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Die Welt · 1897-12-17 · 29 (17.12.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
29 (17.12.1897)
Date
1897-12-17
Page
1 (sequence 5)
Language
German
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Nicht zu seiner Ehre. Was sich an diesem elften Sonntag des Dccember bei Hellem Tageslicht in Bukarest zugctragcn hat, reicht abgrundtief auch, unter die sehr skeptische Meinung hinunter,, welche man schon bisher von der rumänischen Civilisation zu haben berechtigt war. Seit einiger Zeit ist ja mehr als genug der diplomatische Oiefrdn wiederholt worden, dass Rumänien ein Element , der Ordnung und der Cultur im Orient sei, aber bei dem Anblick her furchtbaren Zerstörung« in den Gassen der Hauptstadt ■— und - zwar nicht blos in der Strada Bacar.sti und quf dem St. Antonsplatze, wo die armen Inden wohnen, sondern auch ganz nahe bei dem Palaste des Königs — bet diesem furchtbaren Anblicke mag selbst mancher pariserisch aufgefirnißtc Rumäne darüber in Zweifel gerathen sei», ob es zu den Zeichen der Civilisation gehöre, wehrlose Inden in ihren Häusern und Geschäften zu überfallen, Schaufenster ausznpfündern, Synagogen zu demolieren und der imthütig. zuschüuendcn Polizei ein tausendstimmiges „-los Jidänii!“ ins Gesicht zu heulen. Oder ist auch solcher Zweifel ausgeschlossen, weil cs sich nur um Inden handelt? Unmöglich wärx es nicht, denn nirgends in der Welt ist der Jude so vogelsrci, steht er so außerhalb all. r Bürgschaft für persönliche, geschweige für Rechtssicherheit wie in Nümänien, was den Minister Pherekhde freilich nicht gehindert hat, im Senate zu erklären, erwerds wissen, die Rechte des rumänischen Volkes gegey — die Juden zu verth. idigeu. , Doch'ohne Entrüstung und ohne Sentimalität gesprochen, was haben' die rumänischen Jude» gethan, um sich die Studenten und den Pöbel von Bukarest auf den $«03 zu Hetzen? Sir haben eine Versammlung abgehalten und dagegen protestiert, dass ihnen noch weiter der Eimritt ins Militär versagt, dafür aber eine Militärtaxe auferlegt werden soll. Eil? ungeheure» jüdisches Verbrechen, patriotisch sein zu wollen! Der schäbigste Hausknecht oder Stiefelputzer an der Dimbowitza: ist zum Vaterlandsoerlhcidigcr qualificiert, der Jude ist es nicht »nd darf nicht verlangen, es zu sein, sonst kommt der Pöbel über, ihn, misshandelt, beraubt, erschlägt ihn,'ohne dass die Sichcrheitsbehörde die Hand rührt. Und im Grunde genommen ist cs sogar ganz conscquent. dass der Jude, der. sich anmaßt ein Rumäne sein zu wollen, in „seines Nichts durchbohrendes Gefühl" zurückgefchleudert wird. Denn laut dem Artikel 25 der rumänischen Constitution ist er in dem Lande seiner Geburt ein Fremder, er hat keine bürgerlichen Rechte zu beanspruchen und wird auch im Auslande von den Gesandten und Consula Rumäniens nicht geschützt, falls ihm dort ein Unrecht geschieht. Er hängt buchstäblich in der Luft. Und da hat er sich herünsnehmen wollen, in das neue RekrNtierungsg:setz einbezogen zu werden, welches kürzlich in der Thronrede angekündigt wurde. Es gibt Juden, die sehr tapfer bei Plewna gekämpft und sich dort den Offieiersrang erworben haben; von einem, welcher der Bruder eines in Wien lebenden bekannten Schliftstcllers ist, erzählt man, er bekleide in der Umgebung des Königs eine Vertrauensstellung. Die sind keine Fremden. Ihnen ist, u. zw. jedem ad personaiu von den Kammern die Naturalisation zugestandeu, aber man hält es mit ihnen wie Hamlet mit den Mannsleuten wer schon verheiratet ist, mags bleiben, jedoch die anderen sollen es unterlassen. Nur zählen die Ausnahmen nicht bis ^um Dutzend; in Rumänien aber leben 300.000 Juden — ach, und wie sie leben, das hat von neuem dieser erste Sonntag des December im Jahre 1897 -gezeigt! ’ Die Lehre, die sich daraus ergibt, ist so leicht zu capieren, so einfach und so stringent zugleich, dass man meinen fpllte, jeder müsse sich beleidigt fühlen, bei dem das Unvermögen vorausgesetzt wird, sie zu verstehen. Doch wir sind durchaus nicht sicher, dass sie die Beherzigung finden werde, nach der sie schreit, und wir rechnen dabei auch mit dem vielvcrbreiteten bösen Willen, sie nicht zu beherzigen. Sagen wir sie also mit zionistischer Deutlichkeit gerade heraus! In Rumänien ist der Jude, auch wenn seine Urgroßeltern sä)vn uns rumänischem Boden geboren waren, ein Fremder vor dem Gesetz, er besitzt weder actives noch passives Wahlrecht, er kann in Staat und Commune keine Stellung bekleiden, er kann auch ausgcwiesen werden, ohne dass er draußen irgendwo als Rumäne betrachtet wird. Er ist nur Jude und nichts als Jude. Aber wessen Schutz genießt er als solcher? Daheim, wenn er ganz schlichte» n zu einer Petition of right sich ermannt, wird er geschlagen und ausgeplündert, und Europa, das tnoderne, civilisationstrunkcne Europa — bah! dieses Europa, dem Rumänien seine Unabhängigkeit, sein Königthum zu verdanken hat, konnte auf dem Berliner Congreffe nicht einmal den vcrruchken Judenartikel aus der rumänischen Constitution hinausschaffen, obwohl es dazu eine» Anlauf nahm. Der rumänische Jude ist also das klassische Beispiel des recht- und schutzlosen, jeder Faust ausgelieferten Juden, um desscntwillcn der Zionismus entstanden ist. Und dabei hat er, soweit die größeren Städte des Landes in Betkacht kommen, alles mögliche gethan, um sich zu assimilieren und in diesem wunderlichen Coiistitutionalismus mit feinem Artikel 25 einen Platz zu bekommen. Was hat es ihm genützt?. Die Studenten und die Battauschen sind mit ihren Knütteln über ihn gekommen, um ihn blutig zu belehren,

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