Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-01-13
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315799-3383878--10247-3383968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16 jtoowat: Nr. 2 hat?" widersprach er dem ungebetenen Anwalt. „Ich wette, er hat es gethan, so blöde ist er!" Und nun ließ er nicht ab, auf den unglücklichen, unfähigen Menschen einzureden, bis dieser alle die begangenen Schandthaten reuig eingestand. Zum Ueberslusse fieng Jonathan zu hüsteln an. Der Großvater schrieb dies dem Rauche der Cigarre' zu und riss den Glimmstengel ohne viel Federlesens dem Dicken aus der Hand. „Dann setzt er sich noch her und qualmt einem die Zimmer voll!" schrie er auf, sich mit den langen Fingern in heller Verzweiflung durch das bürstenförmige, reiche Haar fahrend. „So einen Sohn muss ich haben! .0, es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt!" Wer weiß, wie weit dieser häusliche Austritt bei Jsaks leidenschaftlicher Maßlosigkeit ausgeartet wäre, wenn nicht zum Glücke der Kammerdiener Karl den Besuch eines einflussreichen Börsenrathes angemeldet hätte. Der Baron ward sofort wieder der ruhige, kalte Geschäftsmann. Er zupfte sich die Pulswärmer zurecht und drehte den Schnurrbart in die Höhe. Nachdem er seinen Enkel noch flüchtig auf die Stirne, geküsst, verließ er das Zimmer. \ Moritz machte Anstalten, ihn zu begleiten. Aber der! Vater schlug ihm höchst ungnädig die Thüre vor der Nase zu, \ worauf der Sohn gehorsam zu seinem Stuhle zurückkebrte.? Kaum war jedoch der rasche, nervöse Schritt des Baron j Jsak Goldschild auf dem Corridor verhallt, so gieng an seinem \ hoffnungsvollen Erben eine merkwürdige Veränderung vor sich. 1 Das feiste Gesicht des Dicken nahm wieder den früheren, l unternehmenden Ausdruck an. Er schlug ein Bein über das \ andere und holte aus der Tasche seines Rockes eine neue, noch; größere Cigarre hervor. Höchst umständlich setzte er diese in Brand. Dann Hub er mit seiner fetten, keuchenden Stimme zu plaudern an. Unx gereimtes, kindisches Zeug, sichtlich einstudiert, um seinen Zuhörern zu imponieren.; Er erzählte von seinen Stallungen und seinem Viererznge. Wie er im Prater die schwersten Wendungen gefahren, wie . die Leute die Mäuler aufgerissen und sich zugerufen * hätten: „Seht — dort kommt der Baron Moritz Goldschild\\ Wie er so mit übereinandergeschlagenen Beinen, die Rose';, im Knopfloch, die Cigarre im Munde, dasaß und in gutmüthiger,^ selbstgefälliger Weise seinem siechen Kinde blöde Dinge erzähltes da war er ganz er selbst — der dicke Baron Moritz — beit* jeder Reitknecht tu der Residenz kannte, beneidete und —| verlachte. I Weder Jonathan noch der alte David versuchten ihn zch unterbrechen. Sie schienen die Ergüsse seiner Rhetorik zurl Genüge zu kennen und das Ende ergeben abznwarten. < In der That wurde Baron Moritz nach und nachk weniger selbstbewusst. Ein kurzes Anstoßen unterbrach seiuenf Redefluss, die keuchende Stimme gieng allmählich in ein mi--? verständliches Lallen über, die Hand ließ die dicke Cigarrch achtlos auf den Teppich fallen. I Noch einige Minuten — und er war fest eingeschlasem II. i Als Baron Jsak beim Anblick seines missrathenen Sohnes verzweifelt ausgerufen: „Es gibt keine Gerechtigkeit auf derl Welt!" bestätigte er gerade ihr ausgleichendes, versöhneudes Walten! Denn wahrhaftig! Selten wurde ein Mensch von dem launischen Gotte des Erfolges dermaßen verwöhnt, wie der Sohn des Branntweinverkänfers Nathan Goldschild. Wir haben gesehen, wie er es unternommen hatte, mit einigen tausend Francs in der Tasche Paris zu erobern, wie er von der Ausbeutung der Armut zu der des Reichthums übergegangen und wie es ihm schließlich gelungen war, durch tollkühnen Wagemuth und rücksichtslose Benützung des Augenblickes die beiden Bankhäuser Osterheim und Kohn in seiner Person zu vereinen. Aber all dies war nur der Anfang seiner Laufbahn gewesen. Bald dünkten ihm die Grenzpfähle Frankreichs für seinen Unternehmungsgeist zu eng gesteckt. Von seinem Pulte in der rue St. Honore aus spähte er klug und scharf nach Gewinn und Verblendung. Die Finanzcalamitäten der österreichischen Heimat erregten zuerst seine Aufmerksamkeit, und die Frucht dieser Erkenntnis war eben jener unglückselige Verkauf der illyrischen Bahn. Diesem Geschäfte waren in rascher Reihenfolge andere gefolgt. Weder der türkische Halbmond, noch das Sternenbanner Amerikas vermochten Jsak Goldschild abzuschrecken. Einen Südstaat des neuen Erdtheiles vollends beglückte der unternehmende kleine Jude mit einem Eisenbahnnetze, das, einem Spinnengewebe gleich, alles Lebensfähige im betreffenden Gebiete erbarmungslos dem Banquier in der rue St. Honore anslieferte. Bald floss das Gold in breiten, geregelten Strömen in seine Cassen und von dort ruhelos wieder neuen Unternehmen zu. Bereits gegen Ende der Siebziger-Jahre war kaum eine Industrie, keine öffentliche Anleihe, ja kein politisches Ereignis, das sich d.em Goldschild'schen Einflüsse zu entziehen vermochte. Ueberall hatte der fürchterliche kleine Jude seine langfingerige Hand im Spiele. Die Höhe seines Vermögens entzog sich jeder Berechnung. War es daher zu wundern, wenn die stille Göttin des Glückes ihre Perlen nicht an den Günstling ihres reichen Bruders Erfolg verschwenden mochte? Anfangs hatte auch sie Jsak gelächelt und seine Ehe mit Arabella Kohn gesegnet. Als aber der "Stern Goldschilds immer und immer höher stieg, wandte sie ihm den Rücken. Einige Jahre nach der Geburt des Sohnes erfasste die Mutter ein schweres Nervenleiden. Tag und Nacht irrte die schöne Baronin Goldschild ruhelos in ihrem prächtigen Palaste in Paris umher, und trotz seiner ungezählten Millionen vermochte Jsak seinem Weibe nicht eine Stunde gesunden Schlafes zu erkaufen. Unter solchen Umständen war Baron Moritz herangewachsen. Die Aerzte, Kinderfrauen und Schmeichler wurden Lügen gestraft. Ihre Behauptung, dass die abnormalsten Kinder zu ganz tüchtigen Männern heranwüchsen, erwies sich in diesem Falle als irrig. Baron Moritz blieb sein Leben lang das, was er von allem Anfänge an war — ein hässlicher und dummer Junge. Er hatte von der Mutter weder die Schönheit, noch vom Var erden Geist ererbt. (Fortsetzung folgt.) Krikstxste« dir Redaktion. Wir ersuchen die Einsender von Vereinsberichten, das Papier nur auf einer Seite zu beschreiben und den Bericht stets mit der Vereinsstampiglie zu versehen. M. H—ftj, Libau Besten Dank. Die Nachricht klingt nicht wahrscheinlich. I. Dr., Ezenstochau. Wurde an Dr. I. Bernstein-Cohan gesendet. Zionisten, Philippope!. Besten Dank. M. Weiöhoff, Petrikau. Wird demnächst im Verlage ..Aehiasaf* erscheinen und von dort zu beziehen sein. Abraham Zeiner. Wir bitten um genaue Angabe der Adresse. Besten Gruß. Dr. Rothstein, Alexandrien. In der Annahme, dass die uns über Sie zugegangenen Informationen auf einem Missverständnisse beruhten, ziehen wir das in Nr. 26 v. I. über Ihre Thätigkeit ausgesprochene Urtheil anstandslos zurück. Herausgeber: A. Nalchauer. Berantw. Red.: Dr.L»irsw. Warner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIll., Schlösselg. 1t.