Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 29 (17.12.1897)
- Article
- Rumänien
- Date
- 1897-12-17
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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•rite 9. MHW? dass er nur Jude und nichts als Jude ist. Ah, Rumänien wäre ein geschlagenes, hilfloses, bankerottes Land, wenn es die Juden nicht hätte, sagte der Senator Carp. Richtig, man trcibt sie nicht aus, man „duldet" sie, nur dürfen sie sich nicht unterstehen, etwas anderes sein zu wollen als Juden, nur Juden, nichts als Juden. Und dabei macht es keinen Unterschied, ob Conservative oder Liberale an der Regierung sind; dem Juden gegenüber ist Herr Demeter Sturdza mit all seiner deutschen Bildung kein anderer als der Bojar Lascar Catargiu. Was ist zu machen? Gesetzt es wäre ebenso richtig wie es unrichtig ist, dass der Jude in Deutschland ein Deutscher, in Frankreich ein Franzose, in England "ein Engländer werden könnte, wohin gehört der rumänische Jude? Als was soll er sich fühlen? Nun wohl, der Zionismus sagt ihm, wohin er gehört und als was er sich fühlen soll, der Zionismus verlangt von ihm nur, dass er Jude und nichts als Jude sei, aber Jude mit dem Bewusstsein seiner jüdischen Nationalität und mit dem Heimweh nach eigener Wohnstätte und selbstbestimmtem Menschenthum. Und es bedünkt uns, dass auf die heilige Berechtigung des Zionistnus kaum eine unwiderleglichere Probe gedacht werden kanü als diejenige, welche in den Gassen von Bukarest gemacht worden ist. Den Hugenotten war die Bartholomäusnacht nicht so sehr ein schauerlich beredtes Signal wie es den Juden die rumänische Bandalcnschlacht von Bukarest ist. Und verblendete Thoren nur, die sich im Besitze befriedigt fühlen oder nach der berufenen Maxime: „Nicht ehrenvoll aber gesund" um den unverlässlichen Anker der Duldung betteln, können noch behaupten, dass es für den Juden einen Schutz gebe außer bei sich selbst, bei dem Glauben an seine nationale Selbstbcrechtigung, bei der Aussicht, die ihm der Zionismus eröffnet. O, über diese unaufrichtigen, zaghaften, marklosen Gesellen, welche wähnen, es g bc kein nationales, jüdisches Ideal, weil sie sich nicht zu ihm bekennen! So wahr es ein Ideal ist, aus dem Zustande der Fremdherrschaft in den der Selbstbestimmung hinüber zu gelangen, so wahr ist auch mit Bezug auf den Juden das orphische Urwort Goethes: Und keine Zeit und keine Macht zerMckelt, War als geprägte Form lebendig sich entwickelt. Die Woche. Wien, 15. December 1897. Der Dichter, der den Deutschen „Das Buch der Lieder" gab, hat seinen hundertsten Geburtstag friedlich feiern dürfen. Die Fest-Woche gierig vorüber, ohne dass die ivnst so übliche Heine-Verfolgung wiederum arrangiert worden wäre. Ist man pietätvoll geworden gegen den Juden, der, deutsch schreibend, die Unsterblichkeit errungen? Oder hat man auf einmal Respect bekommen vor dein glänzenden Ruhm jenes Mannes, in dessen Munde die deutsche Sprache am süßesten geklungen hat? Oh nein! Man ist im Augenblicke nur zu sehr mit den lebendigen Juden beschäftigt. Der Antisemitismus muss seine Aufmerksamkeit momentan allerhand kleinen praktischen Verrichtungen zuwenden. Solange man jüdische Fensterscheiben einwerfen, jüdische Geschäfte plündern, Synagogen demolieren und jüdische Spitäler vernichten kann, unterhält man sich zu gut. Erst wenn diese lustigen Vergnügungen vorüber sind, wird man wieder daran denken, jüdische Geburtstage zu feiern. * * * Der gute Monsignore Scheicher! Sein trefflich kurzes Wort, das er in den Delegationen gesprochen, geht uns nicht aus dem Sinn. Und es fällt uns immer wieder ein, besonders, wenn wir uns ein wenig Mt der Literatur beschäftigen. „Arzt, Arzt, Arzt — JiM'Mtd, Jud!" wie vielen Gebieten lässt sich das heM^Nicht variierM, und, wahrlich, es gereicht den Juden MM eben zur Schande. „Die Mütter". „Liebelei", „Jugendfreunde". „Ledige Leute", „Bartel Turaser" — Jud, Jud, Jud, Jud! Die Juden müssen es sich schon gefallen laWl, dass fast alle erfolgreichen Stücke der letzten Jahre von Juden geschrieben worden sind. Sie werden auch die bitteren Borwürfe hinnehmen müssen, die man ihnen wegen solcher aufdringlicher Tüchtigkeit zweifellos machen wird. Das gute Wort des guten Monsignore Scheicher soll uns in allen Varianten auf rffqgi Gebieten der Kunst, des Wissens und des Schönen willkommen sein. Nur wdnn's einmal heißen würde „Raubmörder, Raubmörder, Raubmörder. — Jud, Jud, Jud!" könnte die Sache genant werden. Aber es scheint, wir haben wenig Eignung auf diesem Felde erfolgreich zu wirken. * ± * Aber man muss rechtzeitig zur Bescheidenheit mahnen. Das gütige Wort des Monsignore darf nicht falsch gedeutet werden. Es soll nicht heißen, dass nur die Juden allein Talent haben. Das hat nicht einmal Herr Scheicher sagen wollen, und wir sind gewiss nicht so borniert, mit solchen Behauptungen aufzutreten. Aber es fallen uns da gewisse Schlagworte ein von „der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse", von der „Inferiorität der Juden". Da ist es denn gut, wenn alle die Plätze einnehmen, die ihnen gebären, wenn die Juden auf ihren Anihcil an der allgemeinen Kulturarbeit Hinweisen, und ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. * » ff * :: Manchmal ist übrigens der Antisemitismus sehr lustig. Besonders wenn er Schauderstückchen von der jüdischen Verkommenheit erzählt. Da wird von einem reichen Hebräer erzählt, der ein „Christenmädchen zu einem Stelldichein verführte". Im Liebesrausch gab er statt 5 fl. — eine Tausenduldennote her, die er dann angeblich zurückverlangte. Soll a die jüdische Sittenlosigkeit angenagelt werden, dann ist gerade dieser Fall recht unglücklich gewählt. Denn jenes Mädchen, das sich um — 5 fl. „verführen" lässt, ist kein -hervorragendes Beispiel von einem „Opfer". Dass sie dann sim so viel mehr bekommen, als sie sich selbst bewerthete, bleibt ihr ja gegönnt, aber eine auffallend edle Erscheinung 'ist sie nicht. * * * Man müsste eigentlich eine genaue Controle über alle Unthaten führen, die den Juden zur Last gelegt werden. Man müsste sorgsam und gewilsenhaft alle Anklagen summieren, welche die Feinde der Juden Vorbringen. Es wäre rin Werk, dass sich verlohnen könnte. Die genaue Summe!aü dieser Anklagen würde eine große Rechtfertigung für die Juden ergeben. Nähme man alles nur in allem, dann würde sich's erst zeigen, wie wenig die Juden im Grunde verschuldeten und wie unverhältnisinäßig hart sie dafür büßen müssen. Von dieser Summe wären aber noch die Justizmorde in Abzug M bringen, die die öffentliche Meinung im Laufe der Zeit begeht. ‘ * 1- *; Vielleicht würden dann auch Juden gegen Juden milder. Ds wäre nöthig. Weihnachten steht bevor. Nun kommt die fröhliche, selige „Kauft nur-bei-Cbristen-Zcit". :»>un fühlt es der kleine jüdische Geschäftsmann am empfindlichsten, dass ihm Mmälig der Boden entzogen wird. Er bietet seine Ware aus, er hofft und hofft, denn diese Ware ist ja nicht besser und nicht schlechter als andere, und er heimst nur die Früchte "her jahrelangen antisemitischen Agitation ein. Mögen die 'reichen Juden doch ein wenig dieser armen Juden achten. /Die sind es ihnen schuldig. Diese Kleinen sind es, die auf Bor- .yosten stehen und diese Kleinen sind es, die immer als die ersten Opfer fallen. „Kauft nur bei Juden!" ist ein ebenso schlechtes ^Woit als „Kaust nur bei Christen!" aber es ist gewiss nicht Suvicl verlangt, wenn man jene, die vorläufig unter dem Antisemitismus noch nicht zu „leiden" haben, ersucht: „Kaust gelegentlich auch bei Juden!" | ä * „jT Der Herr von Wien hat es ausgesprochen, dass er die ^größte religiöse Duldung besitzt. Die religiöse Toleranz ist ffortan ein Programmpunkt der antisemitischen Partei. Ein .deutliches Aviso für alle bereitwilligen Juden, die sich aus 'einem Missverständnis taufen lassen wollten. Vielleicht verstehen sie jetzt den Antisemitismus besser.