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Die Welt · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Article
Algier
Date
1899-01-06
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 jföfrlMK Nr. 1 Algier. Algier, 30. December 1808. Der neue Präfect von Algier, Lutand, vor dem die Antisemiten großen Respeet empfinden, ist am Dienstag in seiner neuen Residenz Mit dem Paketboote „Marvchal Bugeaud" eingetroffen. Er wurde von den Behörde^ in üblicher Weise empfangen, ohne dass es seitens der wenigen Neugierigen, die sich am Landungsplätze eingefunden hatten, zü der geringsten Kundgebung kam. Die Journale hattest allerdings auch keine Anzeige von seiner Ankunft gebracht. Der Deputierte T h o m s o n hielt in einer großen Versammlung in B o n e, zu der sich mehr als HOÖ Personen eingefunden hatten, darunter auch mehrere hervorragend^ Eingeborene, einen Vortrag über die jüngsten parlamentarischen Ereignisse bezüglich Algeriens. Er führte aus, dass die Rede des Conseils-Präsidenten und das Votum der Kammer bei der Interpellation Drumont formelle Verurtheilungen des Antisemitismus bilden. Damit werde endlich die Politik der fruchtlosen Aufregungen, des Hasses und der Gewaltthaten, die schon so viel Unglück über Algerien gebracht hat, ein Ende erreichen. Diö Rede rief allgemeinen Beifall hervor. : England. London. Eine höchst beachtenswerte Anregung geht voll unserem unermüdlichen Führer Dr. Ga st er aus. In einem) vom „Jewish World“ veröffentlichten Artikel fordert er die zionistischen Ortspruppen auf, zionistische Bibliotheken anzulegen. Die Heranwachsende Generation sowohl, als die im Kampfe des Tages stehende mit der entsprechenden geistigen Nahrung zu versorgen, ist mit eine Garantie für die Dauerhaftigkeit unserer Agitationserfolge. Die Auswahl der Bücher muss sich nach den örtlichen Verhältnissen richten. Gleichwohl lässt sich ein gewisser Bestand angeben, der nirgends fehlen darf. Dazu gehören vor allem die Werke unserer alten Literatur, neben denen, in die Civilisation unserer Zeit einführend, die Erzeugnissedes modernen Geistes einträchtig Platz finden werden. Selbstverständlich ist die Ausnahme von Arbeiten, die über den einstigen . und jetzigen Zustand Palästinas orientieren. Die Anregung Dr. Güsters wird hoffentlich Beachtung finden und segensreich wirken. London, 3. Jänner. Die Daily News melden, englische Detectives hätten den Befehl erhalten, Zola zu verhaften; danach scheint ein Auslieferungsantrag gegen ihn vorzuliegen. Afrika. Springs (Transvaal). Eine sehr rege Thätigkeit entfaltet die „T r a n s v a a l Z i o n i st Association" in der Verbreitung des zionistischen Gedankens durch das ganze Land. Die schnellen Erfolge, womit - die Zionspropaganda bei uns belohnt wird, finden in zwei Gründen ihre Erklärung. E r st e n s sind wir logisch genug, um vorauszusetzen, dass der Antisemitismus, der sich bisher als unwiderstehlicher Weltreisender erwiesen, nicht gerade vor unserem Lande halt machen werde. Ja, manch schärferes Gehör hat sogar schon das erste Rollen anziehender Gewitterstürme wahrnehmen wollen. Wenn wir auch noch weit entfert von dem Schicksal unserer Brüder in Osteuropa sind, so dient doch unsere Vorsicht dazu, uns mit lebhafterem Erbarmen zu erfüllen. Zweitens ist das Staatswesen, in dem wir leben, noch nicht sehr alt. Ein jüdisch-autonomes Gemeinwesen auf dem Boden unserer einstigen Heimat erscheint ' uns nicht, wie manchem überklugen Juden Europas, als mit Gelächter abzuthuende Utopie. Lebes und schaffen wir doch vielfach inmitten socialer Verhältnisse, die wir mit eigenen Augen haben entstehen und wachsen gesehen. Uns erscheinen vielmehr die Declamationen über den .organischen" Staat, von denen wir mit vielem Staunen Kenntnis genommen, als utopisches Gerede. Kämen nur die Schwätzer zu uns herüber! Wir würden sie zu Städten hin-» führen, die durch Willen, Bedürfnis und Arbeit energischer Menscheil in wenigen Wochen aus der Erde gewachsen, heute schon znm mindesten so „organisch" sind, wie jene angenehmen, uralten Aufenthaltsstätten, wo die Ueberzeugungen in Form faustgroßer Steine durch die Luft fliegen. Worauf es hauptsächlich ankommt, ist, dass darbende, verfolgte Menschen muthig streben und dass Die Strebenden sich vereinigen. Darum hat unsere „Transvaal Zionist Association" vollkommen Recht, wenn sie das Schwergewicht ihrer Thätigkeit in die Agitation setzt. Ihr letzter Erfolg in dieser Richtung war die G r ü n d u u g eines Zweigvereines in unserer kleinen, freundlichen Stadt. Zu diesem Zwecke war Dr. I. Hertz, begleitet von Herrn Dirmeik und dem Secretär der „T. Z. A.", Herrn S. Lennox Loewe, herübergekommen. Dr. Hertz begründete in ausführlicher Rede den zionistischen Standpunkt und betonte insbesondere, dass das ganze jüdische Volk eine Gemeinbürgschaft bilde, auf Grund deren jedes Glied für das andere, wenn auch noch so weit entfernte Glied haftbar und verantwortlich sei. Der Redner erzielte einen mächtigen Eindruck und erntete für seine Ausführungen stürmischen Beifall. Nach Beendigung des Meetings machte Herr Loewe die Anwesenden auf das Arbeitsamt des „Jewish Working Men's Club" aufmerksam für alle Fälle, wo sie Arbeit zu vergeben hätten. Die Wichtigkeit einer solchen Centralstelle wurde von der Versammlung einmüthig anerkannt. — Der Vorstand des neuen Vereines setzt sich in folgender Weise zusammen: Präsident, R. Alexander; Bicepräsident, S. W i l s o n; Cassier A. Klagsburn; Secretär, H. Land a u. Amerika. New - Jork. (New-Iorker Chronik.) Pie Vundeslade macht in unseren Tagen weite Reisen. Wir haben sehr interessante Berichte über gottesdienstliche Verunstaltungen während der letzten hohen Feiertage erhalten, aus denen hervorgeht, an wieweit voneinander entfernten Punkten per bewohnten Erde Juden zu ihrem Gotte beten. In D a w s o n City, im Klondykeland, unterbrachen die Goldsucher ihre gewinnreiche Arbeit für so lange, um in echter Frömmigkeit die Feiertage zu begehen. In Honolulu, der Hauptstadt per hawaiischen Inseln, dem jüngsten Landzuwachs der Vereinigten Staaten, veranlasste ein junger Jude aus San Francisco eine Anzahl jüdischer Genossen, die auf der Insel leben, einen gemeinschaftlichen Gottesdienst zu veranstalten und einen religiösen Verband zu gründen. Am allerinteressäntesten ist aber der Bericht über den Feiertags-Gottesdienst, der von amerikanischen Soldaten in Manila, auf den Philippinen, abgehalten wurde. AmNeujahrstage kamin Ermanglung eines Schofar — ein Armeesignalhorn zur Ver- Wendung! Am Vorabende des Verföhnungstages wurde der Gottesdienst durch den Donner der Kanonen eingeleitet. Am folgenden Tage hielt ein katholischer Priester, Reverend Francis B. Doherty, Caplan. des Regimentes, zu dem die Mehrheit der am Gottesdienste theilnehmenden Soldaten gehörte, nach Beendigung des Mincha eine Predigt, von deren Schönheit und tröstender Kraft die Hörer nicht genug erzählen können. Unter anderem sagte Father Doherty: „Als Katholik und als Priester in der Art Mclchisedeks,. als Mitglied einer Kirche, die auf den Wahrheiten der biblischen Gesetze und der Verkündigungen der Propheten beruht, fteut es mich, zu Ihnen zu sprechen. Sie gehören der größten und ältesten Rasse derMerhschheit an, einer überallhin verstreuten Rasse, die aller Verfolgungen spottend, bis auf den heuiigen Tag in wunderbarer Kraft und Ungebrochenheit dasteht. Es freut mich zu sehen, dass die Juden, die cyr diesem Feldzüge theilnehmen, Wert darauf legen, durch ihre Haltung sich als loyale, patriotische Bürger Amerikas zu erweisen, zu zeigen, dass ihr Glaube ein treuer Führer zu allen Pflichten der Gegenwart ist, und dass die Rasse, rvel«^ in der Vergangenheit so herrliche Krieger wie Josua, David, Juda Makkabi erzeugte, nichts eingebüßt hat von ihrem Prestige, obwohl sie viele Jahrhunderte lang jeder kriegerischen Thätigkeit ferne blieb".

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