Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Wien
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. Z0. Mr-Wr deS Akad e misch en G e sang v er eines herzlichen Dank für Ihr freundliches Entgegenkommen sagen und Ihnen zugleich mittheilen, dass wir aus Gründen, die Ihnen Fräulein K. (die erwähnte Künstlerin)' bereits m i t g e t h e i l t hat, auf ihre künstlerische Mitwirkung verzichten müssen. So schweres mir auch ankommt, Ihnen, hochgeehrtes Fräulein, dies mitzutheilen, so halte ich es doch für meine Pflicht, da es bei Ihrem geschätzten Auftreten von Seile der deutsch-nationalen Studentenschaft gewiss zu unangenehmen Auftritten gekommen wäre. Prag. (Orig.-Corr.) Die tschechischen Excesse haben die Juden aufs tiefste gekränkt. Mit fast mathematischer Sicherheit sahen sie die Vorhersagung in Erfüllung gehen, die ihnen als Lohn für ihre treue Anhänglichkeit und ihre aufopfernde Thätigkeit im Interesse der Tschechen so oft in Aussicht gestellt worden war. Es ist traurig, dass so viele, gewiss ehrenhafte und von der Richtigkeit ihres Vorgehens überzeugte Leute, eine so herbe Enttäuschung erleben mussten. Es ist umso trauriger, weil man sie immer wieder im nutzlosen Ringen um die Liebe ihrer Mitbürger den Kampf beginnen und die Schlacht verlieren sieht, ohne dass sie für die Zukunft wenigstens gelernt hätten, was ihnen noth thut. Soll man es als eine endlich gewonnene Einsicht begrüßen, dass der tschechisch-jüdische politische Verband in Prag der jungtschechischen Partei die Gefolgschaft gekündigt hat? Oder hat nur momentan das gekränkte Selbstgefühl und die schmachvoll verhöhnte Zuneigung einen Ausdruck gefunden? Es würde an der Zeit sein, dass auch die Juden Böhmens begreifen, wie gefährlich und für sie tactlos jedes Hervortreten im Kampfezwischen Tschechen und Deutschen ist und dass ihre eigene jüdische Organisation und der Anschluss an die Regenerationsbestrebungen des modernen Judenthums imstande sind, sie vor weiteren Enttäuschungen und Misshandlungen viel eher zu bewahren, als bte bisher von ihnen befolgte Politik. —8— Lemberg. (Orig.-Corr.) Am 26. und 27. December findet hier im Locale des Vereines „Syon" der Landes-Parteitag der galizifchen Zionisten, statt. Berechtigt zur Theilnahme sind die Delegierten der zionistischen Vereine, sowie der Localcomite's des „Ahavas Zion" in Galizien. Doch darf jede Corporation nur ein Delegierter vertreten. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Der Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit des Parteicomite's und den Stand der zionistischen Bewegung in Galizien; Referent Dr. Gabel. 2. Das Verhältnis der galizifchen Zionisten und des „Ahavas Zion" zur Wiener Organisation; Referent Dr. Salz. 3. Die Organisation, Presse und Agitation; Referent Dr. Zipper. 4. Anträge und Interpellationen. 5. Wahl des Parteicomites. Die Einladung enthält auch einen Fragebogen, der sich auf die Zahl der zionistischen Vereine und ihrer Mitglieder, auf die etwaige Existenz von zionistischen Fachorganisationen, die abgehaltenen Volksversammlungen, die Stellungnahme zu den politischen Tagesfragen rc. bezieht. Bei der hiesigen Maccabäerfeier wird eine Dame, Fräulein Haut, die Festrede halten. Lemberg. (Orig.-Corr.) Es gibt auch außerhalb Rumäniens ritterliche Juden, die herzensgerne mit dem Säbel rasseln wollten. Oder nein, keine Juden, denn Juden sind bekanntlich feige. Ein Pole mosaischer Confession, ein Sohn eines polnischen Abgeordneten derselben Confession, fühlte sich durch antisemitische Insulte eines hiesigen antisemitischen Blattes beleidigt. Das heiße lechitische Blut flammte hoch auf und spornstreichs eilten zwei wirklich echte Söhne Polonia's zum Redacteur des antisemitischen Moniteur's. Vergebens versicherten die beiden Eideshelfer den Schriftleiter von der Echtfärbigkeit ihres Clienten, von seiner slavischen Abstammung und forderten Genugthuung mit den Waffen für die angethane Schmach. Der unerbittliche Rassenmäkler berief sich auf die Beschlüsse der Wiener Studenten und verweigerte dem polnischen Herrn die Satisfaction mit der Begründung, dass er Juden und denen, die sich mit ihnen verbinden, keine Genugthuung gebe. Es ist ja möglich, sogar wahrscheinlich, dass hinter diesem Grundsätze sich feige Aus*ieiferei verberge. Interessant ist es jedoch, dass der Judenschimpf gerade diejenige jüdische Familie treffen musste, welche am meisten unter allen Juden Galiziens entjudet und assimiliert ist. — Die Frage der confessionellen Schule beginnt auch in unserem Gemeinderath zu rumoren und actuell zu werden. Der Gemeinderath M arkiewice unterbreitete den Antrag, für die immer größer werdende Anzahl der jüdischen Kinder eine neue Volksschule zu activieren. Bis nun besitzt Lemberg zwei von der jüdischen Gemeinde erhaltene und eine städtische Volksschule, btc ausschließlich von jüdischen Kindern beider Geschlechter besucht werden. Die Schulen reichen jedoch bei weitem nicht aus, und so wird die Frage einer weiteren Schule immer aktueller, insbesondere da in den christlichen Schulen Seite 13. für die religiös-sittliche Erziehung unserer Kinder gar keine Sorge getragen wird und die überhaupt als Paria's behandelten Zöglinge einer moralischen Verwahrlosung entgegengehcn. — Wie ich voraussagte, hat die Finanzbehörde, welche nunmehr ihrerseits Mitglieder der Er-rerbsteuer-Commission Lemberg ernennt, das Resultat der Wahlen dadurch paralysiert, dass sie keinen einzigen Juden nominiert hat. Also das Polmthum wäre wieder gerettet. M. Russland. Odessa. (Orig.-Corr.) Ob sich die Juden für den Ackerbau eignen, ist für uns nicht mehr fraglich. Interessant ist aber immerhin, wie die ersten Beamten der Localadministration sich zu diesem Punkte verhalten. Im September dieses Jahres besuchte der Gouverneur von Jekaterinoslaw die jüdischen Ackerbaucolonien seines Rayons. In der größten der Colonien „Nadejnaja," stieg er bei dem Colonieältesten Kaufmann ab und nach der Besichtigung der Colonie, die seit dem Amtsantritte des neuen DomänenministersJermolow sich etwas erholt hat — Jermolow erweist den Colonien viel Aufmerksamkeit und Sympathien, ohne dass es den Juden bis jetzt gelungen wäre, eine Catasterrevision und Zutheilung neuer Gründe zu erlangen, die Bauern-Bodencreditbanken dürfen den Juden keinen Credit behufs Ankaufes von Boden erlheilen — drückte er sein? volle Zufriedenheit mit dem Gesehenen aus, konnte sich aber gleichzeitig nicht enthalten, zu fragen, ob wirklich die Juden selbst den Boden bearbeiten. Auf diese Frage hin traten die jüdischen Ackerbauer vor den Excellenzherrn und zeigten ihm ihre schwieligen Fäuste! Einer solchen Demonstration 3.(1 oeulos gegenüber, musste jeder Zweifel schwinden. Nach ihm kam der Domänendirector des Gouvernements Cherson und Bessarabien, der Staatsrath Somow, dem alle jüdischen Ackerbaucolonien unterstehen. In seinem Berichte an das Ackerbamninisterium zollt der Director allen jüdischen Ackerbaucolonien die vollste Anerkennung und hebt die fürnnser waldloses Territorium besonders wichtige Thatsache, dass die Colonien musterhafte Baumschulanlagen errichten hervor. Er empfiehlt zugleich neue Brunnenbohrungen und Wasseranlagen, da die Ernten unter der Trockenheit sehr stark leiden. A. W. Bjelaja-Zerkow. (Orig.-Corr.) Am 25. November wurde hier von Dr. Czerny das Referat des Professor Mandelstamm über den Baseler Congress verlesen. Das zahlreiche Auditorium, in dem alle Schichten der jüdischen Bevölkerung vertreten waren, schloss sich einmüthig den Beschlüssen des Congresses an. England. London. (Orig.-Corr.) Die Stadt Leeds, wo ich einige Tage zugebracht habe, ist vom jüdischen Gesichtspunkte die dritte Stadt in England. In dieser großen Industriestadt pulsiert das Leben etwas langsamer als in London. Wir finden auch hier nicht jenes Massenelend, wie in London, aber dafür einen begeisterten selbstlosen Zionismus. Hier sehen wir eine Schule, in der 250 jüdische Knaben von 6—13 Jahren die hebräische Sprache als eine lebendige Sprache, lernen. Einige Knaben von sechs Jahren versicherten mir ganz ernst, dass „Erez Israel" das Land der Juden sei, und indem sie ihre Augenbrauen zusammenzogen, sprachen sie mehrere Sätze hebräisch. Die Sprache der Propheten, im Munde der Babies! Damit ist vielleicht für den Einwohner des Polnischen oder galizifchen Ghettos Nicht viel gesagt, aber denjenigen, der. weiß, wie weit bisher die englische Judenschaft vom hebräischen Idealismus entfernt war, wird cs wohl nicht überraschen, wenn ich sage, dass ich hier im niedlichen Berh hasefer einen Hauch frischen Lebens empfand. Seine Begründer haben ein gutes Werk vollbracht. — Mr. Moses Angel, der durch 60 Jahre an der Spitze der jüdischen Freisclmle („Free School") gestanden ist, hat seine Stelle niedergelegt. Die Schule zählte in den letzten Jahren an 3500 Kinden. U. London. (Orig.-Corr.) Der Sultan von Marokko hat sich den Plänen des „Globe Venture Syndicats" entgegmgestellt, das durch die Eröffnung eines neuen Hafens die Juden von Marokko vom Handel verdrängen wollte. Denn würde ihnen dies gelingen — und das Syndicat ist noch nicht mit seiner Macht zu Ende — so würde diese Gesellschaft die Juden emfach zur Verzweiflung geführt haben. Das Merkwürdigste ist aber, dass es, wie man nur mittheilt, diese Gesellschaft auf den Ruin der Juden in Marokko abgesehen hat. Der Sultan ist jedoch entschlossen, die Exploitierung des Hafens durch eine fremde Gesellschaft nicht zuzulassen, so dass, wenn er streng Vorgehen würde, die Lage der Juden ungefährdet wäre. — Die Chanukafeier wird von den englischen Zionisten als Anlass zu zionistischen Demonstrationen benützt werden. Die Veranstalter sehen in der Chanukafeier die beste Gelegenheit zur Erweckung des jüdischen Nationalbewusstseins.