Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. LS. Seite 15. turelle Moment im Zionismus" sprechen. Gäste, Damen, find herzlichst, willkommen. Beginn Ahr nachmittags. Wien. Der vo» Herrn R. A. Brandes beantragte hebräische Club im Einzelvereine „Wien" des „Zion" hat sich am Samstag den 11. d. M. abends im BereinSlocale constituiert. Das Hauptbestreben dieses Clubs ist: „Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache und ihrer Literatur." Den Borfitz führte Herr Isidor Mi ntz. Eine Commission, bestehend auden Herren Dr. Leopold Kahn, BicepräseS deS Vereines Zion, R. A. B r a u d e S, I. L. Landau und M. Berkowicz wurde' mit der Ausarbeitung deS ArbeilSprogrammeS betraut. — b — OlMÄtz. Der Zweigverein Olmütz des Verbandes „Zion" in Men und der Ferialverband jüd. Akademiker „Geulah" in Olmütz veranstalteten am 18. December 1897 im Saale des Restaurants Englisch einen Geselligkeitsabend, verbunden mit einem Tanzkränzchen. Lembevg. Der Verein zionistischer Studenten übersendete folgende Adresse Herrn Dr. Karpel Lippe in Jassy: „Die am 7. December l. I. im Locale de- Vereins „Zion" in Lemberg versammelte jüdisch-nationale academische Jugend drückt den rumänischen Hochschülern als Anstiftern der barbarischen Judenhetze in Bukarest ihre Entrüstung und Verachtung und den verfolgten Stammesbrüdern, die sogar ihren Peinigern voll echten ManneSmuthes die Blutsteuer entrichten wollten, die wärmste Sympathie aus." Dr. Alexander W a l d m a n n, Joachim Wind, Leon S z t e n c e l, Moses D o g i l e w S k i, Heinrich L ö wen h e r z- KaroloHvkck. Am 6. Dezember fand die constituierende Versammlung der hiesigen Ortsgruppe „Ahawath-Zion" statt. In den Ausschuss wurden gewählt die Herren Dr. Feuerstein. G. W a ch sftein, M. Wagschal, B. Helfs, I. Stempler und S. Feuerstein. _ Zelts chriften-Rundsch cru. Die in Chicago erscheinende „Hapisgoh" bringt in ihrer letzten Nummer ein von Dr. M a x N o r d a u an den Redacteur gerichtetes Schreiben, welches lautet: „Hochgeehrter Herr und lieber Gesinnungsgenosse! Empfangen Sie meinen Dank für die freundliche Znsendung der „Hapisgoh" und meine wärmsten Wünsche für den Erfolg Ihrer überaus verdienstlichen Bestrebungen. Ich glaube unerschütterlich daran, dass eS uns gelingen wird, Zion wieder aufzurichten und dass wir vor einer Wiedergeburt des Judenvolkes stehen. Aber Israel muss zu seinem neuen Berufe erst erzogen werden, und an dieser furchtbar schweren Erziehungsarbeit muss jeder Ju6e Mitarbeiten, dem das Glück beschicken war, eine höhere Stufe dck: Bildung und deS Wissens zu erreichen. Sie erfüllen Ihres Theils die Pflicht, die gegenwärtig die erste und wichtigste ist: das jüdische Pewussstein zu wecken und zu stärken. Möge Segen auf Ihrem Wirken ruh'n! Mit brüderlichem Gruße bin ich rc. Dr. M. Nordau." Die Monatsschrift „Haschilock" erscheint vom 1. Januar an wieder in Berlin unter der früheren Redaction im Verlage „Achiasaf". Bon einem Freunde unseres BlatteS erhalten wir die Mittheilung, dass Drttnant an einem Werke arbeitet: „Palestine et les Juifs au XX si^cle“. Die ersten, bereits fertiggestellten Capitel lassen ein sehr sensaiwnelles Werk erwarten. Die neuesten zionistischen Zeitschriften sind: die Halbmonatsschrift „3*0**"^ in Verlad und die Wochenschrift „The Light" in Dallas (Texas). Die erste erscheint in rumänischer, die letztere in englischer ^Sprache. Lenil Der erste Chanuka-Nbrnd. Von Ben Ami. (Aus dem Jüdischen übersetzt von M. Bcrkowicz.) I. Feuchte, schaurige Kälte durchdringt die Glieder. In dichten Flocken fallt der Schnee auf die schmutzigen Straßen nieder und wird bald zu einem gelblichen Koth getreten. Der Wind bläst und pfeift mit wiilhigcm Grimme und peitscht mir die nassen Schneeflocken ins Gesicht. Ich laufe mit aller Anstrengung trotz des grimmigen Windes ins „Beth-Hamidrasch". Als siebenjähriger Knabe bin ich wie alle meine jüdischen Altersgenossen, von nicht besonderer Kiaft und kann den Stößen des Windes keinen rechten Widerstand leisten. Schonungslos packt mich ein Wirbel, mich bald nach dieser, bald nach jener Richtung reißend, ganz so und mit derselben Wuth wie der Diener einen armen Juden packt, der es gewagt hat, in den aristokratischen Tempel cinzudringen. Aber ich laufe unbekümmert fort, während ich die Nässe des zerfließenden Schnees nicht nur am Gesichte verspüre, sondern am ganzen Körper, wohin er durch die leichte Bekleidung gelangt. Was vermag ich dagegen? Das Hemd, das nur am Kragen durch Schnüre zusammengczogen ist, vermag meine. Brust nicht zu schützen. Nicht einmal die Arba-Cmifoth aus rothgeblümtem Ziz konnten das Eindringen des kalten Schnees verhindern, obwohl alle „Zizith" koscher waren. Meine lange, weit über die Ferst» reichende Kapoie wird vom Winde wie eine Fahne in die Höhe gehoben. Bessere Kleidungsstücke für den Winter hatte ich nicht. Die Fußbcdcckung will ich gar nicht erwähnen, denn ich kann kaum eine Bezeichnung finden für die lumpigen Fetzen, in die ich meine vom Frost geschwellten Füße gehüllt und so in ein Paar weite Schuhe gesteckt hatte, die einst mein seliger Vater getragen. Es wird finster. Ich laufe außer Athem über einen Platz, an dem kein Haus zu sehen ist. Erst am Ende des Platzes werden die vergibten, durch den schwachen Schimmer einer winzigen Kerze beleuchteten Fensterschcib, n des Lotir-Hamickinsvlr bemerkbar. Daneben die weiße Wand des bi? an die Fenster versunkenen Häuschens meines Lehrers Reb David, das für mich nicht weniger als eine Hölle bedeutet. Aus l e t 4 n. dieser Hölle bin ich beute früher als sonst entlassen worden, und der^ Gedanke, dass ich jetzt ins „Beth Hamidrasch" und nicht im die Schule gehe, wo man sich von acht UhiHnorgens bis spätxabends plagt — dieser Gedanke thut mir so wohl im Herzen, dass ich mich überaus glücklich fühle. Ja, ich bin ganz glücklich, obwohl heute Donnerstag ist, der schreckliche Tag dcr-Prüfung, wo jeder einzeln sein Chumesch und Gemore von der 'ganzen Woche aufsagen muss, wo es so schonungslos Prügel regnet. Ich werde ja heute abends zu Hause bleiben; 'nicht in der Schule, sondern zu Hause bei meiner Mutter mit meinen Brüdern und den beiden Schwestern, denn heute ist. Chanuka! Mein kindlicher Sinn ist von Freude berauscht,; ich weiß selbst kaum mehr, warum ich so sehr eile. Beim „Belh-Hamidrasch" augelangt, öffnete ich die Thüre und als, ich meinen Binder in der Nähe des großen Ofens erblickte,' rief ich ihm athcmlos, mit fast erstickter Stimme, aus allen Kräften zu: „Süsie, Süsie, die Mutter kocht heute wirklich Mehlspeise zum Nachtmahl!" Die. Mutter hatte es mir zwar mit großem Nachdruck eingcschärft, diese Botschaft meinem Bruder in aller Stille zu ül e hringen. Als ich schon draußen war, rief sie mir nach: „Vergiss, nicht, Leibcle, cs ihm ins Ohr zu sagen!" Aber ich hatte wahrlich keine schlechte Absicht. Ich war so sehr von dem Wunsche beseelt, dass mein Bruder ehestens das große Tagesereignis erfahre, dass ich darüber den Kopf verlor und kaum, dass ich ihn erblickte, entflog mir wie zum Trotze alles aus den; Kopfe, was mir die Mutter so nachdrücklich aufgetragen. Zum Unglück herrschte damals im „Bcth-Hamidrasch die Stille eines Friedhofes, denn alle standen zum „Schmona- Essre-Gcbet" in stiller Andacht gegen die Ostwand gewendet. Als sie ürcine Botschaft hörten, schauten sie sich verwundert um, die anwesenden Jungen brachen sogar in ein homerisches Gelachtes aus. Vor Scham bedeckte Süsie sein Gesicht mit beiden Händen, er beendete rasch die „Schmona-Essrc", murmelte eilig sein „Oleinn" vor sich hin und verließ, noch immer mit bedeckrem Gesichte, das „Beth-Hamidrasch". Auf der Straße angclangt, packte er mich zornig am Arme und schrie mich voller Aufregung an: „O/ du Rindvieh! Wie kann man nur so dumm schreien im Bethäuse? Wer hat dich darum gebeten, dass du mir die Wohlthat erweisest und diese frohe Botschaft übcrbring^?"