Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 30 (24.12.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-12-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 80. <Pk£ldt Seite 8. Brunnen zu faulen begann, hieß es, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Brach eine Klauenseuche aus, hatten die Juden das Vieh behext. Seit man für Klauenseuche und Wasserfäulnis allgemein bekannte Erklärungen hat, müssen die Juden andere Dinge anstcllcn. Wird jetzt ein Opferslock beraubt, oder beschmutzen ein paar Betrunkene im schützenden Dunkel der Nacht die Grabsteine, dann sind es die Juden gewesen. Man muss nur bemerken, dass alle diese Geschichten bei Nacht vor sich gehen, und man achte darauf, dass sie sich kein cinzigesmal beweisen ließen. Aber es wird immer hinzugefügt, dass die „Bevölkerung begreiflicherweise sehr erregt ist". Wie man da plötzlich den tieferen Sinn dieser Anecdoten versteht. Es klingt aus diesem Zusatz, wie das Klirren von Fensterscheiben, wie Ungeschlagene Thüren und wie das Wimmern beraubter und misshandelter Juden. * * 4- Was die Juden nicht alles wagen. Jetzt demonstrieren sie sogar schon gegen die Kirche und noch dazu im Burgthcater. Neulich, im „Faust", gab's nämlich eine kleine Kundgebung, und sofort fiel man über die Juden her. Es besteht da eine gewisse Analogie mit Galizien. Den galizischen Juden geht's so gut, dass sie massenhaft auswandern müssen, sie leben so herrlich und in Freuden, dass sie in ihrem wüsten Taumel die Gendarmen anfallen, die Opferstöcke bestehlen und die Gräber schänden. Und die Wiener Juden sind von all der Duldung, die sie in gegenwärtiger Zeit genießen, von all der Freundlichkeit, mit der man sie überhäuft, von all den Zärtlichkeiten, mit denen man ihnen entgegcnkommt, so stolz und übermüthig geworden, dass sie im Burgtheater die großen Herren spielen und gelegentlich eines kecken Wortes des Judcnknechtes Goethe einen Spcctakel gegen die Kirche anfangen. Wenn nicht bald Abhilfe geschaffen wird, wer weiß, was sie noch thun. * * * Der lustige Antisemitismus ist übrigens auch nicht müßig. Die Dreyfus-Eszterhazy-Sachc ist jetzt beim General Saussier angelangt. Wie er sie führt, weiß man nicht, und weil doch das Gefühl besteht, dass trotz aller Bemühungen die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen könnte, wird klugerweise vorgebaut. Zur Vorsicht wird also General Saussier ein bisschen beschimpft. Da ist aber ein gründlicher Herr ausgetreten, der hat das Wichtigste zutage gefördert. Dass Oberst Picquard, der muthvollc Zeuge für Drcyfus, ein Jude ist, der eigentlich Pick heißt, war seine erste Entdeckung. Epochal aber war seine Enthüllung, dass auch der General Saussier ein Jude ist, der sich ursprünglich — Salzer nannte. Wenn also Dreyfus wider Erwarten frei werden sollte, dann weiß man wenigstens, warum. Dir Makkabäer. Bo» Dr. Heinrich Loewe. (Magdeburg). „In jenen Tagen," so heißt es in einer alten jüdischen Geschichtsquelle über die Zeit, welche den makkabäischen Kämpfen vorausgeht, „giengen aus Israel ruchlose Leute aus, und beredeten viele, indem sie sagten: Lasst uns gehen und einen Bund schließen mit den Völkern, die rings um uns sind; denn seitdem wir uns von ihnen abgesondert, haben uns viele Leiden getroffen. Und diese Rede gefiel in ihren Augen. Auch aus anderen Quellen und Nachrichten wissen wir. dass jenem gewaltigen, nationalen Aufschwünge, der unter dem Namen der Makkabäcrkämpfe als eines der Wunder der Weltgeschichte anzustaunen ist, eine Epoche der tiefsten Erniedrigung unseres Volkes vorausgieng, die darin ihrer Grund hatte, dass die Führer des Volkes selber mit dem bösen Beispiele der Anlehnung ans Fremde vorangiengen. In jenen entschwundenen Tagen haben unsere Altvorderen Wunder der Begeisterung und heldenmüthiger Tapferkeit gethan, um das Joch der Fremdbürtigen abzuschütteln und des reinen unverfälschten Judenthums Banner aufzupflanzen. Aber fast noch größer und unbegreiflicher als diese wunderbaren Ruhmesthaten ist das Wunder, das a n unfern Vätern selbst geschehen. Denn keine Epoche nationalen Ringens und Kämpfcus war den makkabäischen Großthaten vorausgegangen, obwohl auch in dieser Richtung aus kleinen unscheinbaren Anfängen manches Bedeutsame geschehen ist, sondern eine Zeit tiefer Erniedrigung und schmachvoller Anlehnung an eine durch politische Uebermacht einflussreiche Cultur. Und wenn es der Natur der Dinge entsprach, dass der neuen nationalen Richtung ein großer Mann aus hohenpriesterlichem Geschlechte Ziel und Wege wies, so ist es wiederum kein Zufall, dass Joseph ben Tobiah, der größte Geldaristokrat seiner Zeit im Orient, jenen intcrnational-assiinilatorischen Tand ins Judcnthum hineintrug, der allmählig zum Ruin der Nation führte. In jenen Tagen, die den Makkabäerkämpfen vorausgiengen, und noch weit in die eigentliche Kampfeszeit hinein, Halle das jüdische Volk keinen ärgeren Feind, als jene exclusiven. Kreise, denen reichere Mittel an Geld das Gelüste eingaben, sich etwas Besseres zu dünken als ihre weniger bemittelten Volksgenossen. Eine reiche Kaste, die sich infolge ihrer Gcldmacht vielfach auch eine höhere formelle Bildung aneigneu konnte, hatte innerhalb der jüdischen Nation kein Genüge gefunden und strebte danach, im engsten Anschlüsse an die umgebende herrschende Nation ihr eigenes „Ich" zu heben. Das geschah nicht etwa immer, indem sie sich offen vom alten Volksthume loslösten, vielmehr blieben sie in einem gewissen lockeren Zusammenhänge mit der übrigen Nation. So kam es, dass sie auf solche Weise einen unheilvollen Einfluss ausüben mussten, da sie dem Volke, das geneigt war, in seinen Geld- und Bildungsaristokraten seine natürlichen Führer zu erblicken, eindringlich durch Wort und Beispiel anempfahlen, sich den Sitten und Bräuchen der herrschenden Nation anzubequemen. „Freiheit, moderne Bildung und Fortschritt", das waren die Schlagwörter, deren zauberischer Schall die gebildete und weit mehr noch die halb- und ungebildete jüdische Jugend der Hasmonäerzciten dem Judenthume entfremden und sie zu d-m glänzenden Fahnen der volksfeindlichen Partei locken musste. Der cynischc Materialismus, der unter dem Mäntelchen griechischer Bildung seinen Einzug in die Herzen der jüdischen Jugend hielt, und sie ihrem ureigenen Bolksthume zu entfremden strebte, kündigte sich als neueste Errungenschaft europäisch-griechischer Cultur und Sitte an, und lockte mit dem gleißenden Worte „Freiheit" die Gimpel in seine Netze. Eine merkwürdige Civilisation, die dem Idealismus den Krieg ankündigtc, aber eine uoch merkwürdigere Freiheit, die mit der Selbstvernichtung des Volkes und des Volksthums beginnen sollte. Das Volk, das bis dahin in langjährigem Drucke und jahrhundertelanger Knechtung den Begriff von der wahren Freiheit einer Nation verlernt hatte, sah cs täglich, dass diese Aristokraten um so höher stiegen, je mehr sie sich vom überlieferten Judenthum entfernt hatten, und dass ihnen gar die Leiter zur höchsten Macht offen stand, wenn sie dem Zeus opferten, und so war es nur natürlich, dass sie, bewusst oder unbewusst, sich in diese Bahn zur Assimilation an das Griechenthum drängen ließen. Es wäre dies verzeihlich gewesen zu einer Zeit wie der pcrikleischen, wo das Hellcucnthum trotz mancher Fehler und Schwächen doch einen idealen Inhalt hatte, der imstande war, ein Volk zu adeln. Aber der Grieche jener Jahrhunderte hatte schon längst eine Entwicklung genommen, als wären die Geschlechter eines Thcmistoklcs und Sokrates ausgestorben, und als ob nur die Nachkommen eines Thersites und Ephialtes sich erhalten hätten. So war es denn kein Wunder, sondern nur der natürliche Lauf der Dinge, wenn der Jude bei seinen Assimilationsbestrebungcn viel weniger den geistigen Gehalt des Hellenismus sich aneigncte, als vielmehr mit einem Firniss griechischen Geschmacks und europäischer Bildung sich begnügte, dagegen alle Untugenden seiner entarteten Umgebung mit staunenswerter Schnelligkeit annahm. Während nun die hellenistische Welt eben deswegen die Angehörigen des »irdischen Stammes verachten musste und verachtete, glaubten die Bethörten, das diese Nichtachtung umgekehrt von der nicht genügenden Schnelligkeit der Assimilationsbewegung herrühre, und versuchten zu ihrem eigenen Unheil diese noch