Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Homel (Russland) [Nachricht]
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite IS. Nr. «. Referat über den am 16. November in Bialystock unter dem Vorsitze des Rabbi Mohilewer stattgehabten Delegiertentag der rassischen Zionisten. Hierauf folgte die erste Vorlesung des literarischen Bureaus, das den Zweck verfolgt, alle Ereignisse, die die Judenheit betreffen, in populärer Darstellung den Maffen zu übermitteln. Zu diesem Zwecke werden die verschiedenen Zeitungen, den Sprachen entsprechend, einzelnen Referenten zngewiesen. Ueber die deutschen Blätter referierte Herr D. C e m a ch, über die hebräischen Herr K a s a r n o w. Mogsdor (Marocco.) Ueber die zionistische Bewegung hierzulande wird dem „Jewish Chronicle" berichtet: Die Juden von Marocco verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die Fortschritte der zionistischen Bewegung. Es wäre überflüssig, zu sagen, dass die zionistische Idee hier ein lautes und herzliches Echo in den Herzen aller Glaubensgenossen gefunden hat. Es ist geradezu erstaunlich, wie enthusiastisch die Rabbiner über dieses Thema sprechen und gewiss sind alle Juden ebenso begeistert, wenn sie auch nicht ihre Gefühle in Worte kleiden. Lovvesxo irdenen. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig. - Corr.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Sie waren so freundlich, in Ihrer vorletzten Nummer meinen Vortrag vom 4. d. M. anzuzeigen. Ich ersuche Sie nunmehr, in Ihrem geschätzten Blatte eine Notiz zu veröffentlichen, dass die Nichtabhaltung dieses Vortrages durchaus nicht meinem Verschulden zuzuschreiben ist. Hochachtungsvoll Ihr aufrichtig ergebener Dr. Benno S t r a u ch e r, Reichsrathsabgeordneter. Czernowitz, den 6. December 1897. Bleistadt in Böhmen. (Orig.-Corr.) Auch in unserer Gegend wurden am Sonntag anlässlich der Demission des Ministeriums Badeni Demonstrationen veranstaltet, und in die verschiedenen Jubelrufe mengte sich der alte und immer wieder neue Schlachtruf „Nieder mit den Juden!" und dieser wurde gleich in Thaten umgesetzt, wie in Eger und in Graslitz. In Eger musste Gendarmerie und Militär den Tempel vor der Zerstörungswuth der siegestrunkenen Germanen schützen, und nur diesem Umstande ist es zu verdanken, dass der Tempel von der Demolierung verschont blieb. In Graslitz gieng es schon ein klein wenig lustiger zu. Nachdem die Deutschen dem Bezirkshauptmann Grafen Chotek und den tschechischen Beamten die Fenster eingeschlagen hatten, gieng man auch daran, den Juden in Erinnerung zu bringen, dass der alte Schlachtruf auch heute noch Zugkraft ausübt und es wurden nachbenannten jüdischen Familien die Fenster eingeschlagen: Kohn, Schulz und Fuchs, und es fehlten dabei die wüsten Schimpfereien und Drohungen nicht. Immer waren es zufällig die Schlafzimmerfenster, die zu allererst der Demolirungswuth zum Opfer sielen und man kann sich den Schrecken dieser Familien ausmalen, die sich ganz unerwartet einem Pöbelhaufen von 2—3000 Leuten preisgegeben sahen. Die Frau Fuchs, die sich noch zum Ueberfluss im Wochenbette befindet, ist infolge des ausgestaudenen Schreckens schwer erkrankt und ist es nur einem ganz besonders glücklichen Zufall zu verdanken, dass die arme Frau, der mehrere Glassplitter in's Gesicht fielen, nicht auch verletzt wurde. Die Thäter konnten natürlich bis jetzt noch nicht eruirt werden, da die Polizei während dieser Vorfälle zufällig nicht zugegen war. So geschehen in der treudeutschen Stadt Graslitz in der Nacht um 2 Uhr, und diese Vorsicht hat sich als sehr weise bewährt, denn sonst hätte „vielleicht" das Malheur passiren können, dass einer dieser Helden die Bekanntschaft des Strafgerichtes gemacht hätte und dies wäre fatal, sehr fatal sogar. J. W. Deutschland. Berlin. (Orig.-Corr.) In weitesten Kreisen macht sich die Verstimmung über die ungerechtfertigten Angriffe der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" auf den Zionismus geltend. Man beabsichtigt, eine große Demonstration gegen diese Art, die Juden zu verteidigen. Die Kosten dürfte die Freisinnige Vereinigung tragen, um deren Gunst sich der germanische Dr. Jakubowsky mit diesen Angriffen zu bewerben scheint. Habeat sibi! Köln. (Orig.-Corr.) Ein neuer Schlachtruf ertönt aus dem Lager Antizions: „Sehet da, der Zionismus fördert die Taufe!" Wie niedrig und albern auch dieser Vorwurf ist, erfindet in den Reihen derer, die der Phrase leichter als der Wahrheit zugänglich sind, Anklang. Da ist es wohl an der Zeit, hervorzuheben, dass die jüdische Nationalidee das einzige Mittel ist, um die Abtrünnigen, so weit ihr Ehrgefühl noch nicht ganz tot ist, der Judenheit wieder zuzuführen. Das soll nicht durch abstracte Gründe, sondern durch Thatsachen bewiesen werden. Vor zwei Monaten meldete sich ein akademisch gebildeter Herr aus einer Großstadt Rheinlands bei der Kölner nationaljüdischen Vereinigung und bat um die Aufnahme als Mitglied, da er mit Leib und Seele der zionistischen Sache angehöre. Er schrieb uns, dass er seit 17 Jahren getauft sei und als Christ lebe, dass ihn dies aber nicht hindere, seine Stammesgenossen als Brüder zu lieben. In Uebereinstirnmung mit dem Äctionscomite in Wien antworteten wir ihm, dass wir ihn als Mitglied aufzunehmen nicht in der Lage sind, dass er aber unsere Bestrebungen a uß erh alb uns eres Kreises unterstützen könne. Einige Wochen später schrieb er uns, er habe seinen Taufschein zurückgeschickt, ob uns das genüge! Wir beharrten aus unserm Standpunkt, dass wir jedem dankbar sind, der unserem Ziele Sympathie entgegenbringt, dass aber nur Mitglieder derGemeinde Israel der zionistischen Partei angehören können. Vor kurzem nun theilt uns dieser Herr freudig mit, er habe die Consequenz der zionistischen Weltanschauung gezogen, indem er ofsiciell der jüdischen Gemeinde in T. beigetreten ist, und er fühle sich glücklich, nun sich ganz der heiligen Sache Zions widmen zu dürfen, *) Dieier Fall steht nicht vereinzelt da. Ein zweiter Mann, scharfsinniger Jurist und Schriftsteller von Ruf, steht seit einigen Monaten mit uns in brieflichem Verkehr und ist für den zionistischen Gedanken begeistert. Wenn er bis heute noch nicht den Muth gefunden hat, die losen Bande, die ihn äußerlich an die evangelische Kirche knüpfen, zu lösen, so ist es für mich zweifellos, dass auch er eines Tages zu uns zurückkehren wird. Die psychologische Erklärung dafür liegt auf der Hand. Die Leute fühlen sich eben nicht wohl in ihrer Haut. Sie sind dem alten Boden entfremdet worden und sie fanden in der christlichen Gesellschaft keine Liebe. Soweit sie also ihre innere Würde noch nicht ganz verleugnet haben, soweit noch etwas Ideales in ihrer Brust lebt, ist der Zionismus das beste Mittel, ihnen den Weg zur Rückkehr zu bahnen. Man darf eben nicht alle Renegaten als Streber und charakterlose Menschen betrachten. Es gibt Renegaten, die durch ihre ganze Erziehung auf die Bahn der feigen Flucht gedrängt werden. Was soll einen Jüngling an das Judenthum fesseln, wenn er sieht, wie gern seine Eltern — so weit es geht — die jüdische Abstammung verleugnen und die Würde der jüdischen Gesammtheit mit Füßen treten? Die Entnationalisierung der Juden war stets die Hauptursache des Abfalles. Die Zeit der Hochfluth der Assimilation in Deutschland wird durch das traurige Bild der Massentaufen gekennzeichnet. Diese Leute sind zu bedauern, sie zu verachten haben wir das Recht nicht, denn sie sind Opfer ihrer Erziehung, Opfer einer verhängnisvollen Richtung in Israel. Das Eine steht für mich fest: mit dem Moment, wo sie eine jüdische Gesammtheit mit hohen Idealen und mit stolzem Selbstbewußtsein sehen werden, kehren, die neben ihrer äußeren Heimatlosigkeit sich auch noch eine innere geschaffen haben, zu uns zurück. Und wir werden die verirrten Brüder aufnehmen, nicht weil wir uns die' Bekehrung zur Ausgabe gemacht haben — der Zionismus bekümmert sich um die religiösen Richtungen nicht — sondern weil der Zionismus die Stätte ist, wo Jeder, der sich als Jude fühlt, Zuflucht finden soll, weil der Zionismus — um mit Herzl zu sprechen — die Rückkehr zum Judenland ist. F. S. Rumänien. Bukarest. (Orig.-Corr.) Rumänien ist bekanntlich ein consritutioneller Staat. Die Juden haben dort natürlich auf dem Papier alle möglichen Bürgerrechte, ganz so, wie in anderen constitutionellm Staaten. Dcese Rechte werden ihnen auch strenge nach den Gesetzen und Verträgen gewährt, ganz so, wie in anderen constitutionellen Staaten. Nur manchmal geschieht dies nicht, ganz so rc. rc. Manchmal werden sie misshandelt, ganz so, wie re. rc. Man beraubt, plündert, ruiniert sie, ganz so wie rc. rc. Auch auf ein paar Mordthaten kommt es im Nothfall nicht an, ganz so, wie rc. rc. Ergo marschiert auch Rumänien an der Spitze der Civilisation. Nur sind die Schritte der Rumänen manchmal für andere etwas empfindlich. So am. 6. und 8. December für die Juden von Bukarest und Galatz. In Bukarest zog eine nach Tausenden zählende Menge unter den Rufen: „Nieder mit den Juden!" vor die jüdischen Geschäfte und Häuser und plünderte und zerstörte' sie gänzlich. Als die Juden schon nicht viel mehr ihr Eigen nannten, *) Der Name dieses Herrn ist der Redaction bekannt.