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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Article
Französische Zustände
Date
1897-12-24
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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•dt« 8. XkÜlV Nr. M. an, und das ist es geblieben. Jawohl, der Capitän Dreyfus wurde auf Grund des einen Schriftstückes, jenes heute von aller Welt als verdächtig erkannten „Bordereaus", vor ein, Tribunal von sieben Ehrenmännern der französischen Armee' gestellt. Aber diese richtenden Officiere standen unter einem furchtbaren Drucke. Gerade weil die Verhandlung eine geheime gewesen, war der Druck der öffentlichen Meinung ein ungeheuerer. Diese sieben Tapferen, denen um ihr Lebens gewiss nie bange war, mögen damals ebenso gewiss Angst gehabt haben um ihre Ehre. Denn draußen auf der Gasse, vor dem' Kriegsgericht lauerte schon sprungbereit die Verleumdung. ' Zeigte es sich denn nicht schon vom Anbeginn, das böse, das listige Märchen vom Judengelde, das den Verräther befreien, wolle? Armer Jude, beladen mit dem Fluch des Geldes, mit dem Fluch des Geldes anderer. Er hatte nichts mit ihnen zu thun, sie nichts mit ihm, und doch wurde augenblicklich eine Beziehung zwischen ihm und ihnen hergestellt. Wenn man die nicht greifen kann, die man hasst, so hasst man diejenigen, die man greifen kann. So hat uns der Fall Dreysus einen angesammelten Judenhass gezeigt, den wir in solcher Fülle in Frankreich gar nicht vermuthet hätten. Wer trägt daran die Schuld? Doch nicht der strebsame Artilleriehauptmann aus dem Elsass, der bereit war, für Frankreich sein Leben auf dem Schlachtfelde zu lassen. In der republikanischen Kammer dieses Landes ist ein Abgeordneter mit dem Anträge aufgestanden, dass fortab kein Jude ein Staatsamt bekleiden dürfe. Ein ähnlicher, wenn auch : etwas mehr verschleierter Antrag war schon vor einigen . Jahren nach der Panamageschtchte eingebracht worden und hatte gegen 16V Stimmen vereinigt. Wenn dieser Antrag jetzt zur Verhandlung kommen sollte, wieviel Anhänger mag er haben? Frankreich ist heute durch und durch antisemitisch, darüber kann man sich nicht mehr täuschen. Der „Figaro", eine der reichsten und mächtigsten Zeitungen, die eine Zeitlang für Dreyfus einzutreten versuchte, ist von der öffentlichen Meinung zur Capitulation gezwungen worden, der Chef- ' redacteur musste sich von der Führung des Blattes zurückziehen, um dessen Bestand nicht zu gefährden. Und ein Journalist in der Stellung des Figarochefs ist unabhängiger als die Volksvertreter. Deren Popularität lebt sozusagen von der Hand in den Mund. Die Parlamentsscandale der letzten Jahre haben das Ansehen der Deputierten ohnehin schwer erschüttert. Würden diese es wagen, selbst wenn sie bessere Einsicht haben, den Volksleidenschaften Widerstand zu leisten? Die Kammerwahlen stehen vor der Thür, und es ist leicht vorauszusehen, dass der Antisemitismus zur Wahlplattform werden wird. Von den Hochconservativen bis zu den Hochrevolutionären stiegt ein Ruf durch das Land: „Gegen die Juden!" Es ist eine Stimmung wie in Aufruhrzciten. Die es angeht, die sind aber wie mit Blindheit und Taubheit geschlagen, und sie meinen noch immer, cs werde vorübergehen. O ja, das wird es, denn alles geht vorüber; die Frage ist nur: wie? Glaubt man, dass die Judenfresser, die soeben an dem unglücklichen Dreyfus ihre Macht erprobt haben, sich es an dem einen Opfer werden genug sein lassen? Sie haben nun Blut geleckt und werden anderes fordern, umso gieriger und siegesgewisscr, als sie nun anfangen, die Unwiderstehlichkeit ihres Auftretens zu kennen. Dieser ganze Fall hat die Regierungsautorität in Frankreich in einer bedenklichen Verwirrung und Schwäche gezeigt. Die Gewässer sind immer zum Ausbruch bereit, wenn der Damm locker wird. In Frankreich fallen die conservativen Interessen nicht mit denen der Regierung zusammen, obwohl die Conservativen sich jeder beständigen Regierung „ralliieren". Nun hat cs sich bei der vielbejubelten Rede des Grafen Mun gezeigt, dass auch die Ralliierten gegen die Juden sind. Nur an den Opportunisten haben die Juden noch einen Halt, der nicht der Rede wert ist — denn die Opportunisten schweigen verschüchtert. Man pflegt zu sagen, der Opportunismus sei' an den Juden zugrunde gegangen. Richtiger mag sein, dass umgekehrt die Juden am Opportunismus zugrunde gehen. Radicale und Reactiouäre haben sie gegen -sich, und die Mittelparteien können sich nur retten, wenn sie die Juden ausgeben. Man sieht die Lage in Frankreich ist ernst genug. Schon handelt es sich nicht mehr um den armen degradierten Hauptmann, von dem auch die schlimmsten Gegner nicht behaupten konnten, dass er sich durch sein hypothetisches Verbrechen bereichert habe. Wehe, wenn die Bereicherung selbst unter Anklage steht. Da wird nicht mehr nach Schuld oder Unschuld gefragt. Es gibt auch nicht den Schein eines Gerichts. Und die Leidenschaft spricht das Urtheil. Die Woche. Wien, 23. Decembcr 1897. Das einemal hat man die Juden vertrieben, das anderemal hat man sie aus gut honorierter Barmherzigkeit wieder ausgenommen, um sie bald wieder bei irgend einer Gelegenheit mit Schrecken davonzujagen. Als sich die Juden infolge dieser liebevollen Behandlung während mehrerer Jahrhunderte zu einem öfteren Ortswechsel genöthigt sahen, schalt man sie ein heimatsloses, unstetes Nomadenvolk. Man sperrte sie in die engen Gassen des Ghettos und verbot ihnen das freie Land, — dafür machte man ihnen den Vorwurf, dass sie keinen Ackerbau treiben. Und jetzt, da sie daran sind, die kärgliche Scholle zu beackern, die sie in den entlegenen Winkeln der Erde ihr Eigen nennen dürfen, geht das Gerede um von ungeheuren jüdischen Bodenspeculationen. * * ± Bis in die entferntesten Gefilde von Argentinien folgt die Verdächtigung und die Missgunst den jüdischen Colonisten. Mit Hohn werden die jüdischen Bauern geschildert, die im Kaftan aus Galizien daherkommen, um de» Pflug zur Hand zu nehmen. Im Eifer gesteht man sogar, dass es der Hunger und die Noth sind, die den polnischen Juden über die Meere getrieben. Den polnischen Juden, dem man in einem Athem eine so große Macht über Polen zuschreibt, wo er sich angeblich vom Schweiße des eingeborenen Volkes mästet. Und dennoch Argentinien und Palästina! Man ist eben in Wirklichkeit außer sich über die jüdischen Ackerbauer. Man hat das richtige Gefühl, dass da neue kraftvolle Generationen heranwachsen werden, dass dem Judenthum jugendliche Triebe und lebendige Säfte aus der selbstbebauten Erde hervorquellen werden. Und man hat Recht, es ist eine ausgezeichnete Bodcnspeculation, die sicherlich noch viel blutige Arbeit kosten wird, deren Saat aber dereinst noch prächtig in die Halme schießen wird. * # 4 Der vertriebene, der ausgeplünderte und verstoßene Jude ist der Pionnier auf dem mühevollen Wege nach der uralten Heimat. Und es wird sich jetzt aus Rumänien noch manches tüchtige Fähnlein unserem Marsche anschlüßen. Was dort vorgefallen ist, war ein zu deutlicher, ein zu schmerzlich lauter Weckruf, als dass er sich überhören ließe. Man wird sagen, dass diese Art von Agitation unsere Brüder ein bischen theuer zu steh n kommt. Aber der Antisemitismus, dieser mächtige Ermahner des jüdischen Volksgedankens, agitiert nicht mit christlicher Milde und mit demagogischen Schmeicheleien unter uns. Und die Ideen, die uns heute leiten, sind geboren aus den blutigen Qualen ungezählter Jahre. * $ * Die galizischen Juden scheint der Hafer zu stechen, den ihre ausgewanderten Brüder in Argentinien bauen. Wenigstens sagt man ihnen alle Augenblicke neue Schandthaten nach. Bald überfallen sie wehrlose Gendarmen, bald plündern sie eine Kirche, zuletzt sollen sie sogar nächtlicherweise auf einem Friedhof Unfug getrieben haben. Dieser Uebermuth ist wirklich merkwürdig. Und nirgends hat man sie erwischt, nirgends konnte man es gerichtlich beweisen, dass es auch wirklich die Juden waren. Das ist eben ein neues Verfahren — nicht der Juden. Früher, wenn das Wasser in den

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