Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Article
Unsere Palästinafahrt
Date
1899-01-13
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315799-3383876--10242-3383967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. der Mutter bedarf, auf der einen Schulter, während die freie Hand das schwer bepackte Maulthier führt. Oft reitet auch Mutter und Kind auf einem kleinen Eselchen, während der Mann mit dem Korb beladen nebenherschreitet. Ter Mehemed Ali-Platz, mit schönen, Gartenanlagen und einer wirksamen Reiterstatue in der Mitte, macht einen großstädtischen Eindruck, ebenso das Leben und Treiben in den Straßen. Bei glühender Sonnenhitze besichtigten wir die schlank aufragende Säule des Ponipejus, von wo man einen schönen Rundblick genießt und den Mahmudieh-Canal, der wüstes Land in einen Garten verwandelt. Die Fahrt nach Port Said verlief bei herrlichstem Wetter. Nilgrün schimmerte das Wasser des Hafens und des Meeres noch stundenweit, nachdem wir Alexandrien verlassen hatten. Dann aber tanzte das Schiff wieder in der krystallblauen Flut des Mittelmeeres. In heiterster Stimmung lagerten wir uns unter dem Zeltdach des Decks, näherten wir uns ja doch immer mehr dem Ziele unserer Sehnsucht, dem heiligen Lande. Wir verbrachten die Nacht zumeist auf Deck. Geheimnis^ voll breitete sich der sternenklare Himmel über uns aus. Die feuchte, frische, salzhaltige Seeluft weitete unsere Brust, kein Geräusch ringsumher, als das gleichmäßige Rauschen des Wassers, welches der Bug unseres Schiffes kraftvoll zur Seite drängte. Das Kielwasser erschien wie ein mächtiger weißer Schweif des Schiffes, das wie ein Riesenvogel die'Fluten durchschwamm. Rechts und links ein räthselhaft grünes, schimmerndes Meerleuchten. Morgens in der Frühe erreichten wir Port Said, eine europäisch-orientalische Handelsstadt. Glühende Hitze umfängt uns, sie mahnt uns daran, dass wir uns an der afrikanischen Küste befinden. Das Schiff wird bis abends im Hasen des Suezcanals liegen bleiben. Mächtige Gebäude von vier, fünf und sechs Stockwerken erheben sich am Ufer und in der Hauptstraße der Stadt, Hotels und Warenhäuser jeder Art. Wir durchstreiften die breiten Straßen, versahen uns mit den gegen die sengendem Strahlen der Sonne nöthig gewordenen Korkhelmen und Tropenauzügen aus leichtem Baumwvllgewebe. In stolzem Eselritt trollten zwei der Unserigeu durch die Straßen, während wir Uebrigen bescheiden zu Fuß folgten. So kamen wir auch ins arabische Viertel, dessen ärmliche Holzhäuser darauf zu deuten schienen, dass der Reichthum, der in jener mächtig aufstrebenden Handelsstadt erworben wird, zumeist m den Händen der Europäer bleibt. Plötzlich drang uns ein eigenthümliches Geräusch durch Mark und Bein. Ein leises Weinen schwoll zu einem mächtigen, unharmonisch klingenden Geheul an, das die Lüfte wie ein gewaltiger Wehrnf durchschwirrte. Langsam erstarb wieder das Geräusch zu einem leisen Wimmern, um sich von neuem schrill zu erheben. Fünfzig bis sechzig Kinder und Frauen saßen kauernd um ein Haus herum, bedeckten sich von Zeit zu Zeit das Gesicht mit den Händen oder mit Tüchern, um im Chor zu wimmern oder zu schreien. Der Dragoman, den wir befragten, erklärte uns dies seltsame Schauspiel. Da war eben ein Mann gestorben, und die Nachbarn waren herbeigeeilt, um seinen Tod zu beklagen. Wenn wir die Empfindung gehabt hätten, dass diesem Ausdruck des Schmerzes, ein wirkliches Mitgefühl zugrunde läge, würde dieses Schauspiel uns im Innersten erschüttert haben. Als Exempel einer im Alterthum auch bei den Juden üblichen Sit/e war uns diese Todtenklage äußerst interessant. Im Eldorado von Port Said, einer mächtigen Halle, ist nachmittags und abends großes Concert. Auf der Terasse vor dem Saale nahmen wir unseren Kaffee ein. Einige Engländerinnen, die Math genug besaßen, ohne männlichen Schutz die Stadt zu durchstreifen, bildeten um diese heiße Mittagsstunde , außer uns die einzigen Gäste. Als eine der Damen, welche die Kapelle bildeten, mit einem Sammelteller zu uns kam, stellte sich heraus, dass die Damen fast alle einer böhnuschen Musikcapelle angehörten, die von dem Unternehmer vor kurzem nach Port Said angeworben war. Auf den Straßen sah man viele Europäer. Im Hafen des Suezcanals lagen mehrere mächtige Schiffe, welche auf der Seite 15 Fahrt nach Indien und Ostasien oder von dort nach Europa begriffen waren. Der Fahrweg am Meeresufer entlang bot ein reizend schönes Bild. Die Farbenpracht des Meeres, in dem sich die untergehende Sonne spiegelte, lässt sich kaum beschreiben. Ein röthlich - violetter Schleier von feinstem Duft, schien sich über die ganze Landschaft auszubreiten. Hinter diesem Schleier strahlte der blaue Himmel, die purpurne See, dazwischen auf der einen Seite ein glühender, gelber Streifen am Horizont, auf der anderen Seite ein Gewirr von weißen Häusern, die zum Theile ringsherum mit einem drei-, vier- und fünffachen Gürtel von Balkonen auf schlanken Säulen umgeben waren. Es war Abend geworden, als wir an dem Hafen ankamen, und es bot ein eigenartiges Vergnügen in einer kleinen Nussschale zwischen den hell erleuchteten, mächtigen Schiffscolossen hindurchzufahren, welche auf ihrer Fahrt um die halbe Erde kurze Rast in jenem Welthafen hielten, den der kühne Geistesflug eines Menschen und die Energie seiner Mitarbeiter in wenigen Jahren am Rande der Wüste hervorgezaubert hat. Kurz darauf setzte sich das Schiff in Bewegung und alle Welt sprach nur noch iiber die am anderen Morgen in der Frühe bevorstehenden Ankunft in Jaffa. W Imige Freiheit. Es lodern die Halden vom 'Feuersignal, Es klingen die Thäler vom Sange. Wir kehren jetzt heim — das erstemal! — Von lustigem Fried Hofs gange. Es flattern die Fahnen im Windesflug: Es tanzen die Mägdlein und Knaben: Wir haben in jubelndem Frühlingszug — Die letzte Thräne begraben... Freiburg i. Br. Theodor Z l o c i st i. G Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (33. Fortsetzung.) Plötzlich aber fiel es ihm ein, dass es für seine Autorität doch vielleicht besser sei, wenn der Sohn nicht die Ansicht des Oheims über die väterliche Geschäftsgebarung zu hören bekäme. Er unterbrach sich kurz und fuhr in ganz verändertem Tone fort: „Ich werde Dir das Geld anweisen lassen. Schuldig bleiben soll mein Sohn nichts. Also —- ait wen hast Du es verloren?" „An Baron Niki Schönhals und Graf Franzi Leyberg," beichtete Moritz. „Gut," nickte Jsak, dem die Namen nicht bekannt zu sein schienen. „Wo warst Du dann? Die wenigen Tage, wo Dein Vater in Wien ist, könntest Du wohl zuhause speisen." Der Dicke schien froh, so leichten Kaufes davongekommen zu sein. Er erklärte heiter, nach dem Neunen im Horel Imperial getäfelt zu haben. Aber der Anblick des Erben schien den alten Jsak in immer gereiztere Stimmung zu versetzen. „Mit wem?" herrschte er ihn an. „Nun, mit dem Niki und dem Franzi," meinte Moritz arglos. Die Wirkung dieser Worte war eine unerwartete. Baron Jsak sprang auf und begann, im Zimmer aus und nieder gehend, seinem Sprossen die Leviten zu lesen. „Was? Die beiden Lumpen, die Dir das Geld abgewonnen haben, die hast Du auch noch zum Essen eingeladen? Ja — bist Du denn ganz blöde!" schrie er, roth vor Zorn. Da Dr. David sah, wie Jonathan unter dem peinlichen Austritte litt, versuchte er, den erbosten Banquier zu beschwichtigen. Aber dieser war der Meinung, der Vetter wolle seinen Erben vertheidigen. „Du glaubst wohl, dass er sie nicht tractiert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.