Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Eine jüdische Ackerbauschule in Russisch-Polen
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315740-3383207--03336-3383298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 30 Jpic^WdC Seite 11. die zukünftige Schule subventionieren wolle. Das genannte Cornite hat bereits seine Mithilfe zur Verwirklichung des für die ruffischpolnischen Juden überaus wichtigen Unternehmens des Meier versprochen. Einschränkungen in Russland. Während man vom neuen Regime Erleichterungen der Ausnahmsgesetze erwartete, tritt gerade das Gegentheil ein. Für den neuen Cours ist das jüngste vom Czaren sanctionierte Gesetz charakteristisch, wonach das Amendement 3 des § 11 der Pressvorschriften für Moskau außer Kraft gesetzt wird. Es werden somit Juden die in Moskau an den Universitäten studiert haben, dort nicht mehr weiter verweilen dürfen. Dieses Gesetz wird allgemein auf die Initiative des Generalgouverneurs von Moskau, Großherzogs Sergius zurückgeführt. Der Senat hat entschieden, dass den ausgedienten Soldaten, die in ganz Russland wohnen dürfen, der Aufenthalt in den Dongegenden verboten sei. In Moskau und im Gouvernement Moskau wurde den jüdischen Aerzten, Medicineru und Chirurgen die Ausübung ihres Berufes untersagt. Ein Fund ans der Zeit Abrahams. In den Ruinen der alten babylonischen Stadt Siparol, gegenwärtig Abu-Abba, südlich von Bagdad gelegen, ist neuerdings ein höchst interessanter Fund gemacht worden. Ein spanischer Gelehrter, der, nach Alterthümern forschend, dort umherstöberte, hat eine vorzüglich erhaltene thönerne Tafel entdeckt, deren Inhalt einen vollständigen Brief vorstellt. Diese einem so unvergänglichen Briefpapier anvertraute Epistel datiert aus der Epoche der Herrschaft von Sansu-Hunh, welcher der Genesis zufolge ein Zeitgenosse Abrahams war. Der Brief wurde also 2500 Jahre vor Beginn der jetzigen Zeitrechnung geschrieben und hat allem Anschein nach eine junge Frauensperson zur Verfasserin gehabt, die sich fern vom Vaterhause befand. Die eigenthümlichen Schriftzeichen sind jetzt vollständig entziffert worden, und gibt eine spanische Zeitschrift den Inhalt des Schreibens folgendermaßen wieder: „An meinen Vater in Zimri Cramma. Mögen die Götter Samas (Sonne) und Marduk Dir für immer das Leben erhalten! O, dass es Dir stets gut ergehen möchte! Ich sende Dir diesen Brief, um Dir Nachricht von mir zu geben. Habe die Güte, mir zu schreiben, wie es Dir geht. Ich bin jetzt vorübergehend in Dur- Sin, an den Ufern der Meerenge von Bitini-Sikirin. Hier zu Lande gibt es wenige Nahrungsmittel, die ich essen könnte. Anbei schicke ich Dir Geld; zweidrittel des Silberlings behalte für Dich, und für den Rest kaufe mir getrocknete Fische und andere essbare Sachen." E „Persien und die Juden." Unter diesem Titel schilderte der englische Gesandte in Teheran, General Sir Thomas Gord on, unlängst in der „Pall-Mall-Gazette" die schreckliche Lage der Juden. Er griff dabei die Juden des Westens sehrscharf an, indem er ihnen vorwarf, dass sie für ihre armen Brüder nichts thun. Die persischen Inden werden von ihren wohlhabenden Brüdern ganz vergessen", „es ist für die reichen Juden Englands die Zeit gekommen, an die Erlösung der Reste ihrer Rasse in Persien zu schreiten"; das sind die Worte Gordons und er betont, wie der Gouverneur von Teheran darüber spottet, dass die reichen Juden ihre Brüder so vollkommen vernachlässigen. Gordon hält in erster Linie die Errichtung von Schulen für nothwendig u. zw. nicht so sehr in Teheran selbst, als in Hamadan, Jspahan und Shiraz, wo die jüdische Bevölkerung in Unwissenheit verkommt. Wie in der letzten Sitzung der „Anglo- Jewish Association" bekannt wurde, hat auch die „Alliance" in Paris den Beschluss gefasst, im nächsten Frühling in Teheran eine Schule zu eröffnen. Zum Dircctor ist Mr. Cazes, der gegenwärtige Schulleiter in Beyrout, bestimmt. Die Juden Vorderindiens und Arabiens. Unter den circa 289 Millionen Menschen, die das britische Vorderindien und die sogenannten britischen Schutzstaaten bewohnen, befinden sich ausfallenderweife außerordentlich wenig Juden. Sie betragen nicht einmal V« Procent der Einwohnerschaft, nach anderen Quellen nicht einmal y*o Procent. Die Juden, die ja so großartige Handelsleute sein sollen, haben also andern riesigen Handel dieses gesegneten Landes fast gar keinen Antheil, Dort sind es namentlich die Banianen (Hindus), dann die Armenier und Parsen, welche den dortigen Handel in Händen haben, während dre Engländer den Seehandel beherrschen. Interessant ist auch eme in Surate, einer berühmten indischen Handelsstadt, landläufige Ansicht, welche lautet: „Man braucht 3 Juden, um aus rhnen einen Chinesen zu machen; doch geben erst 3 Chinesen emen Banianen." In größerer Anzahl befinden sich die Juden nur in C a l c u t t a und Bombay, namentlich in letzterer Stadt, wo sie auch eine schöne Synagoge besitzen. Sie sind fast alle kleme Kaufleute. Die interessantesten Juden Indiens sind die von der Malabarküste — die „schwarzen Juden". Es sind im ganzen circa 500 Familien, wie die neue Wissenschaft annimmt, gar keine echten Juden, sondern Hinduproselyten.. Sie haben alle die jüdischen Bräuche und Gebete, doch giebt es unter ihnen weder Priester noch Leviten. Die Juden Indiens, wie des unter britischer Herrschaft stehenden Aden genießen dieselben Rechte, wie die übrigen englischen Unterthanen. Aden ist aber der einzige Punkt Arabiens, wo das der Fall ist. Aus Nord- und Centralarabien hat der Fanatismus des Moslemim alle Juden verdrängt, nur in Südarabicn giebt es alles in allem an die 5000 Juden. Von den Arabern wurden sie fast zu Leibeigenen herabgedrückt. In vielen Districten müssen sie ihre eigenen Quartiere haben, sich die Erlaubnis zur Niederlassung erkaufen und dem Herrn, in dessen Schutz sie sich begeben haben, unentgeltlich die geforderten Arbeiten verrichten. Selbst die Häuser, die sie sich erbauen, sind Eigenthum ihrer Schutzherren. Da die Araber das Handwerk verachten, so dulden sie die Juden nur deswegen, weil sie dieselben als Handwerker benöthigen. Die Juden sind ausgezeichnete Waffenschmiede, namentlich Silberschmiede, welche den Bedarf an kostbaren Dolchscheiden, Säbelgriffen rc. decken müssen, außerdem Schlosser, Schmiede, Zimmermeister, Weber u. s. w. Um sie aber vom weiten zu erkennen, müssen sie blaue Gewänder tragen. An manchen Orten gehören auch kleine Mützen zu der ihnen vorgeschriebenen Tracht. In den an Aden angrenzenden Staaten wagen es die Sultane nicht, die Juden allzusehr zu bedrücken. Die jüdische Bevölkerung ist übrigens eine fluctuierende, da das Klima ungesund ist, und die Juden oft nach mehrjährigem Aufenthalte sich gezwungen sehen, ihre Niederlassungen aufzugeben. In Sitten und Bräuchen sollen die arabischen Juden vielfach den polnischen ähneln. Die jüdischen Frauen sollen oft eine höhere Intelligenz und bedeutendes hebräisches Wissen zeigen. Viele wohnen am Sabbath den Disputen der Männer ber und nehmen daran regen Antheil. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. O. Kokefch, Hof- und Gerichts- Advocaten in Wien, I., Singerstrafie 25, zu senden. Wien. Der „Hebräische Club" im Einzelvereine „Wien" des „Zion", veranstaltet Samstag, den 25. d. M., 8 Uhr abends, im Restaurant Robitschek, I., Wipplingerstraße, einen Eröfsnungsabend verbunden mit einer Makkabaerfeicr. Sämmtlichc Reden und Declamalionen werden in hebräischer Sprache gehalten werden. Die Chanukalichter wird Herr Obercantor Schorr mit Chorbegleidung anzünden. Alle Freunde der hebräischen Sprache werden hierzu höflichst eingeladen. WorszezoiV (Galizien). Für den 1. December war im Beth Hamidrasch eine zionistische Volksversammlung einberufen worden, die sehr zahlreich besucht war. Herr Dr. Brodsky entwickelte in einem längeren Bortrage das Wesen des Zionismus. Dem Vortrage wohnten die Honoratioren der Stadt bei, darunter auch der Ruthenenführer Dr. M. Darundak. Es wurde ein Verein „Zion" gegründet, dem die Herren Dr. K o m e r i n c r, M. Lubliner und I. K o p p e l vorstehen. Dr. Darundak äußerte den Wunsch, obwohl Christ, dem neuen Vereine, dessen Tendenz seine vollste Sympathie genieße, anzugehören. Er wurde als außerordentliches Mitglied in den Vereinsverband ausgenommen. Äundul Moldaioi (Bukowina). Seit dem 11. December besitzt nun auch unser Städtchen seinen ZionSverein. Die mächtige Erregung, die durch die ganze galizische und Bukowinaer Judenschaft geht, hat gerade zum Entstehen von Zionsvercinen in den kleinsten Ortschaften geführt, und man thäte Unrecht, diese Vereine unberücksichtigt zu lassen. Gemäß den Baseler Beschlüssen, hat sich auch in Moldawi eine zionistische Ortsgruppe constituiert, um auf dem nächsten Congress vertreten zu sein. Dem Ausschüsse gehören die Herren S. Bauer und S. Kluger an. Sadagora (Bukowina.) Am 26. v. M. sprach Herr Dr. Brodsky über Zionismus und wurde sein Vortrag von den zahlreich erschienenen Gästen recht beifällig ausgenommen. Noch am selben Abende constituierte sich ein Verein „Zion", dem sofort über 100 Mitglieder bettraten. Dem Verbände gehören die Herren S. R o s e n b l a t t, Dr. Ebermann und I. G a b e r an. Für den neuen Verein gibt sich das lebhafteste Interesse kund, nicht allein in den bürgerlichen Jntelligenzkreisen, sondern auch bei den Chaffidim. Der hiesige Wunderrabbi, der moderne Bildung besitzt, äußerte sich zu einem Interviewer, dass kein frommer Jude gegen den Zionismus Stellung nehmen dürfe, so lange die Zionisten nichts gegen die Religion unternehmen. Halberffadt (Deutschland). Sonntag, den 12. d. M. hielt Rabbiner Dr. Auerbach im Vereine der Logenbrüder einen Inständigen Vortrag „über den Zionismus", nicht „gegen den Zionismus", wie er bemerkte. Mit beredten Worten schilderte der Vortragende die Sehnsucht des jüdischen Volkes seit der Zerstörung des Tempels nach dem heiligen Lande, wie sie sich so wunderbar in unseren claffischen Dichter-