Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Article
- Breslauer Brief
- Date
- 1899-01-20
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 jOltOWdC Nr. 3 Breslauer Brief. Von Dr. Benjuda. Seit einigen Wochen bringen jüdische Blätter der,verschiedensten Klangfarbe, sonst nur in ihrem Hasse gegen : den Zionismus harmonisch verbunden, übereinstimmend-rühmende Berichte aus dem aufstrebenden Breslauer Gemeindeleben, wo der Sinn für jüdische Interessen lebt, wo man vor kürzer Zeit allerhand „wohlthätige" und gemeinnützige Einrichtungen getroffen hat, und was der selbstgefälligen Phrasen mehr sind; die Gemeinde hat vor Monatsfrist „einem lang gefühlten Bedürfnisse" abgeholfen, indem sie eine jüdische Lesehalle begründet hat, außerdem sind zu Anfang des Winters hebräische Sprachcurse ins Leben getreten, die über 100 Teilnehmer zählen, darunter Damen und Herren aus der gewissermaßen feinsten Gesellschaft. Herr Klausner lässt sich in seiner „Allgem. israel. Wochenschrift" darüber eingehend berichten, freigebig des Lobes; denn er ahnt nicht die „gefährlichen" Hintermänner. Ein anderes Blatt unserer Widersacher zeigt sich besser unterrichtet: denn es lässt sich auf directem Wege zur Beruhigung seiner Leser ausdrücklich melden, dass -die jüngst in Breslau eingerichteten Sprachcurse, entgegen einem am Orte selbst verbreiteten Gerüchte, mit dem bösen Zionismus in keinerlei Zusammenhang ständen. Anders die „Jüdische Presse". Sie hebt der Wahrheit entsprechend die einzig und allein von zionistischer Seite ausgegangene Anregung gebärend hervor; besonders wichtig scheint allerdings dem Herausgeber' die in fettem Druck bezeichnete Thatsache zu sein, dass auch eine ehemalige württembergische Prinzessin nebst ihrer Tochter mit Eifer am Unterricht in der untersten Stufe theilnimmt. Gern bestätigen wir ferner, dass daselbst auch die Vorgeschichte der jüdischen Lesehalle in objectivster Weise dargelegt wird; diese hat in der That den Anspruch darauf, als ein Werk ber Breslauer „Akademischen Gesellschaft für jüd. Gesch. u. Lit." angesprochen zu werden, oder noch specieller gesagt, als ein Werk eines ibrer besten Mitglieder, von dem die „Jüdische Presse" ausdrücklich bemerkt, dass er „zufällig" auch Zionist ist. In diesem Punkte muss ich leider widersprechen; an Zufälligkeiten glaube ich nicht. Herr Dr. med. Carl Jeremias — um ihn handelt es sich — hat zu einer Zeit, als eine geschlossene zionistische Ortsgruppe in Breslau noch nicht bestand, in dem erwähnten Verein die Initiative gegeben und als Beauftragter des Vereines sodann in rastloser Thätigkeit die Spitzen der Gemeinde für seinen Plan zu interessiren gesucht. Was ihn trieb und spornte, war sein jüdischer Gemeinsinn, der die Ursache und zugleich eine Folgewirkung seiner zionistischen Lebensauffassung darstellt. Man ist nicht zufällig Zionist, wie etwa ein ungarischer Protestrabbiner, dem Spiele des Zufalls preisgegeben, heute als Stammesdeutscher und morgen als Stammesengländer empfindet. Zionist sein heißt: Jeder Zoll ein Jude. Die zionistische Ideen- und Gefühlswelt durchdringt und belebt unsere ganze Persönlichkeit. Das aber kann nur der voll begreifen, der die Machtentfaltung nationaler Spannkräfte am eigenen Leibe verspürt hat. Strebungen und Gefühle, die im Zionismus ihrer: Brennpunkt finden, waren die causa movens bei dem, der die hiesige jüdische Gemeinde zur Errichtung einer jüdischen Lesehalle bestimmte, wie bei demjenigen, der als Schöpfer der erwähnten Sprachcurse gelten darf. Es ist Herr Rabbiner Dr. Finkel, dem das Aufblühen der jungen Breslauer Ortsgruppe in erster Linie zu danken ist. Er hat gleichfalls nicht als kurzsichtiger Parteimann gehandelt, sondern selbstlos, ohne die ihn leitende zionistische Triebfeder in den Vordergrund zu drängen, um der guten Sache willen in allen Kreisen Theilnahme für ein „ganz unverfängliches" Unternehmen geweÄ, das seit langem von Orthodoxen wie Liberalen erstrebt wird. Die Pflege der hebräischen Sprache wird allerseits, selbst neuerdings in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", gefordert, mit Emphase von der Kanzel und der Tribüne geräuschlos wirkender Geschichtsvereine empfohlen, aber erst der Zionismus mit seiner bisher noch so winzigen Anhängerschar war bei uns imstande, den Plan in die Wirklichkeit überznführen. Energisch und hoffnungsvoll gieng er an die Erfüllung eines der Baseler Programmpunkte, während die matten und hoffnungsarmen Gegner dem kühnen Beginnen jede Hoffnung auf Erfolg absprachen; und sie hatten zu ihrem Pessimismus ein gutes Recht; denn hebräische Unterrichtscurse, zu denen im vorigen Jahre hier von autoritativer Seite Aufforderungen ergangen waren, konnten damals wegen mangelnder Betheiligung nicht ins Leben treten. Man wusste nicht, dass diesmal der frische Wagemuth und das zielsichere Wollen, getragen von einerbegeisternden Idee, für das Gelingen bürgten. Die Unterrichtscurse sind unentgeltlich; sie bezwecken das Erlernen einer lebenden Sprache; sie vertheilen sich, den Borkenntnissen der Schüler entsprechend, auf vier Stufen. Als Unterlage dient das in Warschau im Verlage von „Tuschijah" erschienene Lehrbuch pj? von I. Tawjew. Die Sprachcurse unterstehen der Leitung dreier Lehrer und eines dreigliedrigen Curatoriums; erstere sind die Herren Dr. Thieberger, Dr. Krengel und stuck. Zimels, sämmtlich Hörer des Breslauer Rabbiner-Seminars. Die Aufsichtsbehörde setzt sich zusammen aus den Herren: Fabriksbesitzer Julius Sachs, Redacteur S. Gottschalk und Kaufmann Elsholz. Alle sind Mitglieder der Breslauer zionistischen Vereinigung. Die Schülerzahl beträgt 120; wir haben die Freude, darunter eine Anzahl nnserer „gefährlichsten^ Gegner zu sehen. Endlich sei noch erwähnt, dass der Vorstand der jüdischen Gemeinde die Räumlichkeiten ihrer Religionsschule in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat. Nicht allein, um ein zionistisches Prioritätsrecht geltend zu machen, habe ich Vorstehendes berichtet, sondern vor allem, um den Freunden unserer Bewegung zu zeigen, wie mit gutem Willen, ohne viel Mühe und ohne viel Geldkosten, durch praktische Thätigkeit handgreifliche Erfolge nach innen und nach außen hin zu erzielen sind. Die hebräischen Sprachcurse in Breslau haben dem Zionismus Anerkennung und Freundschaft weiterer Kreise erworben. Wir stellen mit Freuden fest, dass in der letzten zionistischen Volksversammlung in Berlin ein gegnerischer Rechtsanwalt die Errichtung der Breslauer hebräischen Sprachcurse als einen beachtenswerten Erfolg des Zionismus in Deutschland bezeichnete. P NtttMWchnlhtkil. Berlin, 4. Jänner 1899. Vor ungefähr 14 ^agen fand in Leipzig, der Hochburg der Assimilation, die erste zionistische Volksversammlung statt, deren schöner Erfolg nicht zum Geringsten den verdienstvollen Vorarbeiten der Herren Bub er, Eliasberg, Taebrich und Asarch anzurechnen ist. Die Versammlung leitete in bekannt unparteiischer Weise Herr Dr. Heinrich Loewe, der mit zwei anderen Herren aus Berlin, Herrn Dr. Klee und Herrn G o etz, zu dem Vortrage geladen war. Den Vortrag „Ueber die politische, sociale und ökonomische Lage der Juden" hielt Herr Martin Bub er. In der Discussion, die sich an den Vortrag anschloss, war besonders die Rede des Herrn Dr Klee bemerkenswert, der in wahrhaft glänzender Weise die Aussetzungen der Gegner zuräckwies. Das Resultat der Versammlung war die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe, der 45 Anwesende als Mitglieder beitraten. Auch Herr Professor Jadassohn, Dr. honoris causa der Leipziger Universität, wohnte der Versammlung bei, gab seiner Bewunderung für die zionistischen Ideen unverhohlen Ausdruck und nahm in liebenswürdiger Weise das Amt des Vertrauensmannes der neugegründeten Ortsgruppe an. Wien. Samstag, den 14. d., wurde der bekannte Eyclus in der jüdisch-akademischen Lesehalle mit einem Vortrage Prof. Benedikts über „Anderswertige und minderwertige Menschen" eröffnet. Der Vortragende erörterte den Begriff der Anderswertigkeit, unter den besonders das Weib gegenüber dem Manne und den verschiedenen Völkerschaften und Raffen fallen. Zu den Minder wertigen zählen die Alkoholiker, die Epileptiker und die geborenen. Verbrecher. —. Der Vortrag war mit vielen witzigen Bemerkungen aus geschmückt und fand den lebhaften Bei-