Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 28 (10.12.1897)
- Article
- Die Initiativanträge der deutsch-socialen Reformpartei [Nachricht]
- Date
- 1897-12-10
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seile 12. DrHM? Nr 88. Die Initiativanträge der deutsch-soeialen Reformpartei. Die deutsch-socialen Antisemiten Deutschlands haben in ihrer letzten Fractionssitzung die Einbringung folgender Initiativanträge beschlossen: Verbot der Judeneinwanderung, Schächtverbot, einen Antrag, betreffend die Regelung der Bedingungen bei Versicherungsanstalten, einen Antrag, betreffend Wahlpflicht unter erhöhter Sicherheit der Wahlfreiheit für die Wähler in Verbindung mit Gewährung von Diäten an die Abgeordneten. — Im Reichstag haben die Deutsch-Socialen die Einstellung zweier gegen ihren Parteigenossen Hirschel schwebenden Beleidigungsklagen, von denen die eine wegen Beleidigung der jüdischen Richter erhoben ist, für die Dauer einer Session beantragt. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. K o k e s ch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, I., Singerstratze 85, zu senden. Lemberg. Nebst den bereits bestehenden zionistischen Vereinen ist ein neuer Verein gegründet worden, der die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur znm Zwecke hat. Der Verein führt den Namen Lto^arzyszenie Ksztalcacej sitz mlodziezy. Skala (Galizien). Der hiesige Zionsverein hatte für den 4. December in der Synagoge eine Volksversammlung einberufen, die äußerst zahlreich besucht war Es sprachen die Herren Neiger, Dr. Seidner und I. Freifelder. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Ueberstimmung mit den Baseler Beschlüssen ausgesprochen wurde. Berlin. Infolge der hier von den sogenannten „Liberalen" veranstalteten Versammlung, in der Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin den Zionismus zu Tode reden sollte, wenn auch, wie Sie schon aus der Feder Dork-Steiner's berichteten, mit durchaus negativem Erfolge, nahmen die Berliner Zionisten Veranlassung, in demselben Saale des „Hotel Arnim" am verwichenen Mittwoch, den 24. November, eine Gegenversammlung einzuberufen. Herr Prof. Dr. Herrmann Schapira hat es sich trotz seiner körperlichen Schwäche nicht nehmen lassen, die weite Reise von Heidelberg hierher zu machen, um uns einen Vortrag über den Zionismus und das Baseler Programm zu halten. Die Versammlung wurde vom Vorsitzenden, Herrn Banquier KalmuS, damit eingeleitet, dass er mittheilte, dass Herr Dr. Vogelstein eine ehrende Einladung erhalten hätte, hier seinen gegentheiligen Meinungen in einer Versammlung mit freier Discussion Ausdruck zu geben. Kein Dr. Vogelstein aber meldete sich, um den für ihn neben dem Vorsitzenden reservierten Platz einzunehmen. Er ließ sich also die schönste Gelegenheit entgehen, die mehr als 700 Anwesenden vom Zionismus für die Assimilation zu gewinnen. Vielleicht war er auch infolge seiner Erfahrungen vor 14 Tagen seiner Sache wieder etwas unsicher geworden; zum mindesten aber mochte er keine Hoffnung mehr hegen, in Berlin Rabbiner zu werden. Umso besser verstand es Herr Prof. Schapira, zu den Herzen der Berliner Juden zu reden und ihnen in zwar improvisierter, nichtsdestoweniger aber in jeder Weise formvollendeter Rede die Lage unserer Brüder im Osten in einer Weise vor Augen zu führen, welche uns zu Thränen rührte. Zugleich zeigte er, wie nur eine systematische und öffentlich-rechtlich gesicherte Colonisation Palästinas imstande wäre, die Judenfrage zu lösen; und was er aus tiefstem Herzen vortrug, gieng zu Herzen. Als er schloß „ubhä l’Ziön goel", da lohnte minutenlanger enthusiastischer Beifall die vollendete Rede und bewies, dass die Versammlung sich mit den Ausführungen des gefeierten Redners durchaus eins fühlte. Zur Discussion redete zuerst Herr Dr. Oppenbeimer, der die Behauptungen des Dr. Vogelstein in der früheren Versammlung richtig stellte, worauf Herr Dr. H. Brody aus dem reichen Schatze seines hebräischen und jüdischen Wissens heraus zeigte, wie der Zionismus die nothwendige Consequenz eines talmudischen und gesetzestreuen Judenthums sein müsste. Sodann ergriff als Gegner Herr Dr. Curt Pariser das Wort, um den Zionisten den ungerechtfertigten Vorwurf in's Gesicht zu schleudern, dass sie schlechte Staatsbürger seien. Wir seien zuerst Deutsche, und nur soweit das Deutschthum nicht darunter leide, Juden. Der Zionismus sei ein polnisches Gewächs, und die deutschen Juden legen Verwahrung dagegen ein, dass man sie zu Zionisten machen wollte. Die schwarz-weiß-rothe Fahne sei unser Panier, nicht aber Zion, das nur für die russischen Juden ein schlechter Nothbehelf sei. Herr Rechtsanwalt Silbergleit widerlegte sodann in meisterhafter Rede seine und Dr. Vogelstein's Ausführungen, vom stürmischen Beifall der Versammlung unterbrochen. Zwischen den Reden Schapira's und Dr. Vogelstein's sei ein Unterschied wie zwischen den tiefliegenden Ufern des Neckar und den seichten Ufern der Oder. Herr Willy Bambus wies sodann nach, dass die Colonisation, auf die sich Dr. Pariser wie die anderen Gegner beriefen, von den Zionisten geschaffen sei, als jene noch den Muth hatten, auch die Colonisation, der sie sich heute scheinbar freundlich zeigten, zu begeifern und zu befehden. Sodann sprach ein Freund Vogelstein's, Dr. Rieger, Prediger in Potsdam, der sich ein Vergnügen daraus machte, dem Professor Schapira das Wort „Quatschkopp" an den Kopf zu werfen, offenbar um zu zeigen, dass er schon einmal in Berlin gewesen sei und dort Verkehr gehabt habe, dass die Zionisten feige seien, das Hasenpanier vor den Antisemiten ergriffen, kein Material hätten, um ihre Meinungen zu begründen, mussten wir da hören. Und um uns völlig zu vernichten, schleuderte er uns unter stürmischer Heiterkeit das Schiller'sche Wort entgegen: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre." Er wurde dadurch unterbrochen, dass zwei seiner Gesinnungsgenossen sich gegenseitig an den Köpfen zu fassen bekamen, und nur mit knapper Noth von den Zionisten getrennt und aus dem Saale entfernt werden konnten, was übrigens die einzige Störung in dem gedrängt vollen Saale war. Herr Dr. Rieger schloß seine Ausführungen mit dem Ausdrucke der Verachtung gegenüber denen, welche die Ehre, Deutsche sein zu dürfen, nicht wie er zu würdigen wussten. Nachdem Herr Dr. Hildesheimer stürmisch von der Versammlung begrüßt, seine Sympathien den Zionisten ausgesprochen, und Herr Dr. Beerman eine Lanze für die hebräische Sprache gebrochen, betrat Herr Dr. Heinrich L o e w e, der soeben von einer Agitationsreise aus Holland zurückkam, unter dem Beifalle der Versammlung die Rednerbühne. Er führte aus, dass von den Gegnern nichts gegen den Congress oder das Baseler Programm hätte vorgebracht werden können, dass er aber im Gegentheile gern bereit sei, positives Material über die Judenfrage und für den Zionismus zu geben, was er dann auch in reichstem Maße that. Sodann constatierte er, dass er und seine Freunde nicht erst nöthig hätten, ihr Deutschthum auf die Gassen hinaus zu schreien, weil es ihnen zu selbstverständlich sei. Er kenne eben keinen Conflict zwischen seinem Deutschthum und seinem jüdischen Nationalismus, da er aus dem Herzen Deutschlands geboren, nicht nöthig hätte, Hurrahpatriot zu sein, damit man erst glauben könne, dass er ein Deutscher sei. Ein plattdeutscher Jude sei ja wohl auch noch ein deutscher Jude. Weil wir zu allen Zeiten dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, können wir auch unbedenklich der jüdischen Nation geben, was ihr zukommt. Unter stürmischem Beifalle der Versammlung schloß er mit. den Worten: Und so bleiben wir denn trotz aller Staatsbürger jüdischen Unglaubens, die sich deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens zu nennen belieben, gute Mitglieder des deutschen Reiches und wahre Juden, wahre und echte Nationaljuden bis an das Ende der Tage. Das Schlusswort hatte Herr Prof. Dr. S ch apir a, der recapitulierte und unter brausendem Beifalle auseinandersetzte, dass die Wah.heit Wahrheit bliebe, auch wenn sie von einem russischen Juden ausgesprochen wurde. Uebrigens sei er in der Lage, constatieren zu können, dass sein Name Schapira der deutschen Stadt Speier seine Entstehung verdankt, während ihm die seit dem Kriege von 1870 geschaffene Lage es verbiete, den Namen deS Gegners Pariser analysieren zu wollen. Wir werden auch nach wie vor an dem alten jüdischen Ideale, an Zion und Jeruschalajim, mit echtjüdischer Zähigkeit festhalten. Um uns kurz zu fassen, der Abend vom Mittwoch war ein Sieg der Zionisten ohnegleichen, den wir im allererster Linie dem Baseler Congresse und seinen Resultaten zu danken haben. Es hat sich gezeigt, dass die Berliner Zionisten gewillt und imstande sind, durch Massenversammlungen das jüdische Volk aufzuklären, und dass der nationaljüdische Gedanke auch bei uns im Norden sich siegreiche Bahn bricht. Es kann daher dem Vorstande der Versammlung nicht genug für die Veranstaltung gedankt werden und besonders auch dafür, dass er Herrn Dr. Max Nordau zu einem Vorträge einladen will, obwohl wir uns sehr wohl bewusst sind, dass kein Berliner Saal groß genug sein wird, um die Menschenmasse zu fassen, die der Nordau'sche Bortrag anlocken wird. Inzwischen wollen wir hier keineswegs die Hände in den Schoß legen, und ich hoffe schon in nächster Woche den Lesern der „Welt" neue Mittheilungen über die Fortschritte der zionistischen Bewegung in Berlin und ganz Norddeutfchland machen zu können. Berlin. In der „Vereinigung jüdischer Studierenden" hielt deren Gründer, Herr Dr. H. Loewe. einen Vortrag über „Moderne jüdische Dichter", in dem er an der Hand der vorhandenen Litteratur die Entwicklung der jüdischen Gedanken- und Gefühlswelt zum Zionismus hin darstellte. — Auch in vielen nichtzionistischen Vereinen finden unausgesetzt Vorträge und Discusfionen über Zionismus und das heilige Land statt. 1tefofct. Unser Gesinnigsgenosse, Herr G. Schwabe in Varel hat veranlasst, dass Herr Dr. H. Loewe hier einen Vortrag über den Zionismus hielt, der die Zuhörer völlig begeisterte. Als vollends Herr Dr. Loewe eine Anzahl nationalistischer und zionistischer Poesien zum Vortrag brachte, kannte die Begeisterung kein Ende. Alle Anwesenden schlossen sich dem „Esra" als Mitglieder an. Norden. Unsere ostfriesischen Juden, ein körperlich und geistig kerngesunder Stamm, der aus spagnolischer und aschkenasischer Mischung hervorgegangen ist, hatte vor einigen Tagen zum erstenmale Gelegenheit, vom Zionismus zu hören und sich für ihn zu begeistern. Herr Dr. Loewe aus Jaffa, der Palästina schon oft in allen seinen Theilen bereist hat, hielt hier einen ebenso glänzenden wie interessanten Vortrag über „Palästina, Land und Leute". Kein Mitglied der Gemeinde versäumte es, dem „Esra", in dessen Namen der Propagandavortrag stattfand, beizutreten, zum Theil mit sehr namhaften Beiträgen. Herr Dr. Loewe wird morgen in zwei anderen Städten Ostftieslands jüdisch-nationale Vorträge halten, um dann die zionistische Propaganda nach den Niederlanden zu tragen. Die Furcht vor dem bösen Zionismus, die geflissentlich von gewissen Rabbinern in's Volk getragen wurde, ist hier unbekannt. Gleichwohl darf man diese Erfolge umso weniger unterschätzen, als sie die Grundlage einer nach Westfriesland und Holland gerichteten Agitation sein werden. Wir wünschen dem Rufer im Streite weiteren guten Erfolg. Hornel (Russland). Am 38. November wurde die vierte Zionistenversammlung abgehalten. Dr. G. Lewnik erstattete sein