Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Der Fehler im Urtheil
Date
1899-01-20
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315800-3384030--10268-3384173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 Rr. 3 Ziegler sagt, die „Angleichung", nicht wirksamer ad absurdum führen. Sie war einfach das Trittbrett, um sich zum Christenthume hinüberzuschwingen; sie wurde als solches nicht bloß von den Nichtjuden, sondern von sehr vielen Juden betrachtet. Und der Uebertritt, der heute eine „verächtliche" Sache ist, war vorher eine „indifferente" Sache? Seltsam, dass etwas vor vierzig Jahren indifferent gewesen sein soll, was heute verächtlich ist! Ach nein, der Uebertritt war immer, was er heute ist; nur die Empfindung dafür war durch die Assimilation abgestumpft nnd ist allerdings durch den Antisemitismus erst wieder geschärft worden. Auf die Rahel, auf Henriette Herz, Dorothea Veit zu exemplificieren ist doch wohl sehr viel anachronistischer, als sie in allen Judenthumsfragen aus dem Spiele zu lassen. Heute handelt es sich nicht mehr um ästhetische und romantische Schwärmereien, es ist eine verzweifelt ernste Frage geworden, ob das Judenthum sich selbst, seine Geschichte und seine Erinnerungen aufgeben oder, in sich gefestigt durch sociales und nationales Beharren, unter glücklicheren Bedingungen fortbestehen will. Diese Frage hat der Zionismus gestellt und ihn als eine Utopie, als einen Anachronismus zu beurtheilen, weil er den Assimilationsprocess gestört hat, vermag man nur, wenn man das Existenzverlangen des Judenthums als utopistisch und anachronistich ansieht. Kann, darf dies ein Jude, der sich als solcher nicht selbst verachtet? Wenn einmal von einem, sonst so unbefangenen und einsichtigen Manne, wie Theobald Ziegler, die Sache so formuliert wird, dass die Assimilation die Schwelle zum Uebertritte war und dass der Zionismus diese Schwelle fortzuräumen begonnen hat, so brauchen wir wirklich nichts, weiter hinzuzufügen, um assimilierten und nichtassimilierten Juden die Erkenntnis beizubringen, welches das Schicksal des Judenthums gewesen wäre, wenn die zionistische Idee noch ferner unter dem Flugsande der Assimilation fortgeschlummert hätte. Eine Utopie aber oder ein Anachronismus soll es sein, ein Volk, das trotz allem nicht bloß seine Existenz, sondern seinen Willen zum Dasein durch zwei Jahrtausende der leidensschwersten Zerstreuung behauptet hat, aus trostlosem socialen, wirtschaftlichen und moralischen Siechthum heraufzuheben und zu selbständigem Leben zu erneuern? Das kann ein Historiker nur behaupten, in-, dem er das ewige Gesetz der geschichtlichen Continuität verleugnet und sich von der Illusion einer „Angleichung" gefangen nehmen lässt, zu der alle äußeren und inneren Bedingungen fehlen. Zu dieser Illusion aber gelangt man, wenn man den Zionismus als etwas Neues, Ephemeres, als eine durch den Antisemitismus bedingte Gegenströmung auffasst. Dies ist er in Wahrheit so wenig, dass man ihn vielmehr das durch den Antisemitismus geschärfte Gewissen des Judcnthums nennen könnte. Der Zionist saß zu Füßen der Gaonim. und Amoraim, er hielt dem Jehuda Halevi das Saitenspiel und dictierte dem Maimonides den „Führer der Verirrten", er wurde aus Spanien vertrieben und philosophierte mit Baruch Spinoza — der Zionismus ist das Judenthum, das nicht siechen und sterben, sondern sich erneuern, blühen und leben will. Die ihn für etwas anderes halten, missverstehen ihn, und ihr schiefes Urtheil kann durch ihre sonstige Unbefangenheit nicht korrigiert werden. Die Assimilation war das Idol der ungeduldigen Juden, die vermeinten, es sei genug, sich zu verleugnen, um in einen anderen verwandelt zu sein. Aber Ungeduld bringt Täuschung und Demüthigung. Dem Juden war die Geschichte eine harte Zuchtmeisterin der Geduld, die endlich immer zum Ziele führt, und Goethes Wort passt auf ihn: Fürwahr, Du Haft genüg gethan, Hast Du Geduld gewöhnt Dir an. Ein Krief Uardnu s. Dr. Max N v r d a u hat an den Herausgeber des „Haschiloaeh“, HerrnU. Grnzberg, folgenden Brief gerichtet: Sehr verehrter Herr College! Ich danke Ihnen, dass Sie mir den „offenen Brief" eines Herrn Lubitzki an mich, zugänglich gemacht haben. Nachdem ich ihn gelesen habe, verhehle ich Ihnen meine Verwunderung nicht, dass Sie einen derartigen Aufsatz des Abdruckes im „ Haschiloach “ für würdig gehalten, nnd dass Sie geglaubt haben, meine Aufmerksamkeit auf ihn lenken zu sollen. Wenn ich ihn kurz beantworte, so geschieht es, seien Sie dessen überzeugt, ausschließlich aus Achtung für Sie und für die Leser der Zeitschrift, in der er hat erscheinen können. Ich habe mich redlich bemüht, dem verworrenen Gerede etwas wie einen Sinn abzugewinnen. Dieser Sinn, soweit das Zeug einen solchen überhaupt etwa hat, wäre anscheinend dieser: Es gibt Juden, denen das Leben Selbstzweck ist, die nur leben wollen, ohne sich um ein Lebensziel, um eine Lebensaufgabe, ein Lebensideal zu kümmern, die sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was der folgende Tag bringen mag, sondern an jedem Tage nur für diesen Tag selbst sorgen; die als Sclaven, als Hunde leben wollen, wenn sie nur leben. Dann gibt es Juden, die eine Hoffnung und ein Ideal haben und die Leiden der Gegenwart nur ertragen, weil sie bestimmt darauf rechnen, dass sie sich durch ihre Ausdauer im Dulden und durch ihre activen Anstrengungen eine hellere Zukunft bereiten. Ich nehme mit der größten Zuversicht an, dass dieser Herr Lnbitzki nur für sich allein spricht und nicht im Namen eines auch nur irgendwie nennenswerten Bruchtheils des jüdischen Volkes. Denn ich achte meinen Stamm und möchte fortfahren, ihn achten zu dürfen. Es ist ganz klar, dass ich, der ich ein Jude der Hoffnung und des Ideals bin, nicht das Geringste mit einem Juden gemein habe, der nur leben will, als ein Sclave, als ein Hund, aber nur leben. Für diesen Sclaven- und Hunde-Juden ist thatsächlich kein Platz im Zionismus. Denn der Zionismus ist eine Bewegung jener Juden, die nicht als Sclaven, sondern als Freie, nicht als Hunde, sondern als Menschen leben wollen. Wir verzichten darauf, solche Gegner zu bekehren, die cynisch (ohne Wortspiel!) erklären, dass sie Sclaven und Hunde bleiben wollen. Es ist uns eine Beruhigung, dass sie unsere Gegner sind. Es würde uns ängstlich machen, wenn sie aufhören würden, unsere Gegner zu sein. Den Sclaven- und Hunde-Juden haben wir nichts zu sagen. Hätten wir ihnen noch etwas zu sagen, so wäre es höchstens dieses: „Ihr seid nicht nnr, wie Ihr Euch rühmt, Sclaven und Hunde, Ihr seid auch vor allen Dingen Esel, die größten Esel der Welt. Ihr wollt nur leben, nichts als leben, ohne Hoffnung, ohne Ideal, ohne Zukunft, ohne Zweck? Nun, dann könnt Ihr es nicht thörichter anfangen, als Ihr es thut. Mit Eurer Sclaven- und Hnnde-Theorie werdet Ihr nicht leben, sondern sterben. Jeder höher gesinnte Jude, den der erste Strahl der Aufklärung erreicht, wird sich beeilen, dem zukunft-, zweck- und hoffnungslosen Sclavennnd Hunde-Judenthum den Rücken zu wenden. Kann er lateinisch, wird er schamroth werden, wenn er Juvenals Vers liest: Et propter vitam vivendi perdere causas. *) Versteht er deutsch, wird ihm Schillers Vers: Das Leben ist der Güter höchstes nicht — das Blut tit die Wangen treiben. Und er wird einen Ekel bekommen vor Euch Feiglingen, die Ihr Euch an ein Leben ohne Ehre und Ideal klammert, wenn er Euch mit den Völkern vergleicht, denen das Leben nur um seines geistigsittlichen Inhalts willen Wert hat." Der zweite halbwegs fassbare Gedanke, den der Wortschwall des Aufsatzes mühselig ruszudrücken sucht, scheint dieser zu sein: Die Zionisten, „versprechen" dem jüdischen #) Um des Lebens willen den Zweck des Lebens aufgeben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.