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Die Welt · 1897-12-17 · 29 (17.12.1897) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
29 (17.12.1897)
Article
Moralischer Zionismus
Date
1897-12-17
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29. Seite I. geändert werden, wenn auch diese andere geworden sind. Das, was die Juden angeblich jetzt zur Staatenbildung unfähig machen soll, ist ja eben Nur die Folge ihrer Staatenlosigkeit. Ich sage: angeblich, denn es sind noch Zweifel erlaubt, ob denn wirklich die jetzigen Juden zur Staatenbildung unfähig seien; Wo haben wir denn je in der Geschichte gehört, dass die Völker zur Staatenbitdung irgend einen besonderen Befähigungsnachweis mitgebracht hätten? Dazu wird wohl jede Menschenruppe fähig fein, die anthropologisch und sociologisch ein Ganzes ildet und die durch historische Nothwendigkeit zur staatlichen Gruppierung gedrängt wird. Die Fähigkeit der Selbstverwaltung ist doch im Grunde eine ziemlich inferiore, weil rein administrative. Dem jüdischen Volke, das seine geistige Energie in den höchsten Culturarbeiten bewiesen, kann man jedenfalls auch die Fähigkeit zumuthen, für sem künftiges Gemeinwesen die nöthige Anzahl von Zollbeamten, Postverwaltern und Steuereinnehmern hervorzubringen. Der Einwand, dass uns'die socialen Instinkte im Golus abhanden gekommen seien, widerlegt sich von selbst. Sie sind „im Golus abhanden gekommen", eben weil im Golus der Daseinskampf dieser Instinkte nicht bedurfte; da waren andere Triebe zur Erhaltung des Lebens nöthig. Die gruppenerhaltenden Triebe können eben nur innerhalb zusammenhängender Gruppen zu hoher Entwicklung gelangen. Der sociale Selbsterhaltungstrieb, der im Unterbewusstsein einer jeden Gruppe wirkt, erzeugt notwendig das nöthige Collectivbewusstsein, oder, wie dies Herbert Spencer ausdrückt, dass „der Bürger durch seine Einverleibung in einen politischen Körper in hohem Maße zu solchen Gesinnungen und Meinungen gewungen wird, welche die Erhaltung desselben fördern." Also „durch seine Einverleibung", aber unmöglich schon vor seiner Einverleibung, wie'dies Achad-Haam postuliert. Dies gibt uns also keinen Anlass zu Befürchtungen. Die jüdischen Massen bedürfen keines Borbereitungscursus für Patriotismus, ehe sie in die Heimat zurückkehren; denn Patriotismus ist ein elementares Gefühl, wie Egoismus eines ist. Und wenn wir erst eine Gruppe sind, wird es uns gewiss an Gruppen- Egoismus nicht fehlen. Damit will ich heute schließen. Es kam mir nur darauf an, das Princip eines lediglich moralischen Zionismus zu erörtern und auf seine Haltbarkeit zu prüfen. Vielleicht tragen auch diese Zeilen dazu bei, einige Klarheit in dieCongressdiscussionen zu bringen, die jetzt die Spalten der hebräischen Blätter auSfüllen. Was Achad-Haam in seinem Aufsatze noch über die Sendung der Juden und über das Zeitalter der Gerechtigkeit sagt, klingt so pro testrabbinisch, dass ich nicht begreifen kann, wie sich diese überlebten Dinge in einen so aüfgeklärren Kopf verirren konnten. Ich habe mich bemüht, seine ernsten Einwände ernst zu widerlegen, aber auf dieses Gebiet kann ich ihm nicht folgen. Der Iustrzirrkhum Dreyfus. (Kammersitzung.) „Der erste Act ist nun vorüber. Der Vorhang ist nach der grässlichen Schaustellung herabgefaüen. Hoffen wir, dass das Schauspiel von morgen uns wieder erheben und trösten wird." So drückt sich Emile Zola in seinem prächtigen Artikel aus, der im „Figaro" publiciert wurde. Es ist der dritte Artikel, den der große Romancier seit acht Tagen der Sache des/Verbannten auf der Teufelsinsel widmet, der gegen alle Gesetze der Rechtspflege, der Billigkeit und der Wahrheit verurtheilt wurde. Wenn Emile Zola von dem Ende des ersten Actes spricht, so macht er damit eine Anspielung auf die Entscheidung des Generals Saussier, der den Auftrag gab, Mit Untersuchung gegen den „CEmandanten" Eszterhazy einzuleiten. Der Officrer, dessen Schrift der des berüchtigten Bordereaus geradezu erschreckend ähnlich ist, jenes Bordereaus, das den einzigen Beweis darstellt, auf den hin der Capitän Dreyfus verurtheilt worden ist, dieser Officier wird aller Wahrscheinlichkeit nach vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Es wird diesem Kriegsgericht unmöglich sein, nicht vollkommenes Licht über diese dunkle Angelegenheit zu verbreiten und nicht alle die Geheimnisse der Oeffentlichkeit vorzulegen, welche diese Affaire in solches Dunkel gehüllt haben. Gerade aus der vollkommenen Aufhellung dieser Sache aber wird die Unschuld des verurtherlten Capitäns glänzend hervorgehen, so versichern unaufhörlich und mit überzeugender Nachdrücklichkeit seine Verlheidiger, denen wir volles Vertrauen schenken. - Die Entscheidung des Generals Saussier bedeutet den ersten! Sieg, den die Freunde der Gerechtigkeit und Wahrheit über diejenigen davongetragen haben, welche die Presse oder ihre Macht in dieser Sache missbraucht hatten. Das ist ein Beginnen, zu htm man sich umsomehr beglückwünschen muss, als eS in eine Epoche allgemeiner Feigheit und souveräner Verachtung der Wahrheit fällt. Es ist zwar wahr, dass selbst dieser leichte Schimmer von Gerechtigkeit wieder verdunkelt wurde durch die Versammlung,' welche man Deputiertenkammer nennt, und wo der Sitz dessen ist, was man, einem Uebereinkommen gemäß, „die Vertretung der Nation" heißt. Das war ein unbeschreibliche- Schauspiel, das sich im Palais Bourbon abgespielt hat. Erbitterte Gegner, mehr noch unversöhnliche Feinde, gi ngen Hand in Hand, um die Gerechtigkeit zu Gunsten eines wahren Verräthers und gegen einen Unschuldigen zst beeinflussen. Und das einzig^ und allein deswegen, weil der Unschuldige ein Jude ist, der Schuldige aber nicht. Bon den beiden Seiten der Kammer, die im schärfsten Gegensätze stehen, reichten sich die zwei Parteiführer, die einander sonst ohne Unterlass bekämpfen, die Hände, um einen Juden zu zerschmettern. Der Graf de Mun, der große katholische Redner, wendete sich ay die Negierung, um zu erfahren, „ob es wabr sei, dass es in Frankreich eine geheimnisvolle und verborgene Macht gebe, die sg stark sei, um selbst die zu verdächtigen, welche die Armee befehligen!" Der Herr Graf hat es wahrhaftig verdient, dass ihn ein Drumont lobt, indem er ihn wegen seiner „edlen Haltung" feiert. Gibt es denn etwas Edleres, als wenn ein eifriger Anhänger der Kirche einen elenden Juden zu vernichten strebt? WaS uns aber von unseren Träumen von Humanität gänzlich zu heilen imstande ist, das ist die Haltung der socialistischen Partei, respective ihres Führers, des Deputierten Millerand in der jammervollen Debatte der Kammer. Das ist nicht mehr das Ckntrnm, das mit der Rechten gemeinsam vorgeht, das ist schon dlf äußerste Linke! Wahrhaftig, eine erquickende Bereinigung Höner Seelen. Wenn es sich um den Juden handelt, da vergessen sie ihre Gegnerschaft, jede Feindschaft hört auf, alle sind sie Brüder, fest verbunden durch den gemeinsamen Hass. Emen Tag dÄrauf werden sie natürlich wegen irgend einer politischen Frage wieder das schöne Band zerreißen und einander wieder anfallen. Mer da, da wollen sie ja doch den Juden los werden. Also: „Drauf und dran, Mann für Mann." Der allzeit sanfte Mel ine weiß mehr wie sonst jemand, mie man sich in der Affaire Dreyfus verhalten sollte. Herr SH e n r e r - K e st n e r ist ja sein Freund, sogar sein Duzfreund. Wenn es sich nicht um einen Juden handeln würde, so hätte ein einziges Wort eines Mannes von der bedeutenden Stellung Scheurer-Kestners genügt, um eine Revision des Processes zu erlangen und infolge davon die Verbesserung eines Justizirrthums. Unser „sanfter Meline" nun hgt, wie man annehmkk darf, als sich Scheurer-Kestner an ihn wendete, etwa mit folgenden Sätzen geantwortet; „Gewiss, gewiss, mein Freund! Du hast ja vielleicht recht! Vielleicht hat man wirklich einen Justizirrthum begangen. AM schließlich und endlich handelt es sich doch nur um einen Jü^en! Weshalb mengst du dich in diese Bande von Juden?" Auch der General Billot ist ein intimer Freund des mythigen Senators. Wenn man aber zur Macht gelangt ist, so wist man nicht gerne wieder darum herabsteigen, weil man die Jyjtiative zur Rehabilitierung eines Juden ergriffen hat. Und diese beiden maßvollen Männer erklärten, als sowohl diMechte wie die Linke eine Aufklärung verlangten, der eine, dass es übchhaupt keine Affaire Dreyfus gebe, und dass es eine Affarre Dteysus nicht geben könne, verändere, dass er in semer Eigenschaft als Soldat und Chef der Armee das Unheil als gerecht erflossen und Dreyfus für schuldig halte. Das ist denn doch eine starke Dosis von Heuchelei, um sich dafür eine gefügige Majorität zu erhalten. Indem Herr Meline erklärte, es gebe kedn Affaire Dreyfus, hat er einfach mit Worten gespielt. Dem Kvirgsminister hat Mathieu Dreyfus in seinem Briefe gcchz formell erklärt, dass sein Bruder einzig und allein auf Grynd des Bordereaus verurtheilt worden sei. Als der Kriegsminister die Untersuchung gegen Eszterhazy anordnete, hat er eben dadurch anerkannt, dass das Bordereau, wie Mathieu DreyfuS: behauptete, wirklich die eigentliche Anklage gegen seinen Bruder gebildet hat. Wie kann also Herr Meline behaupten, es gebe keine Affaire Dreyfus? Wenn es wirklich keine Affaire Dteyfus geben kann, wozu ist dann die Untersuchung gegen Eszterhazy eingeleitet worden, der als der Urheber des Verbrechens bezeichnet wurde, dessentwegen Dreyfus verurtheilt worden war? Darüber wird man einmal nicht hinauskommen. Herr Billot hat ebenfalls eine sehr zweideutige Antwort gegeben. Man hat ihn keineswegs , darüber interpelliert, ob er fürffeine Person Dreyfus für schuldig halte Das wissen wir ja ohnedies, dass bis zur erfolgten Revision des Processes der

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