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Die Welt · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-01-06
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 J* £Wdc She. 1 schlafen! Auch fragte er mich schon zweimal, ob Herr Doctor nicht Vorgesprächen hätten!" So sprechend, schritt er dem Arzte durch einen langen, mit Kupferstichen geschmückten Corridor voran. „Unsinn!" brummte David. „Das hätte er ja sehen müssen, wenn ich dagewesen wäre!" „Der Herr Baron fürchtete, dass Sie wieder fortgehen würden!" erklärte der Kammerdiener mit schlauem Lächeln. Bei diesen Worten blieb der Doctor wie angewurzelt stehen. 1 „Hören Sie — Karl — sollte vielleicht wieder einmal, jemand da sein?" „Nur der Herr Baron Jsak!" entgegnete der Diener mit der unschuldigsten Miene der Welt. „Er ist heute aus Paris eingetroffen!" David schien große Lust zu verspüren, aus der Stelle umzukehren. Aber der vorsichtige Karl hatte sich bereits seines Hutes und Stockes bemächtigt und war nicht gewillt, die Beute gutwillig herauszugeben. Bittend erklärte er leise: „Baron Jonathan freut sich so sehr auf Ihren Besuch!" Und um jeden Rückzug unmöglich zu machen, beeilte er sich, die Thüre zu öffnen. Dem Arzte blieb daher nichts anderes übrig, als einzutreten. Es war ein hohes, großes Gemach, dessen breite Fenster auf die Ringstraße blickten. Ein dicker, orientalischer Teppich dämpfte das Geräusch der Schritte. Die mit rothem Damast überspannten Wände zierte ein künstlerischer Bilderschmuck. Reiche Möbel aus der edelsten Epoche der Renaissance bildeten vornehme Gruppen um zwei vergoldete, geschnitzte, Tische, auf denen exotische Blumen in schönen Gefäßen blühten. Aber von dieser Pracht, die wohl einmal einen italienischen Palast geziert, stach gar traurig eine schlicht gezimmerte Bahre ab, die in der Mitte des Zimmers stand. Auf ihr ruhte, durch Kissen gestützt, in eine seidene Decke gehüllt, ein blasser, magerer Knabe. Den Kopf hatte er ermüdet zurückgelegt und schien nur mit Anstrengung den Worten zu folgen, die ein an seiner Seite sitzender alter Mann sprach. Beim Anblick des Arztes jedoch flog ein mattes Lächeln über sein junges Gesicht, und er streckte ihm freudig die schmale Hand entgegen. Auch der alte Mann stand ans und gieng dem Doctor einige Schritte entgegen. Jsak Goldschild — wir haben ihn in dem Greise wohl gleich erkannt — war in den letzten 34 Jahren über Gebür gealtert. Trotzdem er das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht, war sein bürstenförmig emporgestrichenes Haar und der kurzgeschnittene Spitzbart bereits gebleicht. Die Gestalt jedoch war noch ebenso beweglich und ebenso hager wie früher. Auch die langen Finger zupften nach wie vor an der Wolle der Pulswärmer. Seit 10 Jahren führten er und seine Nochkommen den Baronstitel. Mit weltmännischer Geläufigkeit begrüßte er den Vetter. Aber obgleich sich David und Jsak Goldschild mit ausgesuchter Höflichkeit begegneten, war man sich doch auf den ersten Blick klar, dass die Jahre die tiefe Kluft, die seit der durch Herrn Isidor Gelb herbeigeführten Katastrophe zwischen den beiden Männern gähnte, keineswegs überbrückt hatten. Ein seltsames Spiel hatte sich die Natur mit dem Knaben auf dem Siechenbette gestattet. Jonathan war Jsak Goldschilds Enkel. Das einzige Kind jencs Baron Moritz, an dessen Wiege dem Vater bereits Bedenken über seine Fähigkeiten aufgestiegcn. Wie dieser kranke Knabe mochte vor etwas über einem halben Jahrhundert der Paramentenhändler ausgesehen haben. Nur dass Jonathans Augen nicht wie die Raphaels blau, sondern schwarz waren. Gemeinsam hatten sie das schöne Oval des Gesichtes, die weichen Züge und das gelockte, blonde Haar. Man sah es diesem zwölfjährigen Kinde ordentlich an, wie gut und geduldig es war. Auch war es der Liebling des Großvaters. Baron Jsak war heute besonders guter Dinge. Er wurde nicht müde, mit seinem Enkel zu scherzen und ihm drollige Geschichten zu erzählen, so dass Dr. David für einen Augenblick seine dem Vetter gegenüber stets zur Schau getragene kühle Gemessenheit vergaß. Da ertönte eine fette, keuchende Stimme, die auf dem Gange laut mit dem Kammerdiener sprach. Gleich darauf trat ein unförmlich dicker, kahlköpfiger Herr in das Zimmer. Die lächerliche Gestalt, auf der ein birnenförmiger Schädel thronte, war obendrein in die auffallendsten Stoffe gekleidet. Im Knopfloche des kurzen Röllchens stak neckisch eine Rosenknospe, und zwischen den fleischigen Lippen baumelte eine Cigarre von erschreckender Größe. Diese groreske und traurige Erscheinung war niemand geringerer, als das Bindeglied zwischen Baron Jsak und dem schönen, siechen Knaben auf der Bahre. Die Befürchtungen, denen sein Vater vor 34 Jahren im Hotel zum „goldenen Lamm" so rücksichtslos Ausdruck gegeben, hatten sich bei Baron Moritz erfüllt. Er war nichts weniger als ein „brauchbarer Mensch" geworden. Weder im Sinne Jsaks, geschweige im Sinne Davids. Das Gesicht des ersteren hatte sich beim Eintritt des Sohnes sofort verfinstert. Die gute Laune schien dem Baron gründlich verdorben zu sein. „Wo warst Du denn?" fragte er ziemlich barsch. „In der Freudenau!" keuchte Moritz. Er war so beleibt, dass sein Athem hörbar röchelte, wie das Pusten eines Flusspferdes. Schwerfällig ließ er sich auf einen Stuhl nieder und fügte mit Kennermiene hinzu: „Es war ein famoses Rennen!" Baron Jsak verzog höhnisch den Mund und fragte weiter: „Was kostet denn der Spass?" Der Dicke wurde verlegen. „Heute freilich!" stammelte er. „Man kann sich ja in den Gäulen täuschen — das passiert jedem!" Die ganze, kecke Zuversicht war plötzlich geschwunden. Aber der kluge Jsak ließ sich nicht beirren. „Na — heraus mit der Sprache!" rief er ungeduldig. „Wie viel kostet heute Dein Cavalierfpielen?" „Zehntausend," gab Baron Moritz kleinlaut zu. „Zehntausend Gulden!" schrie der Vater auf. „Zehntausend Gulden! Weißt Du, wie' schwer ich meine ersten zehntausend Gulden verdient habe? Da — frage nur einmal Deinen Onkel David!" (Fortsetzung folgt.) V KrieMstea der Kedactio». Siegfried T . . . . r. Eine Anreaung, die wohl am Plätze ist. Wollen sie aber aus taktischen GrInden nicht bringen. I Perl.r. Leider in dieser Form nicht verwendbar. Dr. B. Jdelfon, Bern. Herzlichsten Dank. B., Olmütz. Es wäre zu wünschen, dass das Vorgehen des Herrn Handelskammerrathes Siegmund Zweig, der anlässlich der Vermählung seines Sohnes dem Vereine „Zion" eine Spende von 10 fl. übersandte, Nachahmung fände. Die Fortsetzung der Artikelserie „Unsere Palästinasahrt" von Dr. I. Bodeuheimer erscheint Ut der nächsten Nummer. Herausgeber : Laptzmver. Berantw. Red.: Dr.Stesm. 'WDdrver. Brrchkkuckerei »Judnstrie« lS. Bergmann), VIll., Schlöflelg. 11.

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