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Die Welt · 1897-12-17 · 29 (17.12.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
29 (17.12.1897)
Article
Der Justizirrthum Dreyfus
Date
1897-12-17
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Eche S. jw&m Rx. SV Kriegsminifter „älL Solhat und Ehest der ÄMee" verpflichtet ist,. Drchfus für schuldig zu halben. Was von Wichtigkeit rst, das ist, zu wissen, ob wirklich eine neue Thatsache' von. der Art vyrgebracht worden ist, um die Revision des Procesfes.. zu gestatten. Diese neue Thatsache ist die Gleichheit der Schrift des Vorderhaus mit jener des Commandanten Eszterhazy. Der General Sausstex hat im bejahenden Sinne enschieden. — Der Herr Kriegsminister scheint sich vor. der Entscheidung .des 'MitrtärgvuveM.uGl.von-- Paris nicht beügen zu wollen. Hat denn , H^ Mlme nicht gesagt, dass General Saussier nur nach seiuelri GWissen vor? gehen könne? . > Was im Palais Bourbon vorgekomüftn hat' ein , ganz jämmerliches Aussehen. Geradezu lHerlich, ist dep. Beschluss der Kämmer, welcher „die Führer der odiosett'''CM.päM^Wnd-'. markte, die unternommen wurde, um die öffentliche. Meimintz zn verwirren." Diese Brandmarkung fällt ja auch, auf di^ Negierung zurück, welche sich, allerdings gegen ihren Willen, dieser „odiosen Campagne" angeschlossen hat, indem sie die Untersuchung gegen Eszterhazy anordnete. Ein ebensolches Brandmal trifft aber auch den General Saussier, welcher erkannt hat, wie wohl begründet die Klagen von Dreyfus sind, da er sich.entschloss, Eszterhazy vor ein Kriegsgericht zu stellen. r. Herr Alphonse Humb ert, das frühere Mitglied-, der Commune, ein ehemaliger revolutionärer'Deputierter, der. ein er/^ der folgsamsten Anhänger der Regierung, geworden ist^hat' nicht' umhin gekonnt, die Haltung der Regierung als' zMdeutig' zu' bezeichnen. Und er hat nicht zuviel gesagt. J . Die Frage ist es jcht, ob nach dem KamMervoturnj dre Gerechtigkeit unbeirrt ihren gesetzmäßigen Lauf nehmen wird, mit all der nöthigen Unabhängigkeit. Hat sich die Kammer durch ihr Votum nicht in das Werk der Justiz gemengt, um ihr eine ganz - bestimmte Richtung nach dem Wunsche der./Kammer zM gehen- Wird dieses Votum keinen Einfluss haben aüf den cküusligerr / Berichterstätter des Kriegsgerichtes? Das sind ernsteH^agerrvpy.^ großer Bedeutung. ' - Wie dem auch sein mag, wir ,3ipniftcrt jönttte^ Kammersitzung wieder etwas lernen.^ ’Jßif JM'en'. hähM^.MchrL-.--. zu erwarten von hem. „ciyilisierten" Eyropch Der ArftrfeMitisnms hat größere Fortschritt..gemacht, als.es der ärgste Pxffrwisti'üMr> uns - ahnen konnte.. Die sogenannten durchdrungen vom Antisemitismus, AuchinihrM Äügm/Mo^ wir die Fremden, nichts/at3 ^rembe. Unfejre ^cimat tff "örrt' Unser wahres Baterlgud harrt unser erst. . ‘t&p' r Die französischen Juden aber werdenk äußer durch chiele andere Begebenhelten, auch durch diese Kammerfitzung beehrt worden sein, dass es auch für sie nur ein wirkliches Heil, hiüe. endgiltige Lösung gibt -—-.den Zionismus. .. r. . Paris, im December 1897. ■. >ä.!Ev „Gedenke unser;um Lrkrn.^ - Predigt des Dr. Israel JelSrt, Lodz. Schaffe mir Recht, o Gott! und führe meine Sache gegen lieblose- Volk; vor nachstkllenden und gewaltthLtigen Menschen errette mich, denn du bist der Gott meiner Schutzwehr. Warum hast du mich verworfen? Warum muss ich düster einhergehen, ob der Bedrückung..durch meine Feinde? (Psalm 43. 1. 2.)/ - Und trüge ich Euch, meine Brüder, diese Worte nicht im Original vor und gäbe ich Euch deren Inhalt in einer der neuesten Sprachen wieder — würdet Ihr etwa den Verfasser nicht erkennen im ersten Augenblick? Wer kann so klagen, »wenn nicht der Jude? der alte Jude? der neue Jude? der ewige Jude? „Dü Herr meiner Feste, warum hast du mich verlassen?" — so klagt und fragt daheim nnd int Tempel, im engen Familienkreise und in der Gesellschaft der brüderlichen Schicksalsgenossen, auf dem einsamen Lager und auf dem -geräuschvollen Markte der alte Jude, demdie Noch und die Bedrängnis, die Zurücksetzung und die Verachtung den Glauben an den alten Gott der Väter noch nicht zu rauben vermocht hat,-an den Gott, devl einst das egyptische Sklavenvolk zur Freiheit erlöst; so fragt und. klagt der Jude, der noch an eine weise Vorsehung glaubt, an eine gerechte Vergeltung, der seinen Blick äus^ der Gegenwänt mit Sehnsucht und Zuversicht auf das dämmernde Morgenrothl einer fernen Zukunft richM. \ " c Und d er Jude, der den tteuenHitzulrelsstürmern ans den Thron Gottes die Natur hat heben geholfen, der eifrig - theil genommen an den Umwälzungen in der Weltverwaltung, der an Stelle der weisen Vorsehung das vernunftlose Gesetz regierend, an der Stelle des göttlichen Willens die rohe Kraft, an Stelle von Lohn Md Strafe Ursache und, Wirkung wissen will — ist 'dieseLVM.öderne.' Jude deshalb besser daran? Ist seine Klage deshalb weniger trostlos, weil sie gottlos ist? Dieser klagt allerdings nicht: Du Goti meiner Feste, warumhast du mich verlassen? Denn nicht ihn hat Gßtt verlassen, sondern er hat Gott verlassen, er hat dem alten Ein-Gott unbarmherzig den Abschied gegeben und 'durch eine solche Frage würde er sich ohne Zweifel in seinem selbstherrlichen Denken herabgesetzt fühlen. Doch auch er klagt, und auch seine Klage ist trostlos und verzweiflungsvoll. Warum wandre ich düster umher ob des Druckes durch den Feind? Hübe, ich nicht mit der Zeit Schritt gehalten? Habe ich nicht ihre Lehren und Errungenschaften mit Mühe und Schweiß mir zu eigen gemacht? Habe ich nicht mit allen Kräften erstrebt, was sie als Gut Eingestellt, mit ängstlicher Sorgfalt von mir abgestreift, worüber ..sie ihr Missfallen ausgesprochen? Habe ich nicht mein'Können, und Wollen so gut in ihren Dienst gestellt wie meine anderen Zeitgenoffen? ' Warum muss ich . gerade wandern, wahrend die anderen ihr fröhliches Heim haben? H Das ist hie Klage, die nunmehr bald zwei Jahrtausende die ganze Welt durchdröhnt, soweit sie von Menschen bewohnt ist. dieKlage, die eingoltbegnafceter Dichter in die Worte kleidet: „Dir Mamm mit irrem Fuß und müder Brust, wann wirst du einKhey in der Ruhe Lust? Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kürst,, der Mensch die Heimat, Juda nur die Gruft." Ja, Juda nur'die Gruft! Doch wo ist sie? wo wird er sie finden? Kaün das. Juda mit Bestimmtheit angeben? Ach wenn er das könnte däs wäre für ihn vielleicht schon ein Trost und eine 'StMrngl' Wüsste Juda bestimmt, wo er zu sterben hat, er ' wüsste dann vielleicht auch bestimmter, wie er zu leben hat; allein miemand aus seiner Mitte weiß, wo seine Gebeine einst ruhen;werdewü ' v i 7 Wo er geboren ist, da genießt er nicht immer das Recht zu '^leben und'- wo er nicht leben darf — warum sollte er da un- 'bedingt sterben dürfen? Freilich, um der Wahrheit nicht zu nahe Hu treten, .noch sind die Rechtsbegriffe nicht soweit vorgeschritten, ^nochh,at man Juda das Srerbensrecht nirgends streitig gemacht, ..Noch^ist an maßgebender Stelle die Frage nicht erörtert worden, -wo Zudar-sterben darf und wo nicht, noch lässt man ihn überall .sterben und begraben. Doch wer weiß? Vielleicht ist man darin nur deshalb sd duldsam, weil Juda ans Sterben noch gar nicht denkt; weil er die Lust zum Leben noch nicht eingebüßt; wenn sie auch hier und. da sehr geschwächt sich zeigt. Hat aber Juda erst um sein Leben ausgekämpft, hat er sich erst zu sterben bereit erklärt — wer weiß, vielleicht erschallt plötzlich der Ruf: „Was hast du hier . und wen hast.du.hier, dass du dir hier ein Grab hast errichten taffen? „Was berechtigt dich, zu glauben, dass du hier bei uns sterlftn darfst? Ja! Weshalb wandere ich düster umher? Das ist die Jndenfrage', wie sie der Genius des jüdischen Volkes an die Geschichte richtet. Wäre dieses Volk gleich in Egypten gestorben, dann wäre die Geschichte darüber zur Tagesordnung geschritten; wäre es auf dem Wege nach der Heimat gestorben, dann hätte vielleicht die Geschichte dem früh verstorbenen Jüngling, der zu den besten Hoffnungen berechtigte, einen kurzen Nachruf gewidmet und damit ihrer Pflicht genügt; wäre es später in der Heimat gestorben, dann wäre es eben ein Fall, wie andere mehr! Sind doch, noch andere Völker, größere und mächtigere, in ihrer Heimat gestorben, als ihre Zeit gekommen war. Die Geschichte hätte dann nur feftzustellen, was eS im Leben geleistet und woran es gestorben, und sie hätte es ganz gewiss mit derselben Ruhe und Leidenschaftslosigkeit gethan, wie bei anderen Völkern. Allein, es ist nicht gestorben, es hat lebend seine Heimat verloren. Es ist in die Verbannung gegangen und lebte; es hat den Erdkreis durchwandert unh lebte! Und nun geht das neunzehnte Jahrhundert zur Neige, und dieses Volk lebt noch. Und wenn es lebt, so muss es leben, so hat es Kraft zu leben, so hat es Recht zu leben. Es ist nur die Frage, was ist das für ein Leben? Ist das ein Leben? Fast wollte es zuweilen scheinen,, als sei der Jude nur dazu von der Geschichte bestellt worden, damit er den Völkern bei ihrer anstrengenden Culturarbeit die Zeit vertreibe. Und er zeigte sich als sehr geeignet dazu. „Und sie nahmen Simson aus dem Gefängnis, dass er'sie belustige." Seine gekrümmte, flüchtige Gestalt, sein unsteter, sprunghafter Gang, seine zusammengedrückte, armselige Haltung, der kreischeyde, spitze Tonfall seiner unklaren Rede, seine wilden Gebärden und nun gar erst die seltsam ängstlichen und lächerlichen Gesichter, die er schnitt, wenn er auf der Straße mit Stemm beworfen wurde, oder wenn man mit geballten Fäusten

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