Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Article
- Ein trostloses Deficit
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. II Seite Ltz. Als vor zwei Jahren in einer öffentlichen Versammlung aus Anlass der Discussion über das Gemeindestatut das Verlangen nach einer Erhöhung des Cultussteuer-Maximums von 3000 auf 5000 Gulden gestellt wurde, da stemmte sich der damalige Referent Herr Dr. Stern dem entgegen und meinte, dass man den reichen „Glaubensbrüdern" das Judenthum nicht gar zu heiß machen dürfe, sie seien es ja, die das Deficit aus eigenem Antriebe deckten. Heute jammert er über das Deficit. Das einzig Richtige wäre, die Erhöhung des Steuermaximums, um eine gerechte Vertheilung der Cultuslasten und ein Gleichgewicht im Gemeindehaushalte herbeizuführen, sowie eine Herabsetzung des Cultus st euer-Minimums auf fünf Gulden, um wenigstens theilweise die Ungerechtigkeit des jetzigen privilegierten Wahlrechtes zu beseitigen. Für die Ende 1898 stattfindenden Neuwahlen dürfte es wohl kein besseres Losungswort geben. L. Verernsnachrichteir. Wien. Am Sonntag den 19. d. M. sprach Herr cand. jur. Richard Wagner im literarischen Geselligkcilsverem jüdischer Mädchen „Moria" über das culturelle Moment im Zionismus, woraus das Mitglied Fräulein Natalie Pollak den zahlreich erschienenen Gästen die Tendenz des Vereines klarlegte. Den Schluss dieses interessanten Nachmittages bildete die feierliche Ceremonie des Anzündens des 1. Chanukalichtchens. — Sonntag den 2. Jänner, findet die Plenarversammlung behufs Neuwahlen statt. Wie«. Der „Berei« zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender in Wien" veranstaltet am Samstag den 8. Jänner 1898 im Hotel „Bayerischer Hof" (II., Augartenstraße) ein Wohlthätigkeits-Costümkränzchen (ohne Costümzrvang), dessen Reinerträgnis dem Unterstützungssonde des Vereines zufließt. Dem Vereine, dessen verdienstvolles Wirken schon manchem jüdischen Kleingewerbetreibenden die Existenz ermöglicht hat, wäre es zu wünschen, dass er nicht nm bei diesem festlichen Anlasse die kräftige Unterstützung aller Juden finde; denn schwerer vielleicht als andere Stände werden die jüdischen Kleingewerbetreibenden durch die systematische Aushungerungspolmk der Judenfeinde bedroht. Wie«. Dienstag den 21. d. M. fand die III. Vollversammlung deS Einzelvereines „Favoriten" des „Zion" statt. In dieser von circa 250 Personen besuchten Versammlung, hielt Herr Professor Dr. L. Kellner anlässlich der Makkabäerfeier einen geschichtlichen Vortrag über „das Zeitalter der Makkabäer." In formvollendeter Weise entwickelte er ein großartiges Geschichrsbild, schilderte den Kampf jüdischnationaler Eigenart gegen die sogenannte Culturmission des Hellenismus. Insbesondere hob der Redner die Bedeutung der Makkabäerseier für alle Zeiten als ein Fest für Aufforderung zur Selbsthilse hervor. Ein herzlicher warmgefühlter Applaus gab Zeugnis von dem tiefen Eindrücke, den die Rede auf die Zuhörer ausgeübt hatte. — Olmütz, S. December. Der Zweigverei« „Olmütz" des BerbandeK hat sich am 15. d. M. constttmcrt. Nach einer kurzen, gehaltvollen Rede des Herrn G. Brecher über die Ziele de- ZioniSmus, wurden in den ersten Ausschuss berufen die Herren: Engelmann, Lau, Politzer, Braun, Jsner, Dt unk, Birnstein, Schlesinger. Zuschriften sind an Herrn jur. B i r nst ein, Theresiengasse 6, zu richten. Der junge Verein veranstaltete in Gemeinschaft mit der Ferialverbindung jüdischer Akademiker „Geu lah" in Olmütz am 16. d. M. anlässlich des Chanukafestes einen Geselligkeitsabend und hatte die Genugthuung. ein zahlreiches Publicum, darunter Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. B. Oppenheim, in dem geräumigen Saale des Restaurants Englisch begrüßen zu können Nach der Eröffnungsrede des Herrn Engelmann beleuchtete Herr eanä. jur. B. Feiw e l in einer stimmungsvollen Rede die Zwecke des Vereines und schloss mit dem warmen Appell, auch in der Festesfreude die Leiden des armen jüdlschen Volkes nicht zu vergessen. Reicber Beifall folgte den Ausführungen dieses um den Zionismus in Mähren hochverdienten Redners. An dem nun folgenden heileren Theile des Programmcs wirkten in verdienstvoller Weise mit die Herren: Pianist Otto Fischer, Obercantor Schlesinger, Opernsänger Paul Weiß, die Cantoren Stößler und Drucker. Die Herren Eißler, Altar und Capellmeister Roth, sowie ein „Professor Lindemann" und seine geheimnisvollen Automaten, erhöhten durch ihre heiteren Vorträge die fröhliche Stimmung deS Publicumum ein Beträchtliches. Den Mittelpunkt des heiteren Programmes bildete aber ein Lustspiel, dargestcllt von Dilettanten, unter denen sich Fräulein Therese Freund durch besondere Verve auszeichnete. Ein Tanzkcänzchen, das bis in die frühen Morgenstunden währte, schloss den schönen Abend ab, welcher den Zionisten die Ueberzeugung brachte, dass sie mit ihren Bestrebungen in Olmütz nicht vereinzelt bleiben werden. Darin wurden sie noch durch eine Chanukapredigt des Olmützer Rabbiners Dr. Oppenheim bestärkt, in welcher er die „modernen Makkabäer" freudig begrüßte und deren Gegner bat, die Vertreter einer Bewegung, die offenbar etwas Löbliches und dem .Judenthume Heilsames anstrebe, nicht vor den Kopf zu stoßen. Ben Josef. Zeitschriften-Rnirdschau. — lieber die jüdischen Ackerbaucolonien in Palästina äußert sich die „Kölnische Zeitnng": „Während man in Europa den Juden Lust und Befähigung zur Landwirtschaft abzusprechen pflegt, wird ihnen in Palästina von christlicher Seite ein viel besseres Zeugnis ausgestellt. Von der Hoffnung getragen, dass Palästina früher oder später wieder in den Besitz des jüdischen Volkes gelangen werde, sind in den letzten Jahrzehnten die Juden massenhaft dahin eingewandert. Dass sie -den größten Theil des Handels an sich zogen, kann nicht überraschen, mehr schon, dass sie in allen Gattungen des Handwerks, selbst als Steinmetzen und Maurer, Hand mit anlegen und Fleiß und Geschicklichkeit zeigen. Merkwürdiger aber ist es, dass es ihnen gelang, blühende jüdische Ackerbaucolonien zu gründen, deren mehr als 20 auf der Küstenebene des Mittelmeeres und im oberen Jordanthal bestehen. Im Anfang gieng es ihnen dabei schwer, und sie mussten viel Lehrgeld zahlen. Aber nun wissen sie, welche Gewächse sich mit Nutzen pflanzen lassen, und wie das Land zu behandeln ist, damit es die Mühe der Bebauung lohne. Ermöglicht -wurden diese landwirtschaftlichen Versuche durch reichliche Unterstützung seitens jüdischer Vereine, insbesondere aber Edmnnd-v. Rothschild'«. Die auf diese Weise entstandenen Colonien machen d en landwirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden alle Ehre und liefern den Beweis, dass man durch Viehzucht, Wein- und Getreidebau auch bei europäischen Ansprüchen sein Fortkommen in Palästina finden kann, ein Umstand, der für die Colonisierung des Landes von höchster Bedeutung ist." — Wir geben die Ausführungen des genannten Blattes ohne Commemar wieder, in dem Bewusstsein, dass die Arbeit der jüdischen Colonisten selbst den strengsten Kritikern, wenn nicht Bewunderung, so doch den größten Respect einflößen wird. In der Sonntagsbeilage der „Bosnischen Zeitung" finden wir einen sehr lehrreichen Artikel über „MaimonideS, ein Beitrag zur jüdischen Socialhygieue" von Dr. Paul App e liu s, den wir wegen seines großen Umfangewohl nicht ganz, aber doch wenigstens in seinen wichtigsten und informativsten Stellen reproducieren können. „Nach dem Abschluss deS babylonischen Talmuds erfolgte eine innige Verschmelzung der jüdischen Medrcin mit der der Araber, deren Cultur zu der Zeit einen gewaltigen Aufschwung nahm, und wir finden namentlich unter der Herrschaft des Kalifen Abu Giaffar Almansor Juden bei der Gründung medicinischer Schulen hervorragend betheiligt. Es entstanden ferner eigene jüdische Hochschulen für Medicin, wie in Cordova, Granada und Toledo, und in den Akademien für Rabbiner wurde der Unterricht in der Medicin obligatorisch. Der jüdische Arzt genoß einen begründeten Weltruf: er war der Leibarzt von weltlichen und Kircheufürsten, ja sogar die Päpste bedienten sich seiner, obwohl eigetttlich die Kirche die Benutzung jüdischer Aerzte verboten hatte. In jener Epoche finden wir klangvolle Namen, wie Harun de Cordova, Jehuda Chaing, Amran de Toledo, Ebn Zohar, den berühmten Lehrer seines noch berühmteren Schülers Averrhol, ferner den Chirurgen Raschi, Aben-Esra und andere. Als jedoch die Mauren aus Spanien vertrieben waren, war er mit der Herrlichkeit der jüdischen medicinischen Hochschulen vorbei, sie verfielen der Zerstörung, und ihre Lehrer und Schüler zerstreuten sich über alle Lande; so kommt es, dass wir die jüdischen Aerzte in allen cwilisierten Theilen der Erde finden. Als die saraeenische Cultur zu Grabe getragen wurde, waren es die Juden, die den kostbaren Schatz medicinischer Wissenschaft bewahrten, und ihrer Solidarität ist eS einzig und allein zu verdanken, dass die medicin if ch e W i s s e n - schaft nicht überhaupt vorn Erdboden verschwand, sondern überallhin verbreitet wurde. Um aber dieses Mettungswerk durchführen zu können, bedurfte es einer Centrale, und so erfolgte die Gründung der medicinischen Schule zu Montpellier, der nachmals so berühmten Fakultät dieser Stadt. Die Schule von Montpellier wurde sehr bald der Mittelpunkt medicinischer Forschung, den Ruf jüdischer Gelehrsamkeit weithin verbreitend, und noch im Jahre 1300 finden wir den gelehrten Juden ProfatiuS als Rector. Die Schule von Montpellier blieb eine Leuchte der Wissenschaft ihre Schüler, wie die arabischjüdische Wissenschaft überhaupt, verfochten und vertraten Lehren, die von hoher Kenntnis zeugen. Wenn der arabisch-jüdische Arzt Isaak IudaeuS in seinem Führer der Aerzte schreiben kanit: 1. Die meisten Kranken genesen ohne Beistand deS ArzteS durch Hilfe der Natur. 3. Hast du die Wahl,durch Nahrungsmittel zu heilen oder durch Arzneien, so wähle stets bie ersten. 3 Die wichtigste Aufgabe des ArzteS ist eS, Krankheiten zu verhüten, so hat Isaak Jndaeus eine hohe Staffel des WiffenS und der Erkenntnis erreicht, und es muthet eigen an, bereits in jener Zeit Lehret: als unumstößliches, segenbringendes Gesetz zu finden, auf die man heute mit Recht so großes Gewicht legt. Es erschien nothwendig. alles dies vorauszuschicken, um Zeit und Berhältniffe würdigen zu können, aus denen Maimonides hervorgieng." Nach einer ausführlichen Biographie Maimonides lesen wir weiter: „Nachdem er einen Ruf als Leibarzt zu einem der christlichen Fürsten unter den Kreuzfahrern nach ASkalon auSgeschlagen hatte, ernannte ihn Salah-ed-Din, der inzwischen den egyptischen Thron bestiegen hatte, zu seinem Leibarzt; dieser Dienst war aber für ihn sehr lästig und anstrengend: er musste jeden Morgen von seiner Wohnung aus eine