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Die Welt · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-01-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Vkr. 2 Jpk$WC Seite 5 Aus unverbürgter Quelle wird berichtet, der Reichsrathsabgeordnete Gregorig Hobe sich bereit erklärt, die Lieferungen für die Theatergarderobe aus seinem Warenlager Prima-Qualität und promptest zu besorgen; eventuelle Reformen auf dem Gebiete der Unterhose, die zur Anpassung an die voraussichtlichen, in der Rolle vorgeschriebenen „O-Füße" der Darsteller nothwendig sein dürften, wolle er mit Benützung des Modejournals „Figaro" gegen einen kleinen Kostenzuschlag eigenhändig durchführen; eine kleine Verlegenheit ergab sich, als man Umschau hielt, wer die Schauspieler bei den Proben in der formvollendeten richtigen Aussprache des jüdischen „Jargons", der auf der neuen Bühne die zweite Umgangssprache bilden soll, unterweisen werde, bis endlich mehrere getaufte antisemitische Partergrößen unter Discretion ihre ausgedehnten philologischen Kenntnisse in den Dienst der Kunst zu stellen versprachen. Bei der Zusammenstellung des Orchesters wird mit besonderer Sorgfalt vorgegangen werden müssen, da man mit einem sehr kritischen Publicum zu rechnen hat, welches durch die täglichen musikalischen Productionen der bekannten „Burgmusik" ziemlich verwöhnt ist. Erwin KosenLeiger. Das Schlirjsgebrt. Eine talinudifche Dis cussron.*) Von S. Lublinski. Das fünfte Buch Mosis war der eigentliche Gesetzescodcx im alten Israel und die Grundurkunde für den späteren weitschichtigen Berg, welchen das mittelalterliche Judenthum nachmals anfthürmte. Alles, was in früheren Büchern von Lehre und Ermahnung, von äußerer und innerer Reinigung und Läuterung erhalten war, wird noch einmal im Abschluss zusammengefasst und mit mächtigen Worten dem Volke Gottes eingeschärft. Besonders das Monotheist siche Bekenntnis, dass der Gott Israels einzig und ewig wäre, und die stolzdemüthige Gewissheit, dass die Juden das auserkorene Volk dieses Ewigen wären, sollte nimmermehr dem Gedächtnis der Nation entschwinden, und darum wurde es dem Juden aufgetragen, jeden Morgen, wenn er aufstand, und jeden Abend, bevor er sich niederlegte, zum Pentateuch oder zu einem Gebetbuch zu greifen und jene Stellen nachzulesen, welche den großen Einheitsgedauken einer Schöpfung, die auf eine einzige Ursache zurückgeführt wurde, innig verkettete mit dem Dasein und mit dem historischen Schicksal des eigenen Volkes. Dieses Gebet sollte dem Juden jeden Augenblick im Sinne liegen, uud dieses „Höre Israel" sollte er auch seinen Kindern einschärfen, wenn er im Hause saß oder wenn er ans dem Wege wanderte. Vor allem aber wichtig war natürlich die Recitation am Morgen und am Abend. Der erste Gedanke des frommen Juden, wenn er erwachte, war das „Höre-Jsrael"-Gebet, und sein letzter, wenn er sich niederlegte. So verlor er niemals die Fühlung mit seinem Gotte und mit feinem Volke, und in Zeiten des Verfalles und blutiger Verfolgung wurde seine schwankende und erschütterte Seele an dem eisernen Stabe dieses Gebetes fast gewaltsam zum Vertrauen auf eine bessere Zukunft emporgezwungen. Und darum galt es auch als eine Todsünde, diesem Gebote nicht nachzukommen und des Morgens oder des Abends das „Höre Jsrael"-Gebet zu versäumen, und dem Uebertreter, wenn er ein gläubiger Jude *) Die ersten Lieferungen der deutschen Uebersetzung des babylonischen Talmud von Lazarus Goldschmidt sind erschienen, und so ist auch den Laien unter den deutschen Juden die Einsicht in den alten Folianten nicht mehr ganz versperrt. Vorliegender Versuch soll nun darthun, in welcher Weise die Leetüre auf einen vollkommenen Laien wirkre, der an die Zukunft seines Volkes glaubt, zugleich aber mit ganzer Seele in seinem Zeitalter unO der modernen Bildung lebt. Ich bin sicher, dass die strengen Gelehrten an meiner Auffassung so ziemlich alles auszusetzen haben. Daraus mach' ich mir nichts. Anders fasst der physiologische Fachmann das Leben auf, anders der Denker und Künstler, und. ich hoffe, nachzuweisen, dass in der alten Urkunde noch viel Leben steckt. war, musste die Furcht vor ewiger Verdammnis sich unwiderstehlich aufdrängen. Soweit erscheint alles klar, einfach und verständlich. Die Unterlage ist gegeben, das Gesetz ist formuliert, und es kommt nur darauf an, wie sich diese allgemeine Norm den individuellen Verhältnissen des Lebens anpassen wird, wie sich die innere Dialectik entfalten wird, die auch in dem einfachsten Paragraphen eines Gesetzbuches enthalten liegt. Und hier nun ist es, wo die talmudische Discnssion einsetzt. „Wenn Du Dich niederlegst und wenn Du aufstehst!" Einfacher kann ein Gebot kaum sein. Es liegt, so scheint es, im Belieben jedes Menschen, wann er sich dem Schlummer überlassen und wann er sich vom Lager erheben will. Er kann mit den Hühnern zu Bette gehen oder in lustiger Gesellschaft bis zum frühen Morgen schwelgen und zechen nach Herzeuslust. Freilich, den meisten Menschen ist diese freie Wahl durch äußere Verhältnisse schon sehr eingeschränkt, und sie werden je nach den Bedürfuissen ihres Berufes mehr oder minder früh am Morgen auf dem Posten sein. Und danach dürfte sich auch ihr Ruhebedürfnis am Abend regeln, da ja der gesunde Mensch, der mit Kraft und Rüstigkeit seiner Berufsarbeit obliegt, sein bestimmtes Quantum Schlaf braucht. Somit dürfte sich allerdings eine ungefähre Durchschnittszeit berechnen lassen, wann die meisten Menschen, bevor sie sich niederlegen, ihr „Höre Jsrael"-Gebct vor sich hersagen. Sonst aber, so scheint es, ist der persönlichen Willkür in dieser Hinsicht Thor und Thür geöffnet. Aber wir irren uns, und Rabbi Eliezer war anderer Meinung. Dieses hehre Gebot, welches gleichzeitig auf Israel und ans das Universum hinzielte, konnte doch unmöglich dem individuellen Belieben zur Erfüllung überantwortet werden. Oder war es nicht au das ganze Volk gerichtet? „Wenn Du Dich niederlegst und wenn Du ausstehst" gewiss, das bedeutete nicht, Du Joseph, Du Jakob oder Du Abraham, Du Rüben. Es wäre doch unerhört, gotteslästerlich gewesen, sich einzubilden, dass der Ewige von der armseligen Einzelexistenz eines Rüben oder Simon noch besonders Notiz nehmen wurde und diesen armen Persönlichkeiten zuliebe noch ein besonderes Gesetz erlassen würde. Nimmermehr, das wäre eine Lächerlichkeit. Der Ewige war nicht der Gott eines unbekannten, imaginären und zufälligen Rüben ben Joseph oder Simon den David, sondern der Gott des gesammten jüdischen Volkes, der Gott Israels. Darum musste auch dieses göttliche „Höre Israel", die jüdische Magna Charta im Exil, Geltung haben nur für die Gesammtheit des Volkes, und nichts durfte dem Belieben einzelner Persönlichkeiten, dieser E-ntagsfliege gegenüber ihrem Volke, überlassen bleiben. Wenn die Mehrzahl der Juden im Begriffe war, sich niederzulegen, daun eben war die Zeit gekommen, wo jeder Jude sein Abendgebet herzusagen hatte, ganz gleichgiltig, ob der Einzelne wirklich schon um diese Zeit zur Ruhe gieng oder nicht. Das mochte seine eigene Sache sein, nicht aber, wann er betete. Sünde war cs, des Nachtgebetes zu vergessen, Sünde aber auch, über die vorgeschriebene Zeit hinaus zu beten. Das ungefähr war der Grundsatz des Rabbi Eliezer, der nun mit hartnäckiger Entschlossenheit daran gieng, das Gebot: „wenn Du Dich niederlegst und wenn Du ausstehst", in eine bestimmte Zeitgrenze gewaltsam hineinzupressen. Er theilte, entgegen dem griechischen und römischen Brauch, die Nacht tjt drei Nachtwachen und bis zum Schluss der ersten Nachtwache gestattete er das Gebet. Denn bis dahin, also etwa bis lOUHr abends, meint der positive Rabbi, wären die meisten Söhne Israels schon zur Ruhe gegangen, uud die Nachzügler, die noch wachten, hatten sich nunmehr zu beeilen. Für individuelle Bedürfnisse nach dieser Seite hin hatte der fromme Mann eben keinen Sinn mehr, und man darf annehmen, dass er, ganz nach Art dieser positiven dogmatischen Naturen, sehr geneigt war, ein Schreckensregiment zrr errichten. In jenen unerschütterlich gläubigen Zeiten wusste es dem Juden das Entsetzlichste, ein Frevel gegen Gott und gegen sein Volk erscheinen, wenn er das Schlussgebct am Abend versäumte, und gierig, mit Besorgnis richtete sich in froher Ge-

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