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Die Welt · 1897-12-31 · 31 (31.12.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
31 (31.12.1897)
Article
Der erste Chanuka-Abend
Date
1897-12-31
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. ai. Seite 15. wissen hat, ließ er den Kopf hängen und scheute sich, der Mutter in's Gesicht zu schauen. „Soll mich Gott strafen, liebes Kind, wenn ich dich beschuldige", begann nun die Mutter in milderem Tone zu sprechen, als sie sah, das David-Ber so bestürzt dastand. „Ich weiß ja, dass du selbst verheiratet bist und deine eigenen Sorgen hast; wie sollst du dann an deine Mutter denken? Ach, was kannst du bei ihr sehen: Leid, Kummer, Sorgen, Thränen? ... Als der gottselige Vater noch lebte . .." Sie konnte nicht weiter. Thränen erstickten ihre Stimme. David-Ber erbleichte und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. An den Vater hatte er nicht gedacht, und ein Wort genügte, um das große Leid, das tief in seinem Herzen schlummerte, zum Erwachen zu bringen. Die Mutter wusste das wohl, aber es war nicht ihre Absicht, ihm weh zu thun. Sie konnte unmöglich zwei Minuten sprecheil, ohne des schweren Unglücks zu erwähnen, das unser Glück für immer zerstört hatte. Meine Schwägerin wusste es auch, und deshalb warf sie meiner Mutter einen strengen, verweisenden Blick zu. Sie lebte mit meiner Mutter auch sonst nicht auf gutem Fuße, und es gab zwischen den beiden öfters Streitigkeiten; nur mein Bruder hatte es nicht bemerkt, da er seine Frau sehr liebte. „Gott ist mir euch, Malka", mischte sich Zine-Leie ins Gespräch, „Gott ist mit euch. Was wollt ihr denn? Euere Kinder sind zu euch gekommen, und da solltet ihr euch ja freuen, am Ende weint ihr gar und verstört euch selbst die Freude! Habt ihr nicht genug geweint? Ihr versündiget euch vor Gott! Gewiss will er es so haben: Ohne seinen Willen fällt kein Haar von des Menschen Kopf — wie oft sagtet ihr mir dies selbst, Malka?" Die Mutter sah ein, dass Zine-Leie Recht hatte; mit aller Anstrengung suchte sie sich zu beruhigen, wie schwer es ihr auch fiel. Die Vorstellung von Gottes Willen ist bei jedem einzelnen Juden und beim ganzen jüdischen Volke so mächtig, dass wir das schwerste Leid ertragen, ohne auch nur zu murren, geschweige denn zu versuchen, uns selbst zu helfen: „Gewiss will es Gott! . . so" VII. Wir Kinder, ich, meine kleine Schwester Golde, Jechielke und seine beiden Schwestern Chaja und Mafia spielen indes ®i:el),bet1), während mein Bruder Süsie und Zine-Lcie's älterer Sohn Koschkes *) spielen. Wir spielen um halbe Denischkes, und da unser vier sind, bringt eine Partie dem Gewinner einen ganzen Vierer (zwei Denischkes). Wir spielen seit einer halben Stunde; ich habe bereits zwei Denischkes verloren, lebe aber in der Hoffnung, dass mir das Glück wieder hold werden müsse und verhalte mich ruhig. Man pocht an das Fenster. Wir schweigen. „Ist David-Ber hier?" ließ sich eine Stimme von außen vernehmen, „Hier, hier!" erwiderten mehrere Stimmen. Unser Tempeldiener Reb Meier trat ein, ein Greis mit langem weißen Bart und langen breiten Stirnlocken und dichten Augenbrauen. In einer Hand hielt er einen dicken Stock, in der anderen eine hölzerne Laterne, deren Boden mit bläulichem, erstarrten Unschlitt bedeckt war. „David-Ber!" sagte Reb Meier zu meinem ältesten Bruder, „Reb Schau! (so hieß der neue Schächter) lässt dich bitten, sofort zu ihm zu kommen. Die ganze Gesellschaft ist bereits versammelt; du sollst also sofort hingehen, hörst du oder nicht?" Reb Meier entfernte sich, mit seinem Stock auf den Boden schlagend. Reb Meier sprach jeden mit „Du" an, und wenn er auch, wie man glauben sollte, von jedem abhängig war, so fürchtete er dennoch niemanden. Im Gegentheil, alle fürchteten ihn; sogar der Synagogenvorsteher Reb David fürchtete ihn wie ein Ungeheuer. Der Tempeldiener war kein schlechter Mensch, aber er wollte niemals um eines Haares Breite nachgeben. Er war auch deswegen allgemein unbeliebt; denn wie soll man einen Menschen lieben, der sich sein Recht nicht nehmen lässt.? Besonders aber hassten ihn die jungen Leute, die im Beth-hamidrasch studierten und mit ihm oft Händel hatten und ihm aus Rache allerhand Streiche spielten. Mein Bruder beeilte sich nicht, auf Befehl Reb Meier's zum Schächter zu gehen. In der Stube begann es recht lebhaft zu werden. Die älteren Kinder discutierien über gelehrte Werke, die jüngeren spielten und lärmten. Der Lärm wuchs mit jedem Augenblick in unserem kalten Zimmer; wo es sonst so düster und traurig war, ward es plötzlich lustig und heiter, man möchte fast sagen — warm. Es schien, als ob sich die Runzeln auf dem Gesichte meiner Mutter glätteten. 1) Bekannte Spiele am Lhanuka. Ihre Augen begannen zu leuchten und blickten vergnügt auf die heiteren Gruppen in unserem Zimmer. David-Ber geht auf und ab im Zimmer und nach langem Hin- und Hergehen nähert er sich mir, streichelt mir liebevoll die Wange und schaut unserem Spiele zu. Ich lasse verschämt meinen Blick sinken, während er seine Hand in die dickwattierte roth- und schwarzgestreifte Flanellweste steckt und nach langem Suchen einen großen Zehner (fünf Kopeken) hervorholt und ihn mir zum Chanukageld anbietet. Ein so bedeutendes Chanukageld hatte ich mir nicht einmal im Traume vorgestellt. Ich war ganz wirr und eilte freudetrunken zu meiner Mutter; plötzlich öffnete sich die Thür, es traten mehrere Männer mit einer Frau ein, sie begrüßten uns in feierlichem Tone und wünschten uns behaglich „guten Abend". Es waren dies: unser Schächter Reb Schaul-Ahron, ein kleines gebücktes Männlein mit eingefallener Brust und gutmüthigem Gesichte; seine Frau Judith, eine schlanke hagere Lithauerin, die als besondere Liebhaberin von Tratschereien galt; Motel, Chaim- Kuczis Eidam, ein schlanker, hübscher, junger Mann, den das ganze Städtchen wegen seiner Tugenden hochschätzte und liebte, und der ein intimer Freund meines Bruders war. Auch mein Quälgeist, bei dessen Anblick ich fast erstarrte, mein Rabbiner Reb Domid, ein schlanker schwarzer Mann mit kleinem Spitzbarte, war erschienen; außerdem noch zwei Talmudjünger. „Wir sind gekommen", sagte Reb Schaul-Ahron mit heiserer Stimme, „wir sind gekommen, um euch abzuholen, alle, wie ihr steht und geht. Denn bei mir ist heute, versteht ihr mich, ein doppelter Festtag: Erstens ist Chanuka, zweitens mach ich heute den Abschluss des Talmuds". Seine Frau Judith begann ebenfalls zu bitten und sich zu rechtfertigen, dass sie nicht früher gekommen sei. Auch die anderen Gäste riefen, sie würden uns mit Gewalt schleppen, wenn wir nicht willig mitgiengen. „Nun, und du Leibele", sprach mich Reb Schaul-Ahron an, als er mich neben meiner Mutter erblickte, „du Leibele bist ja, wie ich höre, ein tüchtiger Schüler, wirst gut lernen können; dein Rabbiner lobt dich sehr und erzählt, dass du bereits eine halbe Seite Gemorah lernst. Nicht wahr, Reb David? Aber öu bist mir zu sehr ausgelassen, du stellst ja die ganze Stadt auf den Kopf. Ha, die Schiene beklagt sich, dass du ihr Kalb zu Tode hetzest und mit deinen Kameraden auf dem Thier herumreitest. Auch den alten Reb Awrohmil lässt du nicht die Gaffe passieren. Schön, sehr schön für einen Talmudjünger! Nun das alles hat dein Lehrer gewiss gehörig gerügt . . . Jetzt, wenn du gutes Chanukageld bekommen willst, sag mir die Gemorah von dieser Woche auf." Ich begann mit lauter, bebenden Stimme: „Wenn einer, d. h. Rüben eine Grube gräbt . . „Und es kam ein anderer d. h. Simon und siel in die Grube hinein und erstarrte — so ist der Eigentümer der Grube, d. h. Rnben, schuldig! . . ." Me hielten plötzlich inne. Man umringt mich von allen Seiten und lauscht begierig, wie ich die Gemorah auswendig hersage. Die anwesenden Frauen sind außer sich vor Staunen, seufzen schwer und schütteln die Köpfe; die Mutter weint vor Freude. „Ein gutes Kind, ein braves Kind!" höre ich von allen Seiten wie in einem Chore, sobald ich geendigt. Alles spendet mir reichlich Lob: die Frauen umarmen, küssen mich, die Männer streicheln mir anerkennend die Wangen. „Der geräth ganz seinem seligen Vatter nach — der ganze Vater; ein hohes Alter soll er erreichen!" rufen die Frauen. „Ich sagte es ja, dass er eine „wilde" Auffassung und ein „wildes" Gedächtnis hat!" ruft mein Lehrer dazwischen. Nur meine Mutter schwieg. Sprachlos stand sie da und blickte auf mich mit thränenerfüllten Augen. Was dieser Blick mir alles sagte, kann ich unmöglich wiedergeben. Ich fühle ihn nur noch, diesen Blick; noch jetzt spüre ich ihn tief, sehr tief in meinem Herzen, denn er wärmt und tröstet mich, er gewährt mir Licht, so oft es bei mir kalt und finster wird . . . Reb Schaul-Ahron befand sich wie im siebenten Himmel, so entzückt war er von mir. (Ich muss noch erklären, dass er die Kosten meines Studiums bestritt; selbstredend war das geheim, mit Ausnahme des ganzen Städtchens wusste niemand davon .. .) Hocherfreut reichte er mir ein königliches Chanukageld: einen weißen silbernen Fünfer. Aber ich war so verwirrt von all diesen Lobesspenden, man zog mich so nach allen Seiten hin, dass ich nicht imstande war, zu ermessen, wie groß mein Reichthum in jenem Momente wäre. „Nun, Reb 'Schaul-Ahron, wir gehen," sagte Reb David, „es ist ja nicht mehr schön, dass wir hier so lange verweilen, während uns dort die Gesellschaft erwartet".

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