Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Der erste Chanuka-Abend
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4». Rr. M. Anstatt zu erwidern, begann ich heftig zu weinen. -Es that mir doppelt weh: Erstens, dass ich eine solche Dumüiheit begangen, zweitens, da ja meine Mühe vergebens war. Als mein Bruder mich weinen hörte, wurde er inildcr gcstilPnt, hob mich ans seine Schulter und trug mich nach Hause, i II. - Wir treten in die Küche ein; sie ist niedrig, mit schwarz angerauchtem Plafond, der seit lange schon sich in einer Stellung befand, dass man glauben konnte, er müsse jeden Moment zusammenstürzen. Daran hinderten ihn jedoch einige morsche Brcttlein mit Hilfe einer angebrannten Schaufel, sind eines abgebrochenen Spatenstielcs, die ihm als Stützen dienten. Bor dem Herde stand die Mutter, über ein schwach iinter dem Dreifuß glimmendes Häuflein von Spänen und 'versengten Strohhalmen gebeugt, in das sie hineinblies.'- Je mehr sie hineinblies, um so dichter stieg ihr der erstickende Rauch in das geröthete, abgehärmte, vorzeitig gealterte Gesicht und in die thränencrfüllten Augen. Sie blies jedoch Mbekümmert fort, ohne auf den Husten zu achten, der sie^ffast erstickte. Der Küchenranm wurde immer mehr und mehr von Rauch gefüllt, so dass man drinnen noch kaiim etwas sehen konnte. Plötzlich ein Getöse, wie ferner Dvmierschlag/^'der Kessel glitt vom Dreifuß herab und der Inhalt, das noch kaum erwärmte Wasser, ergoss sich über den Herd, löschte das mit Mühe erhaltene Feuer aus, und richtete auch im Zimmer ein kleines Bad an. Die Mutter schrie laut-auf und lang verzweifelt die Hände. t) Noch heute, da bereits eine Reihe von Jahren seither verstrichen ist, schmerzt es mich tief, wenn ich an jenen Aügeublick denke und mich an die Verzweiflung meiner armen Mutter erinnere. Unzählige Leiden, nichts als Leid , und Jammer machten dein ganzes Leben aus, aime unglückliche Mutter. Leid und Jammer in deiner Fürsorge für deine Kinder, die frierend und hungernd dich umstanden, und dein Leid und deinen Jammer mit dir theilten. Wie wenig ich und mein dainals fünfzehnjähriger Bruder Süsie, nach Kindcrart auch sonst auf unsere Mutter Rücksicht zu nehmen, und wie wenig wir ihr bei der schweren Arbeit zu Helsen pflegten, machten wir uns doch, angesichts dcrii»- scligen Katastrophe eiligst daran, den stnstercn Dachboden zu erklettern, um dort frisches Heizmaterial aufzusuchen. Wir krochen und tasteten im Finsteren herum, dnrchstöbertcn jeden Winkel, durchwühltcn sogar die Ostcrgcfäßc, die das Jahr über unberührt ans dem Boden standen. Unsere Mühe war nicht erfolglos. Welcher Fund! Drei Stücke trockenen Düngers, dazu noch ein Fuß von einem gedrechselten Stuhle! Wie ein solcher Fuß auf unseren Boden kam, — da es ja weder bei uns noch auch im ganzen Städtchen jemals ein solches Möbelstück gegeben hat —■ das konnte ich mir damals und kann es mir auch jetzt noch nicht erklären. Und wie freute sich unsere Mutter, wie glücklich war sie auf einmal durch diesen Fund geworden! „Leb.« sollt ihr, meine süßen Kinder; soll euch Gott so erfreuen euer ganzes Leben lang, wie ihr mich habt erfreut", segnete uns die Mutter, indem ihr verjamincrtes Gesicht auf einmal einen zufiiedenen lächelnden Ausdruck annahm. Sie gicng nun wieder munter an die Arbeit, fachte von neue»» das Feuer am Herde an. Und es brannte jetzt, ohne dass der Rauchqualm nunmehr in das Zimmer gedrungen wäre Denn eben jenes Stück Lehm, das auf den Kessel gefallen und die Ursache jenes unglückseligen Ereignisses geworden, war ja von der Oeffnung des Kamins beseitigt und der Rauch konnte ungehindert seinen Weg zum Dache hinaus nehmen. „Seht ihr Kinder", sagte uns die Mutter seufzend, „seht ihr, wie man sich niemals versündigen darf gegen den, der ewig lebt. Der, dessen Namen ich nicht werth bin anzurufen, weiß gewiss was er thüt. Und was dem sündigen Menschen als ein Nebel erscheint, ist oft gerade zu seinem Besten geschehen." - All das bewies sie'' uns durch Belege md Citate aus der Thora, deren sie ziemlich kundig war, kundiger vielleicht, als mancher heutige Rabbiner *— freilich, die vom Amt« . . In unsere Küche war plötzlich neues'Leben eingetreten; eine meiner Schwestern lief zu einer Nachbarin, um ein bisschen Pfeffer zu erbittendie andere knetete den Teig, während ich und mein Bruder draußen damit beschäftigt waren, dass wir einen Eimer mit Schnee füllten, aus dem dann im Zimmer Wasser werde sollte. Wir waren alle, so hurtig beschäftigt, dass uns unvermerkt die Zeit vergieng- „Die Mehljpeis ist fertig",-rief die Mutter freudig aus. „Jetzt geh, Süsilcben, segne das Chanukalicht, dann werde« wir Nachtmahl essen." In dieser angenehme« Hoffnung begaben wir uns alle hocherfreut ins Zimmer. (Forsetzung folgt.) VLcherwett. Der Zionismus und die Jndenfrage, ökonomisch und ethisch. Im Berlage von Steiger & Co. in Bern ist soeben däS Referat D r. David Farbstein'S auf dem Baseler Congreffe erschienen. Der Name des Verfassers ist auch allen Zionisten, die nicht Gelegenheit hatten, ihn in Basel zu Horen, bekannt. So wie seine früher veröffentlichten Artikel jedes journalistischen Aufputzes entbehrten und nüchtern und klar die ökonomische Seite der Judenfrage behandelten, ebenso einfach, aber auch mit nachhaltigem Eindruck lieSI sich fein Referat. Dr. Farbstein weist nach, dass die Juden nicht aus eigener Schuld zu unproductivem Erwerbe gegriffen haben, sondern dass eS historische Umstände waren, die sie dazu gezwungen haben und die auch heute noch, trotz des Umschwunges im wirtschaftlichen Leben, fortbeflehen. Die Broschüre verdient von allen. Zionisten gelesen zu werden, da sie nicht nur den nationalen, sondern., auch den söcialpolitischen Charakter de- Zionismus hervorkehrt. 8eb. Der Verlag „Achiasaf" in Warschau hat die Reihe seiner bereits früher angekündlgten Broschürenpublicationen, welche den Titel „Mismau lasman“ führt, mit der Herausgabe einer hebräischen Uebersetzuug der letzten Broschüre des Herrn Dr. Herzl „Der Baseler Congress" begonnen. Die geradezu musterhafte Uebersetzung hat Herr Michael Berkowitsch besorgt, der auch den „Judenstaat" Dr. Herzl'S in allgemein lobend anerkannter Weise in'S Hebräische übertragen hat. Die vorliegende Broschüre hat als Beiblatt ein Bild Dr. Herzi's mit dem Facstmile des von ihm hebräisch geschriebenen Satzes: „Lemaän Zion lau ech’scheh“ („Um Zions willen werde ich nicht schweigen") und seiner hebräischen Unterschrift. Die Broschüre ist einfach und dabei doch schön ausgestattet. — schalom— Rabbinisch-wiffensch aftliche Borträge von Dr. weck.; K. Lippe, Drohobycz 1897, 112 S. 8°. In den vorliegenden 6 deutschen und einem hebräischen Aufsatze liefert uns der greise Autor eine Art literarischer Products, die in unserer Literatur immer seltener wird, ja leider fast ganz ausgestorben ist. Jüdische Literatur und talmudisch-hebrüischeS Wissen sind ja bekanntlich in den ausschließlichen Besitz einiger Dutzend Rabbiner gelangt, und ein intelligenter europäischer Jude, der auch etwas von diesem »alten Zeug" zu sagen weiß, wird heute als weißer Rabe bewundert. Dr. Lippe ist ein solcher weißer Rabe, und er kann stolz sein aus den Vergleich, den der selige Rabbiner Dr. Igel in einem an ihn gerichteten. (Seite SS citierten) Schreiben macht: „Wenn ich ihre Schriften lese, glaube ich das Werk eines spanischen Gelehrten aus dem Mittelaller zu lesen, mit dem Unterschiede jedoch, dass wahrend jene Gelehrten Rabbiner und Aerzte waren, sie hingegen Arzt und Rabbiner sind." Dr. Lippe ist nämlich nicht Rabbiner sondern Arzt, Er füllt jedoch neben seinem ärztlichen auch den Beruf eines VolkslehrerS aus mit einem selbstlosen Eifer und einer Hingebung, die einen gut dotierten Rabbiner ehren könnten. Seinen Borträgen, die er unermüdlich daherm in einer von ihm begründeten Lesehalle abzuhalten pflegt, sowie den Borträgen, die er als Wanderprediger in verschiedenen Städten seines Heimatlandes Galizien gehalten hat, verdanken wir die uns vorliegende Sammlung, die sich wie die früheren Arbeiten Lippes auf dem Gebiete der jüdischen Apologetik durch Geist und Schärfe, sowie durch warme Anhänglichkeit an die nationalen Güter unseres Volkes auSzeichnen. Möge eS ihm gegönnt fein, noch lange in Wort und Schrift für sein Ideal, die Hochhaltung und Würdigung der jüdischen Wissenschaft, zu wirken, das Ideal, das nur dann verwirklicht werden kann,, wenn die Erziehung unserer Jugend eine beffere, eine nationale sein wird. Da Ende dieses Monats eine größere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration.. Herausgeber: ^panl Aischtmer. Verantwortlicher Redakteur: Vr. Viegman- Meraer. Druck von Jacob Dur Wien. VIII.; Laudongasse Rr. 57.