Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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«Seite 4. «r. 81. Mädchen oder Buben, die im Aufträge kleiner Unternehmer alle die bereits von den Schächten wcggeschafften Steine noch einmal einer genauen Untersuchung unterziehen müssen, um die ihnen etwa anhaftenden Erdtheilchen mit einem Messer abzukratzen und für den Schmelzprozess zu sammeln. Den ganzen Tag wandeln sie nur herum, von einem Steinhaufen zum anderen, jeden Stein prüfend und betastend. Ihr Taglohn beträgt 48 Kreuzer und sie arbeiten nur fünf Tage wöchentlich. Nachtschichten machen die jüdischen Mädchen, die zumeist diesen Beruf ausüben, nicht, wie mir ein Bergwerksbesitzer bemerkte, aus Schamhaftigkeit und strengem Sittlichkeilsgefühl. Während beim Kurbeldrehcn die ruthenischen Bauern und die zugereisten Masuren das größte Contingent stellen, sind die Steintlägcr und Wäscher fast ausschließlich Juden. Ihre Arbeit sucht in Bezug auf den Kraftaufwand und die Anstrengung überall ihresgleichen. Die Steinträger haben die Steine auf große Plätze hinauSzubeförderu. Sie besorgen den Transport in Säcken auf ihren Schultern, die sich unter der Last der zwei Centner parallel zur Erde krümmen. Die Wäscher lösen wieder in großen Bottichen die Wachserde mit kaltem Wasser auf, rühren das Gemenge mit langen Holzstücken um, und sammeln dann die auf der Oberfläche gelangten Wachsthcilchen in Sieben ein. Auch diese Thätigkeit vollzieht sich unter freiem Himmel bei jedem Wetter. Reichen die Kräfte nicht mehr aus und das ist schon bei Fünfzigjährigen der Fall, so wird der eine oder der andere „Umschmeißer". Er hat dann nur die Steine in die Säcke hineinzuschaufeln, aber sein Lohn wird von 90 Kreuzern oder 1 Gulden 10 Kreuzer auf 70—80 Kreuzern herabgesetzt. Die Arbeit der Wäscher und Steinträger ist nicht blos schwer; sie vollzieht sich rastlos, ununterbrochen. Der Häuer unten in den Rollen kann sich eine Ruhepause gönnen, er kann nach seinem Gutdünken arbeiten, denn er steht unter keiner Aufsicht, aber oben sind die Aufseher und Pächter, die ihre Sclaven antreiben, weil sie sie für 12 Stunden gekauft haben. Hier sehen wir den wahren Proletarier, der seine Existenz mit einem Stücke seiner Kraft und einem Theile seines Lebens erkauft. Sie empfinden das selbst. Sie sehen sich herabgedrückt zu lebendigen Maschinen — für das ganze Leben; sie sehen, dass ihren Kindern dasselbe Schicksal bevorsteht, weil sie nichts ersparen können, um ihnen zu einer auffteigenden Classenbewegung zu verhelfen. Nicht einmal ihr Morgen ist sicher, denn sie können jeden Tag ohne Kündigung entlassen werden. Darum erhält man auch von ihnen, wenn man sie bedauert, die stereotype Antwort: „Wir arbeiten schwerer, als unsere Väter bei Pharao in Mizraim; die höchste Zeit wäre es schon, dass uns Gott durch einen neuen Moses aus dem galizischen Mizraim herausführe." (Schluss folgt.) Die Makkabäerfeier. Chanuka ist nun vorüber. Soweit jüdische Erinnerung zurttckreicht, war dieses nationale Fest, das eine verblassende Tradition in ein rein religiöses umgewertet hatte, niemals in so erhebender Werse gefeiert worden, wie in diesem Jahre. Es sind jetzt fünfzehn Jahre her, dass die akademische Verbindung „Kadimah" in Wien zum erstenmale eine Makkabäeifeier veranstaltete. Heute ist diese bereits Gemeingut aller Juden geworden und die Erinnerung an die Heldenthaten Judas und seiner Brüder tönt in zahlreichen Reden wieder. Große, glanzreiche Abende fanden statt, aber neben diesen laufen in aller Stille geräuschlos und beichelden eine unendlich große Zahl von kleineren Feiern einher. In der Familie erzählte der Vater den aufhorchenden Kindern die Mär' und draußen in den kleinen Gasthäusern, in Gcbetstuben und Privatlocalen versammelten sich alle die schwachen, kleinen Juden, um aus dem Munde jüdischer Handwerker die tröstliche Kunde des Zionismus zu vernehmen. Folgende Berichte sind uns zugekommen: Wien. Der „Theologische Verein" halle Montag den 30. d. M. im Saale Khuner eine Makkabäerfeier veranstaltet, die einen ebenso würdigen, wie glänzenden Verlauf nahm. Fast der gesammte Lehrkörper der theologischen Lehranstalt mit dem Rector Prof Dr. Schwarz an der Spitze hatte sich eingefunden. Weiters waren: Herr M KarpeleS, der Präsident des Curatormms, Rabbiner Pap o, Chackam A lkalay und ein zahlreiches distinguiertes Publicum erschienen. Es sprachen die Herren Dr. Klauber, I. W o l f, M. H o ch. der einen von Herrn B. Fuchs verfassten Prolog vortrug, S. B re t, M. S ch l ö s s i n g c r und H. CHajes. Es lässt sich von all' diesen Reden nur das eine sagen, dass selten noch in einem ähnlichen Kreise solche Reden, überftrömend von einer glühenden Begeisterung für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes, gehört wurden. DaS rücksichtslose, freie und offene Eintreten der jungen Theologen für den Zionismus bildete die Sensation des Abends. Aus all' den folgenden Toasten und Reden der Gäste und Professoren drang ein Echo von dem Gehörten hervor. Insbesondere muls der Rede des Rectors Prof. Schwarz erwähnt werden, der die Theologen aufforderte, auch weiterhin mit den Laien Hand in Hand zu gehen im Kampfe für die Erlösung deS jüdischen Volkes. Denn der Zionismus ist eine Thatsache, die nicht geleugnet werden kann l. . . „und das jüdische Volk gleicht einer Menorah, denn unter dem Hammer des Schicksals ist es zu einem Ganzen geworden, untrennbar und unlösbar". „Euer Zusammenwirken — rief er den Theologen zu — mit den Studenten der anderen Facultüten ist eine sichere Gewähr dafür, dass die Bewegung immer im richtigen Geleise erhalten bleibt" Es braucht nicht bemerkt zu werden, dass diesen Worten ein Beifallssturm folgte. Wien. Eine hebräische Makkabäerfeier in Wien! Kaum glaublich und doch wahr. Dem „hebräischen Club" gebürt dieses Verdienst. Auf seine Einladung hatte sich im Restaurant Robitschek ein zahlreiches, äußeist distinguiertes Publicum eingefunden, welches das Programm, das durchwegs in hebräischen Reden, Vorträgen und Liedern bestand, aufmerksam verfolgte Nach der Begrüßung durch den Präses Dr. L. Kahn ergriff der Meister der hebräischen Sprache Herr R. A. Brandes das Wort, um in einer glanzvollen Rede die Gäste in voller Begeisterung mitzureißen. Das Schlusswort sprach Herr I. L. Landau. Dank und Anerkennung verdienen auch die Herren Obercantor Schorr, Preis und Scklöffinger, welche mit ihren Vorträgen dazu beitrugen, um die Stimmung des FesteStheilnehmer zu einer äußerst animierten zu gestalten. Auf den officiellen Theil folgte der gemächliche, der bemerkenswerter Weise meistens wieder nur hebräische Reden brachte. Wien. Sonntag den 26. d. M. fand im Restaurant Breßnitz die Makkabäer- und gleichzeitig auch Gründungsfeier des zionistischen Vereines jüdischer Handelsangestellter „A ch d u s" (Einigkeit) statt. Der gut besuchte Abend wurde vom Obmann Herrn D i ck st e i n eröffnet, worauf stuck, tdeol. Hausner die historische Bedeutung des Festes auseinandersetzte. Nach einigen hebräischen Gesangspiecen des Sängers Weiß ergriff Dr S. R. L a n d a u das Wort, um die Versammlung mit den Grundsätzen des Zionismus und mit dem Stande der zionistischen Bewegung bekannt zu machen, wobei er besonders auf die volkSthümliche Bedeutung deS zionistischen Gedankens hinwies. Herr Br a u d e S und Herr Lehmann aus Brest. Lit. geißelten in scharfen Worten die Assimilation. Der Verein „Achdus" ist durch die Kreise, die er um sich versammelt, bestimmt, ein wichtiges Bindeglied in der zionistischen Organisation zu werden. OkL). Der acad. Verein „Charitas" veranstaltete am 22. December in den Räumen des Hotel Triest eine Makkabäerfeier. Unter den zahlreich erschienenen Gästen bemerkte man den Rabbiner Dr. Mühsam, den Präsidenten der Grazer Cultusgemeinde Bernhard Biller mit mehreren Vorständen und die Vertreter der acad. Verbindung „Kadimah" aus Wien. Nach einer einleitenden Rede des Präsidenten Dr. Weil entzündete Dr. Mühsam unter den weihevollen Klängen eines Chorals das Chanukalicht. Herr Dr. Freund schilderte dann in beredten Worten das Märtyrergeschick der steirischen Juden Nun ertönte das Bundeslied der Charitas : „Es weht ein Hauch vom Libanon, ganz leise wie ein Klageton." ckur. Max Bernhard, Präses der „Kadimah", sprach im Aufträge der Wiener Zionisten über Wesen und Form des Zionismus und wusste im weiteren Verlaufe des Abends alle Bedenken und Einwände, die laut wurden, in von Begeisterung getragenen Worten zu widerlegen. Der Präsident der CultuSg« meinde Herr Biller stellte sich der Versammlung alS eben bekehrter Zionist vor und trank auf die Wiener Gäste, die unter lauten Zurufen auf die Schultern gehoben und durch den Saal getragen wurden. Den Kadimahnern gelang es auch, die Grundlage zu einem academischen und bürgerlichen Zionsverein in Graz zu legen. Vvänn. Eine zionistische Manifestation, wie sie Mähren noch niemals sah, hat dieser Tage in der Hauptstadt deS Landes statt gefunden Im großen Festfaale des deutschen Hauses zu Brünn veranstalteten die academischen Zionistenverbände von Brünn, Olmütz, Bielitz, Kanitz, Weißkirchen. Loschitz, Lunden bürg, und H r a d i s ch einen gemeinsamen Makkabäercommers. Gegen 500 Personen erfüllten den Saal. Ouack. mr. Berthold F e i w e l (Brünn) eröffnete die Feier mit der Recitation eines Festgedichtes „Chanuka." Nach ihm sprach Ingenieur Robert Strich er (Brünn). In markigen Worten geißelte er daS Treiben der mährischen Assimilantenclique, ihre Talmifrömmigkeit, ihr schamloses Kriechen vor Judas Feinden und ihren empörenden Hochmmh gegenüber dem eigenen Stamm. Nach dieser mit großem Beifaüe aufgenommenen Rede referierte Ingenieur Felix Pollitzer (Olmütz) über die bisherigen Erfolge der zionistischen Agitation in Mähren, Ingenieur Josef Klipper (Bielitz)