Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-01-20
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 16 J*0¥far Str. 3 Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (34. Fortsetzung.) So lange Baron Jsak noch einen Funken von Hoffnung einer möglichen Wandlung gehegt, war er ein besorgter und fast zärtlicher Vater gewesen. Dann aber — sowie er einmal erkannt, welchen Possen ihm die Natur gespielt — hatte er die ganze Schale seines Zornes auf das Haupt seines unglücklichen Erben geleert. Das Kind ließ sich vor den Augen der Welt verbergen. Der herangewachsene Jüngling jedoch bildete den beständigen Stein des Anstoßes. Sein läppisches Benehmen gab den Namen Goldschild dem schadenfrohen Gespötte des Pöbels preis. Fast jeden Morgen brachte irgend ein Boulevard-Blatt die Kunde von einem neuen Streich des Baron Moritz. Die Schweiggelder, die Jsak zu zahlen sich genöthigi sah, betrugen alljährlich ein ansehnliches Vermögen. Schließlich war dem alternden, leidenschaftlichen Manne die Geduld gerissen. Ein verhältnismäßig geringer Vorfall bot den Anlass zur Katastrophe. Der zweiundzwanzigste Geburtstag des Baron Moritz fiel gerade auf einen der letzten Faschingstage. Es war daher selbstverständlich, dass das Wiegenfest doppelt festlich begangen werden musste. Nachdem man den Maskenball im Opernhause besucht, war man in das Cafe Anglais gefahren, um dort in lustiger Gesellschaft zu soupieren. Wie meistens bei dergleichen Anlässen, hatte man dem Sohne des bekannten Crösus wacker zugetrunken und ihn dann Schenkungsurkunden zugunsten der Damen seiner Gesellschaft unterschreiben lassen. Als er sich bereitwillig gezeigt, hatte ihn einer der Anwesenden ein „gutes Thier" genannt und Baron Moritz.hatte diese Bezeichnung so reizend gefunden, dass er feierlich erklärte, er sei wahrhaftig das gute Thier und bereit, den letzten Louisdor, den sein böser Vater den armen Leuten abnehme, unter seine Freunde zu vertheilen. Ein johlendes Gelächter hatte diese Tirade belohnt. Mau riss das Fenster des Speisezimmerchens auf und warf Goldstücke mit dem Rufe „Das gute Thier wirft seinen Reichthum weg" auf die Straße. Im Nu hatten sich dort Leute angesammelt. Man balgte sich auf der Erde, um ein Goldstück zu erhaschen und forderte die Zecher auf, fortzufahren. Baron Moritz war viel zu guter Dinge, um eine so schmeichelhafte Bitte abzuschlagen. Er verstreute seine ganze Barschaft unter die johlende Menge, und als das Geld zur Neige, warf er ihr seine Uhr, seine Ringe und schließlich das Silbergeräth der Tafel zn. Aber den Höhepunkt erreichte die allgemeine Freude, als die Dirnen anfierrgen, den betrunkenen Gastgeber zu entkleiden und seinen Frack und seine Weste auf die Straße zu schleudern. „Ich gebe alles weg!" lallte Moritz. „Ja — alles! Denn ich bin gut — ja, ich bin das gute Thier!" Und lachend johlte die Menge: „Hört — hört —■ das gute, dicke Thier wirft sein Geld weg! Hoch Goldschild! Hoch die Republik! Nieder mit Deutschland!" Im allgemeinen Begeisterungsrausche gewahrte niemand, wie eine vorüberrollende Equipage plötzlich anhielt, aus der die den Parisern wohlbekannte Gestalt des Baron Jsak sprang und mit großen Sätzen die steile, schmale Treppe des Restaurants hinaufeilte. Daher war die Ueberraschung vollkommen, als er plötzlich in das kleine Speisegemach eintrat und mit seinem Stocke so heftig auf den geplünderten Tisch schlug, dass der Rest der Gläser, die noch nicht den Weg durch das Fenster genommen, klirrend auf die Erde fiel. Der nun folgende Auftritt spottete jeder Beschreibung. Die Dirnen entflohen kreischend, die Kellner standen mit verlegenen Gesichtern in der Ecke und Baron Moritz stürzte, der Stütze seiner Freundinnen plötzlich beraubt, schwerfällig, wie ein gefüllter Sack, auf den Divan. Und das war gerade sein Glück. Denn dieser bewusstlosen, röchelnden Masse gegenüber war der lodernde Zorn des Baron Jsak gegenstandslos. Die Zechgenossen hatten sich seinen Vorwürfen durch die Flucht entzogen, und die Bediensteten konnte man füglich nicht für das Betragen der Gäste verantwortlich machen. So musste sich Baron Goldschild damit begnügen, die hohe Rechnung zu bezahlen und seinen hoffnungsvollen Sprössling nach Hause schaffen zu lassen. Während die Aufwärter sich um den sinnlos Berauschten bemühten, ertönten von der Straße herauf fortwährend ermunternde Zurufe an das „gute Thier", doch fortzufahren, seinen Reichthum wegzuwerfen. Man hatte da unten ja keine Ahnung von der störenden Gegenwart Jsaks. Dieser hätte am liebsten die Wassercaraffe auf die Schreier entleert; geradeso wie er es in seiner Kindheit in Chiesch über die Köpfe der erbitterten, rachedurstigen Bauern zu thun pflegte, wenn sie dem Branntweinhändler einen nächtlichen Schabernack spielten. Aber er bezwang sich und begnügte sich damit, das Fenster zu schließen. Die Beschämung, der Aerger, die Entrüstung über diesen Vorgang reiften in dem leidenschaftlichen Sohne Nathans einen drakonischen Entschluss. Er war nicht der Mann, der ungestraft über sich lachen ließ. Das Maß war nun voll. Er war es überdrüssig, sich von diesem dicken Idioten das Leben vergällen zu lassen. Moritz sollte künftighin unschädlich gemacht werden. Zn diesem Zwecke musste er in eine Irrenanstalt überführt und als unzurechnungsfähig erklärt werden. Dann würde man ihn auf einem entlegenen Schlosse unter strengster Aufsicht internieren. Aber dieser harten Maßregel erstand in der Person der Baronin Arabella eine unerwartet energische Gegnerin. Die sonst leidende Frau setzte diesmal den Anordnungen ihres Gatten einen so leidenschaftlichen Widerstand entgegen, dass die Aerzte allen Ernstes eine Katastrophe befürchteten. Der Goldschild'sche Palast war damals der Schauplatz eüus erbitterten häuslichen Krieges gewesen. Die arme, seit Jahren schlaflose Baronin kämpfte wie eine Löwin für die Freiheit ihres Kindes. Schließlich hatte man sich geeinigt, einen Mittelweg einzuschlagen. Baron Moritz sollte verheiratet werden und sich verpflichten, Paris zu verlassen. Eine passende Braut war bald in der Tochter eines Wiener Geschäftsmannes gefunden, der man die nöthige Energie zu einer derartigen Ehe zutraute. (Fortsetzung folgt). Krikstiistk« dtt Ktdaltim. B. L. 101. Leider nicht geeignet. Ezechiel. Sehr hübsch. Haben aber leider dafür keine Verwendung. Samuel Goldberg, Grybow; Zionist in Lemberg; Emil Schwarz: Besten Dank. Wir hahen Ihre beachtenswerte Anregung dem Actionseonrit6 übergeben. Benjamin S. Spira. Die Richtigstellung der von Ihnen beanständeten Protokollstelle erfolgt in nächster Nummer. Tüchtiger Uebersetzer für Russisch und Hebräisch wird für einige Stunden der Woche gesucht. Anmeldungen bei der Administration der „Welt". Herausgeber: V.Lsschsuer. Berantw. Red.: Dr.Sirsrn. Werrrrr. Buchdruckerei »Industrie" (S. Bergmann), Vlll, Schlöffelg. 11