Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Article
- Das Schlussgebet
- Date
- 1899-01-13
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 6 DkÖWcT Nr. 2 sellschaft je zuweilen der Blick des Einzelnen auf das Stundenglas, ob nicht der Sand schon ausgeronnen, ob nicht die vorgeschriebene Festeszeit dahin wäre. Auf solchen Abendgesellschaften lastete von vorneherein ein schwerer Bann, der jeden Hauch der Freude zu Boden zwang, ohne dass die Gefahr einer Uebertretung immer vermieden wurde. Es ist auch klar, dass auch sonst für den Einzelnen exceptionelle Lebensverhältnisse eintreten konnten — etwa Reisen, Krankheiten und Erwerbs- Verhältnisse —, die eine rigorose Befolgung der Vorschriften des Rabbi Eliezer einfach zur Unmöglichkeit machten. Darum Musste sich sehr früh eine schroffe Opposition erheben, die ihren Vertreter und Führer in Rabbi Gamaliel fand. Zu diesem kamen in später Nacht seine Söhne, die in einer Abendgesellschaft gewesen waren, und sagten: „Wir haben das Gebet noch nicht abgelesen." Der Vater erwiderte ihnen: „So lange die Morgeuröthe noch nicht anfgieng, ist es Eure Pflicht, das Gebet zu lesen." Die armen jungen Leute. Da saßen sie vielleicht vor köstlich besetzten Tischen und genossen die Gaben eines fürstlichen Koches, den Wein, der im Becher schäumte, und lauschten den Harfenktängen und labten ihr Auge an den Schritten und Windungen aumuthiger Tänzerinnen. Sie waren noch jung, noch leichtlebig, noch ganz hingegeben an den Eindruck des Augenblickes, und so konnte es ihnen schon passieren, dass sie der vorgeschriebenen Zeit und des heiligen Gebetes vergaßen. Ich denke sie mir in Gram und Kummer, gefoltert von Gewissensqual, als sie vor ihren Vater traten, um das entsetzliche Bekenntnis abzulegen. Wie Musik müssen ihnen die Worte des ernsten Mannes geklungen haben, als er mit ruhiger Strenge erwiderte: „So lange die Morgeuröthe noch nicht aufgieng, ist es Eure Pflicht, das Gebet zu lesen." Sie hatten also noch nichts versäumt, sie hatten nicht eine unauslöschliche Sünde auf sich geladen, als sie in froher Abendgesellschaft die zehnte Stunde unbemerkt an sich vorüberrauschen ließen. Ich kann nicht verbürgen, ob diese meine Interpretation der Talmudnotiz genau der historischen Wirklichkeit entspricht, wohl aber wird dadurch haarscharf der Gegensatz der Interessen' getroffen, der durch die verschiedenartige Auffassung eines Rabbi Gamaliel und Rabbi Eliezer geschaffen und bedingt wurde. Drang Eliezer durch, so siegte innerhalb des Judenthums die Askese, der schwerste Lebensernst, während der Grundsatz Gamaliels der Lebensfreude genügend Spielraum gewährte. Denn dieser Rabbi, indem er bis zur Morgenröche das „Höre Jsrael"-Gebet gestattete, durchbrach thatsächlich das Grundprincip seines Gegners, dass das Gebot des Ewigen für das jüdische Volk erlassen wäre, nicht für den einzelnen Juden. Vom Anbruch des Abends bis zur Morgeuröthe, also die ganze Nacht hindurch, war es gestattet, das Gebet zu lesen, natürlich, nach dem Wortlaut der Schrift, bevor man zur Ruhe gieng. Da war doch den Bedürfnissen des Einzelnen, ob er in froher Abendgesellschaft oder sonstwie in exzeptionellen Verhältnissen weilte, ein hinreichend freier Spielraum gewährt, und thatsächlich kam alles auf das persönliche Belieben hinaus. Aber sprach Rabbi Gamaliel dieses Princip auch offen aus? Wagte er, zu erklären, dass die Rüben beu Joseph und Simon ben David allerdings das Recht hätten, das Gesetz des Ewigen als an sie persönlich gerichtet zu betrachten und zu behandeln? Dieser kühne religiöse Individualismus, der dem Geiste des Mittelalters so vollkommen widersprach, wurde er etwa in der tzrühzeit des jüdischen Golus von einem kühnen, unerschrockenen und vorurtheilslosen Manne auf die Fahne geschrieben? Und war Rabbi Gamaliel dieser Mann? Er war es nicht. Er war durchaus in der Ansicht seines talmudischen Gegners Eliezer befangen, dass ein solches Gebot nur der Gesammtheit des Volkes gelten könne, nicht dem Einzelnen. Wenn er trotz dieses Princips das persönliche Belieben retten will, so geschieht es vermittelst einer Wortklauberei, die gerade keinen annutthenden Eindruck macht. „Wenn Du Dich niederlegst und wenn Du aufstehst." Dieses Bibelwort passt nicht in sein System hinein, und so liest er anstatt dessen frisch und fröhlich: ..Wenn Du liegst und wenn Du aufstehst." Damit nun erreicht er seinen Zweck freilich gründlich. Allerdings, weitaus die meisten Menschen liegen die ganze Nacht hindurch bis zur Morgeuröthe und verwuthlich noch ein ganzes Stück darüber, wenn sie nicht Lohnarbeiter sind, und die Vorschrift und strenge Satzung des Rabbi Eliezer erweist sich als völlig überflüssig, ohne dass man nöthig hätte, das mittelalterlich-religiöse Grundprincip aufzugeben. Es war damals, wie heute: Die frommen und die ganz radicalen Inden sind immer Dogmatiker. Rabbi Gamaliel machte es wie Spinoza oder Carl Marx, die sich zu ganz brillanten Oberpriestern der oppositionellen Kirche entwickelten. Aber es fehlten auch schon damals die klugen und vorsichtigen Dialeetiker und Vermittler nicht, die historischen Liberalen oder liberale Conservative, an denen auch das moderne Judenthum gerade nicht arm ist. (Schluss folgt.) Weltchmik. Juden sind keine Menschen. Anlässlich der Annahme einer Dringlichkeitsfrage wegen Verbotes des Hausierhandels in Wien kam es im niederösterreichischen Landtag wieder zu einer kleinen Judendebatte. Abg. Kronawetter sagte, es gehe nicht an, ein Gesetz zu schaffen gegen eine bestimmte Classe von Menschen. Abg. Schneider: Das sind ja Juden. Abg. K r o n a w.e t t e r : Das ist wir alleseins. Abg. Schneider: Juden sind keine Menschen . . . Der christlichsociale Abg. Wohlmeyer sagte, die Juden beuten das christliche Volk mit Betrug aus, daher fei es berechtigt, gegen diese Rasse aufzutreten. Dr. Ofner wandte sich gegen diese Ausführungen, bedauerte, dass der Landmarschall Ausfälle gegen die Juden ungerügt gelassen habe und nannte die Ausfälle niederträchtige Verleumdungen. Der Landmarschall ertheilte dem Abg. Dr. Ofner den Ordnungsruf. Die Judenhetze in Algier. Max Regis traf in Algier aus Paris am 8. Jänner nachmittags ein. Einige junge Leute zogen seinen Wagen bis zur Mairie. Mehrere Juden wurden thätlich angegriffen. Auf dem Wege vom Quai bis zur Mairie waren die jüdischen Geschäftshäuser gesperrt. Ein Attentat gegen Lombroso. Freitag am 6. Jänner nachts wurde gegen die Wohnung Professor Lombrosos als alles schlief, ein Plstoleuschuss abaefeuert; die Kugel flog durch das Fenster in das Wohnzimmer. Die Be Hörde hat eine Untersuchung eingeleitet. * Predigt gegen Predigt. Unlängst sprach Rabbi Dr. B e r k o w i tz in einem Tempel von Philadelphia über das Thema: „Warum ich kein Zionist bin." Rabbi Dr. Jastrow kündigte darauf eine Sabbathpredigt an unter dem Titel: „Warum ich Zionist bin." Kostspielige jüdische Spässe. Das neue antisemitische Theater in Wien bietet den antisemitischen Blättern einen neuen erwünschten Anknüpfungspunkt für die dümmsten Hetznotizen. In erster Linie widmet das Wiener „Deutsche Bolksblatt" seine „Theaternachrichten" der systematischen Verblödung und Verrohung des Leserkreises. Eine der albernsten Notizen aus diesen! Blatte ist die folgende: Einige Juden machen sich seit einiger Zeit den allerdings etwas kostspieligen Spass, eine größere Allzahl von Sitzen auszukaufen und dieselben nicht zu benützen. Dies war z. B. am letzten Freitag der Fall. Obwohl für die Abendvorstellung bereits am Vormittag sämmtliche Sitze vergriffen waren, konnte man nichtsdestoweniger bemerken, dass in der Abendvorstellung 14 Parketsitze unbesetzt blieben. Ein anderer Kniff einiger Juden besteht darin, Sitze, die um 1 fl. 50 kr. bis 2 fl. käuflich sind, dem Publicum auf der Tramway, in Cafes um den halben Preis, und zwo» mit der Motivierung zu verkaufen, dass das Theater so schlecht besucht sei, dass sie beauftragt seien, die Karten um den halben Preis und nur deshalb 31t verkaufen, damit doch einige Leute ins Theater kämen.