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Die Welt · 1897-12-31 · 31 (31.12.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
31 (31.12.1897)
Article
Die Berufsmoral des Kaufmannes
Date
1897-12-31
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 10. Rr. 81. Elaffev und Gruppen seien von einer Menge Theorien der Sittlichkeit durchdrungen, und sie haben diese als ein Erbgut von ihren Borfahren übernommen. Diese Theorien weiche» in den einzelnen Gesellschaftsgruppen vielfach von einander ab, sie werden in einzelnen stark zngespitzt, in anderen abgestumpft; sie dürfen nicht zu hoch und nicht zu niedrig eingeschätzt werden. Es mag eine allgemein menschliche Moral geben, aber sie wird in den Berufsartcn modificiert. Es entwickelt sich dann eine Bernfsmoral, das ist eine Gemeinschaft der Gesinnungen, die zu Gewohnheit und Brauch führt, als der Ausdruck dessen, was die Mehrheit als Recht anerkannt und als moralischen Lehrsatz aufgestellt hat. Oft ist die Sittlichkeit im Beruf nichts anderes als Furcht vor dem Urtheil anderer. An dieser Stelle handelt der Vortragende den Begriff der kaufmännischen Ehre ab gegenüber den Ehrbegriffen anderer Berufsclaffen; er bezeichnet als die Grundlagen des kaufmännischen Ehrbegriffes das Bedürfnis, den Eigenwert zu empfinden, ferner das Bewusstsein desselben und zugleich das Geschäftsinteresse am guten Ruf. In ausführlicher Darlegung wurde die Frage erörtert, ob und in welcher Begrenztheit die Moralforderung der unbedingten Aussage der Wahrheit zu erheben sei. Der Redner führte Beispiele aus anderen Berufen an, wo, wie im ärztlichen, das Aussprechen der Wahrheit geradezu geboten sei, weil Höheres auf dem Spiele stehe. Im kaufmännischen Berus handle es sich um die Frage, ob ein gewisses Maß im Dorenthalten der Wahrheit überschritten werde; bestimmte Regeln seien nicht dafür aufzustellen. Man mache dem Kaufmann den Vorwurf deS Egoismus; er hat aber weniger als Männer anderer Berufsarten mit idealen, mehr als alle anderen mit realen Gütern zu thun, das Geld habe für ihn einen anderen Wert. Im kaufmännischen Stande nehme man an gewissen Dingen nicht Anstoss, die in anderen Berufen für unwürdig gehalten werden; zum Beispiel darf der Kaufmann sich, wenn er nur bei der Wahrheit bl'.ibt, der Reclame bedienen, die der Arzt unter seiner Würde hält. Bei aller Besonderheit der Auffassungen dürfe sich, so schloss der Vortragende, der Kaufmann das Bewusstsein der Sittlichkeit seines Berufes nicht verkümmern lassen. _ (Berl. Tagbl.) Die zionistische Bewegung. Spende« für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. O. Kokesch. Hof- «nd Gerichts- Advoeaten in Wien, I., Singepstratze 25, zu senden. Gallische Conferrn;. Lemberg, den 26. December 1897. Heute fand in Lemberg die fünfte Conserenz der galizischen Zionisten statt. Sie war sehr zahlreich beschickt, und die Tagesordnung ist für die weitere Entwickelung der zionistischen Sache in Galizien von unschätzbarer Tragweite. Es galt am heutigen Tage zu entscheiden, wie die bestehenden Organisationen in den durch den Baseler Congress geschaffenen Rahmen eingepasst werden können, ohne dass dieselben den Boden ihrer geschichtlichen Entwicklung verlassen. Die Discussion war eine äußerst eingehende, bisweilen erregt leidenschaftliche; es gelang aber doch schließlich die scheinbaren Gegensätze auszugleichen. Wie wichtig die Debatte von allen Delegierten erachtet wurde, erhellt schon aus dem äußerlichen Umstande, dass die erste Sitzung von 9 Uhr früh bis ununterbrochen 3 Uhr morgens dauerte. Eine ansehnliche Anzahl von Vertretern der Vereine nnd Local- Gruppen des „Ahawath Zion" war erschienen, vorwiegend Orthodoxe mir Aron Marcus an der Spitze. Der Conserenz wohnte auch als Vertreter deS Wiener Actions- Comit4s Herr Dr. O. Kokesch bei. Nach einigen einleitenden Förmlichkeiten übernimmt Dr. Salz (Tarn6w) den Vorsitz, worauf die Geschäftsordnung beschlossen und ins Meritorische der Sache eingegangen wird. Der Rechenschaftsbericht des Partei-ComiteS, sowie des „Ahawath Zion" enthält manches interessante Detail. Besonders groß war die Thätigkeit des „Ahawath Zion" der im Laufe kaum eines Jahres 120 Local-Comites gründete, das ganze Land mit einem förmlichen Netz zionistischer Verbände übersäte und den Gedanken in die entlegensten ostgallzischen Nester trug. Der Verein „Ahawath Zion" beschloss, unbeschadet seiner principiellen Stellungnahme zu den Baseler Beschlüssen, unter Mithilfe des bekannten Pariser Wohlthäters und der Pariser und Londoner „Chowewe Zion" an die Gründung einer Colonie zu schreiten. Das Comiis unterbreitete auch der I. C. A. ein Memorandum bezüglich des Pauperismus der Juden, was unter anderen den genannten Verein veranlasste, sich mit der Gründung einer jüdischen Ackerbau-Schule in Galizien zu befaffen. Bon der Thätigkeit des Landes-Comitös sei hervor gehoben, dass eine größere Anzahl zionistischer Vereine gegründet, Wanderredner auSgesendet, Agitationsschriften, Kalender rc. verlegt und verbreitet, und Propaganda für die Beschickung des Baseler Congresses gemacht wurde. Bezüglich der Thätigkeit des „Ahawath Zion" und seiner Verhältnisse zum centralen ActionscomitL wurde eine längere Verhandlung geführt, in die Dr. O- Kokesch, Dr. Salz, Bromberg, Dr. Malz, Korkis, Melzer, Markus und andere eingriffen. Den Angelpunkt der Auseinandersetzungen bildete die Frage, ob und inwiefern die colonisatorische Thätigkeit deS „Ahawath Zion" mit jenen Bestimmungen des Baseler Congresses, die nur eine zweckdienliche, auf rechtlicher Bastbegründete Colonisation anstreben, übereinstimme. Dr. Salz erklärte die Bestrebungen des „Ahawath Zion" für vollkommen vereinbar mit den Beschlüflen von Basel und bestrebte sich, diese Ansicht ausführlich zu motivieren. Dr. Kokesch (sympathisch begrüßt) überbringt der Conserenz die Grüße des ActionS-ComitSs und erklärt, dass er beauftragt sei, für die Tilgung der Misshelligkeiten, für Frieden und freundschaftliches Einverständnis zu wirken. Er anerkenne gerne die propagandistische Bedeutung einer galizischen Colonie, könne jedoch nicht umhin, gestützt auf fachmännische Autoritäten, wie Dr. Joffe (Jaffa) dringend Vorsicht anzurathen, da ein FiaSco der Colonie die Bewegung für lange Zeit lahmlegen könnte. Nachdem Dr. Salz die Versicherung abgegeben und ziffernmäßig beleuchtet hatte, dass man nur auf Grund kaufmännisch strenger Berechnung nach Maßgabe der thatsächlich existierenden Kräfte vorgehe, und Herr Aaron Markus die Ansichten conservativer Kreise nicht nur in Galizien, sondern auch in Deutschland (Dr. Breyer-Frankfurt, Rabb. Friedmann-Czortkäw) als entschieden zionsfreundliche in seiner geistreichen Art beleuchtete, wurde der von Dr. Kokesch acceptierte Antrag angenommen, wonach die galizischen Zionisten auf dem Boden derBeschlüsse desBaseler Congresses stehen, dasActions-Cornitö alsobersteLeitung ingesammtzionistischen Angelegenheiten anerkennen und sich d e m s e l b en un t e r o r d n e n , gleichzetig aber erklären der praktischen Colonisations-Thätiqkeit als vorzüglichstes Agitations-Mittel vorläufig nicht ent* rathen zu können. So wären denn die Hindernisse für die gedeihliche Thätigkeit gehoben, und freudig wurde beschlossen, dem Actions-EomitS. insbesondere Dr. Herzl, wie auch der aufopferndere Thätigkeit der Herren Dr. Salz, Bromberg und Spira Vertrauen und vollen Dank zu volleren. In der Abendsitzung wird über die Organisierung des Schekels verhandelt und schließlich beschlossen, dass die Schekel-Gruppen durch die Landesorganisation zusammengefasst, die einfließenden Gelder nach ihrem Bestimmungsorte übersendet werden, wobei die Landesorganisation einen gewissen Theil, der 25 Percent nicht übersteigen darf, vorbehaltlich der Einwilligung des Actions-ComitSs, für locale Agitation verwenden dürfen. Ueber die morgige Sitzung werde ich im nächsten Briese berichten. vr. M. Krakau. Am 4. b. M. hielt der jüdisch-literarische Verein „SfaS EmeS" eine öffentliche Plenarversammlung ab, in der der Vorsitzende, Dr. Landau, Bericht über die Bereinsthätigkeit im abgelaufenen Jahre erstattete. Bei der darauffolgenden Neuwahl wurden die Herren Dr. S. Landau, D. Süsskind, Tintenfass, Dr. I. Günzig. Lauer, Dr. R. Spira, I. Schönwetter, Weindling, H. Weckstein und M. Pam in den Ausschuß gewählt. Drohobyrr (Galizien). Die zionistische Jugend Drohobycz'' hat sich Samstag, den 18. d. M. in einer § 2-Versammlung zu einer Vereinigung unter dem Namen „Agrtationscomit6 der zionistischen Jugend" organisiert. Der Zweck des Vereines ist die Errichtung einer allgemein zugänglichen zionistischen Bibliothek, Versendung von Flugschriften, Veranstaltung von Versammlungen und Durchführung der Schekelsammlung. Das e.ste Flugblatt ist erschienen. Dem Ausschüsse gehören die Herren M. Josefsberg, F. Lauterbach, M. Steuermann, S. Spieler und D. Klinghofer an. Usrkektskuxie (Galizien). Auch unsere Stadt besitzt nun ihren Zionsvcrein. In der vorige Woche stattgehabten constituierenden Versammlung wurden die Herren R. Fasster, B. Kimmelmann, I. F a s s l e r, I. R i m, I. K n a u e r und O. Arie in den Borstand gewählt. Dojan. (Bukowina). Ueber die Einladung einer großen Zahl hiesiger Bürger hielten die Mitglieder des Czernowitzer Vereines „Zion", Dr. Mayer-Ebner und Dr. Philipp M e n c z e l, in der hiesigen Synagoge eine Versammlung ab, zu der sich fast die gesummte Judenschaft des Ortes und der Umgebung eingefunden hatte. Dr Philipp Menczel sprach in allgemeinen Umrissen über den Zionismus, Dr. Ebner über die Beschlüsse des Baseler Congresses, Organisation und Agitation. Beide Reden wurden mit Begeisterung ausgenommen. Der Erfolg dieser AgilationSreise war die Gründung eines Vereines „Ahawas Zion", an dessen Spitze Herr Retter und die angesehensten Bürger des Ortes stehen. Der Verein steht auf dem Boden des Baseler Congresses, hat zur Aufgabe die Hebung des nationalen Bewusstsein und die Förderung der ColonisationS i d e e und wird sich dem in diesem Winter zu gründenden Landesverbände anschließen. Noin. Die zionistischeBereinigung für Deutschland versendet wieder ein Flugblatt. Es ist ein erfreuliches Zeichen für den Eifer und die planmäßige Arbeit der Vereinigung und ihrer Leitung, dass kein Monat vergeht, ohne dass von Köln aus ein Flugblatt in alle deutschen Gauen hinausflatterte. Das letzte enthält das Baseler Programm, die Statuten der zionistischen Vereinigung für Deutschland und den Entwurf eines Musterstatutes sür zionistische Vereine. — Wenn die zionistische Bewegung in Deutschland trotz aller Hindernisse immer größer wird, so ist dies zum großen Theil auf Rechnung der Kölner Gruppe zu setzen, und sie verdient all die Achtung und Anerkennung, die ihr von den Gesinnungsgenossen so reichlich entgegengebracht werden.

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