Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Article
- Frankreich und Constantinopel
- Date
- 1899-01-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Oeitei levarstiistscheic- Liltorales. benlächtigen -.wird. Erst vor wenigkw Tä^en .hat' der deutsche Botschafter Freiherr v. Marschall.'vou dem Sultan die Bewilligung zum Bau eines jHafeD in'Haidar-Pascha erwirkt, welcher als Um-, ladeplatz für die anatolische Eisenbahn dienen soll. Wenn aber: Syrien der orientalischen Einflusssphäre Frankreichs entzogen .wird, so verliert auch die alte französische Ambition auf Aegypten ihre stärkste Stütze, und im östlichen Becken des Mittelländischen Meeres theilen sich die beiden Antipoden Deutschland und England in das Einflussgebiet, das Frankreich seit je als sein historisches Erbtheil betrachtete. . Man hat am Quai d'Orsay sich zu lange auf den befreundeten Einfluss Russlands am Goldenen Horn verlassen und im Vertrauen auf denselben die stetige Zunahme-des deutschen Einflusses unterschätzt. Der bisherige französische Botschafter Cambon, der durch Constans abgelöst wird, führte eine laute, bisweilen auch verletzende Sprache im Sultanskiosk, aber indem er sich am Schall seiner Wprteberauschte, wurde still und wirksam die deutsche Präpouderanz vorbereitet und hergestellt. Dann wurden allerdings Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, die Republik rief sogar den Papst zuhilfe, aber es war zu spät. Wilhelm II. kam nach. Constantinopel, nach Jerusalem, nach Damaskus, er lenkte durch sein kluges und gewinnendes Verhalten die mohammedanischen Volkssympathien aus seine eindrucksvolle Persönlichkeit, nachdem die Sympathien des Sultans und seiner Rathgeber schon vorher für Deutschland gesichert waren. Den verlorenen Boden soll nun Constans zurückgewinnen; am Quai d'Orsay mag man denken, wenn er mit Boulanger fertig geworden und Freycinet umgestoßen hat, so werde er auch den deutschen Einfluss überwinden. Dazu kommt die unverbesserliche Illusion, dass Russland hinter Frankreich stehen müsse, obwohl man doch in Paris bereits darüber belehrt sein könnte, dass Russland sehr subtil die Vortheile abzuschätzeu weiß, die ihm trotz des französischen Bündnisses die deutsche Freundschaft sichert. In den Vierziger-Jahren, als Thiers die französische. Politik lenkte und Frankreich im Doppelklange der Losungen ,, Au Rhin“, „Partunt poür la Syrie“ schwelgte, da geschah es, dass der französische Vertreter am Bosporus einen hochmüthigen Ton anschlug, aber, damals war Frankreich mächtiger als heute, und dennoch erlitt es. kläglichen Schiffbruch.. Man lernt in Frankreich so wenig aus der Geschichte. Nichtsdestoweniger hat Deutschland gegründete Ursache, auf der Hut zu sein und die Entsendung Constans auf den französischen- Botschafterposten am Bosporus nicht zu unterschätzen. Sie ist ein Zeichen, dass Frankreich alle Trümpfe die es noch in derHand hat, auszuspielen entschlossen ist. Und-Constans ist ein.sehr gefährlicher Spieler, der alle sauberen und unsauberen Mittel zu verwenden weiß, um das Glück auf seine Seite zu locken. Er wird nicht verfehlen, die ohnedies vorhandene Verstimmung über den definitiven Verlust Kretas auszunützen und den malkontenten Elementen beizubringen, dass die deutsche Freundschaft nicht nur nichts gethan hat, um Kreta bei der Türkei zu erhallen, sondern dass die Insel fast in dem Momente verloren gieng, in welchem der deutsche Kaiser als Gast des Sultans im Merassim-Kiosk weilte. Er wird auch schwerlich unterlassen, die Meinung zu verbreiten, dass der Besuch des deutschen Kaisers für die Türkei keinerlei politische Folgen gehabt habe, sondern bloß eine kostspielige Ehre gewesen fei. Und schlechthin unmöglich ist es durchaus nicht, dass er willige Ohren findet. Es steht aber für Deutschland Großes in Frage, der ganze Erfolg der Orientreise Wilhelms II. kann zunichte werden, falls nicht rechtzeitig vorgebeugt wird. Wenn man sich in Paris entschlossen hat, Constans mit der Vertretung der französischen Jn- Ar. l teressen in-Konslanlinopet zu betrauen, -so bedeutet dies, dass man die letzte Anstrengung machen will, um Deutschland aus seinem präponderanten Einflüssezu verdrängen. Man macht problematische Leute wieConstans nicht mobil,, wenn man nicht um jeden Preis zu reüssieren bereit ist. Der entscheidende Kampf steht jetzt erst bevor, und siegen wird in demselben, wer dem Sultan und seinen Rathgebern zeigt/dass es mehr als platonische Freundschaft ist, auf die sie bei dem Sieger in diesem Duell zu rechnen haben.. Der neue Zeitabschnitt. Von Dr. FrieLemau«. Für die christlichen Völker hat ein neues Jahr begonnen, das letzte des 19. Jahrhunderts. Allgemach beginnt man das Facit des müden, zu Ende sich neigenden Zeitalters zu ziehen und darüber nachzudenkeu, um wieviel die Menschheit in hundert Jahren vorwärts geschritten ist. Wieviel des Weges zurückgelegt wurde zu dem ewigen, unfassbaren Ziele, das die Völker wie der Einzelne wohl ahnen, aber nicht bezeichnen können. Als eine gewaltige, imposante Zeit wird dereinst unser Jahrhundert dem Historiker, dem dramatischen Dichter erscheinen. Als ein Jahrhundert voll furchtbarer Kriege, blutiger Revolutionen und mächtiger Staatengründungen, als eine Zeit der Entdeckungen auf allen Gebieten der Wissenschaft und als die Aera beginnender Socialreformen. Ehrfurchtgebietende Persönlichkeiten wandelten über die Weltenbühne, schufen sich mit dem Schwert oder der Feder unvergänglichen Ruhm und stiegen hinab in das Meer der Vergangenheit. Bismarck und der erste Napoleon, Goethe, Ferdinand Lassalle, Stanley, Siemens und Virchow werden die bewundernden Blicke aller Zeiten auf sich ziehen, und die Nachkommen, welche staunend von ihren Thaten hören, werden bedauern, dass sie nicht ihre Zeitgenossen waren. Der Völkerpsychologe aber, der in mühseliger Detailarbeit die Stimmungen und Empfindungen der Massen zu ergründen sucht, wird erschrocken vor dem Abgrunde stehen, der sich vor ihm aufthut. Er wird finden, dass im selben Volke, das eben die Freiheit und Einigkeit erstritten, keiner den anderen verstand; .dass Stände und Volksclassen sich innerlich in tödtlichcm Hasse gegenübertraten, dass die Ansichten aus den verschiedenen Anschauungskreisen den Gegnern wie Rufe aus einer fremden, unverstandenen Welt erklangen. Er wird finden, dass der heitere, ruhige Lebensgenuss früherer Zeitalter nervöser, nie gesättigter Genusssucht gewichen' und tiefe innere- Zerrissenheit an die S'elle des Seelenfriedens der Einzelnen getreten ist. Und die Betrachtung der Jahrhundertsneige wird lehren, dass die bedeutenden Männer gering werdenan Zahl, dass es wie eine Stockung durch das innere politische Leben der Völker geht. Das religiöse Bedürfnis wächst allerorten mächtig an, die bisher leeren Kirchen füllen sich, der Protestantismus nimmt katholische Allüren an und der Spiritismus gewinnt tausende von Anhängern. Es ist wie eine tiefe Müdigkeit über die Völker gekommen, wie ein Ruhebedürfnis nach angestrengtem Schaffen und Mühen. Es geht den Völkern wie den Einzelnen, sie werden des lauten Weltgetriebes überdrüssig, sie sind matt vom Kämpfen. Diese Mattigkeit hat nicht zum wenigsten ihren Grund in den trostlosen inneren Zuständen. Umsonst hat man versucht, die socialen Gegensätze auszugleichen, die niederen Classen zu heben, die nationalen Errungenschaften und wissenschaftlichen Erfindungen zur Vermehrung des Glücksbewusstseins der Einzelnen zu verwenden.