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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Einzelverein "Wien" des "Zion" [Nachricht]
Date
1897-12-24
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14. jPK&War Nr. 80. veveinsnLtchvrchten. — Einzelverti« „Wie»" des „3i0tl",II.Rembrandtstraße11. Am 14. d. M. sprach Herr Juda Landau über die Strömungen in der hebräischen Literatur in unserem Jahrhundert. Der Vortragende erntete für seine interessanten Ausführungen, die von umfassender Sachkenntnis zeugten, lebhaften Beifall. Herr Phil. Dr. Liebreich hielt eine Einleitung zu seinen bereits angekündigten Vorträgen über „Plnlo". Hierauf sprach der Vorsitzende, Herr Dr. Kahn, in ausführlicher Weise über die Judenverfolgungen in Rumänien und schloss unter allgemeiner Zustimmung der Versammlung, wir könnten nur Palästina als die wahre Heimat der Juden ansehen. Hieran knüpfte sich eine von einem Mitgliede des Actionscomitö gehaltene Ausführung über die in Gründung begriffene Nationalbank, die in den Appell zur Zeichnung von Actien auSklang. Der nächste Vereinsabend findet Dienstag, den 28. d. M., 7 Uhr abends statt. _ Leuil Der erste Chanuka-Nbend. Bon Ben AMi. (Aus dem Jüdischen übersetzt von M. Berkowicz.) (Fortsetzung.) III. Auf dem Fenster steht die achtarmige Chanukalampe aus funkelndem Messing, und die Mutter schneidet ein Stück vom „Stotschik", um daraus die Kerze herzustellen, mit der man die Chanukalichter anzündet. Es dürfte heute kaum noch jemand von unseren modernen Brüdern eine Ahnung davon haben, was ein „Stotschik" eigentlich ist. In der That lässt es sich mit einem Worte nicht erklären, denn er hat eine lange, traurige Entstehungsgeschichte, wie so vieles im jüdischen Leben. Ich will es dennoch in aller Kürze zu erklären suchen. Bekanntlich kommen im Monate Elul die Seelen zur Ruhe (glückliche Seelen, die ihr wenigstens einen Monat Ruhe findet!) und kehren in ihre Gräber zurück. Alsdann empfangen sie zahlreiche Besuche von Verwandten und Bekannten aus der Oberwelt, die an die Gräber kommen, um den Seelen in erschütternden Liedern ihr Leid zu klagen. Da werden die Gräber von Strömen blutiger Thränen benetzt, blutiger jüdischer Thränen, die ob seinem unsäglichen Leid das Elend hier vergießt, und traurige jammervolle Geschichten, die dem Zuhörer das Herz zereißen, werden den stummen Grabsteinen erzählt. Und die stummen Gräber hören alles ruhig an und verrathen kein Wort. Aber die Leiden sind so groß, im Herzen der Lebenden wohnt so viel Jammer und Elend, dass es ein Grab kaum aufzunehmen vermag. Da ersannen unsere Frauen ein Mittel. In der einen Hand die Todtengebete und in der anderen einen Knäuel Garn, den sie fortwährend abwickeln, gehen sie mehrmal um den Friedhof herum, ihren Pfad mit heißen, blutigen Thränen benetzend. Sie nennen das „Feldmessen". „Elendmessen" soll es richtiger heißen. Aber wer vermag jüdisches Elend zu messen? . . Das Garn, mit welchem das „Feld" gemessen wurde, wird in geschmolzenes Wachs getaucht und daraus werden die geflochtenen Kerzen, bei welchen am Ausgange des Sabbath der Wein gesegnet wird, und Stotschiks bereitet. Das ist also der Stotschik; er ist entstanden aus Blut und Thränen, und darum wird er auch nur zu heiligen Zwecken verwendet. Wenn man Gemoroh oder Mischnajoth lernt, wenn man um Mitternacht aufsteht, um Gebete zu verrichten, wenn man am Abend Fleisch falzen muss, wenn der Schächter am Vorabend vor Jom-Kippur die Hennen schlachten kommt, und zu dergleichen Anlässen. An wie viele Dinge aus dem altjüdischen Leben, deren Erinnerung uns so angenehm, so warm berührt, ermahnt uns der Stotschik! Aber wir wollen uns das für ein andersmal sparen. Mein Bruder sagt den Segensspruch mit seiner eigenartigen Melodie und zündet das erste Lichtlein an. Die Kerze, mit der er es anzündet, klebt er an die Wand in der Nähe des Fensters, und plötzlich — wie durch einen Zauber — ist das ganze Zimmer verwandelt. Feierlichkeit ist eingezogen. So viel Licht und Wärme aus einem kleinen, schwachen Lichtlein! Und in meinem kindlichen Herzen empfinde ich eine süße Freude. Ist es die Bedeutung dieses großen Volksfestes, des Chanuka? Hat man mir etwa von jenen Heldenthaten des greisen Mattathias und seiner-Söhne erzählt, die auf so wunderbare Weise das Land und den Tempel retteten und den grausamen Feind vertrieben? Nein, ich wusste nichts von alldem, ich hatte Zeitschrrsten-Ruirdscharr. Die in Bombay erscheinende „The Bene Israelite“ für den Monat November enthält einen ausführlichen Bericht über den Baseler Congress von Dr. Heinrich Loewe. Außer dem Bericht enthält die Zeirschrift noch eine größere, objeetiv gehaltene Notiz über den Zionismus, ohne dass jedoch die Redaction zu dieser Frage Stellung genommen hatte. Man braucht nur weiter zu lesen, nm den Grund zu erkennen. Unsere indischen Brüder leiden schwer unter der Pest und diese letzte Nummer bringt dies zum Ausdrucke. In Poona, Rewdanda, Panwell, Bombay, Tasgaon u. s. w. erliegen viele dieser schrecklichen Krankheit. Die Juden errichten eigene Spitäler, in denen sie Beweise von Heroismus geben. Freilich leuchtet ihnen das Beispiel unseres Glaubens- und Parteigenossen Dr. Haffkine darin voran. Die Zeitschrift ist 24 Seiten stark und enthält fünf Seilen englischen und. 19 Seilen indischen Textes. l e t o n. nie davon gehört. Wer von uns will überhaupt davon etwas wissen? ... Schon beim bloßen Anblick des Lichtes wird mir so wohl ums Herz, regen sich in mir so warme Gefühle, dass ich sie nicht zu beschreiben vermag. Und alles in unserem Zimmer ist in feierlicher, festlicher Stimmung; nur unsere Mutter steht und starrt in das brennende Licht, den Kopf in die Hand gestützt und — weint leise . . . Sie erinnert sich daran, wie der Vater einst Chanukalichter angezündet, wie fröhlich pnd feierlich es damals bei uns zugieng, wie sich das ganze Städtchen bei uns zu versammeln pflegte, um Fleisch-Pirogen, eine specielle Chanukaspeise, zu essen, wie man dabei gelehrte Gespräche führte, und Wunderthaten der heiligen Gerechten bis um Mitternacht erzählte. Jetzt ist es anders. Jetzt gehen alle zum neuen Schächter, der an Stelle unseres Vaters getreten ist; wir sind einsam, verlassen, und an uns denkt keiner mehr. „Süsileben, sing, mein Herz, den ,Haneiros halolu*, wie ihn der Vater zu singen Pflegte", bat die Mutter meinen Bruderunter Thränen. Süsi ist sonst nicht sehr folgsam. Aber diesmal gehorchte er, und begann so innig und gefühlvoll zu singen, dass wir alle gerührt waren; die Schwestern sangen leise mit, während die Mutter, noch immer den Kopf auf die Hand gestützt, weinend dasaß. — Der „Haneiros halolu" war abgesungen. Man wusch sich die Hände und gierig zu Tisch. Auf dem groben Tisch lag ein flacher Leib schwarzen Brotes, etwas Knoblauch, schwarzes Salz in einem zerbrochenen Salzfaffe von grünem Glas. Mit Heißhunger machten wir uns zuerst über das mit Knoblauch stark eingeriebene Brot her, dann kam die Mehlspeise auf den Tisch, in einer großen dunkelweißen Schüssel, die einen großen Sprung hatte und am Rand abgerieben und fast schwarz war. „Ich hätte ganz vergessen!" rief die Mutter, erhob sich schleunigst vom Tisch und brachte einen schwarzen, von außen angebrannten Kugeltopf. Auf dem Grunde des Topfes war etwas gelbweißes sichtbar — eingefrorenes Schmalz, das vom „Kugel" am vergangenen Samstag zurückgeblieben war. Sie begoss das Schmalz mit einigen Löffel heißen Wassers, und schüttete es dann auf die Mehlspeise. „Dem Stein sei's gesagt. Der Kopf ist einem so verwirrt, dass man wirklich nicht weiß, wo man in der Welt ist. Mit dem Schmalz hätte man ja ein bißchen Zwiebel rösten können, und die Mehlspeise hätte erst den richtigen Geschmack bekommen." Aber auch ohne die geröstete Zwiebel hat uns die Mehlspeise großartig geschmeckt; wir konnten uns an ihr gar nicht satt essen. Hatten wir doch schon eine ganze Woche keinen Löffel Warmes gekostet. Und die Mytter erinnerte sich während des Essens wiederum an den Vater. Sie beginnt wiederum von ihm Dinge zu erzählen, die wir unzählige Male aus ihrem Munde gehört hatten, und die uns dennoch so neu und so angenehm klangen, als ob wir sie zum erstenmal hörten. Am liebsten wiederholte sie immer die Worte, die er in öen letzten Augenblicken seines Lebens gesprochen; dass er gewusst habe, er werde bald sterben und auf den Tod vorbereitet gewesen sei, dass er sie gebeten habe, ihm keinen allzugroßen Grabstein zu errichten, besonders aber kein allzugroßes Lob auf den Stein zu schreiben, wie es sonst üblich sei. „Habe ich etwas Gutes gethan auf dieser Welt" — sagte er mit gebrochener Stimme — „so wissen es ja Gott und Leut'; habe ich aber nichts Gutes gethan, so hieße das nichts anderes, als mein Grab mit ewiger Lüge bedecken."

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