Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Article
- Ethischer Umschwung
- Date
- 1899-01-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Z VkHM Nr. nichtdass die jüdischen Kinder zugleich mit den christlichen unWxHte^werden, sondern sogar jüdische Gymnasien — aber ■ 0 h nMcoHssionelle Färbung — erstrebt, biegt er auf die vornWste^nnd reinste Weise jeglicher Missachtung und KrärDHg -Hie Spitze ab. Und er sorgtdabei noch sogar auf andere Weise für die Verbreitung eines würdigen StoH8! unter den jüdischen Kindern; denn, wenn er sie auf beftmDre Schulen schickt, hält er ihnen doch die eigentlichsten un^ schlimmsten Folgen dieses mühsam gemeinsamen Schulbesuches, nämlich Verschüchterung oder Verbitterung, fern. Diese Auffassung des Zionisten müsste doch auch als geradezu fundamental erscheinen, und man dürste wolck . auch nicht annehmen, dass es darüber noch verschiedene Meinungen gäbe, wenn nicht bestimmte Vorkommnisse in Wien stutzig machen könnten. Dort hatte der Bczirksschulrath einen Erlass ausgegeben, durch den die Schulleitungen angewiesen wurden, wo eigene Classen mit jüdischen Kindern gefüllt werden könnten, diese in separaten Parallelclassen nnterzubringen. Nun hat zwar die „Welt" sogleich bei der ersten Besprechung des Erlasses eiueu höchst würdigen und confequentcn Standpunkt eingenommen; .,es wäre lächerlich, sich der Thatsache verschließen zu wollen, dass der Antisemitismus der Lehrer und der anerzogene und immer deutlicher durchbrechende Antago.nsmus der ihnen abgeneigten nichtjüdischen Kameraden zu den schwersten Kränkungen und argen Unzukömmlichkeiten für die jüdischen Kinder, von der Volksschule an bis in die Umversüät, führe;" und in einer Protestversammlung der Wiener Judcnschaft hat nach dem Berichte der „Welt" ein Redner den zionistischen Standpunkt auf eine vornehm maßvolle, aber durchaus entschiedene und unzweideutige Weise vertreten. Jedoch in der Nummer der „Welt", in der die Frage aufgeworfen wurde, wie wir Propaganda trieben, beschwert sich B. Sopher über die „Judenseite", auf der die jüdischen Kinder sitzen sollten,' und er thut dies auf eine Weise, dass es ein Assimilations-Sehnsüchtiger nicht anders thun könnte. Aber auch wenn durch irgendeine derartige geringfügige Action innerhalb des Assimilationslebens der nationale Stolz (das ist in unserem Sinne eine würdevolle, vorne h m e Z u r ü ck h a l t u n g) des Juden gekräftigt werden könnte, so wäre noch zu bedenken, dass diese kleine Propaganda etwas in sich trägt, was die höhere und eigentliche schwächt und sogar lähmt. Das Heroische der zionistischen Bewegung, das doch von so vielen fremden Beurtheilern bereits anerkannt und gefeiert worden, wird von dem Verstandesmäßigen, Kleinlichen versehrt; denn selbst die verständigsten Actionen innerhalb des jüdischen Assimilations- oder Gemeindelebeus mögen sich zu der erhabenen Idee und Sehnsucht des Zionismus verhalten, wie etwa die Dramatik der Dichterlinie Lessing-Jbsen zu der Tragödie Shakespeares. In den kleinlichen Actionen wird die große, volle, dunkle Idee verkritzelt und verwitzelt. Jede Kritik des Verstandes macht missmutig und drückt hinunter, während die Begeisterung, hoch zu Ross und über der ein Regenbogen steht, belebend und vergoldend, den Einzelnen über sich selbst hinaushebt. Und es steht ein Regenbogen wohl über jenem Hause. Wenn Dr. Herzl in London vor achttausend Juden spricht, die sich bereits lehnen an ihren Stab gebogen, so kann ein Dichter oder ein Gelehrter das Gefühl haben, als wären, wie in der alten griechischen Sage, eiserne Männer aus dem Boden' gewachsen, und als sollten die feinen zarten Schleier des Geistes oder der Phantasie von eisernen Waffen durchrissen werden; aber vor Protestactionen und dergleichen mag dieses Gefühl der freudigen, bewundernden Unterordnung weniger stark sein. Erst das wirkliche Einschiffen ausgetriebener Juden, das wirkliche Wandern Ahasvers kann den Eindruck ernsthafter Actionen machen. Ob auch der Deutsche, dein man etwa von den zionistischen Bestrebungen erzählt, sich in bequemlichem Idealismus wundern mag, dass die Juden erst thätlicher Kränkungen bedürften, um den zionistischen Idealen geneigt zu werden — es steht fest, dass selbst in unserer Epoche politischer Organisationen, ausgedehnter Publicistik und Propaganda nur wirkliche Actionen eine werbende Kraft haben. Der großangelegte Idealismus könnte freilich einem kritischen Verstände als rechte Donquixoterie erscheinen, wenn nicht gerade der kritische Verstand anerkennen müsste, dass schon ein wunderbares, dem Weltlaufe immanentes Gesetz mit einer geradezu verblüffenden Logik den Boden für' eine letzte, end giltige zionistische Propaganda vorbereitet. Ein immer bedeutsameres Anschw.llen des antisemitischen Geistes in allen Culturländern muss a!s unaufhaltsam anerkannt nnd erwartet werden. Jede politische Action in irgendeinem Staate, jeder zufällige Excess kann dies aufs neue lehren, dass die Juden gleichmäßig von allen bürgerlichen Parteien abgestoßen und n ir noch von den revolutionären Parteien der Socialdemokraten wohlwollend, aber auch nicht allzu wohlwollend, ausgenommen werden, und wenn man sich erinnert, dass Heine die Proletarier mehrmals mit Mäusen vergleicht, und an die Mä lselöcher denkt, so mag man wahrlich behaupten dürfen, dasö der Assimilationsjude bereits aus dem letzten Loche pfeift. Wie aber eine solche Entwicklung bereits allein soviel für die zionistische Propaganda thut, dass ihr zu thun fast nichts mehr übrig bleibt, ist schon so oft dargelegt worden und mag schon so trivial sein, dass sich eine ausführliche Expliciernng, w.e wenig eine besondere Propaganda uothwendig, erübrigen dürfte. Es braucht der zionistischen Bewegung doch nichts daran gelegen zu sein, wieviel nominelle Anhänger, also wohl zumeist Mitläufer, sie etwa durch Ueberredung gewönne. Ja, es mag fraglich sein, ob es überhaupt möglich, auch nur solche durch Ueberredung Heraufziehen. Die größer und edler angelegten Naturen unter den jungen Juden kommen von selbst: in diesem Sinne mag man zum Zionisten lrsie zum Dichter geboren sein; und sie zogen und ziehen dem Sterne nach bereits beim ersten Blinken. Und die gewöhnlichen Spießbürger mögen durch keines Menschen Mund, sondern nur durch harte, glmchsam zwangsmäßige Erfahrungen überzeugt und überredet werden können.— Dabei bleibt aber auch dem Zionismus im edelsten und reinsten Sinne doch mancherlei Vorbehalten. Vornehmlich dürften wir vielleicht an eine große ethische Revolution innerhalb des jüdischen Geistes denken; an eine „Umwertung aller ethischen Werte", ähnlich der, die Friedrich Nietzsche unternommen. Und solch eine ethische Revolution können wir uns denken, wenn im Osten die Scholle aufgeworfen und die große Heimstätte aufgezimmcrt wwd. W Keaurrpaire. Die „Affaire", wie sie in Frankreich kurzweg sagen, weil es dort seit Jahr und Tag keine andere Sache mehr gibt, die Affaire wirft noch immer neue Blasen, mitunter sogar die verblüffendsten. Hundertmal glaubte man sie schon beerdigt oder auf den vernünftigen Weg einer ordentlichen Rechtsprechung gebracht. Nein, sie verjüngt sich immer wieder, taucht in einem unerschöpflichen Formenreichthurn an den unwahrscheinlichsten Punkten von neuem auf, unterhält und erschreckt die Welt durch die schnurrigsten oder grauenhaftesten Verwandlungen. Heute begraben, steht die Affaire morgen mit den tollsten Sprüngen auf. Und wenn man sie endlich auf dem schnurgeraden Rechtswege angelangt vermeint, so taumelt sie im nächsten Augenblicke wieder in höchst „bizarrer" Weise querfeldein. Ein Mitteleuropäer von mäßiger Eivilisalion dürfte glauben, dass mit der Abgabe dieser fabelhaften Geschichte an den Eaffationshof das letzte Stadium eingetreten sei. Was war das für ein Aufsehen in der Kammer und in der öffentlichen Meinung, als das berühmte Princip der Trennung der öffentlichen Gewalten endlich lobesam zur Anwendung gelangte. Jetzt hatte das oberste Gericht das Wort, das letzte Wort. In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht. Die ganze Erörterung bekam einen nur manchmal durch Rocheforts Ungezogenheiten