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Die Welt · 1897-12-31 · 31 (31.12.1897) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
31 (31.12.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-12-31
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Seite S. Nr. 81hundert Jahre in der Erinnerung zurückzuschauen. Es ist nicht so lange her, da war Bismarck der bestgehasste Mann in deutschen Landen. Und so kann er geduldig warten, bis der Krämer, der heute über den Marineetat verzweifeln thut, erkannt hat, welch kolossale Absatzgebiete jetzt neu geschaffen werden, und bis die Leute, die sich an dem nenerfundenen Verkchrmittel freuen, einsehen, dass nur damit begonnen wird, die Consequenzen aus dieser Erfindung zu ziehen. * * * Unser Streben geht nicht um den Erdball, und die Geschicke der Völker werden nicht gelenkt durch unser kleines Wollen. Einem ganz kleinen, aber starken Volke wollen wir einen ganz kleinen aber festen Platz gewinnen. Auch wir sind Colonialpolitiker, wenn wir auch einen Vergleich nicht im entferntesten ziehen dürfen. Und ist unser Bemühen auch machtlos und unscheinbar im Hinblick auf die Macht, welche die Panzerschiffe an die chinesischen Gelände lenkt, wir arbeiten doch an einer Ausgabe des „kommenden Jahrhunderts". Wir fassen neuen Muth, wenn wir sehen, wie das gewaltige Streben des großen Monarchen von einem Volke erkannt wird. Wir sind nur geringe Leute, wir streben nicht nach Macht, nur nach ein wenig Frieden — in drei Jahren ist das neue Jahrhundert da und mit iym seine Aufgaben. Wohl denen, die so zeitig am Posten sind, wie die Panzerschiffe in Kiao-Tschau. Anker jüdischen Proletariern.*) Von Dr. S. R. Landau. III. Boryslaw. Ein großes Dorf, aber ein Dorf der Arbeit. Die Arbeit hat es groß und berühmt gemacht; die Arbeit hat hier Schätze aus der Erde gehoben, wodurch Menschen über Nacht zu Millionären wurden. Nach allen Welttheilen wird von hier das Erdwachs verschickt, denn Boryslaw ist sein einziger bisher bekannter Fundort. Trotz des Jahrzehnte dauernden Betriebes ist er. noch immer unerschöpflich geblieben, und auf über 100.000 Meterzentner (zum Preise von 28—32 Gulden) beziffert sich die jährliche Ausbeute. Aber die Menschen, die sich durch Arbeitsgelegenheit herbeigelockt, nach Tausenden aus allen Gegenden hier versammelten, um diese Arbeit zu verrichten und durch ihre Kräfte neue Werte zu schaffen, haben an ihren Früchten keinen Anthcil. Sie bekommen nichts mehr, als nothwendig ist, um Leib und Leben zusammenzuhalten und sich fortzupflanzcn. Denn hier ist das System des ehernen Lohngesetzcs und damit auch die Frauen- und Kinderarbeit, sowie endlich die Nachtarbeit der Frauen in vollster Blüthe. Die Arbeiterschutzgesetze kennt man hier nur vom Hörensagen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sind zumeist Juden. Unter den 9000 Arbeitern von Boryslaw gibt es ihrer viel über 6000: Männer, Mädchen nnd Kinder, Kinder als Arbeiter. Ein Theil wohnt im nahen Drohobycz, woher sie Montag morgens Herkommen, um schon Donnerstag Nachts zurückzukehren, ein anderer hat sich im Dorfe Drzwiniaz, der Rest in Boryslaw selbst ansäßig gemacht, wo sie alle tagsüber und zum Theile auch während der Nacht arbeiten. Boryslaw ist, wie sonst kein Ort in der ganzen Welt, der klassische Sitz jüdischer Großindustrie-Arbeiter und deren ureigensten Typus bildete jener alte gebrochene Jude, der seit 35 Jahren auf einer und derselben Stelle durch 12 Stunden täglich die Kurbel dreht — gegen einen Tageslohn von 48 Kreuzern, nach Abzug von 2 Kreuzern für die Bruderlade. Jüdische Großindustrie-Arbeiter gibt cs wohl auch zu Tausenden in England und Amerika, aber nirgends ist der Lohn so niedrig und darum der Lebensunterhalt so elend, nirgends ist die Arbeit so schwer, so gesundheitsschädlich, ja sogar lebensgefährlich, nirgends trägt ein ganzer Produclionszweig so das Gepräge mühsamer jüdischer Händearbeit — wie hier in Boryslaw. Die Ortschaft weicht in ihrer Bauart von der schablonenhaften Form der galizischen Dörfer und Städtchen ab. Bis auf zwei gemauerte Häuschen (die Propination und Baron Hirsch'sche Schule) finden wir nur Holzbauten. Da stehen einige nebeneinander, dort sind mehrere auseinandergestreut, die einen liegen auf einer klemm Anhöhe, die anderen sind durch die Erdrutschungen bereits unter das Straßenniveau gesunken. Nirgends ein Straßenpflafter, sondern in allen Straßen zu jeder Jahreszeit und Witterung ein gelber, morastartiger Koth — das sind die Straßenumrisse. Das eigentliche Straßenbild ist ein äußerst lebhaftes. Juden betreiben hier Geschäfte und bieten ihre Waaren feil, ihre Schnitt-, Thon- und Esswaren an die vorübergehenden Landleute oder Arbeitslosen, die ziel- und planlos herumirren. Wir begegnen ihnen oft genug, wenn wir den schmalen Brettersteg, der hier den Fußweg vertritt, passieren oder eigentlich ihretwegen nicht passieren können, weil sie sich auf der Straße so wohl fühlen, als wären sie bei sich zu Hanse. Hart an den Straßen und dicht neben dem bunten Alltagsgetriebe ^befinden sich die Erdwachsgruben. Jeder der 39 Erdwachsbergbaue besteht ans einer Anzahl von Schächten, die Hunderte von Arbeitern bedienen. Jeder Schacht bildet für sich ein Ganzes. Er hat seine Häuer, Träger, Wäscher, Wasserträger, Kurbeldreher, Umschmeißer und Klauberinnen. Einige Schächte werden von einem Aufseher geleitet. Alle genannten Arbeiter-Categorien haben ihren eigenen genau abgegrenzten Wirkungskreis, bestimmte Pflichten und die Qualificierten unter ihnen eine specielle Sachkenntnis. Darnach richten sich auch ihre Löhne. Die Arbeit der Einen ist schwerer, dafür aber die der anderen lebensgefährlicher. Den größten Gefahren sind die Häuer ausgesetzt. Mit einem Fuß in einem Blccheimer, mit der Rechten das Seil und mit der Linken die Sicherheitslampe festhaltend, so fahren sie in den brunnenartigen sechzig oder inehr Meter tiefen, einen Meter breiten und 1'2 Meter langen Schacht ein. Der Mangel an Bremsen bei den Winden und an Stützen unter den Haspelwellen, die alten, morschen Seile und Haspelgerüste ließen viele von dieser Fahrt nimmer wiederkehren. Die unten lebendig anlangeu haben in den schmalen, labyrintartigen Gängen ein 12stündiges Arbeitspensum in der Tag- oder Nachtschichtc zu verrichten. Die mangelhafte Luftzufuhr mittelst primitiver Handventitatoren und die Seltenheit der Wettermcssungen machen den Aufenthalt zur Qual und ermöglichen die Ansammlung von Kohlen- und Schwefelwassergasen, die zu Explosionen führen. Denn die Vorsichtsmaßregeln der Bergbehörden scheitern an der Laxheit und Sparwuth der Unternehmer. Nach dem letzten Bericht** sind hier im Jahre 1895 34 Personen tödtlich und 42 schwer verletzt worden. Trotzdem fahren die Häuer ein, denn es gilt das Brot, wenn auch nur das trockene, für sie und ihre Familien. Ihr Taglohn beträgt 60—80 Kreuzer. Ich sah einige, die sich in der Weise Helsen, dass sie wenigstens durch 6 Stunden in den Rollen arbeiten und während der anderen Hälfte der Schicht die Kuibel drehen, was nur einen Taglohn von 50 Kreuzer abwirft. In den erwähnten Eimern wird wieder von den Häuern das Wachs hinaufbefördert, theils im reinen Zustande, theils als Lcttegemengc. Das weitere besorgen dann die Klanbcrinnen, auch „Beinlerinnen" genannt. Mit gewandter Hand scheiden diese armen Mädchen, die oft kaum das Kindesalter hinter sich haben, die wachshältige Erde von den Steinen und ordnen sie in Haufen. Dabei knieeu sie auf der feuchten Erde und verrichten ihre Arbeit in gebückter Stellung durch 12 Stunden täglich, zu jeder Jahreszeit, trotz Nässe und Sturm und Regen. Die hohen Röhrenstiefel, die sie im Winter tragen, durchdringt die Nässe und die leichte Kleidung schützt sie nur wenig gegen den Frost und die Unbilden des Wetters. Aber selbst dieses Los ist noch ein bevorzugtes gegenüber dem der jungen ** Berichte der!. k. Bergbehörde» über ihre Thätigkeit im Jahre 1895. Wien 1897. Bergt, die Nr. 23, 24, 26 und 28 der „Welt".

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