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Die Welt · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Article
Lemberg
Date
1899-01-13
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 Nr. 2 Die Provocanten sind selbstverständlich die Juden. Der jüdische Stadtrath H. L o e w e n st e i n wagte nämlich das Vorgehen hes Stadtrathes zu rügen, weil dieser einem Juden das Recht dcr Lieferung von Nahrungsmitteln an ein Waisenhaus zugunsten eines christlichen Lieferanten entzogen habe. Nach einer Replik christlicher Stadträthe ergriff Dr. Byk das Wort und „erlaubte sich" (wir lassen nunmehr das polnische Organ sprechen), „der christlichen Allgemeinheit geradezu eine Drohung zuzuschleudern". „Er erklärte, dass die Juden bis jetzt so manche christliche Usurpationen mit Schweigen duldeten. Mit Schweigen Duldeten sie den ausschließlich christlichen Charakter gewisser städtischer Institutionen, ohne „vorläufig^ Gebrauch zu machen von den ihnen zustehenden Rechten, ohne zu verlangen, dass diesen Institutionen ein allgemeiner Charakter gegeben werde. Er müsse aber constatieren, dass alle städtischen Institutionen ebensosehr den Juden gehören, wie den Christen, denn sie werden erhalten von städtischen Steuer- und Zahlungsbeiträgen, welche die Juden in größerer Menge abgeben als die Christen. (Rufe: Oho!) Aber Tr. Byk begnügte sich damit nicht; er rückte mit einer weiteren Drohung heraus; er sagte, die Juden wollten es „vorläufig" hingehen lassen, dass sich unter den Magistrats - Functionären nicht auch welche von ihren Glaubensgenossen befinden; er gab aber zu verstehen, dass sich auch dies bald ändern müsse, dass also die Juden die Besetzung von Magistratsstellen mit den Ihrigen anstreben werden." „Mit dieser Drohung muss man rechnen, denn sie ist nicht in den Wind hineingesprochen." . . „Die gestrige Sitzung des Stadtrathes kann auch den Gleichgiltigsten die Augen öffnen darüber, was uns vonseiten der Juden erwartet, wenn wir nicht mit aller Kraft ihren Gelüsten eutgegentreten, wenn wir nicht mit einem energischen „Halt" ihrer Raublust ein Ende machen. Noch liegt es in unserer Macht, uns ihrer zu erwehren — wer weiß, ob dies in einigen Jahren noch möglich sein wird" . . „Die gestrige Discussion ist ein Beweis dafür, dass die Juden selbst den Antisemitismus erzeugen, denn das Auftreten der Herren Loewenstein und Byk war nichts anderes, als eine einfache Provocation, eine absichtliche Aufreizung der Gefühle der christlichen Bevölkerung. Diese Herren behaupten, dass bloß die Zionisten aufreizend auftreten, und doch war ihr Vorgehen noch greller als das der Zionisten. Es hat sich gezeigt, dass der Jude — gleichviel ob Zionist oder Brodyer Parlamentarier — stets Jude bleibt." Es ist nur zu wünschen, dass der Jude es auch wirklich stets sei — in unserem Sinne. England. London. Abgesehen von dem bereits gemeldeten Eintritte Sir Francis M o n t e f i o r e s in die zionistische Bewegung, hat sich in den letzten Wochen nichts Neues ereignet. Die nationalen Vereine schließen sich inniger aneinander, die Ghovevi Zion denken an eine Reform ihrer Statuten. Die Einschüchterungsversuche, die gegen — als Gemeind ebeamte angestellte — Zionisten schon seit längerer Zeit im Gange sind, dauern noch immer fort. — Der Sohn des verstorbenen Baron Ferdinand de Rothschild, Hon. Walter, wird an Stelle seines Vaters ins Parlament eintreten. An jüdischen Gemeinde-Affairen bisher wenig bethätigt, ist er als Naturforscher bekannt, der ein großartiges Museum eingerichtet hat. Frankreich. Paris, 6. Jänner. Die Regierung lässt in mehreren osficiösen Blättern eine Erklärung folgenden Inhalts veröffentlichen: Die gesammten Acten, welche man das geheime Dossier nennt, wurden dem Cassationshofe übergeben und kein Actenstück zurückbehalten Ein außerordentlich geheimes Dossier Dreyfus ist nicht vorhanden. Es existiert weder ein Brief des Kaisers Wilhelm an Dreyfus noch ein Schreiben Dreyfus an Kaiser Wilhelm. Der Kriegsminister, der Minister des Aeußern, sowie der Cabinets- Chef haben keine Kenntnis von einem Briefe des deutschen Kaisers an Dreyfu? und oon einem Briefe Dreyfus' an den Kaiser. Falls solche Briefe jemals existiert hätten, wüssten wir nicht, wer die Vernichtung derselben vorgenommen hätte. Paris, 6. Jänner. „Gaulois" erzählt, außer dem Capitän Lebrun-Nenault hätte ein Municipalgardist, der in dem Zellenwagen, in welchem Dreyfus nach der Degradation ins Gefängnis gebracht wurde, den Dienst versah, von Dreyfus folgendes Geständnis erhalten: „Nun wohl, wenn ich schuldig bin, so sind es auch Andere." Dieser Gardist habe seine Vorgesetzten nicht sogleich, sondern erst dann von diesem Geständnisse in Kenntnis gesetzt, als betreffs des von Lebrnn-Renault entgegengenommenen Geständnisses Zweifel aufgetaucht seien. Der Cassationshof hätte vor einigen Tagen diesen Gardisten vernommen. Clermont. Der hier erscheinende .Moniteur Du Püy-de-Dome“ berichtet: Von mehreren Präfecten ist dem Ministerpräsidenten die Meldung zugegangen, dass anlässlich der officiellen Empfänge am 1. Jänner von Freunden und Gegnern der Revision Kundgebungen vorbereitet werden. Die Stativ nalisten versuchen die Bevölkerung zu einer tendenziösen Acclamation der militärischen Autoritäten aufzuhetzen. Die Revisionisten planen wieder Kundgebungen zu Ehren der Vertreter der bürgerlichen Gewalten. Äußerdem befürchtet man, dass in den, wie üblich, an die Regierungsbeamten gerichteten Ansprachen Anspielungen auf die Affaire Dreyfus enthalten sein werden. — Aus diesem Anlässe hat, wie der „Courier du Soir' meldet, M. Charles Dupny an die Präfecturen einen vertraulichen Erlass gerichtet, worin er dieselben anweist, Vorkehrungen zu treffen, damit die oben erwähnten Eventualitäten vermieden werden. Sollte es aber doch zu den befürchteten Anspielungen kommen, so haben sich die Präfecten in ihrer Antwort auf die ministeriellen Erklärungen zu beziehen. Oöffentliche Kundgebungen, in welchem Sinne immer gehalten, sind mit Polizeimitteln zu unterdrücken. Türkei. Jaffa. Seit Anfang November zieht sich eine Differenz hin zwischen dem Director der ersten jüdischen Ackerbauschule, Herrn Niego, und den Zöglingen der obersten Classen. Der Sachverhalt wird so verschieden dargestellt, dass wir nur mit äußerster Vorsicht an die Veröffentlichung gehen können. Der Hergang ist folgender: Herr Niego überraschte zwei Schüler beim Schach- oder Kartenspielen (nicht einmal darüber herrscht volle Klarheit). Obwohl es sich um eine sogenannte freie Stunde handelte, das heißt um eine arbeitsfreie, in der studiert werden soll, verhängte der Lehrkörper über die Spieler die Strafe der Ausschließung. Die Collegen, 48 an der Zahl, baten in einem Briefe um Gnade und schlossen mit der W-ndung: Wenn Sie als Director nicht verzeihen können, so thun Sie es als Jude, als Mensch. Herr Niego meinte, sich nicht über seine Pflichten als Mensch vou seinen Zöglingen belehren lassen zu sollen. Als Exempel entließ er den Primus der Classe, einen Colonistensohn aus Rischun le Zion. Hierauf erklärten alle Collegen, auszutreten. Sie zogen Freitag den 12. November nach Rischon, wo sie zum Theil Arbeit fanden. Etwa 10 landfremde Schüler sind bereits abgereist. Was dazwischen spielt, das rührende Zusammenhalten der jungen Leute, die Art, wie ein Theil wieder zurückkehrte, soll, um die Verbitterung nicht zu steigern, verschwiegen bleiben. Alle Schüler loben Herrn Niegos Wissen und die Gabe, sein Wissen mitzntheilen. Das anerkennen auch die Colouisten, aber ebenso wird behauptet, dass er die Zöglinge zu streng behandle. Da Herr Niego hinwieder gerade den zum Exempel entlassenen Primus sehr lobt, der einer der angesehensten Colonistenfamilien angehört, so scheint es, dass er auf Ersuchen vou dessen Eltern ihn wieder ausgenommen hätte, wenn nicht die Verbitterung durch den Exodus hinzugetreten wäre. Diesen Auszug konnte sich der Director nicht ruhig gefallen lassen. Es wäre im Interesse der Disciplin und des Ansehens vou Mikweh Israel zu wünschen, dass alle Theile nunmehr nachgeben. Solch kleine Schülerrevolten kommen in allen Welttheilen vor, nur dass sie bei Juden viel schärfer beurtheilt werden. Andererseits: Disciplin muss sein und sei sie noch so hart; sie erzieht. Die jungen Leute sollen alle einst befehlen und müssen gehorchen lernen. Herr Director Niego aber, ein Freund Zions, ein echter Jude, wird gewiss alle üblen Folgen von den Häuptern der jungen. Leute nehmen, damit ihre Carriere nicht zerstört bl/ibe.

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