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Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Mr. A. J. Wilson
Date
1899-01-20
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 außerordentlichen Reichthum erlangt haben, so ist dadurch weder ihre Macht vergrößert, noch ihre sociale Stellung verbessert worden. Jedenfalls haben sie keinen Einfluss auf die Staatsgeschäfte. Was aber die Haltung der Gesellschaft Jesu in der ^Affaire" betrifft, so ist das Motiv zweifellos Rachsucht. Vor etwa 15 Jahren tauchte ein großer Plan auf: mit Hilfe' der Jesuiten und ähnlicher römisch-katholischen Gesellschaften die Welt dadurch zu erobern, dass man ihr Gläubiger ward. Man wollte die Juden auf ihrem eigenen Gebiete niederringen und zunächst die Industrie Frankreichs von confessionellen Geldcassen abhängig machen. Jeder wird sich der „Union Generale“ erinnern, die so kurze Zeit blühte und aus den Fonds der religiösen Gesellschaften, ja sogar des Papstes selber, > ungeheure Summen in sich einbezog. Es folgte eine Zeit der wildesten Speculation und dann der unvermeidliche Zusamürenbruch, den Zola in seinem Roman „L’Argent“ modifieiert dargestellt hat. Seit dieser Zeit gieng der Hass der clericalen -und der militärischen Machthaber gemeinsam gegen den Romancier vor. Die Juden aber wurden von den Römlingen für die Bankblamage und alle in deren Folge erschienenen financiellen Wirren verantwortlich gemacht. Sehr mit Unrecht, denn die Juden waren ganz unschuldig. Jeder Börsenspeculant — und nicht die Juden allein — musste gegen das ungesunde Spiel auftröten, der gesunde Menschenverstand sagte das unvermeidliche Ende voraus. Wenn jetzt gegen die Juden gehetzt wird, so ist das ein deutliches Vorzeichen der Revolution. So wurde vor 1789 g?gen die Steuereintreiber geschürt. Angesichts dieser Sachlage muss unsere Sympathie, unbeirrt durch Rassen- und confefsionelles Vorurtheil, auf der Seite der Juden stehen. Eine Erklärung Schwarzkoppens. Der Berliner Eorrespondent des „N. W. Journal" hat in Berlin den Oberst Schwarzkoppen gesprochen und von ihm in Bezug auf die Dreyfus Auskunft erhalten: „Wir haben officiell die Erklärung abgegeben, dass wir mit Dreyfns absolut niemals etwas zu thun hatten, habe in der ganzen Angelegenheit weiter nichts zu sagen. ^Sie erweisen sowohl mir, als Ihren Eollegen von der Presse einen großen Dienst, wenn Sie dies ausdrücklich feststellen." Die Gründung eines Heims für jüdische junge Mäuner ist in Berlin in Aussicht genommen. Die erforderlichen Geldmittel hofft man durch freiwillige Beiträge aufbringen zu können. Noch ein Verhör. Der Cassationshof hat, wie „Daily Telegraph" aus Cayenne meldet, dorthin auf telegraphischem Wege die Weisung ergehen lassen, Dreyfus noch einmal bezüglich sesnes Geständnisses gegenüber Hauptmann Lebrun-Renault ’ zu verhören. 1 Die Rückkehr Esterhazys. Esterhazy, der sich am 15. Jänner in 'Amsterdam aufhielt, theilr einem Redacteur des „Handelsbläd" mit, dass er sich, wenn ihm sicheres Geleite für seinen Aufenthalt in Paris gewährt werden sollte, nach Paris begeben werde, um vor dem Cassationshofe auszusagen. r Eiserne Hochzeit. Aus Berlin wird unter dem 9. d. ^geschrieben: Das hochbetagte Fließ'sche Ehepaar aus der Ackerstraße feierte gestern in der festlich geschmückten Synagoge „Ahawas Sc-holaum“ die Erneuerung seines vor fünfundsechzig Jahren geschlossenen Ehebundes. Der Andrang zu der Feier war so stark, dass Schutzleute Eingreifen mussten. Um 10 Uhr wurde das Jubelpaar, der 88jährige Ehemann A. Fließ und seine 86 Jahre alte Gattin, geborene Marcuse, von zwei Comitemitgliedern. in einer Equipage abgeholt und unter den vor dem Allerheiligsten von vier Gemeindemitgliedern gehaltenen purpurnen Brauthimmel geleitet. Der Mann musste von zwei Begleitern gestützt werden, die Frau schritt rüstig allein dem Ehrenplätze zu. Rach Beendigung der religiösen Feierlichkeiten verlas Rabbiner Dr. Stein folgendes Schreiben, aus dem Civilcabinet des Kaisers; „Se. Majestät der .Kaiser und König nehmen regen Anthsil an der seltenen Feier und wünschen dem greisen Jubelpaare Gottes Segen. Im allerhöchsten Aufträge B. Lucanu's". Ein anonymer Spender. Die bekannte Pariser antisemitische Romanschriftstellerin, „Gräfin" Martel-Gyp wurde jüngst in einem Processe, den der revisionsfreundliche Senator Trarieux gegen sie anstrengte, zu 5000 Francs Geldbuße verurtheilt. Daraufhin fand sich ein anonymer Spender, der die ^unune für die Verurtheilte erlegte. Neues jüdisches Asyl. Die Ofener israelitische Cultusgemeinde hat die Absicht, für die in Ofen sesshaften jüdischen Armen ein Asyl zu errichten. Für diesen Zweck sind bereits 13.000 st. eingeflossen. Dieser Tage hat der hauptstädtische Magistrat die Cultnsgemeinde verständigt, dass der für das Asyl nothwendige Grund un entgeltlich überlassen wird. Aufhebung des Ausnahmszustandes für Galizisn. Die „Wiener Zeitung" veröffentlicht eine Verordnung des Gesanuntministeriums vom 14. Jänner 1899, mit welcher die mit Verordnung vom 28. Juni 1898, R.-G.-Bl. Nr. 106, für \SS politische Bezirke Galiziens getroffenen Ausnahmsverfügungen hinsichtlich der noch in Betracht kommenden acht Bezirke auf¬ 3 gehoben werden. — Eine gleiche Verordnung betrifft die Aufhebung der Einstellung der Wirksamkeit der Geschworenengerichte in dem Kreisgerrchtssprengel Neu-Sandec. Clericale Studenten. In Lille fanden beim Empfange Deprats^ eines Genossen Marchands, antisemitische Ausschreitungen und Plünderungen jüdischer Geschäfte durch elericale Studenten statt. Personalnachricht.Der a.tz. der „United“, Dr.Jacques Meisels, hat sich mit Fräulein Johanna T i n t n e r, der Tochter eines Förderers der ,Un1ta8", des Directors des „Gresham", Herrn Tintner, verlobt. P C»nch««dtaM Oesterreich-Ungar». Wie». Die der Wiener Cultnsgemeinde nahestehenden Organe beklagen in ergreifenden Worten die Thatsache, dass von den in Wien lebenden 130.000 jüdischen Seelen im vorigen Jahre rund 4000 ihren Glauben abgelegt haben. Und wirklich ist das Factum traurig genug, um von jedem ehrlichen Juden ehrlich beklagt zu werden, es kommt einer allmählichen Abbröckelung des Heiligthums gleich, die die Einrichtung eines in Raten abzutrauernden „Neunten Ab" rechtfertigen würde. Ehedem, wenn es den Juden in einem Lande anfieng, über ein gewisses Maß hinaus schlecht zu gehen, griffen sie zum Wanderstabe, historische Revenants, deren Ahnherr der ruhelose ewige Jude. In der Wiener Gemeinde wird eine andere Art Flucht beliebt: die in den fremden Glauben, bei der man sich nicht vom Fleck zu rühren braucht. Das kennzeichnende Merkmal dieser Art Flucht besteht eben darin, dass, während man über eine jahrtausend lange Geschichtsstrecke hinwegsetzt, man doch keinen Friß vor den anderen zu setzen genöthigt ist. Der Wiener Jude schafft eine ganz neue Anschauung vom ewigen Juden. Da ist Ahasver eine fest im Boden, von dem er sich uni keinen Preis trennen möchte, wurzelnde Gestalt, die, von glühendem Hasse rings umloht, von Zeit zu Zeit, wenn die Feuerbrände naherücken, sich mit Wasser begießen lässt. Und die Motive für die unhistorische Umgestaltung der alten Sage? O, die sind für den einsichtigen Beobachter ganz klar. Das sind die logischen Consequenzen aus der unlogischen Lehre, die im Aufträge einer löblichen Cultusgemeinde von den Wiener Tempelkanzeln herab verkündet wird. Wenn das Judenthnm lediglich Religion ist, dann genügen die wenigen Schritte, die in eine Sacristei hineinführen, um tausende von Meilen zwischen sich und das Judenthum zu legen. Die gescheiten Juden, die zugleich aufrichtig sind (eine Menschensorte, die in der Wiener Cnltusgemeinde allerdings nicht beliebt ist), hat auch schon längst die Unwahrheit jener Lehre eingesehen. Die wissen, dass die wirkliche Jndennoth ebensowenig mit dem religiösen Selbstmord abgethan wird, als nach den Lehren des echten Pessimismus die Lebensnoth mit dem leiblichen. 4000 Abtrünnige, freilich abtrünnig nur jenem Judenthum, das in den Wiener Tempeln gepredigt wird. Aber doch 4000 Judenseelen: die durch nichts zu sühnende Unterlassungsschnld der Wiener Kanzel! F—s. Prag. Wir böhmischen Juden leben jetzt in ziemlich ruhigen Zeiten: Wenn zwei streiten, so hat der dritte Muße, darüber nachzudenken, warum die zwei, sobald sie ihre Kräfte nicht gegeneinander brauchen, in rührender Uebereinstimmung gegen ihn wenden. Da fiel mir nun unlängst die Entscheidung einer hohen Wiener Gerichtsstelle in die Augen, die sich auf ein Cabinetsschreiben vom 8. April 1848 bezog. In diesem findet sich ein Satz, der uns böhmische Juden angeht, von deren Rechten darin gesagt wird, dass sie durch einen einzuberufenden Landtag zu regeln wären. Dieses Cabinetsschreiben nun wird von den Czechen anerkannt, von den Deutschen aber nicht — von beiden Parteien aus Gründen, die uns nicht weiter zu kümmern brauchen. Für uns bleiben

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