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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
Die Kabbalisten
Date
1897-12-10
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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«eite 16. Nr. «. Mit verändertem Gesichte, mit hervortretenden Augen und offenen, Munde folgt der Jünger den Worten seines Meisters. Eine beklemmende, fieberhafte Ungeduld liegt in jedem Fältchen seines Antlitzes. Aber Reb Jekl hält plötzlich inne. Er wäscht die Hände, spricht das übliche Gebet, kehrt zu seinem Platze zurück und segnet das Brod. Mit zitternden Händen erhebt er die Schüssel und wärmt an dem aufsteigenden Dampf das blutleere Gesicht. Langsam stellt er sie nieder, und indem er die erstarrten Hände an dem Schüsselrücken aufthaut, bewältigt sein zahnloser Mund mühsam ein Krümmchen Brod. Die ganze Zeit hindurch blieb das Auge des Jüngers am Munde des Lehrers haften. Als aber Reb Jekl den ersten Lössel Grütze zum Munde führte, durchflog ein heftiger Schmerz des Jüngers Brust; er schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und schien zusammenbrechen zu wollen. Es verstrichen einige Minuten. Ein zweiter Lastträger kam mit Grütze und Brod: „Reb Joseph schickt dem Jünger das Mittagsessen." Lemech aber regte sich nicht. Reb Jckl ließ den Lössel fallen, näherte sich dem Famulus und betrachtete ihn eine Weile mit väterlichem Stolze. Dann berührte er sanft seine Schulter: „Man hat dir das Essen gebracht!" weckte ihn Reb Jekl freundlich und liebevoll. Langsam und traurig befreite der Jünger sein bleiches Gesicht. Es schien noch fahler geworden zu sein und in den hohlen Augen loderte ein wildes Feuer. „Ich weiß es, Rabbi," gab er still zur Antwort, „aber ich werde heute nicht essen". „Was? Einen vierten Fasttag?" fragte Reb Jekl verwundert. „Und ohne mich?" fügte er vorwurfsvoll hinzu. „Es ist kein freiwilliger," antwortete Lemech tonlos, „es ist ein Bußfasttag". „Was höre ich? Du und ein Bußfasttag!" „Ja, Rabbi, ein Bußfasttag, ... Als ihr zu essen begonnen, überfiel mich ein sündhafter Wunsch ... Ich überschritt das Gebot: du sollst keine Gelüste haben . . ." * # * In derselben Nacht ganz spät wurde Reb Jekl .von Lemech aus seinem Schlafe gestört. „Rabbi, Rabbi!" rief er mit schwacher Stimme. „Was gibt's?" fragte Reb Jekl ganz erschreckt. „Ich war in den höchsten Regionen, Rabbi." ... ' „Wieso?" fragte Reb Jekl noch schlaftrunken. „Es hat in mir gesungen ..." Reb Jekl raffte sich plötzlich auf. „Wieso? Wieso?" „Ich weiß cs selbst nicht," antwortete Lemech ganz leise.. „Ich konnte nicht schlafen und vertiefte mich in den Sinn Euerer heutigen Rede. Ich wollte um alles in der Welt den Gesang fassen, und da es mir nicht gelang, ergriff mich ein tiefes Weh, und ich ficng zu weinen an. Es war ein sonderbares Weinen . . jedes Glied in mir klagte sein Leid vor Gott . . . Mein ganzes Wesen schien in Jammer aufzugehen . . . Ich sprach die Läuterungsformeln, in denen ihr mich heute unterwiesen habt. . Und sonderbar! Meine Lippen blieben regungslos ... cs geschah tief, tief im Innern . . . Und plötzlich sah ich eine Fluth von Licht . . . Ich schloss die Augenlider, und doch war es hell in mir . . hell.. eine gewaltige Helligkeit . . ." „Ja, ja, so ist's!" und der Rabbi erhob sich von seiner harten Schlafstelle. „ . . . Dieses Licht strömte ein süßes Behagen, eine ätherhafte Leichtigkeit aus . . . Mir schien, als verlöre mein Körper seine Schwere . . als könnte ich fliegen .. fliegen . ." „Ja, ja, ja." „ . . . Und dann zog in mich eine nie geahnte Lebensfrcudigkeit ein . . mir wurde so froh und lustig zu Muthe . . es lachte und jauchzte in mir . . . Mein Gesicht war wie Herausgeber: Paul Nsscharrrr. Verantwortlicher Redacteur: Vr.-wgr erstarrt, meine Lippen stumm . . . und doch habe ich gelacht . . so . froh . . . so herzlich ... Ja, ja; die Seelenfreude regte sich . . . Und dann ertönte es in mir wie der erste Ton eines Gesanges ..." Der Rabbi sprang von seinem Lager auf und stand plötzlich am Kopfende des flüsternden Lemech. „Nun, und dann, was geschah dann?" ., . . . Und ich hörte, wie es in mir zu singen begann . . ." „Was fühltest du? Was? Was? Rede!" „ . . Ich fühlte meine Sinne erschlaffen und sich der Außenwelt verschließen ... Im Innern aber sang es, wie ichs ahnte, ohne Worte . . so . . so . ." „Wie s o? Wie? . . „ . . Nein, ich kann es nicht . . früher wusste ich's . . Nun hat sich das Singen verwandelt . ." „Verwandelt? Worin hat sich's verwandelt?" „ . . In eine Harmonie . . . als wäre mein Inneres 'von Geigen voll .. . als säße dort Jonas, der Fiedler, und fpi.lte am Sabbathtische des' seligen Rabbi seine besten Weisen . . . Aber nein! Es spielte noch viel besser, viel feiner . . . kein Laut, kein Klang . . ganz vom Körperlichen ilosgelöst . . . das wahre Himmlische ..." „Heil dir! Heil dir! Heil dir!" „ . . Nun ist alles aus," schloss wehmüthig sein Jünger. „Wieder erwacht find meine Sinne . . . und ich bin so müd' ... so müd' . . . müd' . . . so müd', dass . ." „Rabbi!" schrie er plötzlich auf und fasste krampfhaft an seine Brust, „Rabbi! "Widuj! Widuj! . . Man kommt mich schon holen! . . In den Engelschaaren wird nach einem Sänger verlangt ... ein Engel mit weißen Flügeln . . . Rabbi! Rabbi! Schemah Israel! •; . Schern ah Js . . ." * * * Und alle im Städtchen, wie ein Mann, begehrten nach einem so heiligen und reinen Tode. Reb Jekl allein war noch nicht ganz befriedigt. „Noch ein paar Fasttage," seufzte Reb Jekl, und er schied mit dem göttlichen Todeskusse auf den Lippen. Bücherwelk. Jacques Bahar. Le crepuscule des Juifs. (Die Dämmerung der Juden.) Paris 1897. S. 24. Die vorliegende Schrift bildet nur eine kurze Skizzierung eines demnächst erscheinenden größeren Buches „IIn parti juif.“ Der Verfasser beschäftigt sich darin mit den politischen Verhältnissen der französischen Juden im Hinblick .auf die bevorstehenden Parlamentswahlen. Er verweist auf die steigende Macht des Clericalismns, der selbst in den socialistischen Kreisen Unterstützung findet, sobald es gegen die Juden losgehr. Die neue Kammermajorität könnte keine andere als eine antisemitische sein. Angesichts dessen empfiehlt Bahar eine Annäherung, ja einen festen Zusammenschluss der Judeüischaft, deren Solidarität nur eine Phrase ist. Was Bahar von den Zeichen Juden Frankreichs sagt, klingt uns sehr bekannt. So sind sie fast überall: feige, heuchlerisch nach oben und hochmüthig nach unten, ertle Drdens- und Titeljäger. Aber was Bahar von der allgemeinen politischen Constellation und dem bevorstehenden Wahlkampfe erzählt, liest sich mit größerem Interesse, als die Schilderungen der faulen Zustände -in der „besseren" jüdischen Gesellschaft Frankreichs. Wir sehen seinem Buche erwartungsvoll entgegen. I*. Briefkasten der Kedartion. Dr. Gustav Gottheil, Rew-Yo«r Besten Dank für die LieVer Wir haben sie der ak. Verbindung „Kadimah" übergeben, die sie beim nächsten Abend vortragen wird. Martin Spinner, Bottnschani. Fragen Sie in der Buchhandlung Schildberger, Berlin, an. A. N Stein, Dwinsk. Besten Dank. Wird dem Bankreferenten übergeben. &♦ K Weiß, Lodz Ihre Anfrage wurde dem kompetenten Bureau übergeben. Briefkasten der Administration. Leib Koretz, Ropezyee. Die angefragte Adresse lautet: New- York, 304. E. 71) th. Street. S. F. Darmstadt. Die Nummer 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 13 und 14 sind ä 15 kr. Per Nummer noch zu haben, zuzüglich Porto. Dagegen lösen wir Nr. 15 zu 15 kr. zurück. Einbanddeckel werden Ende December erscheinen, und in unserem Blatte.angezeigt, werden. m\ rö Verner. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudongasse Nr. 57.

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