Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- Zur Geschichte der Judenstaatsideen
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ». Nr. 30. rüsten! so hat man itzt neulich zu Cracow bei den juden über die 40 großer wegen mit pulfer gefunden, und sagen die Kaufleut, das die juden zu Prag ein jar oder fünf allen salpeter in Germania aufgekauft. Es ist auch heimlich die sag, das etlich fürsten in Germania sollen in dieser conjuration sein. Deshalben last mein gnediger Herr den gefangen wol bewaren, hat ihm compedes lassen anlegen und wiewol die von der Schulenburg und viel ander treufliche edelleut für ihn bitten, und vil mal hunderttausend gülden denselben wollen ausbürgen, dennoch können sie nichts beim churfürsten erhalten. Ich verstehe mich, der churfürst werd ihm dem Kaiser zuschicken. ..." Die hier gegebene Miltheilung erinnert uns an jene grandiose Bewegung, die nur wenige Jahre zuvor die Judenheit erfasst hatte. David R e o u b e n i, der Mann aus Chaibar in Arabien, war über Venedig nach Rom gekommen, wo er den Papst Clemens VH. in snnen phantastischen Plan, mit jüdischen Armeen das heilige Land zu erobern, hineingeheimnißte. Mählich scharten sich um diesen seltsamen, nüchternen Kopf die schmachtenden Juden, und edler Frauen Sold lohnte seiner Mühe. Weitere Kreise immer zog die Bewegung, kein Wellengekräusel auf der Oberfläche. Ja, der König von Portugal dachte daran, mit militärischen Mitteln den abenteuerischen Pläneschmied zu unterstützen. Später gelang es der anwachsenden Gegnerschaft, das Vertrauen des Königs von Reoubeni abzudrängen. Nach mannigfachen Reisen kam er an den Hof Karl V. nach Regensburg. Ob er um Erbarmen für die armen Marranen bitten wollte? Oder ob er die Hilfe des Kaisers für den Auszug der Juden erflehte? Kurzum, er wurde gefangen gesetzt und starb durch Gift. Der Gedanke, den Reoubeni geregt, wirbelte durch die Köpfe der Juden. Der Geist der Zeiten hatte dies Volk zum Nachdenken über sein eigenes Geschick gedrängt. Und das düstere Gewölk ringsum umsäumte die goldige Hoffnung auf ein eigenes Reich. Die sonnige Lenzgestalt des schwärmerischen Marannenjünglings Diego Pires, der, innerlich und äußerlich wieder Jude geworden, sich David Moliho nannte, lockte die Geister. Schon strebten die Juden des Morgenlandes nach Einheit, in religiös-kabbalistischer Form freilich. Selbst die dickflüssige deutsche Judenmasse kam in Bewegung. Auch hier wuchsen.wohl sensiblere Naturen, die all die rohe Quäle deutscher Gesellen in tiefster Seele trafen, zur Zionsidee hinauf, welche sie leider nur in messianischer Gewandung begriffen. Zu diesen Schwarmgeistern, die nüchterner Sinn für Gaukler hielt, gehört wohl auch die Gestalt, die uns noch sehr nebelhaft die beiden Briefe vorführcn; so eine Art politischer Zionist muss er gewesen sein, da er im Lande die leitenden Kreise für seine Idee zu gewinnen suchte. Mit bestem Erfolge, wie es scheint. Er wurde dem Kaiser übermittelt. Und dieser eisige Karl, der obzwar in seinem Lande die Sonne niemals unterging, doch gegen die Aufklärung und Erleuchtung anfocht, wird diesem ahnenden Messias wohl auch in einem schaurigen Burgverließ den Freiheitstraum zerschlagen haben. Pariser Brief. December 1897. Bon Paris schreiben und nicht von der Dreyfusaffaire sprechen, ist heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit. Hat doch diese Angelegenheit alle die Scandale, die Frankreich in den letzten Jahren erlebt hat, vom neuen zur Sprache gebracht und scheinbar alle anderen Fragen vollständig verdrängt. Scheinbar. Für den oberflächlichen Beobachter der jüdischen Verhältnisse wenigstens hatte es den Anschein, als ob sich diese in bester Ordnung befänden, so ruhig und so ungetrübt boten sie sich dar. Doch der große antisemitische Scandal hat in kürzester Zeit dieses stagnierende jüdische Leben in seinen Grundtiefen aufgewühlt. Jetzt ist es in voller Bewegung. Geschieht dies aus einem nationalen, pardon, confeffionellen — wie man bei uns so nachdrücklich betont — Solidaritätsgefühl, oder geschieht es, um die Ehre des Judenthums zu vertheidigen, die durch diese beklagenswerte Affaire in Mitleidenschaft gezogen scheint? Ich glaube nicht. Solidaritätsgefühl, Ehre des Judenthums und alles Aehnliche ist aus dem Wörterbuch der französischen Juden vollständig ausgemerzt worden. Wenn sie die Angelegenheit des unglücklichen Capitäns gerne in einer für ihn günstigen Weise erledigt sehen möchten, so geschieht dies zumeist aus einem rein egoistischen Gefühl. Wie viele Dreyfus mussten während dieser letzten Jahre sich vollständig unauffällig machen, und welcher Jude glaubte nicht wegen seines „verräterischen" Glaubensgenossen tief beschämt sein zu müssen? Wer unter ihnen allen, wenn wir Bernard Lazare ausnehmen, wagte es, frei und offen Zweifel an der Schuld des Capitäns zu äußern? Wenn es also gelänge, diesen großen Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen, läge dies nicht in aller Interesse? Dazu aber kommt noch etwas in Betracht. Man fragt sich voll Angst, in welchem Lichte diese „israelitische Confession" bei den Franzosen stehen würde, wenn Dreyfus trotz all' seiner Unschuld nochmals verurtheilt würde, eine Eventualität, die nach der Art und Weise, wie diese Sache in gewissen hohen Kreisen betrieben wird, durchaus nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit liegt. Was würde dann den unglücklichen Juden Frankreichs noch bevorstehen? Würde sich dann nicht die Wuth des ganzen, großen Pöbels, deffen Führer Drumont und Rochefort sind, würde sich nicht der ganze Hass desselben gegen sie wenden? Diese düsteren Beobachtungen sind übrigens nicht ganz unbegründet. Die beiden Voten der Kammer haben wirklich auf das jüdische Publicum wie eine kalte Douche gewirkt. Es ist besonders die zweimal in kategorischer Weise wiederholte Behauptung des Ministerpräsidenten und des Kriegsministers, die an der Schuld des Capitäns festhalten, was die Gemüther der Juden so tief verstimmt. Was aber geeignet ist, die Juden noch mehr zu entmuthigen oder mindestens emzuschüchtern, das ist die gegenwärtige Haltung des „Figaro" in dieser Angelegenheit. Man weiß, mit welchem Feuer dieses Journal gegen die ministeriellen Untersuchungsrichter aufgetreten ist. Seit den letzen Parlamentsbeschlüssen ist der „Figaro" plötzlich verstummt. Ist es, weil er in Erwartung des Ergebnisses des Kriegsgerichtes nichts weiter zu sagen hat? Das kann unmöglich sein; denn die Polemik für und wider wird in der Presse fortgesetzt, und der „Figaro" könnte in vielfacher Hinsicht zur Aufhellung der Angelegenheit beitragen. Seine Zurückhaltung, sein Schweigen ist also nicht gerechtfertigt. Georges Clemencean, der auch jetzt noch weiter kämpft, bespricht in der „Aurore" das Verhalten des „Figaro" und fügt hinzu: „Der „Figaro" scheint Reue zu empfinden; man sieht, wie er sich bemüht, durch alle möglichen Mittel die Gunst der obersten Militarchefs wieder zurückzugewinnen, welche er erst jüngst wegen ihrer verdächtig krummen Wege angegriffen har." Und es ist wirklich so. Der „Figaro" hat sich zurückgezogen — wer wird das Räthsel lösen, das'diese Schwenkung birgt? Nur Clemenc e a u und Zola führen unbeirrt ihren Kampf für die Gerechtigkeit fort. Clemenceau und seine Mitarbeiter in der „Aurore" weisen ohne Unterlass in zahlreichen Artikeln auf das feige Benehmen der Regierungsfreunde und auf die ganz unerklärliche Protection hm, welche gegen ein Individuum vom Schlage dieses Eßterhazy geübt wird. Zola begnügt sich auch nicht mit der Publication seiner drei Briefe im „Figaro" (als dieser noch für die Revision der Dreyfusaffaire cintrat), sondern er hat soeben einen Mahnruf, einen „offenen Brief an die Jugend", veröffentlicht, der in den drei Worten gipfelt: „Humanität, Wahrheit, Gerechtigkeit!" In den letzten Tagen hat man im Studentenviertel mehrere Manifestationen gegen Zola, den „Figaro" und Scheurer-Kestner veranstaltet. Daran nahmen Studierende aller Facultäten, darunter auch zahlreiche Hörer der juridischen, theil. Infolge dieser Vorgänge hat der berühmte Schriftsteller tiefgefühlte Worte an die französische Jugend gerichtet, wovon nur Einiges citiert werden soll. „Junge, antisemitische Männer! Es existieren also solche! Das sind die Männer der Zukunft und die erklären sich antisemitisch, d. h., dass sie das Jahrhundert beginnen werden, indem sie alle Juden niedermetzeln, weil das Mitbürger von einer anderen Raxe und einem anderen Glauben sind. Das ist ja wirklich ein schönes, freudenreiches Auftreten für den Staat unserer Träume, für den Staat der Gleichheit und Brüderlichkeit!" Zola spricht von einer anderen Raxe. Offenbar hat er über diesen Gegenstand nicht Herrn Reinach befragt; denn der hätte ihn sofort belehrt, dass die Israeliten Frankreichs von unzweifelhaft gallischer Ra;e sind — Urgallier! 'Was Herrn Reinach und alle anderen Deputierten betrifft, die mosaischer Confession sind, so haben sie sich während der Debatten über die Affaire Dreyfus der größten „Unparteilichkeit" befleißigt. All den lügenhaften Ausführungen, all den verletzenden Hetzereien ihrer arischen Collegen haben sie ihr Stillschweigen entgegengesetzt. In Bälde sind nämlich Wahlen für das Parlament. Das soll also den jüdischen Wählern des Herrn Reinach, Bischofsheim rc. gefallen. Wäre es da nicht besser, sich gleich arische Verteidiger zu suchen, in der Erwartung, dass die nächste jüdische Generation mit mehr Würde und mehr Muth ihren Standpunkt vertreten wird? Und diese wahre, weil tief innerliche Würde und diesen Muth wird die Heranwachsende jüdische Generation besitzen, denn sie hat einen kraftvollen, hochgesinnten Erzieher — den Zionismus. Argus.