Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Article
Ghettodichter
Date
1899-01-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315798-3383644--10105-3383746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 „Nach wem sie heißt? Nach meiner guten Mutter draußen auf dem guten Orte", rief Sarah leise. „Und da willst Du den heiligen Namen, den schönen Namen, den Deine Mutter in Ehren geführt . . . und Gott der Allmächtige allein weiß es, was Du an ihr verloren hast . . . den willst Du in Deinem Hause, in Deiner jüdischen Stube zusammen mit Jan Schusters Kind nennen lassen? Das Kind meiner Tochter kann den Sohn eines Trunkenbolds auf ihrem Schoß sitzen lassen? Und der noch dazu ... so einen Namen hat?" „Babe", rief Sarah erschüttert, und Thränen entstürzten ihren Augen. „Was soll ich jetzt noch weiter in Deiner Stube thun?" fuhr die alte, unerbittliche Frau fort. „Du wirst doch nicht begehren, dass ich Dir auch Jan Schusters Jüngel benschen soll?" Jedoch hier biegt die Tendenz bereits gegen das Christenthum ab. Denn ein jüdischer Weisender sogar schon „aufgeklärt" ist, meint zu Sarah: „Deine Babe Breindel kommt noch mehr unter ihnen als unter uns vor", und diese Worte sind mit gesperrten Lettern gedruckt als die einzigen in der ganzen Erzählung, so dass man sie auch als des Autors Tendenz gar wohl ansehen darf. Noch häufiger aber wird da einer positiven Tendenz die Humanität gepriesen, die zwischen den Religionen vermittelt. Bisweilen ganz direct, wie in der Erzählung „Der Karfunkel" : „Laubhüttenfest war wieder ins Land gekommen." Kluge Bauern in den benachbarten Dörfern mussten schon einige Tage früher aus ihrem Kalender erfahren haben, dass die „grünen Feiertage" der Gasse bevorstanden und hie und da hatte einer zu seinem Knechte gesagt: „Fahre in den Wald hinaus und hole Tannenreisig, drin in der Stadt die Juden werden es jetzt brauchen." Und der Knecht war in den Wald hinausgefahren, wo die immergrünen Tannen wachsen und hatte da mit seiner Axt die Baume ihres Schmuckes beraubt. Ob er dabei wohl dachte, wie sonderbar das Geschick es gefügt habe, dass er, der blondköpsige Junge aus dem Stamme der Czechen, in den Wald hinansgehen musste, um Tannenreisig für diejenigen zu holen, die schon vor fast viertausend Jahren mitten in nner arabischen Wüste grüne Laubhütten aufgerichtet hatten? Werdiesen Knecht wohl hätte am halten und zu ihm sagen mögen: Was Du jetzt gedankenlos um feilen Lohn thust, das wird einst werkthätige Brüderlichkeit mit freiem Bewusstsein gewähren. Es wird eine Zeit fomnieu, wo der eine Glauben seine Freude daran finden wird, die Feste des anderen zu schmücken? . . . Oder in dem umfangreichen Romane „Zwischen Ruinen" wird dargestellt, wie sich zwei Liebende vereinigen dürfen, ungeachtet ihres verschiedenen Glaubensbekenntnisses und ungeachtet des Widerstandes der Frommen auf beiden Seiten. Er richtet seine Tendenz gegen die „schwarzen Vögel", die auf dem Fenstergesimse des Parlamentshauses in Wien gesessen haben sollen und mag das „weiße Vögelchen" verherrlichen wollen, das „der lichte Gedanke des Hauses", oder prosaischer und directer ausgedrückr, die Civilehe. Ja, in einer Erzählung „Die beiden Schwerter" wird auf eine gar rührsame Weise Kaiser Josef II. verherrlicht, wie er einen jungen Juden begnadigt, der Christ geworden und dann enttäuscht wieder zu seiner Geburtsreligion zurückgekehrt war, und wie er mit dem aufgeklärten Stadtdechauten von Kojetein in dessen Studierstube ein langes herzliches Gespräch über religiöse Toleranz führt. Aber wie die Verherrlichung der Civilehe, da doch gezeigt werden musste, wie wenig sie in den thatsächlichen Verhältnissen wurzelte, eigentlich ebenso gut in einem entgegengesetzten Sinne hätte gedeutet werden können, so mag auch diese Historie vom Toleranzediete des edelgesinnten und verehrungswürdigen, aber recht dilettantischen Fürsten ebenso gut darthnn, wie abstract in einem bestimmten Sinne alle liberalen Ideen und wie sie der nationalen Wirklichkeit widersprechen. Seite ift Von die,er Aostractheu und Coustruiectpeit ist mut die Tendenz aller seiner Werke, und das Couversationslexikon fasst sie zusam>nen, indem es sagt, dass sie „ihre Motive entlehnen dem Conflicte religiöser Satzungen mit den allgemeinen Geboten der Menschenliebe". Ja, wie es doch des Liberalismus wunderlicher Jrrthnm gewesen, dass die jüdische Existenz eine rein religiöse wäre und der Gegensatz zwischen Juden und „Christen" bestünde, so geht hier die Tendenz auch hinüber ans die gleichsam politische Versöhnung und Ausgleichung der Juden und Nichtjnden. In der Erzählung vom „Corpora! Spitz" berichtet der Autor, der übrigens auch Regierungsrath gewesen, mit einem etwas peinlichen schwarzgelben Patriotismus von der Heldenhaftigkeit eines jüdischen Soldaten im österreichischitalienischen Kriege; ähnlich wie vor einigen Jahren L'Arronge die deutschnational patriotischen Empfindungen eines jüdischen Hausierers auf die Bühne brachte, dessen Sohn 70/71 gegen die Franzosen für die „Einigung des Vaterlandes" gefallen. Und dergestalt strahlt die Tendenz dieses Autors auch aus als Assimilationstendenz und die Geruhigkett einer rein künstlerischen Darstellung finden wir eigentlich nirgends bei ihm. Aber vielleicht dürfen wir sie auch von einem jüdischen Dichter weniger erwarten als von jedem anderen? Denn wir können nur dann heitere, lustige Träume haben, wenn unser Körper durchaus gesund und schmerzlos ist, und wenn in ihm auch nur der leiseste Schmerz wirket und bohrt, so baut er missbehagliche Träume auf. G Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (32. Fortsetzung.) Allerdings war ihm seine Wissenschaft eine Kunst. Ein tiefes Verständnis für die leidenden Mitmenschen, eine seltene Opferwilligkeit in seinem Berufe, hatte ihn bald vor der großen Menge der Aerzte hervorgehoben. Ihm genügte es nicht, ein Organ des Körpers zu heilen. Wer sich Tr. Goldschild anvertraute, musste gesund an Leib und Seele werden, widrigenfalls der Arzt sein Werk als verfehlt bezeichnete. Er war eben einer jener geistreichen Materialisten, die die widerspenstige Materie durch den Geist beherrschen. In seiner Lebensführung hatten die letzten drei Jahrzehnte nichts geändert. Nach wie vor hauste er im zweiten Stockwerke des Hauses der Alserstraße, obgleich Frau Karoline Sanftmnth schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ihre irdische Habe war in den Besitz des Arztes übergegangen, um dessen Hailshalt sich nun eine andere Witwe sorgte. Geradeso, wie vor fünfundzwanzig Jahren, verplauderte Dr. David tagtäglich ein Stündchen im Paramentengeschäfte. Nur führte ihn sein Weg nicht mehr von dort in seine Redactionsstube, sondern an das Krankenlager seiner Patienten. Und deren zählte er gar viele in allen Bezirken Wiens. Diesmal war sein nächstes Ziel nicht weit entfernt. Bor einem stolzen Palaste der Ringstraße hielt er an. Der Portier schien ihn wohl zu kennen. Denn geschäftig sprang er aus seiner Loge und riss die breite Glasthüre des Stiegenhauses auf. Gemächlich schritt Dr. Goldschild die breite, marmorne Treppe hinauf. Er schien sich hier ganz wie zuhause zu fühlen. Im ersten Stockwerke begrüßte ihn ein Kammerdiener mit der vertranten Würde gutgeschulter Diener. „Na — Karl — wie geht es denn heute?" fragte der Arzt. „Etwas besser, Herr Doctor!" erwiderte der Diener. „Der Herr Baron hat die letzte Nacht einige Stunden ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.