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Die Welt · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Article
Peter Smolenskys sämmtl. Werke [Rezension]
Date
1899-01-06
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 Nr 1 Kämpfers für das wahre Judenthum, dieses ersten Pionniers der nationalen Strömung in sich aufzunehmen. Es sind Schritte eingeleitet worden, um durch Üebersetzungen in die deutsche Sprache die das nationale Judenthum behandelnden Werke auch den weitesten Kreisen zugänglich zu machen. P | r ui 11 f t # n. GhcttodichLcr.j Von Max Ararn. II. Leopold Kompert. In einer Besprechung der „Gedichte von einem polnischen Juden", die übrigens auch durch die erste Hinweisung auf den: gerade keimenden „Werther" merkwürdig ist, sagt der junge Goethe unter anderem: „Znvörderst müssen wir versichern, dass die Aufschrift dieser Bogen einen sehr vortheilhaften Eindruck auf uns gemacht hat . . . Es ist recht löblich, ein polnischer Jude zu sein . . . Wenn man aber in allem zusammen nicht mehr leistet als ein christlicher Etudiant en belles lettres auch, so ist es, däucht uns, übel gethan, mit seiner Judeuschaft ein Aufsehen zu machen . . Er vermisst die locale, nationale Färbung der Gedichte, aber zugleich doch in so inniger Verknüpfung mit allen ästhetischen Anforderungen, dass er sich an rein ethnographischen, allein die Neugier nach unbekannten Thatsachen befriedigenden Darstellungen gewisslich nicht hätte genügen lassen. Die Werke Leopold Komperts mögen nun nichts zu wünschen übrig lassen an sonderlich localer Färbung und mit Ausnahme einiger weniger Erzählungen, die sich unter den „Verstreuten Geschichten" befinden, („Der erste Meridian" : „Ohne Selbstlaut"; „Die deutsche Gräfin in Ungarn"; Bacchantin"; und die zwar jüdische, aber doch nicht ghettojüdische Skizze: „Der kleine Spieler") sind sie allesanunt einem und demselbigen Milieu, dem des böhmischen Ghettos,* **)') entnvmmell. Aber wenn man sie nicht ansehen will als ethnographische, journalistische Darstellungen, sondern als Dichtungen, so mögen sich doch auch ästhetrsche Bedenken aufdrüngen, welche zugleich die künstlerische Persönlichkeit des Autors zu umzeichnen vermöchten. Wir empfinden es mit einem unbehaglichen Gefühl, dass diese Erzählungen eigentlich niemals in das Herz des dargestellten Milieus hineinführen und mit seinem lebendigen Schlage verbunden bleiben. Soll z. B. die Börse in einem besonderen Werke dichterisch dargestellt werden, so kann gefordert werden, dass die Charaktere und die Handlung so erfunden seien, dass sie der Börse innerstes Wesen mühelos und wie zufällig bloßlegen. Aber dieser Forderung Erfüllung setzt vornehmlich eine feine, stille Psychologie voraus; und diese Ghettoerzählungen sind in einem so lauten, ja leidenschaftlichen, zumeist entrüsteten und zornigen Tone geschrieben, über dem Milieu-Untergrunde so sensationell effectvoll znrechtgezimmert, *) Siehe Nr. 47. **) Dieses „stille" böhmische Ghetto ist nicht gar sehr verschieden von den anderen und so mag es nicht verwunderlich sein, dass wir den mannigfaltigsten Parallelen zu den Darstellungen anderer Ghettodichter begegnen. Der Kreis der Motive und Begriffe ist doch ein sehr begrenzter in dieser kleinen Welt: „Das Verdienst der Vorfahren" solle ihnen beistehen, hinterlässt eine sterbende Mutter den Kindern („Die Augen der Mutter"), wie in Bernsteins „Vögele der Maggid", und in derselben Erzählung werden wir durch einen anonymen Brief, der vor den: Hochzeitstage eintrifft, sogar an Hirschfelds „Agnes Jordan" erinnert; die blinde Veile Oberländer in „Zwischen den Ruinen" erinnert an die blinde Malkoh in Bernsteins „Älendel Gibbor". Und an unsere allgemeine Kenntnis des Ghettolebens werden wir gemahnt, wenn wir in der „Seelenfängerin" vernehmen, wie sehr in den Gaffen des böhmischen Ghettos Stolz und Ueberhebüng des Einzelnen schmerzlich und unerträglich als ein Stachel im Fleische des Gemeinwesens empfunden werden. dass man in diesem letzteren Sinne Kompert gar wohl mit Sardvu oder noch prägnanter mit Sudermann vergleichen könnte; wie es zumal charakteristisch sein mag, dass, wenn einmal (im „Karfunkel") die höchsten Weihen und Schauer künstlerischer Größe ausgegossen werden sollen, — Meyerbeer präsentiert wird. Seine Gewalt über den Leser beruht einzig auf dem fortreißenden Effecte einer spannenden Handlung und für ihn ist es gefährlich, die Erzählung durch Reflexionen zu unterbrechen. Hier ist es schwer, das' Wort „Journalist" im Busen zu bewahren und thatsächlich ist es Kompert bereits als Student gewesen und später wieder zur Journalistik zurückgekehrt. Mit einem dergestalt unruhig theatralischen, effectvollen Aufbau der Handlung kann sich zwar nicht eine echt künstlerische, strlle Psychologie verbinden. Der lauteste Takt der Erzählung kann sie nicht ersetzen, den Ring der Nothwendigkeit alles dessen, was geschieht, und stärker als die drastischeste Darstellung wirkt etwa die feine, stille, Psychologie von Jakobseus „Frau Fönß". Aber die Tendenz kann sich verbinden mit dem Theatralischen; wie bei Dumas Fils. Ja, bei Kompert wendet sie sich nach den mannigfachsten Richtungen. Sie wendet sich gegen jüdischen Fanatismus in der „Seelenfängerin". Ein wohlhabender, ja reicher Mann hat sich als ein „Aufgeklärter" von der frommen Gemeinde ganz abgesondert. Er hat sich ein stattliches Haus gebaut von acht Fenstern Front, das als ein Palast erschien, wenn man es mit seinen dürftigen, gleichsam schief gewickelten Nachbarn verglich. Da er zwei Kinder hat, darunter einen gar schönen Knaben, so trotzt er dem stillen Hasse der Judengemeinde recht leicht, obwohl seine Gattin diese stolze Isolierung nicht ganz billigen kann und heimlich es nicht verwindet, dass sie ihren Kindern keine „jüdische" Mutter sein dürfe. Aber als er der Frau zuliebe von seinen „Grundsätzen" abweicht und dm Knaben „Barrnizwa werden", in der Schule „aufrufen" lässt, wendet sich so roher Hass der Gemeinde, Zischeln und Kichern gegen den zarten Knaben, dass er schwer erkrankt infolge der bestandenen Aufregung und dahinstirbt. Und nun, da er sich in Trotz und Bitterkeit erst recht nicht den gebundenen dumpfen Vorschriften des Ceremonialgesetzes fügen will, z. B. vor Ablauf des Trauerjahres des Knaben Grab besucht und einen Rosenstrauch einpflanzt, wendet sich gegen ihn der eingeschränkte Fanatismus ungeheuerlicherweise auch in seinem Weibe und so groß wird ihr Hass, dass sie ihn fortziehen lässt und ihm niuunermehr folgen will. ----- In „Christian und Lea". Das Weck eines Gemeindedieners findet, während sie sich vor einer plötzlich eingebrochenen Ueberschwemmung retten, das Kind eines christlichen Schusters hilflos vor und dem sicheren Tode ausgesetzt und rettet es, und ihr Mann muss ihr auf die Thora schwören, dass sie diesem Knaben, den sie da an ihrer Brust liegen habe, eine Mutter sein dürfe und er ihm ein Vater sein wolle und ihr nicht dreinreden würde, wenn sie da- Kind wie ihr eigenes aufziehe. Wer bald regt sich jüdische Unduldsamkeit. Ihre Babe Breindel macht ihr Vorhaltungen wegen des adoptierten Kindes. „Ich Hab' gehört", fuhr sie fort, „das Kind, was Du bei Dir ausgenommen hast, hat einen Namen . . . Möchtest Du mir nicht sagen, wie das Jüngel heißt?" „Christian heißt er", sagte Sarah unsicher. „Und Du willst das Kind ansehen wie eine Mutter?" „Ja, Babe!" sagte Sarah tonlos. Da stand Breindel auf. Ihr blasses, schmales Angesicht hatte einen merkwürdigen Ausdruck in diesem Augenblicke; vielleicht hätte selbst ein herzhafter Mann ihm nicht standgehalten. Lang und hager, wie sie war, gestaltete sie sich jetzt noch um eine Kopfeslänge höher. Dabei spielte es um ihre Mundwinkel wie funkelnde Messerklingen. „So lang als unsere Familie in der Welt existiert, ist der Name in unseren Stuben nicht gehört .worden", sagte sie . . . „Weißt Du noch, nach wem Dein eigenes Kind, die kleine Lea, Hecht? Vielleicht hast Du es schon vergessen."

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