Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Halberstadt (Deutschland) [Nachricht]
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. FlkHVM Nr. S0. werken verkörpert hat. Nachdem der Rabbiner die Geschichte des modernen Zionismus skizziert hatte, besprach er diesen von der religiösen, ökonomischen und politischen Seile. Wenn er auch in seinem Schlussworte erklärte, dem Zionismus in seiner Endconsequenz nicht zustimmen zu können, so hat doch der vornehme und im Gegensätze zu den Protestrabbinern wohlwollende Ton seiner Rede allgemeines Aufsehen erregt und die Hoffnung einer schließlichen Verständigung mit den Zionsgegnern ausstchtsv oller gestattet. Vsstl. Trotz der begeisterten Aufnahme, die der Zionistencongress hier gefunden, hat doch der Zionismus selbst am Anfänge nur schwer Wurzel fassen können. Heute liegen die Verhältnisse schon viel besser; und nicht am wenigsten hat zu diesem Umstande der Verein „Fung- Zioir", ein Verein sunger Leute, beigetragen. Samstag, den 11. v. M., hielt im Vereine Herr Dr. H. Keller einen Vortrag über „Palästina, Land und Leute", der bei den zahlreich erschienenen Gästen lebhaftes Interesse erweckte. Duravefi. Die traurige Lage der rumänischen Juden, die in den Exceffen am 5. December einen so furchtbaren Ausdruck erhielt, hat die Juden.aus ihrer Lethargie aufgerüttelt. In allen Städten haben sich Ortsgruppen gebildet und in der Hauptstadt selbst, die schon mehrere Zionsvereine zählt, ist nun ein neuer „Chowewe Zion-Verein" im Entstehen, der speciell die Mitglieder der reicheren Kaufmannsgilde vereinigen soll. Gleichzeitig circuliert ein Aufruf im Lande, in dem die Juden in begeisterten Worten aufgefordert werden, sich überall der bestehenden zionistischen Organisation anzuschließen. Sofia. Die zionistische Bewegung macht hier bedeutende Fortschritte. Wenn auch Massenversammlungen seit dem Baseler Congress nicht mehr stattfinden, so vollzieht sich doch ein allgemeiner Fortschritt geräuschlos im Innern der Landesgruppe. Die Agitation wurde nicht suspendiert, sie wird .^nur zweckmäßiger weiter geführt. Die einzelnen Vereine schließen sich enger aneinander und wird in Kürze bald die Einheit aller zionistischen Vereine gesichert sein. Diesen ist ein neues Mitglied 'erwachsen. Unter dem Vorsitz des Herrn I. A. Neger fand vorige Woche die constituierende Versammlung des „Zionistischen Vereines" statt. In einer Resolution wurde beschlossen, sich der bestehenden Landes- Organisation anzuschließen. London. „Young Zion Institute“, einer der drei hiesigen Jung-Zion Vereine, hat am letzten Samstag (11. d. M.) sein neues Loeal eröffnet. Den Vorsitz führte Master Cohen, der Sahn des bekannten Doyens. der einen Rückblick auf die Entstehung u. Entwickelung dieser Jugend-Vereine, die als gleichgestellte Ortsgruppen der „Chowewi Zion Association" bestehen, warf. Es sprach noch Mr. I. de Haas, Bice-Commander, der dem Mr. Jsh - K is h o r für seine Verdienste eine Schärpe überreichte, Mr. Rabbinowicz, als Vertreter des „East London Tent, Mr. Levene als Vertteter der „Bnei-Zion" u. s. w. Lorresxondenjen. Oesterreich-Ungarn. Wien. (O.-C.) Der Pöbel, der in Bukarest die Juden schlug, ihre Geschäfte plünderte, die Synagogen verwüstete, es war ein ziemlich intelligenter Pöbel, Studenten und Batauschen. Was die Studenten in einem so jungen Staatswesen, wie Rumänien es ist, wo die nationalen Erziehungsanstalten noch nicht gar so lange bestehen, und die Intelligenz geradezu berufen ist, die Geschicke ihres Landes zu lenken, bedeuten, ist klar. Wer sind aber die Batauschen? Das sind die Knüttelmänner von Bukarest, aber Knüttelmänner mit politischer Ueberzeugung und politischen Idealen. Es sind das merkwürdige Geschöpfe, und merkwürdige Gerüchte cursteren über sie. Sie sind Stourdzianer und machen in diesem Sinne die Wahlen in der Hauptstadt. Sie machen nicht nur Wahlen, sie stürzen auch Regierungen und, was das Wunderlichste ist, sie machen sogar Regierungen. Man erzählt sich die interessante Geschichte, dass, als im Herbste Kaiser Franz Joseph den rumänischen König besuchte, Stourdza zur CabinetSbildung berufen wurde, weil man feindliche Demonstrationen der Batauschen befürchtete. Die Berichte, die nun aus Rumänien einlaufen. werfen ein eigenthümliches Licht auf diesen europäischen Staat. Es sind förmliche Schlachtenberichte, die man liest. Es wird nicht planlos geplündert, nein, nach einem großen Kriegsplan wird gekämpft, mit Borpoflengesechten und Hauptschlachten. Nach all' dem, was bekannt wird, ist klar, dass die Juden überall verzweifelten Widerstand geleistet haben. Etwa zweihundert Juden hatten sich in einem Kaffeehause verschanzt und nun begann ein Sturm aus das Gebäude, wie ihn glorreicher dir Rumänen seit den Tagen von Plewna nicht unternommen haben. Mit Stöcken, Keulen, Sesseln, Gläsern und Töpfen wurde gekämpft und bald lagen viele Schwerverletzte bewusstlos auf dem Boden. Als schließlich das Militär kam, war bereits das Kaffeehaus verwüstet, eine daneben befindliche Buchhandlung geplündert. Singend und johlend, aber ungehindert, zogen die ruhmreichen Sieger nun zur Synagoge, zertrümmerten nicht nur die Fensterscheiben und die Fayade, sondern zerschlugen und verwüsteten alles, was darinnen nicht niet- und nagelfest war. Schließlich wollten sie die Ruine in Brand stecken. Da kamen etwa hundert Juden im Sturmschritt gelaufen, um ihr Heiligthum zu beschützen. Die Berichte aller Zeitungen sind darüber einig, dass Bukarest einen mit einer solchen Erbitterung und Zähigkeit geführten Straßenkampf noch nicht gesehen hat. Auf beiden Seiten kamen viele und schwere Verwundungen vor, der Kampf hörte erst auf, als eine Compagnie Gendarmen heranzog. In einem Theehause konnten sich die Juden nicht anders helfen, als dass sie siedendes Wasser den Batauschen ins Gesicht goßen. Zu der officiellen Liste der Verletzten, die herausgegeben wurde, liefern die Juden selbstverständlich das größte Contingent, aber auch zahlreiche christliche fremde Unlerthanen wurden verwundet. Diese furchtbaren Scenen haben auch manche aufgerüttelt und zu energischerem Handeln veranlasst, die sonst in Judenangelegenheiten ruhig die Augen zudrückten. Der gewesene Gesandte am Wrener Hofe, Carp, interpellierte im Senat die Regierung und klagte fie öffentlich an, dass sie die moralische Urheberin der Plünderungen gewesen. Es gebe nur zwei Auswege, die Judenfrage zu lösen, meint er. Entweder wir ersäufen fie sammt und sonders in der Donau — und das gienge doch im 19. Jahrhundert schwer — oder man gebe ihnen alle Rechte, um aus ihnen dem Staate nützliche Elemente zu gestatten. Nun, Herr Carp bekam bald die Antwort auf seine Alternative. In einer öffentlichen Volksversammlung sagte ein Student: „Es ist richtig, dass manche Staaten die Juden emanicipiert haben, aber diese Staaten bedauern diesen Schritt schon lange und begünstigen den Kampf gegen die Juden, die den ökonomischen Ruin herbeiführen. Wir aber werden uns hüten", rief er aus, „die Juden zu emancipieren, li ber in die Donau mit ihnen!" Und „In die Donau!" brüllte die Versammlung. Und inzwischen empsieng der König eine Deputation des Senates und erwiderte auf die Glückwünsche zur Genesung des Kronprinzen, „dass er überzeugt sei von der Weisheit hervorragender Pattioten, welche den Fortbestand des Staates sichern" und schloss mit der Versicherung, „den rumänischen Staat auf unwandelbaren und gesunden Grundlagen zu festigen." Ueber die Exceffe und die Herren Batauschen fand der König kein Wort. ll. 8eb. Wien. (Orig.-Corr.) Die Gräuel von Bukarest fallen in die Zeit, da die österreichischen Delegationen tagen. Der Minister des Aeußern, Graf Goluchowski, könnte leicht in die Lage kommen, Auskünfte darüber zu ertheilen, ob und in welcher Weise die .Schäden österreichischer Unterthanen jüdischer Nationalität ersetzt wurden — wenn er befragt würde. Es ist doch kein Zweifel, dass die österreichische Diplomatie in Rumänien, ebenso schneidig Vorzehen würde, wie jüngst gegenüber der Türkei, wo ein österreichischer Staatsbürger nicht emmal beraubt, sondern blos ausgewiesen wurde. In den Delegationen sitzen zwei Juden, die nach dem officiösen „Fremdenblatt", ausdrücklich als Repräsentanten des I u d e n t h u m s ins Herrenhaus berufenen Herren G o m p e r z und Baron Oppenheimer, außerdem noch sechs „Fortschrittliche" und eine Interpellation braucht nur sechs Unterschriften. Aber man hört die beiden Herren ebensowenig in den Delegationen, wie im Herrenhaus. Was sind die rumänischen Juden ihnen, den „lebenslänglichen Vertretern" des Judenthums? Einst pflegte es anders zu sein — nicht im österreichischen Parlaments sondern anderswo. John Simon, im honse of commons und Adolf Creinieux, im französischen Parlamente, interpellierten jedesmal den Minister des Auswärtigen über die vorgefallenen Judenexcesse in Russland und Rumänien oder im Orient. Da wurde von derParlamentsbühne der ganze Schrecken der Judensrage von Europa aufgerollt nnd auf ihr mannhaftes Auftreten erfolgte eine Antwort, die jene Regierungen zur Vorsicht mahnte. Aber heute? Niemand ist uns fremder, als die Reinach und Bischoffsheim, Stadthagen und Wurm, Byck und Oppenheimer. Die „Juden" in den Parlamenten schweigen; dass jüdische Volk muss selbst für sich sprechen 1^. Wien. In dem am 15. December aufgeführten Gefellschafts- Concert wurde „Paulus" von Mendelssohn aufgeführt. Wie eine seltsayie Vorfeier zu diesem musikalischen Ereignisse nimmt sich eine Äffaire aus, die sich in diesen Tagen bei dem akademischen Gesangverein abgespielt hat. Eine junge Sängerin, mit dem Künstlernamen Carneri, welche das Wiener Conservatorium mit Auszeichnung absolvierte und bei ihrem Scheiden eine Prämie erhalten hat, wurde durch Vermittlung ihrer Correpetitorin, einer sehr vortheilhaft bekannten Künstlerin, eingeladen, nt einem Concerte des Akademischen Gesangvereines mitzuwirken. Zwei Vereinsmitglieder überbrachten dem Fräulein persönlich die Einladung und nahmen ihr Programm in Empfang. Am nächsten Tnge erhielt die junge Dame eine Zuschrift ihrer Correpetitorin mit der Mittheilung, ein angesehenes Mitglied des Vereines, Herr Pr. V., lege ihr nahe, ihr Programm derart abzuändern, dass das das darin enthaltene Mendelssohn'sche Lied nicht gesungen werde. Die Herren Studenten wollten es nicht, weil Mendelssohn — ein Jude gewesen sei. Fräulein Carneri erfüllte diesen Wunsch und setzte an Stelle des Mendelssohn'schen Liedes ein solches von Brahms. Nachdem sie dies dem Vereine zur Kenntnis gebracht hatte, änderte sie ihren Entschluss, weil sie vernahm, dass sich in dieser Körperschaft durch einen Umschwung die Stimmung gegen sie persönlich richte und sendete einen Absagebrief. Mit diesem kreuzte sich jedoch eine Correspondenz-Karte des. Herrn B., der ihr Folgendes schrieb : Hochgeehrtes Fräulein! Zu meinem größten Bedauern bin ich heute genöthigt, einer mir sehr peinlichen Pflicht nachzukommen. Ich muss nämlich Ihnen, hochgeehrtes Fräulein, im Namen