Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Article
- Das Befinden des Dreyfus
- Date
- 1899-01-06
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 .JWOrtWC Seite 9 Mornard seine Sache fuhrt und unter Anwendung aller legalen Mittel seine Rehabilitierung zu erlangen sucht. Möglich, dass das Wiedererwachen der Hoffnung bei ihm eine Neubelebung seiner psychischen und physischen Kraft zur Folge hat, hieß es doch seinerzeit, dass er in einem durch den Generalgouverneur von Cayenne nach Paris übermittelten Telegramme feiner Frau und seiner Familie versichert habe, er sei mit ihnen glücklich über die anscheinende Wendung seines Geschickes. Es fragt sich nur, ob diese kurze Mittheilung seiner eigenen Initiative entstammt, oder ob sie ihm in die Feder bicttert worden ist Die officiellen Berichte, die sein körperliches und geistiges Wohlbefinden gemeldet hatten, dürfen doch nicht zu schnell Lügen gestraft werden. Der Capitalist Henry. Dem „Voltaire" zufolge wurde festgestellt, dass Oberstlieutenant Henry sich mit einer bedeutenden Summe an einer Fahrradfabrik becheiligt hat. Enrile Zola vollendet in London sein neuestes Buch „La feconchte“ („Die Fruchtbarkeit"). - Das Geständnis des Dreyfus. Casimir P e r i e r erklärte dem Cassationshofe, dass er während seiner Präsidentschaft niemals etwas von einem Geständnis Dreyfus gehört habe. Bier Tage Stubenarrest. Es sind etwa dreißig Officiere von Kriegsminister - F r e y c i n e t mit je 4 Tagen Stubenarrest bestraft worden, weil sie an die „Libre Parole" Geldbeträge für Frau Henry mit allzu offenherzigen Begleitworten geschickt hatten. Ein neuer dreyfusfeindlicher Bund. Die Patriotenliga hielt am 29. December abends in Paris eine Generalversammlung ab, au der 4000 Personen theilnahmen. Zahlreiche Redner betonten die Nothwendigkeit, angesichts der durch die Dreyfnsangelegenheit geschaffenen Lage eine neue Patriotenliga zu bilden. Die Statuten der neuen Liga wurden genehmigt und Deroulede zum Präsidenten gewählt. Der heruntergekommene Uhlane. Ein Mitarbeiter, der Brüsseler „Reforme" hatte in Rotterdam eine Unterrednng mit dem Major Esterhazy, welcher angesichts der Ergebnisse der Untersuchung des Cassationshofes völlig entmuthigt erscheint. Esterhazy erklärte du Paty de Clarn für den größten Schurken, welcher den ganzen Schwindel in Scene gesetzt; er drohte Rache für die ihm widerfahrene Behandlung feiten» des Generalstabs. Der Mitarbeiter der „Reforme" coustatiert, dass Esterhazy völlig heruntergekommen sei und in großem Elend lebe. Wo er erkannt wird, ist sein Verbleiben unmöglich, weil die Bevölkerung ihm feindlich gesinnt ist. Auf der Flucht. Ueber Zolas Flucht erzählt der Pariser Eorrespondent der „Times" folgendes: Zola war von dem Hause eines in der Nähe des Are de Triomphe wohnenden Freundes in einem Coupe nach Versailles gefahren. Nach seiner Verurtheilung gab er auf Laboris Anordnung mit lauter Stimme den Befehl, ihn nach Medan zu fahren. Unterwegs gab er jedoch den Gegenbefehl, ihn nach der Porte Dauphine zu bringen. Dort nahm er einen Fiaker, fuhr zu seinen Freunden nach dem Are de Triomphe zurück, wo Cl^menceau und seine Gattin ihn erwarteten. Hier wurde die Flucht nach England verabredet. Zola sträubte ssch anfangs, ließ sich aber schließlich überreden. Schließlich gab Zola den Bitten Laboris und seiner Frau nach. Letztere eilte, einige Wäsche für ihn zu besorgen, nach Hause, kam in ihrer Verwirrung aber nur mit einem Nachthemde zurück. Zola, der kein Wort englisch konnte, wurde ein Zettel mitgegeben, auf welchem deutlich „Charing Cross Station" stand. Nach der Abreise Zolas kehrte Frau Zola nach Hause zurück, schloss sich in ihr Zimmer ein und lies; sich von niemand sprechen. Hierdurch wurden die Detectivs uud Reporter auf eine falsche Fährte gebracht. Zola traf in Charing Cross morgens ein. Mit Hilfe englischer Polizisten wurde der reichlich mit Mitteln, die in der Kleidung eingenäht waren, ausgestattete Flüchtling an die richtige Station gebracht, von wo aus er ein Dorf an der Birmingham- Linie erreichte. Hier stieg er im Wirtshause ab, wurde von der zwölfjährigen Tochter, die ein Bild Zolas in einer illustrierten Zeitung gesehen hatte, erkannt. Der Vater des Mädchens hatte Geistesgegenwart genug, dem Kinde zu sagen, es müsse sich irren. Keinesfalls dürfe sie weiter darüber sprechen. Das Kind schwieg sechs Wochen lang, bis Zola nach Middlesex ging. Zola hielt sich an fünf verschiedenen Orten auf. und wurde bei seinen Reisen vom Geistlichen seines ersten Aufenthaltes, dessen Bekanntschaft er gemacht, unterstützt. Ueberall, wo Zola gewesen, hat inan die größte Discretion beobachtet. Inzwischen beschäftigte sich Zola eingehend mit Englisch, das er jetzt fließend liest; er ist voller Bewunderung für die in England gefundene Aufnahme. P Wkltchmik. Max Nordau wird in Wien am 25. Jänner im Musikvereinssaal über „Strömungen des Judenthums" sprechen. Vormerkungen auf Sitze ä 3 fl., 2 fl. und 1 fl. werden tu der Administration der „Welt" eritgegengenommen. Am 26. Jänner wird Bernard La za re, der bekannte Vorkämpfer für die Sache der Wahrheit in Frankreich, einen Vortrag „II faut etre juü“ in französischer Sprache halten. Ein Geschenk des Sultans. Die im Berliner Kunstgewerbemuseum ausgestellten Geschenke des Sultans an das deutsche Kaiserpaar erregen die allgemeine Aufmerksamkeit in hohem Grade. Bor allem der Riesenteppich, seine Größe und Herstellungsart. Der Teppich ist in der großherrlichen Fabrik von Hereke gefertigt und war in directer Bestimmung für das königliche Schloss in Berlin. Die Technik ist die Knüpfarbeit, in welcher jeder Farbenfleck aus einem dicken Wollenfaden besteht, welcher mit der Hand in den Grund 'eingeknüpft wird, so dass die beiden Knotenende als Büschel in die Höhd stehen Um dies herzustellen, werden Schnüre aus festem Garne als Kettenfäden senkrecht anfgespannt. .Für diesen Teppich mussten auf die Breite von H>-70 Meter nicht weniger als 6848 Kettenfäden nebeneinander gelegt werden, je zwei derselben sind durch einen Knoten vereinigt. Vor dieser Kette kauern, dicht aneinandergedrängt, die arbeitenden Mädchen. Sobald eine Reihe von Knoten, hier also 3424, fertig ist, werden Schussfäden aus festem Garn durch die ganze Breite geworfen und festgeschlagen, dann kommt die nächste Reihe der Knoten und so weiter bis zur Vollendung. Bei diesem Teppich sind in der Länge nicht weniger als A2&2 Knoten. Es ist ohneweiters klar, dass, wenn Die Reihen gleichmäßig werden sollen, die höchste Gleichmäßigkeit in Material und Arbeit unerlässlich ist. Um hier das richtige Verhältnis in der Dicke der Fäden, Schussfäden, Kettenfäden und Wollsäden zu finden, bedarf es der sichersten Beherrschung des Materials und strengster Schulung der Arbeiterinnen, bei unablässiger Controle, sonst wird der Teppich schief im Muster und wirfc Falten. In diesem Riesenstück sind 14,593.088 Mollknoten, von denen also über 29 Millionen Fadenenden, in die Höhe stehend, das Muster bilden, und dabei ist das Ganze von untadelhafter Genauigkeit jeder Linie in Länge und Breite. Die Juden in Amerika. In einem Specialact vom Jänner 1726 wird zum erstenmale eines jüdischen Einwohners von Philadelphia Erwähnung gethan. Sein Name, A nt old Bamburger, weist auf deutschen Ursprung. Bereits 1747 finden sich Spuren einer religiösen Congregation. Treue Bürger ihrer Adoptivheimat, haben sodann die Juden von Philadelphia in der Geschichte dieser Stadt stets eine bedeutende Rolle gespielt. Das Recht der Cohaniw. Der „Münchener Allg. Ztg." wird geschrieben: Der bestellte Vertreter der Londoner Jndenschast, b:r sogenannte „Jewisli Board ol Dopntios“, hat beschlossen, energisch darauf zu dringen, dass die religiösen Bedenken der Nachkommen des Hohenpriesters Ahron. der Cvhanink, auch vom Staate Anerkennung fänden. In Zukunft nird ein englischer Cohen, denk Rathe des „Amtes der Deputierten" folgend, sich weigern, einer Letchenbeschaucr-Untersuchnng beizuw >h ren. und ein Zeugnis des Oberrabdi: ers vvrlegen. Dass er den Gesetzen seiner Rrltgwn dabei folge. Sollte der Leichenbcschauer ihm trotzdem eine Buße auferlegeu, so wird er die Zahlung verweigern. Das Amt wird ihn auch d.rin unterstützen und die etwa entslehcuden weiteren Proeesskosten tragen. Das neueste antisemitische Theater. Dem „B. B. E." wird aus Wien gemeldet: Die Antisemiten agilieieu, tuie es scheint mit Aussicht auf Erfolg, für einen neuen Theaterbatt im Bezirke Landstraße, da den Antisemiten strengster Observanz das Jubiläumstheater nicht jndenfeindlich genug ist. Das neue Theater würde hauptsächlich die antisemitische Propaganda von der Bühne herab ztt fördern berufen sein. Zweikampf. Der aus Algerien in Paris eingetroffene Redacteurdes j-Anlijuil*4 und suspendierte, beziehungsweise