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Die Welt · 1897-12-10 · 28 (10.12.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
28 (10.12.1897)
Article
[Kommentar] / -w-
Date
1897-12-10
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Rr.SS. mm Sette 15. Eine neue zionistische Wochenschrift in hebräischer Sprache erscheint in London unter dem Titel: „Haj'hltdl" Der Herausgeber und Redacteur Herr Jsak S u w a l S k i aus Warschau ist den hebräischen Lesern als fleißiger Sammler von Materialien zur „Ethik des Tal- IttttM" bekannt und wird hoffentlich auch in seiner neuen Heimat als Redacteur einer Zeitung viel zur Hebung deS jüdischen Selbstbewusstseins beitrageu. 21. B. Wir haben zwei zionistische Wochenschriften zu verzeichnen: „Die jüdische Presse" in London und den „Israelit" in Providence America.) Beide erscheinen in jüdisch-deutscher Sprache. Die von R. Ben-Jehuda in Jerusalem herausgegebene hebräische Zeitschrift a z e w i" ist das einzige dem Zionismus dienende Blatt in Palästina. Es bringt Originalnachrichten aus dem heiligen Lande, besonders aus den Colonien und vertritt voll Begeisterung das Baseler Programm. In dem schweren Kampfe, den „Hazewi" zu bestehen hat, verdient er alle Unterstützung. —w— Im letzen Hefte der „North American Review“, der angesehendsten Monatsschrift Amerikas, finden wir einen dem Zionismus sehr freundlichen Artikel von Dr. H. Pereira-MendeS unter dem Titel: „Die Verjüngung ^des JudenthumS." Dr. Mendes hält die Aufrichtung des jüdischen Staates für durchaus nicht unwahrscheinlich und schildert die segensreiche Rolle, die ein solcher zu spielen berufen wäre. „Der Jionist" (New-Uork) bringt in seiner letzten Rümmer neben dem Artikel M. Singers „Wohin?" die Fortsetzung der Brochüre Dr- Her z Ls „Der Zionistencongress" und Dr. Bodenh e i m e r s „Zionistische Organisation". Einen' großen Theil deS Blattes nimmt der Bericht über die immer stärker anschwellende zionistische Bewegung Amerikas in Anspruch. Ein besonders warm geschriebener Artikel ist der Nachricht von der Gründung der jüdischen Colonialbank gewidmet. Es ist nicht zn zweifeln, dass die amerikanischen Zionisten in voller Erkenntnis dieses wichtigen praktischen Schritte-, reichlich ihren Theil zur sicheren Fundieruüg der Bank beitragen werden. —^v— Feuilleton Dir Kabbalisten. Bon L. Perei. (Aus dem Jüdischen von S. Eljaschoff.) In schweren Zeiten, in welchen Alles dem Untergange zustrebt, leidet auch das Thorastudium — das höchste jüdische Gut. Von der weit bekannten und viel besuchten Laszewitzer Jeschiboth blieben im Städtchen Laszewitz nur zwei Seelen übrig: der Jeschibothälteste — Reb Jekl — und sein Jünger — Lemech. Red Jekl ist ein alter, hagerer Mann mit zerzaustem Barte und erloschenem Blicke. Sein liebster Jünger Lemech ist noch jung, hager, hochaufgeschossen, mit bleichem Gesichte, pechschwarzen gekräuselten Pees, lodernden, tiefeingesnnkenen Augen, trockenen Lippen und schlankem, nervösem Halse. Beide Männer tragen ihre entblößte Brust zur Schau; ihr nackter Körper, von keiner Leibwäsche bedeckt, zittert und friert unter dem langen, fadenscheinigen Kaftan. Reb Jekl schleppt mühsam die schweren Bauernsticsel nach; dem Jünger Lemech fallen die Pantoffeln von den nackten Füßen herab. Das sind nun die Ueberreste von der berühmten Jeschiboth! Das verarmte Städtchen hört nach und nach aus, die Talmudjünger mit Nahrung und Freitisch zu versorgen, und die Talmudjünger, elend und abgemagert, verkrochen sich in die Nachbarstadchten. Reb Jekl allein harrt geduldig seinem Ende entgegen, und sein liebster Junger will an dem verhängnißvollen Tage seinem Lehrer die letzten Famulusdienste leisten. Und die Beiden leiden auch oftmals Hunger. Mangelhafte Nahrung ist kein Freund des Schlafes; schlaflose Nächte und Tage des Darbens erwecken natürlich die Lust zum Kabbalahstudium. Denn das ist ja sonnenklar: wenn wir schon die Nächte hindurch wachen und die Tage über hungern müssen, so wollen wir doch diesen Zustand nicht unbenutzt lassen; wenigstens das ungewollte Hungern in gewollte Fasttage, die Lebensqnal in zielbewusste Kasteiung verwandeln, damit die Thore der Welt mit allen ihren Geheimnissen, Geistern und Engeln sich vor unserem verklärten Auge aufthun. So haben sich auch die Beiden schon längst dem Kabbalahstudium ergeben. Jetzt sitzen sie in der menschenleeren Synagoge am langen Tische; alle Welt hat schon das Mittagsmahl eingenommen, die beiden aber haben noch nicht einmal gestühstückt. Reb Jekl spricht mit verzücktem Auge und sein Jünger, den Kopf auf die mageren Hände gestützt, trinkt sich satt an den Lehren seines Meisters. Biele Stufen — sprach Reb Jekl — sind zu unterscheiden. Der Eine kennt einen Theil des Gesanges, der Andere die Hälfte, und wenige sind es, die den ganzen Gesang kennen. Der selige Rabbi — gesegnet sei sein Andenken — kannte den ganzen Gesang, ja noch die Begleitung dazu. Mir — gab er wehmütig zu — war es nur bescheert, ein winzig Quäntchen, so groß, zu erfahren, und dabei maß er an seinem eingeschrumpften Finger die Nagelbreite ab. Es sind Gesänge vorhanden, die des Wortes bedürfen; diese Art gehört zn den niedrigsten. Es gibt höher geartete Gesänge, bei denen die Töne in sich, ohne das Wort zu gebrauchen, eine innere Harmonie bergen; diese Art gehört schon zu den reineren Gesängen. Aber auch diese können ohne Stimme nicht zum Ausdruck kommen, sind an die Lippen gebunden, welche die Stimme vermitteln; und Lippen — das begreifst du ja — gehören doch der Körperlichkeit an! Wahrlich in der Stimme liegt schon eine geadelte Körperlichkeit, aber vom Geistigen ist sie noch weit entfernt. Die Stimme befindet sich auf der schmalen Grenze zwischen Körperlichem und Geistigem, zwischen Himmel und Erde! Und das ist der Grund, warum der Gesang, der die Lippen streift und durch die Stimme ein Scheinleben bekommt, der echten Reinheit verlustig wird. Er ist noch nicht ganz vom Körperlichem geläutert; es fehlt ihm noch das wahre Geistige. Der wahre Gesang aber ertönt in uns, ohne einen Laut von sich zu geben; er singt in unserem tiefsten Innern, im geheimsten Winkel unserer Seele. Darin, siehst du, liegt der verborgene Sinn in König Davids Worten, als er sprach: „Alle meine Knochen rufen zu Dir, o Gott"! In unserem Knvchenmarke muss es singen und jauchzen. Aus der verborgensten Falte unserer Seele quillt das Lob Gottes hervor. Denn das ist keines Erdensohnes Gesang; in ihm steckt nichts von der menschlichen schweißbehafteten Gedankenarbeit. Es ist ein Stück von jenem Schöpfungsgesange, durch welchen Gott das Nichts in ein All verwandelte, ein Theil derjenigen das All erfüllenden Harmonie, welche jedesmal zum Lobe Gottes im verborgensten Wesen der Dinge ertönt. Sv singen in den Himmelssphären die Engelsschaaren! So hat der „Jud"') gesungen, gepriesen sei sein Andenken! Ein Lastträger mit stupidem Gesichte unterbrach den Fluß der Rede. Mit schwerfälligen Schritten näherte er sich den Sitzenden, stellte vor Reb Jekl eine Schüssel dampfender Grütze mit Brod und meldete mit ungehobelter Stimme: „Reb Fewl schickt dem Reb Jekl das Mittagsmahl" Reb Jekl, den die rohe Stimme des Lastträgers von seinen Träumen aufrüttelte, erhob sich langsam von seinem Platze, und mühsam die Bauernstiefel nachschlcppend, begab er sich zum synagogalen Wasserbecken. Im Gehen kehrte er aber wieder, wenn auch nicht mit dem früheren Eifer, zu dem so arg gestörten Gedankengange zurück. Und der Jünger folgte seinen Worten mit angestrengter Aufmerksamkeit und mit gierigen, träumenden Augen. „Doch," spricht Reb Jekl traurig, „ist cs meinem begrenzten Verstände nicht vergönnt worden, zu errathen, wie viel Stufen der geistigen Reinheit man zu erklimmen hat, wie viel Thore man auf dem Wege der Entsagung zu passieren braucht, um sich des inneren Gesanges bewusst zu werden Siehst du", fügte er lächelnd hinzu, „die Wege und Mittel dazu, die Läuterungsformeln und Kafteiungsarten, die kenne ich schon. Und heute noch sollst du sie alle erfahren! ') Der Begründer de» EhasstdiSmil». Anm. de» Uebersetzer».

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