Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Olmütz [Nachricht]
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite U. Nr. 29. dass nicht arische Kreise unserer Bevölkerung diesen Beranstak-/ tungen freiwillig fern bleiben und sich "begnügen, den Vereinsbeitrag zu leisten, was schließlich die Hauptsache ist." Krickaru (Orig.-Corr.) Das slavische Verbrüderungsfest, das hier gefeiert wurde, stand ganz unter antisemitischer Patronanz. Der Chef der hiesigen Radau-Antisemiten, Dr. Dobija, war Obmann des'vorbereitenden Comites, die Begrüßungs-Depesche der „Narodni Listy" langte an das antisemitische Tagblatt „Glos Narodu" ein, obwohl es hier ältere und zumindest ä>euso polnisch-patriotische Tagblätter, beispielsweise den „Czas", gibt.. Der Chef der „christlich-socialen" Antisemiten, Pater Stojalowski, und seine Adjutanten Danielak und Szponder gerierten sich als die Apostel dieser slavischen Solidarität, und Fürst Sapieha, der unlängst in einem offenen Briefe an seine bäuerlichen Wähler gegen die Juden gehetzt hat, war Ehrem Präsident des Banquets. Thatsächlich herrschte auch am Tage dieses Festes unter der jüdischen Bevölkerung eine große Beunruhigung. Deutschland. Aus Westdeutschland. (Orig.-Corr.) Die .Selbst- Emancipation", die erste zionistische Zeitung in deutscher Sprache/ pflegte eine beständige Rubrik unter der Ueberschrift„Golusblüthe" zu führen. Golusblüthe ist ein hartes Wort, fast so hart wie der Begriff selbst, aber es gibt Erscheinungen im jüdischen Lager, für die man schwerlich einen anderen Ausdruck finden wird. Sie sind thatsächlich Symptome des Ghettogeistes, der heute in Frack und Glacehandschuhen umherwandert und, wenn man ihn an seinen Ursprung erinnert, nervös zusammenschreckt. In einer großen Gemeinde Westdeutschlands soll nächstens die neuerbaute zweite Synagoge eingeweiht werden. Um den Gottesdienst würdig auszustatten, bildete sich ein männlichex Chorverein. Es wäre also natürlich, wenn dieser Verein sich' „Jüdischer Gesangverein" nennen würde. Das glaubten auch dih -f naiven Herren, und sie entwarfen in diesem Sinne ihre Statuten. Ein Herr vom Gemeindevorstand aber bedeutete ihnen, dass es nicht modern und nicht opportun wäre, einen jüdischen Namen zu wählen. Der Verein erhielt daher, da der Dirigent zufällig F. hritzt, den Namen „F.'scher Männergesangverein" und die ' heilige Assimilationsmode ist gerettet. Es wäre zu wünschen-; dass man dieses originelle System weiter ausbaut, die Synagoge; R/scher Andachtssaal, den Rabbiner Cultusrath und den Cantor Oratoriensänger nennt. Die dummen Antisemiten würden dann , absolut nicht wissen, dass es noch Juden gibt und die heikle. Judenfrage wäre für immer gelöst. Ja, diese Manie der Selbstentwürdigung geht in West/ deutschland so weit, dass man in manchen Kreisen sein Judcnthun? vor seinen Dienstmädchen verleugnen möchte. Ich kenne viele Fälle, wo sich Leute ausbaten, das Organ des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, das doch am Ende nicht dazu da ist, lediglich unter Juden „abzuwehren", nur in geschlossenem Couvert zu erhalten. Warum? „Ja — meinte ein Herr schlau — die,: Dienstboten brauchen doch nicht zu wissen, welcher Confession? man ' angehört." Dabei heißen diese Herren oft Cohn und Levh und besitzen kühn geschwungene Nasen, die zu sehr —x mosaischer Conjession sind. Ich habe oft die Erfahrung gemacht,' dass AbcmnenHn sich die Nachsendung eines jüdischen Blattes nach -ihrem Badeort verbeten haben. Ach, der neugierige Kellner könnt: dann eWhren, dass der deutsche Staatsbürger Seligmann' — jüdischen GWW'eWM^und das ist sehr peinlich? . . / Angesichts solcher Thatsachen wagt man noch zu leugnendass die tragikomische Assimilationswirtschaft die Juden sittlich. ruiniert und ihnen den inneren Halt raubt! Darf sich ein solcher Jude, der sich selbst seiner Abstammung schämt, wundern, wenn man -ihm keine Achtung entgegenbringt? Ja, das Golus treibt ' schöne Blüthen! 8. Frankreich- Paris. (Orig.-Corr.) In der „Association des; Etudiants Isra£lites-russesw hielt Herr Perles lernt Conference über „Zuntz und Graetz". In formvollendeter Weise entrollte der Vortragende vor seinem großen, fast nur aus Studenten bestehenden Auditorium die Lebensbilder dieser zwei großen jüdischen Historiker. Der Vortragende, der in Herzens- ' warmer und dabei doch streng wissenschaftlicher Weise seine Aufgäbe löste, wurde durch reichen Beifall von Seiten der Zuhörer i geehrt. In der lebhaften Discussiou, die nach dem Vortrage s über dessen Thema geführt worden ist, wurde dasselbe namentlich > von Herrn Bernstein gründlich beleuchtet. Zum Schlüsse sprach Herr Rokeach über die jüngsten Ereignisse in Frankreich,, über die traurigen Erscheinungm in der Presse, in den Vertretungs-. örpern und in der Studentenschaft und wies unter allgemeinem' Beifall darauf hin, dass es auch für die französischen Juden nur ein Heilmittel gebe — den Zionismus. A. L. Russland. Bialystok.(Orig.- Cvrr.) DieAffaire Dreyfus beschäftigt auch die russische Presse sehr lebhaft, und auch die hiesigen Antisemitenblätter treten das Märchen breit von dem Syndikate reicher Juden, die es sich zum Ziele gesteckt haben, dm Verräther Dreyfus aus der Verbannung zu befreien und an seiner statt den unschuldigen Grafen Esterhazy auf die Teufelsinsel zu verschicken." Am feinsten versteht dies der „Wilenski Wiestnik" auszuspinnen, der, nebenbei bemerkt, von Juden redigiert und von einer stattlichm Anzahl jüdischer Abonnenten gelesen wird. Ich wurde sicherlich diese Thatsache nicht miltheilen, wenn sie nicht so beschämend wäre, wenn nicht die größte materielle und geistige Stütze dieses Hetzblattes — Juden wären. In den Chor dieser Hetzerei stimmt auch „Swet" ein, der leider ebenfalls von Juden gelesen wird. Dagegen verfahren die liberalen Blätter, wie die „Birz. Wied." in der gerechtesten Weife. Bemerkenswerth ist, dass oer „Sin OtczHwa", der bis vor einem Jahre viel in Antisemitismus machte und nunmehr als liberales Organ erscheint, in der letzten Nummer mit den telegraphischen Bureaus, besonders mit dem hiesigen, strenge in's Gericht geht, weil diese falsche Nachrichten in der Affaire Dreyfus-Esterhazy verbreiten, um das Publicum zu täuschen, so lange die Untersuchung noch nicht stattgefunden hat. Ch. N. Melnik. Amerika. New-Aork. (Orig.-Corr.) Nicht geringes Aufsehen erregte es hier, dass die Tochter eines unserer reichen Assimilatiönsjuden, eines Herrn Lemberger, aus einem vornehmen Damenpensionate gegangen worden ist. Die Vorsteherin erklärte, dass „geschäftliche Gründe" sie zu diesem Vorgehen „gezwungen" haben. Hb unsere amerikanischen vould-be-Größen es wohl verstehen werden, dass diese „geschäftlichen Gründe" nichts anderes bedeuten, als dass die sogenannte bessere Classe der Nichtjuden ihre Töchter mit den Töchtern der sogenannten jüdischen besseren Classe nicht gemeinschaftlich erziehen lassen will? Laxienti sat 1 Die „New-Aorker Zionsfreunde" hatten am 29. November einen ereignisreichen Abend. Rabbiner Dr. Philipp Klein hielt in der Massenversammlung im Beth-hamidrascli hagadol eine großangelegte Rede, in welcher er unter anderem die Bedeutung Hirsch Kalischers würdigte. Er citierte sodann den Ausspruch eines palästinensischen Juden: „Wer seine Feder gegen den Zionismus in Tinte zu tauchen wagt, der taucht sie in Menschenblut. Aber nicht in das Blut eines Menschen, sondern in das einer ganzen Nation." Der gelehrte Führer der Orthodoxen wies dann nach, dass das ganze hebräische Schriftthum dem modernen Zionismus das Wort spreche, und dass überall eine Besitzergreifung von Seite der Juden gememt ist. Reverend Zadikoff, ein bedeutender Volksredner aus Russland, meinte in seiner Rede, dass man eigentlich einen neuen Tisclio B’ Ab inaugurieren müsste. Denn während der erste ein Fasttag zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels ist, sollte der zweite uns den Verfall des jüdischen Volkes ins Gedächtnis zurückrufen, einen Verfall, der täglich mehr um sich greife und welchem nur der Zionismus Einhalt zu gebieten vermag. In demselben Verein hat Dr. Michael Singer einen interessanten Vortrag über den vom Papste Jnnocenz III. geschaffenen „Jndenfleck" gehalten. Der jüngstgewählte Alderman Emil Neufeld ist Bicepräsidmt des Vereines geworden. Der Brooklyner „C h o w e w e Z i o n" hat sich die Bethausgemeinde Arische Are korporativ angeschlossen. Der Verein „Zionoh" eine durchwegs aus reichen Juden bestehende Organisation, macht unter Leitung des Präsidenten Dr. B l u e st o n e imponierende Fortschritte. Demnächst wird dieser Verein eine zionistische Wochenschrift im Jargon herausgeben. Jn Newark und inNeu-Haven haben sich dieser Tage zionistische Vereine gebildet. Id. 8. Vereinsnachrichten. Der Einzelverein „Favoriten" des „Zion", veranstaltet Dienstag, den 21. d. M. 6 Uhr abends in Krautstoffl's Restauration, X. Bez, Himbergerstr. 55 eine Makkabäer-Feier, bei welcher Herr Professor Dr. L. Kellner, einen geschichtlichen Bortrag über das „Zeitalter der Makkabäer" halten wird. Wien. Der literarische Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „M o r i a h" hält am 19. December a. c. in seinem Bereinslocale, I. Schottenring 23, seine jeden zweiten Sonntag stattfindende Sitzung ab. In derselben wird Herr jtu\ Richard Wagner üb.r „Das cul-