Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Article
- Frankfurt a. M. [Nachricht] / Z-l.
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 9. Nr. 31. keinen Staat im modernen Sinne des Wortes, mit offensivem Charakter, „bewaffnetem Frieden", Riesenheer und Riesenflotte und was dergleichen moderner Segnungen mehr sind, gründen wollen. Ihr einziges Ziel sei vielmehr die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für diejenigen Juden, die sich in ihrer jetzigen Heimat nicht assimilieren können oder wollen. Die zweite Frage verneinte Herr Rabbiner Leimdörfer rundweg. Da habe er sich — meinte Prof. Schapira — vergebliche Mühe gegeben. Denn so naiv ist doch Se. Ehrwürden wohl selber nickt, zu glauben, das jüdische Volk werde ihm diese seine zumindest etwas kühne Behauptung ohne weiteres glauben. Allerdings kennt die Gemeinde des Herrn Leimdörfer unser Gebetbuch nicht; Redner sage aber vorher, es werde noch eine Zeit kommen, da das jüdische Volk aus den Händen der Reform- und Protestrabbiner das alte, durch und durch nationale Gebetbuch zurückfordern werde, da dasselbe Volk von dem Herrn Leimdörfer 6 tutti quanti auch das zu verlangen sich crdreisten wird, diese seine „geistlichen Führer" mögen den Sabbath vom Sonntag wieder auf den Sonnabend zurückverlegen. Nachdem Redner noch die alte Phrase von der so falsch gedeuteten Mission der Juden im Exil in ihrer ganzen Hohlheit und Unhaltbarkeit bloßgelegt hatte, schloss er seine Rede mit einem warmen Appell an die Anwesenden, sich die Zionsidee eigen zu machen und sodann der zionistischen Organisation beizutreten. Minutenlanger, nicht endenwollender Applaus folgte den gediegenen Ausführungen des greisen Festredners. Nach Herrn Professor Schapira hielt Herr Jehouda einen Festvortrag in hebräischer Sprache, den Herr Cantor C o b l e n z hierauf deutsch verdolmetschte. Den Schluss des officiellen Theiles der vortrefflich gelungenen Veranstaltung bildete die Declamation des Gedichtes „Licht" von Erwin Rosenberger durch Herrn Birkenstein. Nach Beendigung der Borträge meldeten achtbare Männer aus allen Ständen dem Schriftführer der hierstädtischen zionistischen Ortsgruppe unverzüglich ihren Eintritt in dieselbe. Z—1. Eine Keminisrenr. *) Ile AuLrmft SalSjttna*. Im gegenwärtigen Zeitpunkte find die Augen Europas wieder auf jenes Land gerichtet, welchem ein großer Theil deS MenschengeschlechteS besondere Sympathien spendet, inSbesonders auf jenes Gebirge, welches in den innigsten Beziehungen zur Vorzeit unseres Stammes und Glaubens steht: Syrien, Palästina, der Libanon. Abermals hat eine jener blutigen Fehden zwischen den christlichen Maroniten und den islamitischen Drusen, zweien Secten, welche ebensosehr daS Christenthum, wie den Islam entstellt haben, stattgefunden; eine furchtbare Metzlelei unter den unterliegenden Maroniten und den in Syrien, namentlich in Damascus wohnenden Christen war die Folge, und die Energie des französischen Kaisers will diesmal nicht zugeben, dass Europa ein muffiger Zuschauer bleibe: eine Intervention, d. h. Occupation von französischer Seite soll eintreten, die Pforte hat ihre Zustimmung hierzu gegeben, die europäischen Mächte eine Convention darüber geschloffen, und so werden sich jedenfalls Thatsachen daraus ergeben. Syrien hat aus seiner stürmischen Geschichte Ueberbleibsel jeder Nationalität zurückbehalten, die seit Israel das Land Kanaan erobert, in Syrien eine Rolle gespielt, so dass in der That nur jene alten Völker fehlen, welche vor und neben Israel existierten, und denen die Propheten den Untergang verkündet hatten. Außer den auch dort überall zerstreuten Juden gibt es hier zunächst die Reste des Volkes, welches vor dem Eroberungszug des Islams diese Länder beherrschte, der Griechen des byzantinischen Reiches, die aber wieder in die Anhänger des griechischen Cultus, die lateinischen Griechen und die Maroniten, von der Secte deS Mönchs Maron, ehemals unabhängig, jetzt der römischen Kirche zugehörig, zerfallen. Hierauf kommen die Reste der Nation, welche die Fahne des Islams siegreich über Westasien getragen, die Araber, unter welchen die Abkömmlinge der ursprünglichen Araber, die Metualis, die Drusen, die Ansarier, rc. figurieren, die sämmtlich durch Abstammung und religiöse Glaubensverschiedenheiten von einander gespalten sind. Hierzu kommt das jetzt herrschende Volk, die ottoman- Nischen Türken, bekanntlich von mongolischer Rasse, und endlich gesellen sich zu diesem Gemisch ansäffiger Völker die nomadischen Hirtenstämme der Turkomannen, der Kurden, der arabischen Beduinen. Im Verlaufe von 344 Jahren, seitdem der Sultan Selim I. diese Länder unterwarf, vermochten die Türken nicht, dieses Gemengsel von Nationen zu irgend einer Einheit umzubilden, da sie selbst eben nur als eine besondere Nationalität zu leben verstanden. Mit d e r Zeit, seit welcher die türkische Nation ihre Kraft verloren, unter allen diesen Völkerschaften aber keine war, die an ihre Stelle treten konnte, musste Syrien eigentlich die Beute einer europäischen Macht sein. Nicht als ob wir den religiösen Zug nach den heiligen Stätten oder die Sentimentalität über die dort vorfallenden Gräuel als genügendes Motiv für einen europäischen Heereszug nach Syrien ansehen möchten, sondern weil das betreffende Land anziehend genug für die Herrschsucht und die Handelsintereffen, überhaupt als eine kräftige Grundlage für politischen und commerciellen Einfluss in Asien ist, um nicht noch mehr *) Unser Gesinnungsgenosse, Herr Max Siebenschein in Gaya, sendet uns den obigen Artikel aus der „Allgemeinen Zeitung deS Judenthums" vom Jahre 1860. Der Aufsatz entstammt der Feder PhilippsonS. Wie sich doch die Zeiten ändern. Einst schrieb die „Allgemeine Zeitung des JudenthumS" für die Juden, heute schreibt sie für daS „Allgemeine"!? Die Redaction. als der Kaukasus. Algier oder Indien anzulocken. Allein die Eifersucht der europäischen Machte, wenn man nicht sagen will daS europäische Gleichgewicht, verhinderte stets die Besitzergreifung Syriens durch eine europäische Macht, trat aber auch ebenso einem Versuche eines außereuropäischen Herrscher-, ein starkes Syrien zu gründen, entgegen. Daher wurde nicht allein Napoleon 1., als er von Aegypten aus Syrien erobern wollte, von den verbündeten Engländern und Türken zurückgeschlagen, sondern auch, als der Bicekönig von Aegypten, Mehemed-Ali, und sein Sohn Ibrahim-Pascha 1840 Syrien sich unterworfen und die Türken wiederholt geschlagen hatten, zwangen die verbündeten Oesterreicher, Engländer und Russen sie. Syrien wieder zu räumen, da Frankreich, der einzige Bundesgenosse des ägyptischen Bicekönigs, unter der schwächlichen Politik Ludwig Philipps ihm beizustehen nicht wagte. Napoleon III. aber, der jede Gelegenheit mit Eifer ergreift, welche geeignet ist, die alten Scharten auszuwetzen und Frankreichs Machtstellung zu vergrößern, wohl wissend, dass die französische Nation ihm so lange gehorchen werde, als sie durch ihn an der Spitze der Nationen zu stehen wähnt, will die einmal wieder eingetretene Zwistigkeit der beiden wilden Völkerstämme des Libanon benützen, um in Syrien die Macht des französischen Staates zu entwickeln. Zwar trat ihm auch diesmal die natürliche Einsprache der anderen Großmächte, namentlich der Engländer, entgegen, so dass der Einfall der Franzosen in Syrien nicht die anfänglich beabsichtigte große Dimension annehmen wird, ja dass die französische Occupation nur eine beschränkte und der Zeit nach begrenzte sein soll; aber die sonderbare politische Conjunctur in Europa, dass einerseits Frankreich vorwärts drängt, dennoch aber von der Befürchtung einer europäischen Coalition zurückgehalten wird, andererseits die übrigen europäischen Mächte noch nicht einig genug find, um dem französischen Vorgehen ein völliges Jntcrdict aufzulegen, gesteht den Franzosen doch immer eine Besetzung Syriens zu, und wie wert dann die Thatsachen die gegenwärtige Vereinbarung überholen werden, lässt sie nicht im geringsten voraussehen. Diese Besetzung Syriens, zu welchem auch Palästina gehört, durch eine europäische Macht muss aber eine wesentliche Umgestaltung der dortigen Berhältniffe zur Folge haben. Schon als Ibrahim-Pascha Syrien besetzt gehalten, war allgemeine Sicherheit vorhanden, und Ackerbau und Handel begannen ernpoMblühen. Der Aegypter hielt strenge Manneszucht, übte Gerechtigkeit, jagte die Beduinen in die Wüste zurück, die Ernte war sicher, in die Scheuer des Sandmanns einzugehen, die Heerstraßen konnten ruhig begangen werden. Mit dem Augenblicke, wo der Türke die Herrschaft wieder in die Hand bekam, hörte alles dies wieder auf, und die Keime des Culturlebcns verdorrten wieder unter dem Sande der Wüste. Die französische Occupation wird im Nu eine vollständige Aenderung bewirken. Die verschiedenen Nationalitäten und Religionen werden gleichberechtigt neben einander bestehen, die Arbeit wird ihres Lohnes sicher sein und die angehäuften Bettler in Jerusalem die Entschuldigung der Unsicherheit und der Nahrungslosigkeit nicht mehr für sich haben. Aber die europäische Herrschaft bleibt bei dieser bloßen Negation nicht stehen. Schon militärische Rücksichten bedingen die Herstellung guter Straßen, Eisenbahnen, Telegraphenstränge. Einer unserer geehrten Mitarbeiter hat jüngst in diesen Blättern aus einer amerikanischen Broschüre berichtet, wie in Syrien und Palästina hierzu die Anfänge bereits kräftigst gemacht worden. Bald wird man per Eisenbahn von Beirut nach Jerusalem fahren, eine Nachmittagstour nach Hebron oder dem tobten Meere machen, Brücken über den Jordan schlagen; es werden Hotels aller Art in Jerusalem und Bethlehem so gut wie in Alexandrien und Kairo, und noch besser, erstehen, Boulevards um den Berg Zion laufen; die Industrie wird sich des Landes und aller seiner Mittel bemächtigen, die Spekulation sie nach allen Seiten hin ausbeuten und bald wird man an den Ufern des Salzsees Bäder und auf den saftigen Tristen BasanS Molkenanstalten sich erheben sehen. Wer irgend einmal Gelegenheit gehabt, die Umwandlung zu beobachten, welche die europäische Cultur, namentlich in unserer Zeit, wo die Dampfkraft, die Elektricität und die außerordentliche Entwicklung der Mechanik alle Entfernung nnd Schwierigkeiten überwinden, in einem Jahrzehnt selbst auf einem ganz vernachlässigten oder naturwüchsigen Gebiete, das aber einen Mittelpunkt für die Nationen darbietet, hervorzubringen vermag, wird die obige Schilderung nicht für übertrieben finden. Diese Veränderung auf dem uralt heiligen Boden würde allerdings zwei verschiedene Seiten haben. Von der einen gienge auch hier alle Romantik, aller Aufschwung deS Gefühls und der Phantasie verloren. Die „zerfallene Hütte DavidS" wird an heiligem Glanze der Erinnerung und der Verheißung verlieren, wenn auf ihrer Stätte nicht Ruinen und Mauerreste, sondern Bahnhöfe und französische Cas6s stehen. Andererseits aber wird die jüdische Bevölkerung der heiligen Stadt nnd des heiligen Landes aus ihrer trostlosen Lage gerettet und nach und nach zu einer würdigen Stellung emporstreben. Statt der hungernden Faulenzer, von denen die ungeheure Mehrzahl, was sie auch sagen, nicht einmal dem Talmudstudium obliegt, werden arbeitsame, selbstständige Juden sich ansässig machen; Schulen werden erstehen, wahrhafte Meister der jüdischen Theologie werden sich dort zusammenfinden und durch gesicherte große Stiftungen em Lehrplatz unserer Religion gegründet werden, der mit denen der Vorzeit zu wetteifern vermag. Was nicht minder wichtig, Jerusalem wird dann der Punkt werden, von welchem aus auf das Schicksal der zahlreichen, unglücklichen, in den Ländern am Euphrat, in Kurdistan und Persien zerstreuten Söhne Israels, die dem tiefsten Elend in körperlicher wie geistiger Beziehung verfallen sind, nachdrücklich gewirkt werden kann, so dass von da aus dem ganzen orientalischen Judenthume eine neue Sonne aufgehen würde. („Allgemeine Zeitung deS Judenthums", 1860).