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Die Welt · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Article
Der neue Zeitabschnitt
Date
1899-01-06
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 Aber mit jeder Concession der Besitzenden wurden die Massen erbitterter, denn mit der wachsenden Aufklärung begannen sie erst recht das Unselige ihrer Lage zu empfinden. Die nationale Macht mit ihrer Begünstigung des Großhandels und die technischen Fortschritte trugen nur dazu bei, hier großes Vermögen zu schaffen, dort den Kleinbürgerstand zu proletarisieren. So schwand allmählich die Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse und mit der Hoffnung die Willenskraft. Man wundere sich nicht, dass Kunst und Literatur verfallen, wir keine Dichter, Maler und Baumeister haben, dass in den Kunstwerken öde Originalitätshascherei die schlichte, einfache Größe verdrängt. Ein innerlich zerrissener, halber Mensch kann wohl die Satire pflegen und ein hübsches Stimmungsgedicht machen, er kann phantastische Figuren zeichnen und unmögliche Farbenwirkungen componieren, aber er kann kein großes monumentales Kunstwerk schaffen. Das kann nur eine einheitliche, in sich abgeschlossene Persönlichkeit. Und diese Persönlichkeiten sind am Ende des 19. Jahrhunderts selten geworden! An diese Verhältnisse haben sich die Bewohner West- und Mitteleuropas allmählich so gewähnt, dass sie dem Zionismus ganz verständnislos gegenübertreten. Und vor allem die Juden Deutschlands, Frankreichs und Englands empfinden unsere Bewegung wie eine Art von unberechtigtem Vorwurf. Wie kann man ihnen, den halben, mit sich und der Umgebung hadernden Menschen, Thaten zumuthen! Wie kann man von ihnen die Mitarbeit am nationalen Gedanken verlangen, da doch die einfachste Betrachtung lehrt, dass auch nationale Errungenschaften ein Volk nicht glücklich und zufrieden machen. Darum erregt man sich gegen die „zionistischen Schwärmer" in einer Weise, die höchst ehrenvoll für uns ist und beweist, dass wir auf dem richtigen Wege sind. Zunächst wollen wir doch etwas mehr, als zu den bestehenden 200 oder 300 Nationen noch ein Völkchen am Libanon schaffen. Wären wir, etwa wie die Franzosen, von einem blöden Exclusivitätsgedanken beseelt, der in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eitle Selbstberäucherung, —man würde uns mit Recht schelten. Das, was wir wollen, hat mit dem landläufigen Begriff von Nationalismus blutwenig zu thun. Das Gemeinwesen, welches uns vorschwebt, soll beweisen, dass dem Judenthum wirklich noch eine Mission Vorbehalten blieb in der Weltgeschichte. Bei uns wird man die nationale Einheit nicht zur Aufstellung von Riesenarmeen, zur Stärkung von Großhandel und Großindustrie verwenden; man wird dort den niederen Classen nicht „Concessionen" machen, sondern man wird eine große, zielbewusste Socialpolitik treiben, wie unsere Bibel sie vorschreibt. Wir gehen in ein Land, das öde, aber dafür nicht mit dem Fluche feudalistischer Entwicklung belastet ist. Dort kann man einen gesunden Bauernstand schaffen, ohne dass Fidetcommisse, Grundrechte, Ritter-' güter hindernd, dazwischentreten. Dort kann man den Industriearbeiter wirksam schützen, denn das Unternehmerthum hat sich noch keine festbegründete Machtstellung errungen. Mehr aber als dies alles wird das Verhältnis bewirken, in dem Politik und Religion naturgemäß bei uns stehen werden. In einem jüdischen Gemeinwesen wird gewiss kein Pfaffenregiment herrschen, ist bei uns doch zeder sein eigener Priester. Aber Culturfortschrill und Politik einerseits, Religion andererseits werden sich nicht gegenseitig ausschließen, wie in den heutigen Culturstaaten. Eine jüdische Cultur ohne Religion ist ein Unding. Und unsere Religion ist auch, obwohl die älteste, die modernste, Vernunftgemäßeste, dogmenfreieste; sie wird die fortschreilende Aufklärung nicht hindern, sondern fördern. Führt man nur die Hälfte der socialen, hygienischen und sittlichen Forderungen der Bibel und des vielgeschmähten Talmud aus, so hat man einen Musterstaat geschaffen, von dem das alte Europa viel lernen könnte! Eine Religion aber, die so ins praktische Leben eingreift, verdient eine Rolle im Staatsleben zu spielen. Und weil wir sie als einen Theil unseres Lebens betrachten werden, wird bei uns auch nicht die Maltigkeit, der Lebensüberdrussdie innere Zerissenheit und Halbheit platzgreifen können, welche heute die Signatur deS öffentlichen Lebens bilden. Wer innerlich religiös ist, der betrachtet die Dinge von einem philosophischen Standpunkte, für ihn kann es nur augenblickliche Misserfolge und keine andauernde Decadence geben. Die plumpe Alltäglichkeit verliert ihre Schrecken im Gesichtswinkel des Ewigen, Unendlichen. Das ist der nationale Gedanke, wie wir ihn verstehen! Und weil wir unter seinem Einfluss stehen, sind wir keine halben, sondern ganze Menschen geworden, Männer, denen es eine Lust ist, gegen das widrige Schicksal zu ringen. Darum ist auch der Siegeszug des Zionismus unaufhaltsam. Wir kämpfen für eine große, positive Idee, und jene — für das kleine Interesse des Augenblicks. Bei einem solchen Kampfe kann es nicht zweifelhaft sein, wie die Würfel fallen. Die ganze Jugend, soweit sie mit unserem Gedanken bekannt geworden ist und überhaupt noch jüdisch empfindet, steht hinter uns. Denn sie fühlt instinctiv, dass wir ihr die große Idee geben können, deren sie bedarf, um nicht im entnervenden, betäubenden Gennssleben zu degenerieren. Bei uns ist alles gesund, lebensfreudig und siegesgewiss; drüben herrschen die Analytiker, die trägen, innerlich morschen Naturen. Mag man uns darum fchmähen, mag man das dahiusiechende Jahrhundert mit Rabbinerprotesten und Denunciationen würdig beschließen. Mit uns ist die Jugend und ihr gehört das neue Jahrhundert, dem wir entgegengehen. P Pc Woche. Wien, 4. Jänner 18M. Die Statistiker des New-Iorker Gesundheitsamtes haben eine sehr interessante Beobachtung gemacht, welche nicht verfehlt hat, unter den medicinischen Autoritäten das größte Aufsehen zu erregen. Das Gesundheitsamt hat einen auffallenden Zuwachs in der Zahl der männlichen Geburten während der letzten zwei Monate constatiert, und die amerikanischen Aerzte, welche diesem männlichen Plus auf den Grund gieiigen, sprachen sich dahin aus, dass die Ursache für die gesteigerten Knaben in der kriegerischen Stimmung der B e v ö l k e r u n g anlässlich des spanisch-amerikanischen Krieges zu suchen und zu finden sei. — Nach diesem statistischen, medicinischen und völkerpsychologischen Fingerzeig, den uns Amerika gegeben, wäre es nun eine gewiss höchst dankbare Aufgabe, auch in anderen Städten und Ländern, wo eine namhafte kriegerische Stimmung nachweisbar ist, die Geburtsmatrikel in obigem Sinne mit wissenschaftlichem Ernste zu prüfen. Dass man hiebei, dem Vorhandensein von Juden, die ja als wirksame Reizmittel zu kriegerischen Stimmungen von altersher bei den Völkern in Gebrauch standen, die entsprechende statistische Aufmerksamkeit zuwenden müsste, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Es liegt uns momentan kein verlässliches Ziffernmaterial über die Wiener Menschheit, die in den letzten Zeitläuften das Licht der Welt erblickt hat, vor, aber wenn man die ansehnliche kriegerische Stimmung bedenkt, welche seit Jahr und Tag in Wien heimisch ist, und wenn man zumal die Wiener antisemitische Frauenorganisation in den Kreis der Untersuchung mit cinbezieht, so ist eine rapide Häufung der jugendlichen Herrenwelt über jeden Zweifel erhaben. Es ist gar nicht absehbar, wieviel Buben Wien dem Wirken

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