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Die Welt · 1897-12-24 · 30 (24.12.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
30 (24.12.1897)
Date
1897-12-24
Page
1 (sequence 3)
Language
German
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Ardsrkion und Administration: Wie«, IX, Türkenstraße s. Telephon Nr. 8608. ► Erscheint jeden Freitag. * Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankirle Briefe werden, nicht angenommen und ) Manuskripte nicht zurülkgesendet. ß 1-• Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Eilizrlilk litt Hunten 15 Kr. Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fL 6 Kr., ganzjährig 6 fJ. 12 Kr.; für das Ausland: Deutsch land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg, Rußland ganzjährig halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich. Italien, Türkei. Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 30. Wien, 24. Drrrmbrr 1897. 1. Jahrgang. Da Ende dieses Monats eine größere Anzahl von Abonnements abläuft, so werde« die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Französische Zustände. Von Benjamin Seff. Einige treue und muthige Männer haben es versucht, den schweren Stein der-Gruft aufzuheben, in der er liegt. Aber eine große Rotte wmf sich auf die Befreier und überwand sic. Der Stein ist wieder aus dem alten Platz, und der Lebendige da unten bleibt weiter begraben. So sieht heute die Angelegenheit aus, die unter dem Namen „Affaire Dreyfus" einen traurigen Ruhm in der ganzen Welt erlangt hat. Das Volk von Frankreich, das großmüthige, in die Gerechtigkeit verliebte, das Volk der Menschenrechte, das alle Prozesse revidiert, nie eine Sache für endgiltig abgeurtheilt halten mag — es will nicht, dass man die Schuld des jüdischen Hauptmannes überhaupt noch in Frage stelle. Stürmische Kundgebungen auf der Straße, patriotische Declamationen in der Kammer, Pöbelhaftigkeiten in den Blättern, alles wirkt zusammen, alles hat nur den einen Zweck: den Inden dort drüben auf der Tcufelsinsel festzuhalten. Sie schlagen ihn noch immer tobt, obwohl er schon so gut begraben ist. Und man muss dabei an ihr Sprichwort denken: Quand on est mort, c’est pour longtemps. Ach, besonders, wenn es einen Lebendigen trifft, dann ist er für lange Zeit todt. In Herz und Hirn mancher, und eben nicht der schlechtesten Menschen und nicht nur von Juden, hat sich aber der Gedanke sestgenistet, dass dieser arme Jude auf der Aequatorinscl, dem sie die Capitänsstreifcn beim prunkhaften Leichenbegängnisse seiner Ehre von den Aerineln gerissen haben, dass dieser arme Jude unschuldig sei. Der Gedanke ist durch Straßenlärm und Zeitungshetzereicn nicht mehr zu verscheuchen, und wer ihn hegt, der gehört auch zu den Leidtragenden jenes Lebendigen. Man darf sagen, dass der Zweifel durch das widerspruchsvolle, scheue, offenbar vom Selbsterhaltungstrieb dictierte Betragen der französischen Regierung nicht entkräftet wurde. In jedem anderen Falle wäre nach neuen Umständen, wie sie da bekannt wurden, das Verfahren wieder ausgenommen worden. Auch die zweite Verhandlung konnte ja — wir wollen das Aeußerste zugeben — zur abermaligen Berurtheilung führen, so wäre doch wemgstens dem beunruhigten Rechtsgefühle Rechnung getragen worden. Aber das ist es: Man wagte nicht einmal die Wiederaufnahme des Verfahrens, weil — weil der Capitän Dreyfus nicht unschuldig sei» durfte. Das Volk hätte sich in diesem Falle gewiss für betrogen gehalten. Es hätte geglaubt, dass man ihm eine Gerichts- und Freisprechungskomödie Vorspiele, und dass in Wahrheit der Einfluss jüdischer Financiers gewirkt habe. Und es war dann ein fürchterlicher Ausbruch der Bolkswuth zu besorgen. Das mag die Staatsraisou gewesen sein, welche zur „beschwichtigenden" Erledigung des Revisionsverfahrens führte. Das Cabinet Mölme konnte sich in dieser bedrohlich angeschwollenen Sache vielleicht nicht anders helfen; Regieren ist ja häufig nur eine Option zwischen verschiedenerlei Unrecht. Es lässt sich sogar denken, dass dieser oder jener Jude in Frankreich den Ausgang der Tragödie mit nur einem Todten vorzog. Unter Umständen hätte die Sache noch schlimmer enden können. Heiliger Florian, beschütz' mein Haus, zünd' andere anl betet auch mancher, der kein Bauer ist. Der arme Dreyfus ist jedenfalls verloren, mögen also wenigstens keine weiteren Opfer hinznkommen. Aber dieses Raisonnemcnt ist nicht nur lieblos, es ist auch ungenügend. Der Fall Dreyfus ist damit keineswegs erledigt, dass der arme Mensch aus jener fernen Ficberinsel allmahlig zugrunde geht. Längst ist aus der bitterlichen Noth dieses Einzelnen eine Frage von größerem Wurf geworden. Die Frage lautet: Für wen büßt er? Für wen? Wir meinen da nicht den jetzt noch unbekannten Schurken, der den Dreyfus zugeschricbcnen Vcrrath begangen hat — wenn überhaupt ein Verrath begangen wurde, und nicht nur eine Fälschung wie in der berüchtigten Affaire Norton vvrlicgt. Wir meinen vielmehr diejenigen Personen oder Gruppen, denen er seine Leiden verdankt. Es gibt solche, das ist kein Zweifel. Stellen wir uns einen Angcnblick auf den Standpunkt, er habe das ihm zugemuthete Verbrechen wirklich begangen. So verrucht waren vor ihm auch andere, ja kurz vor seiner Berurtheilung gab cs in der französischen Armee noch ein paar ähnliche Fälle. Man hat nichts davon gehört, dass diese Misscthätcr mit solchem Kannibalcngcheul zum Grabe ihrer Ehre geleitet worden wären. Aber auf ihn warf man sich mit einer wollüstigen Wuth. Am liebsten hatten sie ihn getheert und gefedert und ich weiß nicht welche Scheußlichkeiten an seinem Leibe begangeir. Warum? Das war nicht mehr die Rache für einen Vcrrath militärischer Geheimnisse, der, wie die anderen Fülle beweisen, in Friedcnszeitcu keinen tollen Grimm erregt. O, das war ein ganz anderer Zorncsausbruch, viel verwandter mit den Exccssen eines Aufcuhrpöbels. Und sie waren auch gleich fertig mit der allgemeinen Anklage. Nicht „Nieder mit Dreyfus!" johlten sie, sondern „Nieder mit den Juden!" Das war's vom ersten Augenblick

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