Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 31 (31.12.1897)
- Date
- 1897-12-31
- Page
- 1 (sequence 5)
- Language
- German
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iß---l Nrdarlion Erscheint jeden Freitag. * i-9 Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wie«, die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. Ginzrli» Ammer« 15 kr. >-----9 Telephon Nr. 6808. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und ß Manuskripte nicht zurückgesendet. ( NoritllLl11»Al5z* Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.; für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg, Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei. Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 60 Cts. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 31. Wien, 31. Drrrmber 1897. 1. Jahrgang. ÜdF- Da Ende dieses Monats eine größere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorznnehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Die Mrnorah. Von Benjamin Soff. Es war ein Mann, der hatte die Noth, ein Jude zu sein, tief in seiner Seele empfunden. Seine äußeren Umstände waren nicht unbefriedigend. Er hatte sein genügendes Auskommen und auch einen glücklichen Beruf, indem er das schaffen durfte, wozu ihn sein Herz hinzog. Er war nämlich ein Künstler. Um seine jüdische Herkunft und den Glauben seiner Väter hatte er sich schon lange nicht mehr gekümmert, als der alte Hass nnter einem modischen Schlagworte sich wieder zeigte. Mit vielen anderen glaubte auch unser Mann, dass die Strömung sich bald verlaufen werde. Aber es wurde nicht besser, sondern stets ärger, und die Angriffe schmerzten ihn immer von Neuem, obwohl sie ihn nicht unmittelbar betrafen; so dass nach und nach seine Seele eine einzige blutende Wunde war. Es geschah ihm nun, dass er durch diese inneren und verschwiegenen Leiden auf deren Quelle, also aus sein Judcnthum hingelenkt wurde, und was er in guten Tagen vielleicht nie vermocht hätte, weil er davon schon so ferne war: er begann es mit einer großen Innigkeit zu lieben. Auch von dieser wunderlichen Zuneigung gab er sich nicht gleich deutliche Rechenschaft, bis sie endlich so mächtig war, dass sie aus dunklen Gefühlen zu einem klaren Gedanken erwuchs, den er dann auch aussprach. Es war der Gedanke, dass es aus der Judennoth nur einen Ausweg gebe, und zwar die Heimkehr zum Judenthum. Als dies seine besten Freunde erfuhren, die sich in ähnlicher Lage befanden, wie er selbst, schüttelten sie über ihn die Köpfe und meinten, er wäre in seinem Geiste verwirrt geworden. Denn wie könne das ein Ausweg sein, was ja nur die Verschärfung und Vertiefung des Nebels bedeute. Er aber dachte, dass die sittliche Noth so empfindlich wäre, weil den neuen Juden jenes Gegengewicht abhanden gekommen sei, das unsere starken Väter in ihrem Inneren besaßen. Man spöttelte hinter ihm drein, manche lachten ihm sogar unverhohlen ins Gesicht, doch ließ er sich durch die albernen Bemerkungen von Leuten, deren Einsicht er früher nie hoch zu schätzen Gelegenheit gehabt, nicht irre machen und ertrug die bösen oder guten Scherze gelassen. Und da er sich im übrigen nicht unvernünftig geberdete, so ließ man ihn allwählig sich seiner Schrulle hingeben, die freilich von einigen auch mit härterem Wort als eine fixe Idee bezeichnet wurde. Der Mann zog aber in seiner geduldigen Art eine Consequenz nach der anderen aus seiner einmal gefassten Meinung. Dabei gab es eine Anzahl von Uebergängen, die ihm selbst nicht leicht fielen, wenn er dies auch aus Trotz nicht sehen ließ. Als ein Mensch und Künstler von modernen Anschauungen war er doch mit vielerlei unjüdischen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Culturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, Unvertilgbares in sich ausgenommen. Wie war dies mit seiner Rückkehr zum Judenthum zu versöhnen? Daraus erwuchsen ihm selbst manche Zweifel an der Richtigkeit seines leitenden Gedankens, seiner iäö« maitresse, wie es der französische Denker nennt. Vielleicht war die unter dem Einfluss anderer Culturen großgezogene Generation nicht mehr fähig zu jener Heimkehr, die er als die Lösung gesunden hatte. Aber die nächste Generation würde schon dazu fähig sein, wenn man ihr noch bei Zeiten die Richtung gab. So bekümmerte er sich denn darum, dass wenigstens seine Kinder auf den rechten Weg kämen. Die wollte er von Haus aus zu Juden erziehen. Früher hatte er das Fest, welches die wunderbare Erscheinung der Makkabäer durch so viele Jahrhunderte mit dem Glanze kleiner Lichter bestrahlte, vorübergehen lassen, ohne es zu feürn. Nun aber benützte er diesen Anlass, um seinen Kindern eine schöne Erinnerung für kommende Tage vorzubereitcn. In diese jungen Seelen sollte früh die Anhänglichkeit an das alte Volksthum gepflanzt werden. Eine Menorah wurde angeschafft, und als er diesen neunarmigen Leuchter zum erstenmal in der Hand hielt, wurde ihm eigenthümlich zu Muthe. Auch in seinem Vaterhause hatten die Lichtlein in einer nun schon entlegenen Jugendzeit gebrannt, und es war etwas trauliches und anheimelndes darin. Die Tradition nahm sich nicht frostig, nicht erstorben aus. Das war so durch die Zeiten herübergegangcn, immer ein Lichtlcin am anderen entzündet. Auch die alterthümliche Form der Menorah regte ihn zum Sinnen an. Wann war der primitive Bau dieses Lichthalters geschaffen worden? Die Gestalt war offenbar einst vom Baum genommen worden. In der Mitte der stärkere Stamm, rechts und links vier Zweige, einer unter dem anderen, die in einer Ebene liegen, und alle acht sind gleich hoch. Eine spätere Symbolik brachte den neunten kurzen Arm, welcher nach vorne steht und der Diener heißt. Was haben die Geschlechter, die aufeinander folgten, in diese ursprünglich einfache und von der Natur genommene Kunstgestalt hineingeheimnisst? Und unser Mann, der ja ein Künstler war, dachte bei sich, ob es denn nicht möglich wäre