Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Article
- Brünn
- Date
- 1899-01-06
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 JPIe&Wdt Seite 11 Das gesellige und gesellschaftliche Moment fördern die täglichen Zusammenkünfte im Lesesaal und die zeitweisen Unterhaltungsurid Festabende des Vereines. Mehr als andere hat der Handelsangestellte nach der beruflichen Arbeit des Tages das Bedürfnis nach geistiger Arbeit. Für diese Ausbildung und weitere geistige Vervollkommnung ihrer Mitglieder hat die „Emunah" in hervorragender Weise gesorgt. Neben t^er Lesehalle, die den Mitgliedern jederzeit eine Reihe bedeutender Journale und Zeitschriften zur Verfügung stellt, hat der Verein eine Bibliothek begründet, die er in würdiger und zweckentsprechender Weise zu vervollständigen gedenkt. Regelmäßige Vortragsabende sollen dem jüdischen Handelsangestellten auf dem Gebiete der Literatur, der Wissenschaft, der Kunst und der Politik Aufklärung verschaffen. Bestrebt, dem geistigen und beruflichen Interesse der Mitglieder zu dienen, hat die „Emunah" S a m m e l - Unt errichtscurfe in der französischen und englischen Sprache, in Buchhaltung und Stenographie errichtet und tüchtige Lehrkräfte für den Unterricht herangezogen. Ein besonderes Augenmerk wendet die „Emunah" naturgemäß den wirtschaftlichen Bedürfnissen ihrer Mitglieder im besonderen, der jüdischen Handelsangestellten im allgemeinen zu. In allen Standesfragen vertritt der Verein die Interessen der jüdischen Handelsangestellten als Angestellte und als Juden mit größter Energie. Für überaus wichtig in dieser Beziehung hält die „Emunah" eine rasche und zweckentsprechende Stellenvermittlung. Die „Emunah" hat darum ein Stellenvermittlungs-Bureau etabliert. Das Bureau, das den jüdischen Handelsange st ellten innerhalb und außerhalb des Vereines offen steht, dient nicht nur den Stellensuchenden, sondern auch den Geschäftshäusern . . . Neben dem Stellenvermittlungs-Bureau wird eine Einrichtung vorbereitet, die zu dessen Vervollständigung dienen soll, ein Fonds zur Unter st ützung von condition s- und mittellosen jüdischen Handelsangestellten, so lange sie nicht durck das Stellenvermittlungs-Bureau Beschäftigung und Erwerb gefunden haben. Die Gründung der „Emunah" war für die jüdischen Handelsangestellten ein Bedürfnis. Was sie lange vergeblich suchten, was sie dringend brauchen, das haben sie nun: Ein Seim, wo sie brüderliche Freundschaft, geistige und berufliche örderung und wirtschaftliche Unterstützung finden, wo sie ihren Eollegen und sich selbst zu helfen in der Lage sind, ein j ü d isch e s H eim, wo sie der Ehre ihres Volles dienen und an der Linderung jüdischer Noth Mitarbeiten können. Die Gründung der „Emunah" war ein Bedürfnis, eine Wohlthat für die jüdischen Handelsangestellten in Brünn. Nichts kann das besser beweisen als die Thatsache, dass der Verein schon jetzt — kurze Zeit nach der. Gründung — beinahe das zweite Hundert seiner Mitglieder erreicht hat . . . D e r A u s s ch u s s. Glasgow, 5. December. Dank den großen Bemühungen unseres Herrn E. Echoen feld ist es gelungen, auch in unserer Stadt eine sehr zahlreich besuchte zionistische Versammlung zu veranstalten und einen Verein zu gründen, welcher sich „The Glasgow Zionist Association“ nennt. Die Statuten des Vereines sind nach den Grundsätzen des Baseler Programmes abgefasst. Eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern trat sofort dem Vereine bei und es ist alle Aussicht vorhanden, dass der Verein großen Erfolg haben wird. Die folgenden Herren wurden in den Vorstand gewählt: Hon. Präsident Mr. E. Schoenfeld, Hon. Vieepräsidenten : Rabbi Shyne, Rev. Bridge, Rev. C a n t o r und Rev. W i n e st o n e; Hon. Treasurer Mr. L. Greenberg; Hon. Secretary Mr. Harry Baker. Als Comitemitglieder sind ernannt worden die'Herren: A. August, M. Black, Percy P. Baker, S. D. East er man, H. F i n k e l st e i n, C. Goldberg, B. Glaser, M. K l em a n s k y, Jos. S h u r, H. S ch r a g o w i tz, H a r r i s W i n est o n e und Ph. Wolfs o h n. g Bialystok, Der zionistische Gedanke macht hier immer größere Fortschritte. Die Zahl seiner Anhänger hat seit dem zweiten Congresse bedeutend zugenommen, und zwar aus Kreisen, wo man bis vor kurzem vom Zionismus nichts wissen wollte. Der hiesige Verein miethete das Haus, welches der selige Rabbiner Mohilewer bewohnt hatte; dieses führt nunmehr den Namen „Beth-Samucl" und bildet den Zusammenkunftsort aller Zionisten, wo mehrmals wöchentlich über Zionismus gesprochen und discutiert wird. — Der Tag, an welchem die Blätter vom Empfange Dr. Herzls bei Kaiser Wilhelm Nachricht brachten, wurde hier von vielen als Festtag betrachtet. — Die in Basel von Doctor Bodenheime r gehaltene Rede über die jüdische Eolonialbank würde ins Hebräische übersetzt und vom Bankcomitemitgliede Herrn G. Lourie an alle jüdischen Bankhäuser des Landes in einer großen Anzahl von Exemplaren versendet. Der den Lesern der „Welt" bekannte Dr. E h a s a n o w itz ist in seiner idealen Begeisterung für die Rationalbiblivthek in Jerusalem eifrig thätig und bat bereits eine weitere Sendung von mehreren tausend Werken in Bereitschaft, die demnächst ihrer Bestimmung zugeführt werden soll. Außer Büchern sammelt Herr Dr. Chasanowitz auch Bilder und Porträts, die als Grundlage für ein zu gründendes Museum dienen sollen. Eh. 9t. Melnik. P (forrrlpimknsri!. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die „Arbeiterzeitung" benützt wieder einmal den Strike der Kolemeaer Tallesweber, um über die Zionisten herzufalleu. Die Ausbeuter werden kurzer Hand als Zionisten hingestellt und daraus der Schluss auf die Arbeiterseindlichkeit des Zionismus gezogen. Diese verallgemeinernde Methode ist allemal verdächtig, irgend eine Gemeinheit dessen zu verdecken, der sie anwendet. Angenommen sogar, dass irgendwo in der Welt Schekelzabler ihren Arbeitern gegenüber sich ausbeuterisch verhalten, — sind deshalb alle Zionisten arbeiterfeindlich? Ist die Socialdemokratie deshalb eine Partei der „Meister", weil einige empvrgekommene Gesellen, die einst Mitglieder von Partei-Fachorganisationen gewesen, ihre Lehrlinge ebenso behandeln, wie sie selber in ihrer socialdemokratischen Jugend behandelt worden sind? Da es aber gilt, einer verhassten Partei etwas am Zeug zu flicken, so vergisst das edle Blatt die einfachsten Gebote der journalistischen Anständigkeit, für die es sonst nicht genug pathetische Töne zu finden weiß, und beutet die Ausgebeuteten seinerseits für die Parteisache ans. Bleibt noch die Frage offen, welchen Erfolg diese durchsichtige Taktik haben wirb. Wir glauben, das Organ jener Partei, deren Führer nur dann ihre Nationalität vergessen, wenn sie zufälligerweise Juden sind, verrechnet sich in diesem Falle. Die jüdischen Arbeiter werden schließlich einsehen, dass der Zionismus, den eine Schöpfung zugunsten der jüdischen A r m u t zu nennen man so viel Recht hat, dass man ihn den j ii d i s ch e n S o c i a l i s m u s heißen könnte, für sie das einzige legitime Mittel ist, ihre Lage zu verbessern, ohne zugleich ihr Volk zu verrathen. B. F—s. Frankreich. Paris, SO. December 1898. Dem „New-Zork Herald" ist eine chiffrierte Depesche aus Guyana zugekommen, welche das Gerücht verzeichnet, dass Dreyfus an: i. b. M. an Bord eines für den Dienst der Sträflinge bestimmten Staatsdampfers eingeschifft worden sei. Die „Volonte" will wissen, dass der Eassationshof das geheime Dossier noch nicht bekommen habe, dass aber die Uebergnbe desselben unmittelbar bevorstehe. Das „Echo de Paris" behauptet dagegen, dass Capitän Euignet gestern mit seinen Aufklärungen über die ersten geheimen Schriftstücke, die dem Eassationshose übergeben worden waren, begonnen habe. Das Blatt fügt hinzu, Cavaignac werde neuerdings einvernonnnen werden;'in seiner ersten Aussage habe er sich darauf beschränkt, die Gründe für seine Ueberzeugnng von der Schuld Dreyfus' darzulegen, da er die Verantwortung nicht arck sich nehmen wollte, den Inhalt des geheimen Dossiers bekanntzumachen, bevor dies seitens der Regierung verfügt worden sei. . Paris, SO. December 1898 Die Meldung des „New-Iork Herald", Dreyfus wäre am 4. December 1898 nach Frankreich eingeschifft worden, wird vom Colonienminister mit der Bemerkung dementiert, dass die Rückkehr Dreyfus' nur auf amtliches Verlangen des Eassationshofes erfolgen dürfe. Wenn der Cassationshof sich entschließt, ein diesbezügliches Verlangen zu stellen, wird das Publicum von diesem Beschlüsse früher als die Behörden in Cayenne in Kenntnis gesetzt werden. Paris, SO. December 1898. Einer Meldung des „Temps" zufolge übersendete der Cassationshof dem Cayenner Gericht telegraphisch eine Reihe von Fragen, welche Dreyfus durch den dortigen Untersuchungsrichter vorgelegt werden sollen. Die Freunde des Deportierten verhehlen nicht, dass ein solches Verhör mit Schwierigkeiten verbunden sein dürfte und sogar zu Missverständnissen führen könnte, weil Dreyfus geistig stark heruntergekommen sei, wie seine letzten Briefe genugsam vermuthen lassen.