Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Article
- Warschau / B.
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 31. Seite 11. Warschau. Das hebräische Tagblatt „Hazefirah", das vor dem Baseler Congresse zu den heftigen Gegnern des letzteren gehörte, schreibt in seinem leitenden Artikel von vorigem Montag Folgendes: „Was wir im modernen Zionismus sehen wollen, was wir in ihm besonders würdigend hervorheben möchten, ist nicht allein sein Positiver „practischer" Erfolg. Denn wir können ja nicht mit Bestimmtheit Voraussagen, ob er alles das, was er anstrebt, ganz erreichen werde, ob er imstande sein werde, alle Hindernisse aus dem Wege zu schaffen. Aber die vorläufigen Wirkungen des Zionismus sind nicht zu verkennen, die er auf einen beträchtlichen Theil unseres Volkes bisher ausgeübt hat. Er hat seinen Anhängern ein Ideal gegeben, das aus lauterem Herzen und reiner Seele fließt, er hat ihren Geist gehoben, und den engeren Anschluss der einzelnen zerstreuten Glieder an das Ganze bewirkt. Nicht ein Zusammenwirken im Hasse gegen andere Nationen, nicht ein gemeinsames Streben für nationalen Eigendünkel und Chauvinismus, sondern ein Band der Verbrüderung hat der Zionismus um seine Bekenner geschlungen, das vielmehr den großen Gedanken des Weltfriedens zum Ausdruck bringen soll. Vor allem ist dem Zionismus das Wiedererwachen der Liebe zu unserem Volke, dessen Lehren und Literatur zu verdanken. Es gibt freilich dumme Leute genug, die diese Bewegung zu verleumden und nach außen bloszustellen versuchten, aber die wahren Zionisten dürfen vor diesen nicht zurückschrecken. Wir unsererseits, würden die ersten sein, die jede Ueberhebung und Ausartung der zionistischen Bewegung tadeln und bekämpfen würden. Unser „Zionismus" ist folgender: ein politisch-rechtlicher, gesetzlich anerkannter, moderner und dem Zeitgeist entsprechender. Und ihr „Gcmeinde-Korach's" gehet hin und verleumdet uns, dass wir Zionisten geworden sind! . . . Wir waren früher gegen H er z l, weil wir seine Pläne für phantastisch und extrem hielten. Nun aber hat sich die Sache geklärt, und die Führer der Bewegung haben unzweideutig erklärt, was sie anstreben: eine rechtlich gesicherte Heimstätte für Heimatlose. Seitdem Herzl das große Wort gesprochen, dass er unter Zionismus „die Rückkehr zum Judenthum vor der Rückkehr in den Judenstaat" verstehe, seitdem wir eingesehen, dass unsere hevorragendsten Intelligenzen, die vom Judenthum längst nichts mehr wissen wollten, durch den Zionismus wieder die besten Juden geworden sind — können wir uns der Wahrheit nicht verschließen und müssen anerkennend zugeben, dass der Zionismus eine mächtige und gewaltige Kraft ist und den Lebenssaft bildet, der unserem Volkskörper jugendliche Frische verleiht ..." B. Brüssel. Der Schriftsteller Boris B a r b a s ch ersucht alle Zionisten, die im Besitze irgendwelcher die Geschichte des Zionismus betreffender Briefschaften oder Documente sind, dieselben ihm nach Brüssel, 109 Rue du Commerce, zur lcihweisen Benützung zu übersenden. Rom. Auch in Italien macht der Zionismus sichtbare Fortschritte. Seit dem Tage, wo der Oberrabbiner von Mantua in einem Schreiben an den Baseler Congress seine Zustimmung erklärt hat, wird eine intensive, wenn auch geräuschlose Agitation, entfaltet. Selbstverständlich können die Juden der italienischen Städte keine großen Vereine bilden, es entspricht nur dem Wesen der Minderheit, wenn sie sich zu Tischgesellschaften und kleinen Tafelrunden zusammenfinden. Nun hat Rom auch seinen Zionsverein. Am ersten Chanukaabend hat sich eine Vereinigung unter dem Namen „Unione Israelitica di Koma“ gebildet. Tondon. In unserer Bewegung ist nichts so bemerkenswert, wie die Stellung Amerikas zu derselben. Die fünfzig bis hundert jüdischen Zeitschriften, die jede Woche durch meine Hände gehen, geben uns hievon das beste Bild; die Angriffe gegen unsere Parteiführer haben überall ausgehört und mehr als ein Dutzend Blätter sympatisicrte sogar mit dem Zionismus — das ist ein großer Fortschritt in einem Lande, wo die antinationale Auffassung des Judenthums so sehr verbreitet ist. Der „American Hebrew", das maßgebendste Organ in New-Uork widmet einen großen Theil seiner letzten Nummer dem Zionismus. Wir finden da Artikel von Mss. Josefine Lazarus, der Schwester der verstorbenen Schriftstellerin Emma Lazarus, die vom Zionismus ganz durchdrungen war, dann von unserem wackerem Professor Richard Gottheit, der noch bis gestern ein Hauptführer der Reformer war u. s. w. Alle Zeichen sprechen dafür, dass der Zionismus in Amerika zu einem siegreichen Durchbruche bald gelangen werde. J. de H. Belfast (Irland.) In dieser von beiläufig 200 jüdischen Familien bewohnten Stadt wurde vor mehreren Monateu ein zionistischer Verein „Dorsche Zion" gegründet, der bereits über 70 Mitglieder zählt. Zum Verein gehört auch eine Lesehalle, die vom Rabbiner Mayers aus Cork mit einer zionistischen Rede eröffnet wurde. Derselbe beleuchtete die große Bedeutung des Zionismus vom talmudischen Standpunkte nnd betonte gegenüber manchen Gegnern, dass der Zionismus mit dem englischen Patriotismus vollkommen übereinstimme. Der Verein entwickelt eine sehr intensive Thätigkeit nach innen, insbesondere um seine Mitglieder in alle Details der zionistischen Bewegung und Literatur einzuweihen. Der Präsident Mr. B. Cohen (Belfast, Irland, 8 Bedeque Str.) ersucht alle zionistischen Schriftsteller um Zusendung ihrer Druckwerke unter Angabe des Preises. Nekr-Hork. Endlich scheint der Zionismus auch in Amerika die gewünschte und nothwendige feste Form anzunehmeu. Letzten Samstag 2lbend hat in dem Hause des russischen Oberrabbinners Rabbi Joseph, nne Conferenz der othodoxen Rabbiner stattgefunden, in welcher die Erschienenen, 22 an der Zahl, dem Zionismus gegenüber Stellung nahmen. Es herrschte eine bewundernswerte Einhelligkeit, und mag es den Reformern zur Richtschnur dienen, dass die orthodoxen Rabbiner es einmüthig ausgesprochen haben, dass die Verwirklichung der zionistischen Ziele, wie sie im Baseler Programm zum Ausdruck gelangten, gegen die Religion nicht verstößt und von jedem Juden gefördert werden soll. Dre Herren Rabbiner constituierten sich auch sofort als zionistischer Rabbinerverband unter dem Namen „Keneseth Zion hamezujeneth." Zum Präsidenten wurde Rabbiner Dr. Philipp Klein, zum Seeretär Rabbiner Friedmann erwählt. Es wurde gleichzeitig beschlussweise ausgesprochen, an sammtliche orthodoxen Rabbiner der Bereinigten Staaten einen Aufruf behufs Anschluss und behufs Gründung zionistischer Vereine im Rahmen der orthodoxen Gemeinden ergehen zu laffcn. Nun erst, da dies erfolgt ist, kann man mit Sicherheit annehmen, dass dem Zionismus Massen in kaum geahnter Zahl zugeführt werden. Nun geht ma« auch hier an die Bildung einer Centrale. Dr. Michael S i n g e r hat zu diesem Behufe mit Herrn Dr. B l u e st o n e, Präsiidenten der „Z i o n o h" und mit Herrn S a r a h s o n, Herausgeber der „Jewifh Daily News" eine längere Conferenz, m deren Folge für die nächsten Tage eine Conferenz einzelner zionistischer Vereine einberufen werden wird. Bei jener Conferenz soll behufs endgiltiger Organisierung des Amerikanischen Sxecutiv-Comilss ein „Allgemeiner Zionistentag" einberufen werden. Dort soll aus der Mitte der Delegierten die Executive gewählt und ein Plan angenommen werden, nach welchem dann in Amerika gearbeitet werden muss. Adam Rofenberg ist hier und wird über den Baseler Congress in der Eldsidgester Synagoge sprechen. David Fritsch, wird im Verein „New-Dorker Zionsfreunde" dortselbft nächsten Montag über den Baseler Congress sprechen. Das Makkabäerfest des unter Dr. Mich. S in g er's Leitung stehenden Brooklyner Chowewe Zion verspricht ein großes zionistisches Ereignis zu werden. Als Festredner werden Rabbiner Dr. Philipp Klein und Dr. Michael Singer fungieren. Ein Ball wird den Vorträgen folgen. Khila-elxhta. Rach einer Meldung des „I ew i s h Erpon e n 1" ist hier die Zeichnung von mindestens 500 Anteilscheinen der Colonialbank bereits gesichert. Tlhveland. (Nordamerika.) Hier ist ein zionistischer Frauenverein „B'naus Zion" entstanden, der über 100 Mitglieder zählt. Am 1. December fand eine große Versammlung statt, bei der neue fünfzig Damen dem Vereine beigetceten sind. Präsidentin ist MsS. Rebecca Banot. Tapstksdt. (Südafrika.) Hier hat sich unter dem Namen „Bnei Zion Association" eine zionistische Organisation gebildet. Die zu diesem Zwecke einberusene Versammlung war sehr zahlreich besucht und stimmte der Resolution des Vorsitzenden Mr. S h i r r o vollkommen zu, die lautete: „Da die Antisemiten in der ganzen Welt so weit gegangen sind, uns die Bürgerrechte abzusprechen und uns als Fremdlinge hinzustellen, und da sich überall Vereine gebildet haben, um unsere nationale Würde neu zu erwecken und unsere Rückkehr in das Land der Väter zu ermöglichen, so entschließen wir uns, als ein Theil des großem jüdischen Volkes eine ähnliche Affociation zu schaffen, um die Bewegung ihrer Verwirklichung zuzuführen." Es sprach noch Mr. S1 o n e, der den Brief des Father Ignatius an den „Daily Chronicle" verlas Hierauf erfolgte die Wahl des Vorstandes. Lsrresxondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Der Vorstand des Vereines „Beth Israel", der den polnisch-jüdischen Tempel errichtet hat und ihn jetzt erhält, ehrte am letzten Sonntag seinen langjährigen, verdienstvollen Obmann, Herrn Salomon Weisels dadurch, dass er dessen Porträt im Cerernoniensaale anbrachte. Aus diesem Anlasse veranstaltete der Verein im engen Kreise eine kleine Feier, bei der Obmann-Stellvertreter Arthur von Mises in einer längeren Rede auf die Verdienste des greisen Obmannes um die Entwicklung des Vereines und den Bau des Tempels hinwies. Herr Weisels dankte gerührt. Das gelungene Porträt ist vom Maler Kräutler. Die Ehrung des Herrn Weisels freut auch uns, die wir in ihm einen warmen Parteigenossen und den Präsidenten des Einzelvereines „Landstraße" des „Zion" schätzen. Er bleibe auch uns noch recht lange erhalten. Wien. (Orig.-Corr.) Der ruthmisch-radicale Reichsrathsabgeordnete Dr. Jarosiewicz, der soeben von seinem Wahlbezirke in Ostgalizien zurückkehrte, erzählte uns mit Bewunderung von der mächtigen zionistischen Bewegung, die sich in diesem entfaltet. Er sprach mit großer Sympathie vom Zionismus und betonte nunmehr, nachdem er die Zionisten in seinem Wahlkreise der V. Curie bei der Arbeit gesehen hat, neuerlich die große Bedeutung des Zionismus für die geistige Hebung und politische Reifmachung der jüdischen Volksmassen. Herr Dr. Jarosiewicz hat von diesen Eindrücken den Wiener Führern der Socialdemokratie berichtet. L. Aussig. (Ocig.-Corr.) Am 19. December hat der antisemitische Abgeordnete K. H. Wolf die Stadt Aussig mit seinem Besuche beehrt. 3000 deutsche Männer und Frauen empsiengen ihn am Bahnhofe mit Heilrufen. Der deutsche Dichter Altena (sprich Lezacz) überreichte ihm unter schwungvollen Worten einen silbernen Lorbeerkranz mit schwarz-roth-goldener Schleife. Die Rede, die Wolf in Aussig hielt, gipfelte in folgendem Satze: „Wir haben immer zuviel undeutsche, namentlich zuviel Fudenpolrlik getrieben." (Heilrufe).