caprivi, welcher erklärt hatte, dass unter ihm die Politik recht langweilig werden würde, gehörten all die zerstreuten, vereinzelten, edlen, vornehmen Deutschen, die ganz unpolitisch und doch durchaus national gesinnt. die jeglicher kleinen, gehässigen Opposition abhold und selbständige Naturen waren; zumeist ritterliche, gütige Charaktere. Sie waren die echten, reinen Deutschen, während dazumal in einer wunderlichen Gruppierung die Stellung Bismarcks von Journalisten vertheidigt wurde, die auf eine ganz undeutsche und unfeine Weise gegen den Kaiser und den neuen Reichskanzler sensationsmäßig kämpften. Diese vermittelnde innere Politik des Kaisers musste alle Schärfen und Spitzen des politischen Hasses umbiegen, und so haben denn auch in der That gleichmäßig die Reichstagswahlen von 1893 und die von 1898 in einer seltsamen Stille und Gedämpftheit stattgehabt. Ja, gegenüber dieser versöhnlichen und gerechten Regierung Hätte sogar die Socialdemokratie gegenstandslos werden müssen, wenn sie nicht mit ihrer weitläufigen Organisation und ihrem Beamtenapparat bereits Selbstzweck wäre. So bleibt es auch charakteristisch, dass der lauteste und vorlauteste Sprecher der Opposition gegen Wilhelm II. Eugen Richter ist der Typus des unfruchtbaren und wegen seiner Unfruchtbarkeit bemitleidenswerten Politikers, der ohne die Spur eines positiven Ideals oder positiven Bemühens sogleich gegen jegliche Regierung die oppositionellen Standpunkte ergreift und der unglücklich wäre, sobald er einmal zur Regierung käme. Und wenn in formaler Beziehung die beinahe schroffe Bestimmtheit aller Aeußerungen Kaiser Wilhelm II. zu widersprechen scheint der leisen Art seines Großvaters, die so bezaubernd, ja rührend milde auch noch den Tadel in gütige Worte hüllte, um ja niemanden zu kränken und zu verletzen — so bleibt doch die ehrliche Gütigkeit und Liebenswürdigkeit dieselbige; und nur an den Unterschied der Lebensalter mag man denken. Als einen Vater kann seinen jungen Kaiser der Deutsche naturgemäß nicht lieben, verehren; wohl aber gleichsam als einen Bruder, auf den er stolz ist. Wie einer vielleicht den von seinen Brüdern mit der zärtlichsten und leidenschaftlichsten Liebe umfängt,der am vornehmsten nnd edelsten gesinnt ist, während die anderen Brüder ihn in plebejischem Bemühen beiweitem überflügelt haben könnten. Wilhelm II. zu verehren, müsste so das Zeichen einer vornehmen, ritterlichen Gesinnung sein, wie echte Gutmüthigkeit das Zeichen künstlerisch begabter Naturen. Ihn vermag man zu lieben, wie man einen entzückenden, schönen Jüngling liebt; und man kann die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.