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Die Welt · 1897-12-31 · 31 (31.12.1897) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
31 (31.12.1897)
Article
Die Menorah
Date
1897-12-31
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Sette j?k$wr 9h. U. die erstarrte Form der Menorah wieder zu beleben, ihre Wurzeln zu tränten, wie die eines Baumes. Auch der Klang des Namens, den er nun an jedem Abende vor seinen Kindern sprach, gefiel ihm wohl. Es war ein Klang darin, besonders lieblich, wenn das Wort aus dem Kindermunde kam. Die erste Kerze wurde angebrannt und dazu die Herkunft des Festes erzählt. Die wundersame Begebenheit vom Lämpchen, das so unerwartet lauge lebte, dazu die Geschichte der Heimkehr aus dem babylonischen Exil, der zweite Tempel, die Makkabäer. Unser Freund erzählte seinen Kindern, was er wusste. Es war nicht gerade viel, aber ihnen genügte es. Bei der zweiten Kerze erzählten sie es ihm wieder, und als sie es ihm erzählten, erschien ihm alles, was sie doch von ihm hatten, ganz neu und schön. Von da ab freute er sich jeden Tag auf den Abend, der immer lichter würde. Kerze um Kerze stand an der Menorah auf, und mit den Kindern träumte der Vater in die klemeu Lichter hinein. Es wurde schließlich mehr, als er ihnen sagen konnte und wollte, weil das noch über ihrem Verständnis war. Er halte, als er sich entschloss, zum alten Stamme heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu thun. Dass er auf diesem Heimweg auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen finden wurde, das hatte er nicht geahnt. Und nichts Geringeres widerfuhr ihm. Die Menorah mit ihrem wachsenden Lichterschein war etwas gar schönes, und man konnte sich dazu erhabene Dinge denken. So gieng er her und entwarf mit seiner geübten Hand eine Zeichnung für die Menorah, die er seinen Kindern übers Jahi schenken wollte. Frei gestaltete er das Motiv der acht gleich hoch auslaufenden Arme aus, die rechts und links in der Ebene des Stammdurchschniktcs liege». Er hielt sich an die steife überlieferte Form nicht für gebunden, sondern schuf wieder aus Natürlichem heraus, unbekümmert um andere Deutungen, die ja darum auch ihr Recht behalten mochten. Er war auf lebensvolle Schönheit aus. Doch wenn er auch in die erstarrten Formen eine neue Bewegung brachte, hielt er sich dennoch an iur Gesetz, an den vv'nehm alten Stil ihrer Anordnung. Es war ein Baum mit schlanken Arsten, deren Enden wie Kelche sich erschlossen, und in diesen Blüthenkelchen sollten die Lichter stecken. Unter so gedankenvoller Beschäftigung verstrich die Woche. Es kam der achte Tag, an dem die ganze Reihe brennt, auch der treue neunte, der Diener, der sonst nur zum Anzünden der Ucbrigcn da ist Eine große Helligkeit strömte von der Menorah aus. Die Augen der Kinder glänzten. Unserem Mann aber wurde das Ganze zu einem Gleichnis für die Entflammung der Nation. Erst eine Kerze, da ist es noch dunkel, und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es einen Gefährten, noch einen, noch mehr. Die Finsternis muss weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schließen sich die Anderen an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schönheit lieben. Wenn alle Kerzen brennen, dann muss man staunen und sich freuen über das gethanc Werk. Und kein Amt ist beglückender als das eines Dieners am Licht. Die Woche. Wien, 30. December 1897. An der fernen chinesischen Küste sind deutsche Kriegsschiffe vor Anker gegangen, und mit Erstaunen sicht Europa hier auf ein Abenteuer, dessen Ziele noch im Dunkeln liegen sollen. „Was thun die dort?" sagen die Leute zu Haute in Deutschland, „was thun wir hier?" fragen die Schiffstruppen von Kiao-Tschau, — und „was macht Ihr da?" möchten die Chinesen wohl gerne wissen. Und von der Thiergartenstraße bis zu den Ufern des stillen Oceans beginnen die Leute nach einem neuen Witz für diese neue Spazierfahrt der jungen deutschen Flotte zu suchen. Im kleinen alten Europa sind die Gebiete aufgetheilt. Hier kann sich die Kunst der Diplomaten blos um einen Fußbreit Erde drehen, und der Kampf, der einstmals hier entbrennen mag, wird ein Sturz der Culturen sein, nicht der Armeen. Einige Jahrhunderte lang hat Europas Politik an der amerikanischen Aufgabe gearbeitet. Die ist nun vollendet. Es gibt dort vom Feuerland bis hinauf nach Canada wenig mehr für uns zu thun. Das plumpe Afrika ist in kürzerer Frist erledigt worden, und die Frage, die an den Ufern des Bosporus glimmt, ist lange nicht mehr so brennend, wie einst. Die Welt ist enge geworden. Freilich nicht für alle, — aber für den, der sie von erhöhter Stelle aus zu übersehen vermag. * * * Aber die Zeit ist nahe, in der sie auch für alle anderen enge wird. Ganz von selbst muss das kommen, ohne dass die Ueberlcgung der Krämer sich Rechenschaft darüber geben kann. Das abgelaufene Jahrhundert hat uns die großen Verkehrsmittel gegeben, allein die ungeheuren Conseqnenzen aus diesen Mitteln sind noch nicht gezogen. Die theoretische Freude an all den vielen Erfindungen hat in bescheidenen Stubenphantasien alle Fernen 'in die Nähe gerückt gesehen. Aber noch sind die Fernen wirklich fern geblieben. * * 3e Die deutschen Panzerschiffe, die über die gewohnten Breiten hinausgesahren, haben eine Thüre in der Welt geöffnet. Da hinaus ist bis jetzt nur die Pocsi der Operette oder der Wagemuth Einzelner gedrungen. Bis in den letzten Jahren hat es an dieser Thüre gelärmt, aber die verworrenen Geräusche eines fernen Krieges, die undeutlichen Conflicte von Interessen sind stumpfen Ohren nicht verständlich gewesen. Jetzt horcht man hin und vernimmt wunderbare Neuigkeiten. Uebrr all den erledigten und breitgetretenen Fragen taucht eine neue auf, die asiatische Frage. Sie begann mit dem Bau der großen sibirischen Eisenbahn, und sie ist nun mit der deutschen Flottenfahrt vollends aufgcroüt. * rtz K Noch wissen wenige eine Antwort, wenige Leute verstehen es überhaupt, dass eine asiatische Frage existiert. Aber der deutsche Kaiser, der seine Schiffe nach China geschickt, weiß, dass dorthin die Straße der neuen Politik führt, der weiß, dass nun erst der Kreis um den Erdball vollendet wird, und er weiß, dass im Kielwasser seiner Flotte alle folgen müssen, welche nicht im Binnenhafen unrettbar vor Anker bleiben wollen. * * Die Colonialpolitiker sind an ihren Anfängen immer verlacht worden. Von Columbias an war das so. Und wer ein Volk aufruft, in ein neues Land zu ziehen, hat seine Stimme lange und ausdauernd ertönen lassen müssen, bis er gehört wurde. Auch gegen Moses haben die befreiten Kinder Israels gewüthet und ein »solches Abenteuer" verhöhnt. * s * Das Gesetz der Trägheit gilt auch hier, und die Mühe des Pfadfindcns überlässt inan gerne den folgenden Generationen. So findet der deutsche Kaiser im eigenen Lande Widerstand, und man fragt, warum er sich daran machen will, die Aufgaben des kommenden Jahrhunderts zu lösen. Aber in drei Jahren ist das kommende Jahrhundert da. In drei Jahren schon. Und wenn die deutschen Bürger von den Kriegsschiffen in Kiao-Tschau fragen: „Was sollen wir hier?" und die Chinesen neugierig sind: „Was macht Ihr bei uns?" könnte ihnen geantwortet werden: „Auf's kommende Jahrhundert warten wir — als die Ersten am Platze". * * * Der deutsche Kaiser mag durch die Kraft seiner Ueberzeugungen leichter wohl, als durch seine kaiserliche Macht all die Widerstreitenden ertragen. Er kann sich mit einem stolzen Blick auf Josef II. sagen, dass weitblickende Regenten selten verstanden werden, und wenn er will, braucht er, der um hundert Jahre seinen Unterthanen voraus ist, nicht einmal

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