Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- [Ohne Titel] / Powroznik, Michal
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10. jjk^mwc Nr. SO. Tribüne. Geehrter Herr Redacteur! Ich gestatte mir, Ihnen folgenden Vorfall zu melden: In Nowyslaw kaufte ein Jude S. K. von einem Bauer contractlich ein Stück Feld, um sich ein Häuschen zu bauen. Die Hütte, die aus dem Felde bereits stand, wurde weggeräumt. S. K. schaffte sich die nöthigen Baumaterialien an, die sein ganzes Baarvermögen verschlangen, ließ sich einen Bauplan zeichnen und reichte denselben beim Gemeindeamte in Czestnie (bei Zolkiew) zur Bestätigung ein. Nachdem er so alle gesetzlichen Vorschriften erfüllt hatte, war er überzeugt, die Baubewillrgung zu erhalten und richtete alles zum Ban her. Da erhalt er zu seinem nicht geringen Erstaunen einen Bescheid, der einen Einblick gewährt in die Rechte, die uns die Staatsgrundgesetze gewährleisten. Ich lasse dieses Exempet polnischen ConstitutionalismuS in wörtlicher Ueberfetzung folgen, wobei ich auch den Amtsstyl wiedergeben will: Z. 125. „Es wird Herrn S. K. sein angebrachtes Gesuch abgewiesen, und zwar aus dem Grunde, weil das Dörfchen Nowyslaw, obgleich es sehr wenig und sehr arme Einwohner zählt, in seinem Dörfchen keinen Juden sich wünscht (!) und besonders in der Mitte des Dörfchens, und das ganze Dörfchen verbietet einstimmig aus vielen Gründen (?!) die Herausgabe einer Bestätigung des Bauplanes. Das Gemeindeamt in Czestynie, den 12. Juni 1697. Michat Powroznik, Gemeindevorsteher, w. p." Hochachtungsvoll _Salomon G.*) Weltchroirik. Ein Vorwurf für eine Novelle. In einem Feuilleton über Alphons Daudet, erzählt Hugo Wittmann in der „N.-Fr.- Presse", folgende Geschichte: „Dr. Theodor Herzl befand sich eines Tages bei Daudet, zur Zeit, als der Nord-Ostsee-Canal eingeweiht wurde und der deutsche Kaiser ein französisches Kriegsschiff besuchen sollte, was unter den Pariser Chauvinisten nicht geringe Aufregung hervorricf. Daudet, der sonst wenig erfindsam zu fern vorgab, ließ diesmal seiner Phantasie die Zügel schießen. Wie, wenn auf dem französischen Schiff ein Officier sich befände, ein Patriot, entschlossen, sein Land um jeden Preis zu rächen? Und angenommen, dieser Officier würde das Schiff im Augenblicke des kaiserlichen Besuches in die Luft sprengen — wäre das nicht ein starker pathetischer Vorwurf für eine Novelle? Dr. Herzl erbebte auf seinem Sitze. „Um Gotteswillen," rief er, „schreiben Sie diese Novelle nicht!" — „Ja, warum nicht?" — „Sie könnten einen patriotischen Hitzkopf wirklich auf den unheilvollen Gedanken bringen, denken Sie an Ihre Verantwortlichkeit!" Der Meister schwieg betroffen. Daran hatte er nicht gedacht. Die Novelle blieb ungeschrieben, und so wurde eines seiner letzten Werke im Keime erstickt. Es war aber doch gut, dass er davon gesprochen hatte — auf diese Weise lernte der Künstler von seinem Publicum." Die Judenheche in Frankreich. Der Abgeordnete de Beauregard hat ach 14. December in der Kammer folgende Gesetzentwürfe eingebracht: Art. 1. Kein Individuum jüdische Abkunft darf künftig hin mehr Angestellter einer öffentlichen Behörde sein. 2. Jeder von ausländischen Eltern geborene Franzose kann erst in der 2. Generation zu einem der Aufsicht des Staates unterstehehenden Amte zugelassen werden. — Der Antragstellerbegründet seinen Entwurf mit dem nationalen Interesse und der socialen Sicherheit und ist überzeugt, dass ohne ihn Frankreich vor Ende des 20. Jahrhunderts von der Karte Europas gestrichen sein wird. Aus dem deutschen Reichstage. Am 14. December declamierte dort der Abg. Zimmermann folgendermaßen: Das jüdische Element nimmt in den Städten immer mehr zu, und es ist hohe Zeit, dagegen einzuschreiten. Jüdische Lehrer sollten ihre Begabung, sie mag noch so trefflich sein, nur in jüdischen Familien verwerten dürfen, jüdische Advocaten nur nach dem Verhältnis der Bevölkerungsziffer zugelassen werden. Jüdische Aerzte sollte man wenigstens zu Krankencaffen nicht zulassen, es sei denn, dass es sich um rein jüdische Cassen handelt. — Abg. Ahlw ardt ließ sich am15. December folgendermaßen vernehmen: Die Juden sind zu uns gekommen als Gäste, ohne Einladung und Mittel. Jetzt besitzen sie fast die Hälfte des deutschen Nationalvermögens. Die antisemitische bayrische Reformpartei hielt im Münchener Kindl-Keller eine öffentliche Versammlung ab, an der *) Anmerkung der Redaction: Die Namen des Einsenders und des Herrn S. K. sind uns bekannt. etwa 600 Personen, darunter als geladene Gäste die österreichischen Reichsraths-Abgeordneten Monsignore Dr. Scheicher, Axmann und Bielohlawek, Teilnahmen. Zuerst ergriff Monsignore Scheicher das Wort und führte aus, er wolle nicht etwa als Geistlicher sprechen, sondern über social politische Dinge. Aus der früheren kleineren österreichischen Reformpartei sei die große christlich-sociale Partei erwachsen, welche jetzt in Wien herrsche. Eine Reformpartei müsse sich in erster Linie für das materielle Wohl des Volkes einsetzen. In Oesterreich schmachten der verkaufte Bauernstand, der geistige und materielle Arbeiter unter der Zuchtruthe des Capitalismus. Das deutsche 'Volk dürfe sie nicht verlassen, wenn es wünsche, dass sie sich des Deutschthums annehmen. Die christliche Volkspartei fühle durchwegs antisemitisch. Hohe und höchste Beamte in Oesterreich seien getaufte und ungetanste Juden. Viele Juden hätten sich in Oesterreich taufen lassen, um eine schöne Stellung zu erlangen. Oesterreich und Bayern seien ja immer freundliche Nachbarn, und so müssten sie auch gemeinsam gegen den Borkenkäfer in der deutschen Eiche Vorgehen. Scheicher sprach alles das, was man in Wien in allen christlich-socialen Versammlungen zu hören gewohnt ist. Abgeordneter Bielohlawek bezeichnete die letzten Vorgänge im österreichischen Parlament als Schande. Nicht um Deutsche und Czechen, sondern my die Juden habe es sich dabei gehandelt. Nebenregenten in Oesterreich seien drei ausgesprochene polnische Juden, und dazu sei Badeni aus Halbasien gekommen. In demselben Sinne sprach Axmann. Eine das Einverständnis mit den Rednern bekundende Resolution wurde von der Versammlung angenommen. Deutsch-böhmisches. Als sich am 12. December in Teplitz ein Mitglied des Stadttheaters in Gesellschaft mehrerer Herren und Damen Nachts nach der Vorstellung nach Hause begeben wollte, kam ihnen eine Truppe deutscher Männer entgegen, von denen einer, ein Mitglied des deutschen Turnvereins in Teplitz, die Gesellschaft anrempelte und mit den Worten „die Juden müssen erschlagen werden" mit einem Schlagring einen so wuchtigen Hieb nach der Stirn des Schauspielers führte, dass der »bis auf den Knochen drang und der Schauspieler eine :tzung erlitt. Der Attentäter wurde sofort festgehalten und der Polizei übergeben. Auf dem Wege zur Wachstube schloss sich dem Zuge eine Schar deutscher Passanten an, welche die wackere That „eines der Ihrigen" gut hießen und ihrem Unmuthe durch Drohrufe wider die Juden Luft machten. Kauft mt bei Christen. Deutschnationale Plagiatoren haben sich dieses Schlagwort, das eigentlich das geistige Eigenthum der Christlich-Socialen widerrechtliche Weise angeeignet und lancieren es nun in Deutschböhmen mit bestem Erfolge. So findet man in Reichenberg in der Mehrzahl der Gasthäuser Placate: „Deutsche! kaufet zum christlichen Weihnachtsfeste nur bei deutschen Stammesgenossen!" Jüdische Proletarier. Eine Deputation der Budapester Böttcher-, Drechsler-, Korbflechter- und Bürstenbindergewerbe- Corporation, sprach am 9. December beim Bürgermeister Johann Halmas vor, um dagegen Beschwerde zu führen, dass die Bezirksvorstehungen nicht mit genügender Strenge die auf das Hausierwesen bezüglichen Vorschriften controlieren. Der Bürgermeister versprach die Sache zu untersuchen und Abhilfe zu schaffen. Er bemerkte, dass der Hausierhandel mit Jndustrieartikeln, welcher die Existenz der Kleingewerbetreibenden gefährde, ohnehin auf dem Gebiete der ganzen Hauptstadt verboten ist. —Der 40jährige Budapester Hausierer Samuel Vegh, wurde im Hause Mariengasse 23, von einem Schuhmacher und Fleischergehilfen ohne Veranlassung überfallen, thätlich misshandelt und so übel zugerichtet, dass der Arme blutüberströmt zusammenstürzte und von der freiwilligen Rettungsgefellschaft weggeschafft werden musste. Eine jüdische Ackerbauschule in Russisch-Polen. Im „Woschod" wird auf Grund neuerer statistischer Ermittelungen angeführt, dass in Ruffisch-Polen 228.000 Dessiativen (circa 250.000 Hektar) Land in Händen von jüdischen Landwirten (meist Großgrundbesitzer) sich befinden. Bekanntlich dürfen die Juden (mit Ausnahme der in verschiedenen Theilen, namentlich im Süden Russlands, seit Jahrzehnten bestehenden Colonieen) nur in den polnischen Gouvernements Land besitzen. Aus Mangel aber an solchen Ausbildungsstätten, wo die jüdische Jugend die Landwirtschaft erlernen könnte, kann sich der jüdische Ackerbau in Polen, wo ihm gerade keine gesetzlichen Hindernisse im Wege stehen, nicht entwickeln. Vor kurzem hat nun der Großgrundbesitzer Moritz Meier sich bereit erklärt, auf seinem Gute auf eigene Kosten eine Ackerbauschule für jüdische Knaben unter der Bedingung zu errichten, dass das „St. Petersburger israelitsche Comite zur Verbreitung von Ackerbau und Handwerk" (nicht zu verwechseln mit dem Comite der Jewish Colonisation Association)