Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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MtiiiAnaa m- Nedactwn 3 Erscherat jeden Freitag. l Z-m Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die Viermal gespaltene Petit¬ Wie« die Redaetion oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. — Telephon Nr. 890». Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. m-i z Manuskripte nicht zurückgesendet. \ -W KkMMsc: Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. 6 Kr., ganzjährig 6 fl.-^ 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland . ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Fres., halbjährig 8 Frcs. 50 Ets., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 3. Wen> 20. Jänner 1899. 3. Jahrgang. Der Fehler im Urtheil. Bon D. Erter. Wir wollen heute von einem bedeutenden Buche sprechen. Oder vielmehr nicht von diesem Buche überhaupt, sondern bloß von einigen Zeilen in demselben, die uns näher angehen. Das Buch Hecht: „Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts" und sein Verfasser ist der Straßburger Professor Theobald Ziegler, der gerechtermaßen den Ruf eines geistreichen, besonnenen und unbefangenen Historikers besitzt. In dem sehr umfangreichen Buche ist ein rascher Seitenblick auch dem Zionismus gewidmet, und diese Thatsache bescheinigen wir zunächst mit gebürendem Danke, denn sie beweist, wie sehr noch vor kurzer Zeit diejenigen im Jrrthume waren, welche den Zionismus von oben herunter als „kleine Sache" ansehen zu dürfen meinten. Auch die Gegner des Zionismus müssen sich dazu bequemen, ihm in der geistigen und socialen Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts eine Stelle einzuräumen. Sie thun es ungern und die Art, wie sie es thun, zeigt, dass sie den Zionismus noch immer missverstehen. Aber uns genügt es vorläufig, dass der Zionismus nicht mehr verschwiegen werden kann, weder von seinen jüdischen noch von seinen nichtjüdischen Gegnern, und wir beeilen uns hinzuzufügen, dass Professor Theobald Ziegler ein nichtjüdischer Gegner ist, bei dem eine falsche Beurtheilung des Zionismus immerhin begreiflicher ist, als beispielsweise bei einem diplomierten Rabbiner, der von rechts- und gotteswegen eben deshalb, weil er Rabbiner ist, Zionist sein müsste, auch wenn es außer den Rabbinern sonst überhaupt keinen Zionisten auf der Welt gäbe. Beschäfttgen wir uns also mit der Stelle, welche Prof. Theobald Ziegler in dem Capitel seines Buches über den Antisemitismus an die zionistische Bewegung wendet. Dieselbe lautet: „Der Gedanke, die Juden selbst durch schlechte Behandlung zum Verlassen Deutschlands zu bewegen, und die daran sich anschließende Bewegung der Zionisten, die auf Gründung eines national-jüdischen Staates in Palästina ausgeht, ist völlig utopistisch und anachronistisch und stört nur den längst schon mit Erfolg eingeleiteten Assimilationsprocess." Die Kargheit dieses Urtheils wird in der Thal nur durch seine Irrigkeit übertroffen, denn es kann nichts so grundfalsch sein, wie die Construction eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen dem Antisemitismus und der zionistischen Bewegung. Nicht darum, weil der Antisemitismus aufkam, ift’ die zionistische Bewegung entstanden; sie ist so alt wie die jüdische Diaspora. Wahr ist nur, dass sie, zeitweilig latent in dem zur Stummheit gezwungenen Judenthum schlummernd, zeitweilig auch in Formen hervorbrechend, die sich von denen des heutigen Zionismus äußerlich unterschieden, erst durch die antisemitische Drangsal dahingebracht wurde, sich ihrer bestimmten Ziele bewusst zu werden und fid> zu organisieren. Das aber war kein causaler, sondern ausschließlich ein mechanischer Vorgang, und es ist umsonst, hier ein propter hoc ausfindig machen zu wollen, einfach deshalb, weil der Zionismus seinem Wesen nach nichts anderes ist als der geschichtliche Ausdruck des dem Judenthum seit seiner Zerstreuung immanenten Existenz-und Wiederauferstehungs- Verlangens. Es wird also dem Antisemitismus auch von einem so decidierten Gegner desselben, wie es Professor Theobald Ziegler ist, zuviel Ehre angelhan, wenn man ihm die Wirkung zuschreibt, den Zionismus überhaupt erst als Gegensatz hervorgerufen zu haben. Und wenn — mit Recht oder Unrecht — von humanistischen Liberalen geglaubt wird, der Antisemitismus werde ablaufen, wie alle vorübergehenden Bewegungen, die ihre Zeit haben, so ist das Gleiche jedenfalls von dem Zionismus nicht zu gewärtigen, weil er der Niederschlag von Gedanken, Hoffnungen und Bestrebungen ist, die sich in einer Leidensgeschichte von bald zweitausend Jahren zu dem Gebilde von heute verdichtet haben. Ein solches Gebilde wird damit nicht abgethan, dass man es als temporären Rückfall im „Assimilationsprocesse" kennzeichnet und die Augen dagegen verschließt, dass vielmehr dieser Assimilationsprocess selbst nur eine resultatlose, weil gänzlich unhistorische Episode sein konnte. Heute ist darüber das Urtheil wohl abgeschlossen. Auch Professor Ziegler kann sich der Einsicht nicht erwehren, dass die „Assimilation" bankerott geworden ist. Er klagt, dass die Juden nicht mehr, wie sie es vor dem Antisemitismus vielfach gethau, im Uebertritt zum Christenlhum die äußere Besiegelung der Assimilation sehen, und dass heute der Uebertritt eines Juden zum Christenthum „keine indifferente, sondern eine recht verächtliche Sache" sei. Wahrhaftig, man kann die Assimilation, oder, wie